Die Vision vom LQ-Unternehmen

Wie es die MIGROS beinahe wurde…
Visionen sind die Schnittstelle zwischen wünschbarer und denkbarer Zukunft. spirit.ch hat für die grosse Schweizer Ladenkette MIGROS die Vision vom Lebensqualitäts-Unternehmen entwickelt – leider ohne Resonanz. Deshalb können Sie hier jetzt nachlesen, was die MIGROS verpasst hat: einen Text, den spirit.ch-Beirat Dr. Leonhard Fopp als „toll geschrieben, echt spannend und stimulierend“ empfand…
Eilmeldung: Mittlerweile hat die Vision bei der MIGROS doch so etwas wie Resonanz ausgelöst – wir halten Sie auf dem Laufenden…
Dankesrede des Präsidenten der Generaldirektion der MIGROS zur Verleihung des Preises der World Association for Holistic Management für die zukunftsgerichtetste Unternehmensstrategie, 27. April 2015
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Jury-Mitglieder, sehr verehrte Damen und Herren
Im Namen der ganzen MIGROS möchte ich mich zunächst herzlich bedanken. Dass Sie uns den Preis für die zukunftsgerichtetste Unternehmensstrategie verliehen haben, erfüllt uns mit Freude und Stolz – und ist uns natürlich auch Ansporn, diese Strategie weiterhin mit Leben zu erfüllen.
Diese Strategie lässt sich, wie Sie wissen, in einem einzigen Satz zusammenfassen: Wir wollen, dass die MIGROS zum führenden Lebensqualitäts-Unternehmen wird. Weniger bekannt ist, wie die MIGROS zu dieser Strategie gekommen ist. Deshalb möchte ich Ihnen heute diese Geschichte erzählen.
Wie Sie sich leicht ausmalen können, ist es ein höchst aufwändiger und komplexer Prozess, in einem so grossen und vielschichtigen Unternehmen wie der MIGROS eine neue Unternehmensstrategie zu entwickeln. Doch auch ein solcher Prozess braucht einen Anfang, einen Anstoss. Und dieser Anstoss kann zunächst ganz klein und unbedeutend sein.
So war es auch in unserem Fall. Unsere Geschichte begann nämlich auf den Tag genau vor fünf Jahren an einem sonnigen Apriltag im Jahr 2010 mit einem draussen genossenen Mittagessen in der Nähe unseres Hauptsitzes. Dazu traf sich der Leiter unserer Direktion Wirtschaftspolitik mit den beiden Initianten einer kleinen Stiftung aus dem Appenzellerland, die sich der Förderung von Nachhaltiger Lebensqualität durch Forschung und Kommunikation verschrieben hatte.
Eines der Themen dieser Stiftung, die übrigens spirit.ch hiess und heisst, lautete „Politik und Lebensqualität“. Dass sich die Stiftung mit dem Anliegen, ein entsprechendes Forschungs- und Publikationsprojekt zu unterstützen, an uns wandte, war zunächst Zufall: Unser Verantwortlicher für Wirtschaftspolitik und der wissenschaftliche Leiter von spirit.ch kannten sich aus sehr weit zurückliegenden Tagen, in denen sie sich in einer Schweizer Kleinstadt im Spannungsfeld von Politik und Medien begegnet waren und trotz unterschiedlicher Positionen eine Haltung gegenseitigen Respekts entwickelt hatten, auf der man selbst Jahrzehnte später aufbauen konnte.
