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Von Thailand und anderen Abenteuern

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LebensQualität generell (2)

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Preisfrage

In Goethes Faust lautet die berühmte Gretchenfrage: »Sag, Heinrich, wie hältst Du es mit der Religion?« Wenn denn der Materialismus tatsächlich zur Quasi-Religion geworden ist (siehe voriges Kapitel), dann lautet für mich die analoge Frage: »Sag, Andreas, wie hältst Du es mit dem Streben nach materiellen Werten?«

Meine Antwort lautet: mäßig, aber regelmäßig. Um meinen bescheidenen Lebensstandard zu finanzieren, bin ich auf entsprechende Einkünfte angewiesen, und das bedeutet, dass auch ich einen Teil meiner Ressourcen, also Zeit, Aufmerksamkeit, Energie, Können und so in das Streben nach materiellen Werten investieren muss. Und wo ich schon dabei war, hätte ich doch die Gelegenheit nutzen können, um über diesen Minimalbedarf hinaus etwas materiellen Mehrwert für mich zu schaffen. Könnte man meinen. Hat aber nie geklappt. Über die Gründe dieses Phänomens habe ich gelegentlich gegrübelt. Und bin dabei auf hübsche Hypothesen gestoßen. Wie etwa jene, ich sei halt einfach mehr an geistigen Werten interessiert als an materiellen. Was ich als ausgesprochen edel empfand.

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich geschnallt habe, dass es diese ganze idealistische Verbrämung gar nicht braucht. In Wirklichkeit ist nämlich meine Weigerung, mehr in die Jagd nach materiellen Gütern zu investieren als unbedingt nötig, das Ergebnis einer kühlen, nüchternen und rationalen Kalkulation. Wie jeder Mensch verfüge ich über eine begrenzte Menge an jenen Ressourcen, die ich in meine Lebensgestaltung investieren kann. Wenn ich aber nicht alles, was ich allenfalls möchte, erreichen kann, muss ich wählen, muss mich entscheiden, in was ich diese beschränkten Ressourcen investieren will. Und wie bei jeder Investitionsentscheidung erstelle ich dafür eine Rechnung: Was kostet mich diese Investition? Und was ist der zu erwartende Ertrag? So wird alles zur Preisfrage: Ist mir der zu erwartende Ertrag den zu entrichtenden Preis wert? Wozu auch jene Dinge gehören, auf die ich wegen des Preises für die Investition verzichten müsste.

In meinem Fall wurde mir im Laufe der Zeit immer klarer, worauf ich hätte verzichten müssen, wenn ich mehr in den Gelderwerb investiert hätte. Auf meine geistige Unabhängigkeit zum Beispiel. Auf die Freiheit, meine Zeit weitgehend selbst gestalten zu können. Auf das Vergnügen, viel Zeit zu Hause mit meiner Katze zu verbringen. Kurzum: Auf wichtige Elemente meiner Lebensqualität. Und genau dieser Preis war mir schlicht zu hoch.

„There is nothing like a free lunch“, sagen eingefleischte Investoren, und der etwas bescheidenere Volksmund meint, es gäbe nichts umsonst im Leben. Recht haben sie beide. Immer, wenn wir alles auf eine Karte setzen, wie dies beim maßlosen Materialismus der Fall ist, geht dies auf Kosten anderer Lebensbereiche. Also habe ich mich entschieden.

Gegenüber den Versuchungen der Religionen bin ich Gott sei Dank immun, auch gegen jene der Quasi-Religion Materialismus, die das Streben nach materiellen Werten zum Selbstzweck erheben will. Doch ein Bibelwort hat mich seit Jugendzeiten begleitet, weil es Anlass für eine sinnvolle Besinnlichkeit liefert – vielleicht auch Ihnen: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er alles Gold der Welt gewänne – und nähme doch Schaden an seiner Seele?“

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