Lebensqualität als Thema der MIGROS
Doch bald zeigte sich, dass es weitere Schnittstellen gab. Wir hatten nämlich schon geraume Zeit vor diesem Gespräch einen Slogan formuliert, der es in sich hatte: Die MIGROS ist das Schweizer Unternehmen, das sich mit Leidenschaft für die Lebensqualität seiner Kundinnen und Kunden einsetzt. Es ging somit um Lebensqualität und um Leidenschaft – ein wesentliches Element von „Spirit“. Kein Wunder also, dass die Stiftung fand, spirit.ch – Für Nachhaltige Lebensqualität und MIGROS würden wunderbar zusammenpassen…
Allerdings wurde bald auch deutlich sichtbar, dass der Slogan von der MIGROS als Lebensqualitäts-Unternehmen bis zu jenem Zeitpunkt weder nach innen noch nach aussen eine grosse Wirkung entfaltet hatte. Er war weitgehend unbemerkt geblieben. Das sollte sich bald ändern.
Für das Projekt „Politik und Lebensqualität“ kam tatsächlich eine Zusammenarbeit zwischen der MIGROS und spirit.ch zustande. Sie gipfelte in einem gemeinsam publizierten Buch, das nicht nur die wesentlichen Forschungsergebnisse des Projekts beinhaltete, sondern auch Beiträge zum Thema von Politikerinnen und anderen Experten. Klar war, dass auch die oberste Führung der MIGROS ein Statement dazu abgeben sollte, warum sie sich für das Thema Lebensqualität interessiert und engagiert.
Wie es zur vertieften Auseinandersetzung kam
Nun hätte unser damaliger oberster Chef natürlich einfach einen Ghostwriter mit der Abfassung einiger ebenso wohlgesetzter wie unverbindlicher Sätze zum Thema beauftragen können. Doch der Verantwortliche für Wirtschaftspolitik, der sich mittlerweile intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hatte, riet ihm davon ab und empfahl, bewusste Aufmerksamkeit auf die Frage zu richten, ob es sich lohnen könnte, die bisher mehr oder weniger unverbindliche Floskel von der MIGROS als Lebensqualitäts-Unternehmen mit konkreteren Inhalten und damit mit Leben zu füllen.
Auch wenn es nicht einfach war, gelang es schliesslich doch, die wichtigsten Verantwortungsträger der MIGROS zu einem Gedankenaustausch zu versammeln. Ich durfte selber an diesem denkwürdigen Treffen an unserem dafür prädestinierten Denk-Platz in Rüschlikon dabei sein und erinnere mich gut, wie damals die Weichen dafür gestellt wurden, dass ich heute diese Dankesrede halten darf.
Wir hatten natürlich die Vertreter der Stiftung spirit.ch um ein einleitendes Referat gebeten. Darin sprachen sie zunächst nicht von Lebensqualität, sondern von ihrer Wahrnehmung der MIGROS. Sie taten dies offen und ungeschminkt und trafen damit einen Nerv. Vieles, was in unseren besten Köpfen latent schon da war, aber höchstens hinter vorgehaltener Hand geäussert wurde, konnte jetzt auf den Tisch gelegt werden. So entstand eine ehrliche Bestandesaufnahme unserer damaligen Situation und Stimmungslage.
Der Grauschleier
Natürlich war die Stimmungslage der MIGROS auch damals grundsätzlich gut. Wir waren wirtschaftlich erfolgreich, mit deutlichem Abstand immer noch die Nummer eins, und wir waren natürlich nicht perfekt organisiert und aufgestellt, kamen aber diesem Zustand schon ziemlich nahe. Auf der Ebene der Fakten und Zahlen gab es an uns also wenig auszusetzen.
Und doch, sagten unsere Beobachter von aussen, spürten sie unter dieser glänzenden Oberfläche so etwas wie einen Grauschleier, der die Stimmung und die Zukunftsaussichten leicht eintrübt. Beileibe nichts Dramatisches, aber etwas, was längerfristig den Spirit der MIGROS gefährden könnte.
Nachdem wir uns zunächst gegen diese Diagnose gewehrt hatten, mussten wir dann doch anerkennen, dass etwas dran war. Es gab, im Unternehmen wie ausserhalb, tatsächlich ein gewisses Unbehagen an der Kultur der MIGROS. Um es auf einen Punkt zu bringen: Die MIGROS wirkte wie eine fast perfekte Maschinerie, der etwas der Spirit abhanden gekommen war, jene Mischung aus Seele und Geist, die ein Unternehmen beflügeln kann und viel zu seinem nachhaltigen Überleben beiträgt.
Zähneknirschend mussten wir akzeptieren, dass wir auf diesem Gebiet tatsächlich etwas die Meinungsführerschaft verloren hatten. Bezeichnend dafür waren die Mitgliedermagazine von uns und von unserem Hauptkonkurrenten, die ausgerechnet an jenem schicksalsträchtigen Tag vor genau fünf Jahren erschienen. Unsere Hauptbotschaft lautete: „Wir sind Bio.“ Darüber war unsere Konkurrenz längst hinaus. Ihr Titel lautete: „Für eine bessere Welt.“
Geistige Profile
Das war, wie wir neidlos anerkennen mussten, eine klare und attraktive Profilierung auf der geistigen Ebene. Allerdings keine, die wir einfach so kopieren konnten, hätten wir doch damit wieder als Nachahmer und ewiger Zweiter dagestanden. Aber es wurde uns allmählich klar, was in unserer damaligen Unternehmenskultur fehlte: Eine tragfähige geistige Grundlage, eine verbindende Leit-Idee, um nicht die für manche etwas zu pathetischen Begriffe Mission oder Vision zu benutzen. Obwohl dann eine der Teilnehmenden doch kühn die Forderung aufwarf, was jetzt gebraucht würde, sei nicht weniger als eine geistige Revolution der MIGROS.
Das klang damals etwas hochtrabend, doch die Bedeutung dieser geistigen Ebene wurde uns buchstäblich vor Augen geführt, als unsere Gäste von spirit.ch den Beamer anwarfen und einige Ausschnitte aus dem Film „Dutti“ über den MIGROS-Gründer Gottlieb Duttweiler vorführten. In einer dieser Szenen sagt der reife Duttweiler sinngemäss, er hätte die Erfahrung gemacht, Geist sei auf Dauer immer wichtiger und wirksamer als Geld.
Ein Gefühl der Leere
Diese Erinnerungen an die frühen Zeiten der MIGROS machte uns bewusst, warum das Unbehagen an unserer Kultur zwar leise, aber doch nagend war: Wir hatten das, was wir jetzt mehr oder minder schmerzhaft vermissten, schon einmal gehabt. Wir hatten, dank eines charismatischen Gründers, tatsächlich einmal eine geistige Meinungsführerschaft beansprucht und diesem Anspruch mit eigenen Medien, ja einer eigenen Partei auch selbstbewusst Ausdruck verliehen. Das alles war im Laufe der Zeit verschwunden oder hielt sich nur noch in Restbeständen.
Damit entschwand auch das, was die MIGROS einst einzigartig gemacht hatte. Mehr und mehr wurde sie zu einem Unternehmen wie andere auch. Nicht ganz allerdings. Man spricht zu Recht manchmal von der DNA einer Unternehmenskultur, in der ihre grundlegenden Prägungen gespeichert sind. Zu unserer DNA gehört sicher die Erinnerung an die Zeiten, in denen unser Unternehmen eine tragfähige geistige Grundlage, eine alle Teile verbindende gemeinsame Leit-Idee hatte. Daraus erwächst das Gefühl, es fehle etwas.
Dieses etwas wird nicht in einer fernen Zukunft angesiedelt, es schlummert in der fast vergessenen Erinnerung an eine reale, wenngleich mythologisch überhöhte Vergangenheit. Was uns bewusst machte, dass die geforderte geistige Revolution an Wurzeln in der Vergangenheit anknüpfen müsste. Eine Renaissance-Revolution war also gefordert.
Um im Bild von der kulturellen DNA zu bleiben und dabei den neusten Wissenstand zu nutzen, galt es, von der Ebene der Genetik auf jene der Epigenetik zu wechseln. Diese besagt im Wesentlichen, dass Gene nicht einfach so wirken, sondern an- und abgeschaltet werden. Was wir also brauchten, war ein Schalter, mit dem wir die latent schlummernden Gene für unsere geistige Basis reaktivieren konnten.
Renaissance statt Nostalgie
Fest stand dabei schnell, dass es nicht darum gehen konnte, die alten geistigen Grundlagen eins zu eins zu übernehmen. Renaissance bedeutet ja nicht blindes Kopieren des Alten, sondern Weiterentwicklung im Geiste des Bewährten. Dieser Geist des MIGROS-Gründers war visionär gewesen und gleichzeitig sehr konkret, umfassend und doch von bestechender Einfachheit. Daran galt es anzuknüpfen.
Nach Duttweilers Überzeugung war Gewinn nicht der oberste Zweck eines Unternehmens, sondern notwendiges Abfallprodukt. Sein oberster Unternehmenszweck war es, der Gesellschaft etwas zu geben, und wenn dies erfolgreich geschah, kam der Rest von selbst: »Wenn ich oben zu einem guten Zweck Geld zum Fenster rauswerfe, kommts unten zur Ladentür wieder herein.«
Dieser gute Zweck, dieser oberste unternehmerische Leitwert war in den Anfängen der MIGROS klar und eindeutig: Möglichst hoher Lebensstandard für möglichst viele Menschen. Die geniale Grundidee war, dass man den Lebensstandard des Volkes nicht nur durch höhere Einkommen verbessern kann, sondern mindestens so wirksam durch tiefere Preise.
Vom Lebensstandard…
Dass diese Idee erfolgreich war, zeigt die Geschichte der MIGROS bis heute. Zu erfolgreich vielleicht? Gottlieb Duttweiler selbst beschlichen in späteren Jahren Zweifel ob der Folgen der von ihm selbst wesentlich geförderten Konsumgesellschaft. Er sah, dass diese ohne einen Ausgleich auf der geistigen Ebene hohl und leer werden könnte. Und er hätte sich wohl mehrfach im Grabe gedreht, wenn er mitbekommen hätte, zu welchen Auswüchsen eine Wirtschaft führt, die einseitig an Renditen und Boni ausgerichtet ist.
An dieser Stelle schlugen uns unsere Gesprächspartner von spirit.ch ein kleines Gedankenspiel vor: Was hätte eben dieser Dutti heute seinen Nachfolgern an der Spitze der MIGROS zu sagen? Klar war, dass er wegen seines persönlich bescheidenen Lebensstils – er verschmähte Dienstlimousinen und brauste lieber in seinem alten Fiat Topolino durch die Gegend – mit dieser Botschaft glaubwürdig wäre: »Bleibt ruhig bei unserer ursprünglichen Aufgabe, den Lebensstandard der breiten Bevölkerung durch qualitativ hochwertige Waren und Dienstleistungen zu vernünftigen Preisen zu steigern – das ist und bleibt eine wichtige und edle Aufgabe. Aber bleibt nicht alleine dabei. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, und wenn er einseitig nur nach immer höherem Lebensstandard strebt, führt das zum Tanz um das goldene Kalb und damit in die Irre. Lebensstandard ist nun mal nicht das, worum es im Leben wirklich geht.«
…zur Lebensqualität
Worum dann? Hier hätte der alte Duttweiler Mühe mit einer griffigen Formulierung gehabt, zumal ihm ein Wort fehlte, das es damals noch gar nicht gab, über das wir aber heute verfügen: Lebensqualität. Das hat es erlaubt, eine neue Leit-Idee für die MIGROS zu formulieren, die an der alten anknüpft und sie gleichzeitig transformiert: Möglichst gute Lebensqualität für möglichst viele Menschen.
Dass das, worum es im Leben geht, nicht Lebensstandard ist, sondern Lebensqualität, ist eine Erkenntnis, die sich in den letzten Jahren massiv durchgesetzt hat. Damals, vor knapp fünf Jahren, zeichnete sich diese Entwicklung erst ab, doch die Stiftung spirit.ch konnte uns dank ihrer Untersuchungen der meinungsbildenden Avantgarde nachweisen, dass es sich beim Wandel vom Lebensstandard zur Lebensqualität tatsächlich um den Schlüsseltrend des Wertewandels handelt, der unsere Gesellschaft langsam, aber unaufhaltsam ergreift.
Damals entdeckten wir auch, dass wir den Schlüssel zur Erschliessung dieses Wertewandels bereits in der Hand hatten. Schliesslich hatten wir uns, wie schon erwähnt, offiziell in einem Geschäftsbericht bereits als Lebensqualitäts-Unternehmen definiert. Womit wir uns, um ehrlich zu sein, vermutlich selbst ein Stück weit überholt hatten. Im Klartext: Wir hatten einen Begriff eingeführt, den wir damals in all seinen Konsequenzen noch nicht wirklich verstanden.
Das war nicht weiter verwunderlich, denn es braucht einen gewissen geistigen Aufwand, um einigermassen zu verstehen, was Lebensqualität ist und bedeutet. Verglichen damit ist es geradezu simpel, Lebensstandard zu verstehen und zu definieren. Lebensqualität kann man nicht definieren oder messen, nur spüren. Lebensqualität hat viele Facetten, die sich gegenseitig beeinflussen, und ist immer subjektiv. Und wird trotz alledem – oder vielleicht auch gerade deswegen – für immer mehr Menschen zum obersten Leit-Wert ihrer Lebensgestaltung.
Das Lebensqualitäts-Konto
Es fehlt mir an Raum und Zeit, um Ihnen mehr über diesen zentralen Begriff unserer neuen Unternehmensstrategie zu erzählen. Einen wichtigen Aspekt möchte ich Ihnen jedoch nicht vorenthalten: die Idee des Lebensqualitäts-Kontos.
Basis dieser Idee ist die Erkenntnis, dass die meisten Menschen sehr wohl fähig sind, die Zufriedenheit mit ihrer eigenen Lebensqualität mit einer Zahl zwischen 1 und 100 auszudrücken, wobei 100 die für den betreffenden Menschen beste denkbare Lebensqualität bedeutet. Man kann also annähernd messen, wie hoch der aktuelle Stand eines individuellen Lebensqualitäts-Kontos ist. Und dieser Kontostand kann sich natürlich bewegen, nach unten wie nach oben.
Wer oder was bewirkt nun solche Veränderungen auf dem Lebensqualitäts-Konto? Zunächst natürlich der betreffende Mensch selbst – die meisten Menschen halten sich mehrheitlich selbst verantwortlich für ihre eigene Lebensqualität. Doch natürlich gibt es auch Faktoren von aussen, welche die Lebensqualität beeinflussen – positiv wie negativ.
Unternehmen beeinflussen Lebensqualitäts-Bilanz
Zu diesen äusseren Faktoren gehört natürlich auch ein Unternehmen wie die MIGROS, das für so viele Kunden Güter und Dienstleistungen für den täglichen wie für den nicht alltäglichen Gebrauch vermittelt. Indem wir sagen, wir seien das Unternehmen, das sich für die Lebensqualität seiner Kundinnen und Kunden einsetze, anerkennen wir, dass wir einen Einfluss auf den Stand des Lebensqualitäts-Kontos unserer Kundschaft haben. Wenn wir gut sind, fördern wir deren Lebensqualität, wenn nicht, vermindern wir sie.
Aus der Beziehung unserer Kundinnen und Kunden zur MIGROS resultiert für diese also eine Art Lebensqualitäts-Bilanz. Fällt diese positiv aus, ergibt sich daraus Kundentreue. Und umgekehrt.
Diesen Gedanken kann man weiter spinnen. Wir als MIGROS stehen ja nicht nur in einer Beziehung mit unserer Kundschaft. Es gibt auch Beziehungen zu anderen Gruppen, die man auf Neudeutsch als Stakeholder bezeichnet: Mitarbeiter, Lieferanten und Geschäftspartner, das gesellschaftliche und politische Umfeld, die natürliche Umwelt, und so fort. Nur eine Stakeholder-Gruppe kennen wir zum Glück nicht, nämlich die Kapitaleigner, womit wir keine überrissenen Renditeerwartungen erfüllen müssen.
Unsere Beziehungen zu den verbliebenen Stakeholder-Gruppen sind Beziehungen zu Menschen. Durch diese Beziehung wird deren Lebensqualitäts-Konto beeinflusst. Und nicht nur für die Kundinnen und Kunden, sondern für alle Stakeholder-Gruppen gilt: Je positiver die Lebensqualitäts-Bilanz durch die Beziehung zur MIGROS ausfällt, desto positiver sind die Rückwirkungen auf die MIGROS selbst.
Viele Wissenslücken
Dieses Prinzip könnten wir jetzt mit jeder Stakeholder-Gruppe durchexerzieren, doch ich beschränke mich auf unsere zweifellos wichtigste Stakeholder-Gruppe, nämlich unsere Kundinnen und Kunden, die ja meistens auch Mitbesitzer der MIGROS sind. Für diese Gruppe hatten wir ja bereits den Anspruch formuliert, uns für ihre Lebensqualität einzusetzen.
Allerdings wurde uns immer deutlicher, dass wir mit diesem Anspruch weniger eine Realität beschrieben hatten als vielmehr eben doch eine Vision. Eine starke und attraktive Vision zwar, aber eine, die wir noch keineswegs vollständig realisiert hatten: die Vision, zum führenden Lebensqualitäts-Unternehmen zu werden.
Wenn wir diese Vision leben und realisieren wollten, mussten wir zunächst viel mehr wissen. Woraus bestand der Beitrag der MIGROS zur Lebensqualitäts-Bilanz unserer Kundinnen und Kunden eigentlich genau? Womit belasteten wir deren Lebensqualitäts-Konto – und wo trugen wir zu dessen Wachstum bei? Was konnten wir tun, um Lebensqualitäts-Killer zu vermeiden und Lebensqualitäts-Förderer zu stärken?
Um solche und ähnliche Fragen beantworten zu können, brauchten wir einen intensiven Dialog mit unserer Kundschaft. Analog galt das auch für die anderen Stakeholder-Gruppen. Um auch in Zahlen fassen zu können, welchen Beitrag die MIGROS zur Lebensqualitäts-Bilanz ihrer Stakeholder leistet, mussten entsprechende Instrumentarien geschaffen werden. Unter der Federführung von spirit.ch haben sich dazu einige profilierte Hochschul-Institute zusammengefunden, welche die jeweilige Beziehung zwischen MIGROS und den einzelnen Stakeholder-Gruppen untersuchten.
Die Lebensqualitäts-Bilanz der MIGROS
Ziel dieser ganzen Übungen war es, eine Art gesamte Lebensqualitäts-Bilanz der MIGROS zu erstellen, in der transparent gemacht wird, welchen Einfluss wir auf das Lebensqualitäts-Konto all unserer Stakeholder haben. Dieses Ziel haben wir erreicht. Vor zwei Jahren wurde die Lebensqualitäts-Bilanz zum ersten Mal als integrierter Bestandteil unseres Geschäftsberichts publiziert, und seitdem wird diese Bilanz jährlich erneuert und publik gemacht.
Auf diese Pionierleistung sind wir stolz – nicht nur, weil sie sicher wesentlich dazu beigetragen hat, dass wir uns heute über diesen Preis freuen dürfen. Schon hat das Beispiel Schule gemacht, und das ist gut so. Schliesslich haben die Menschen ein Anrecht darauf zu erfahren, wie die Lebensqualitäts-Bilanz eines Unternehmens aussieht, mit dem sie eine Beziehung eingegangen sind oder eingehen wollen.
Für uns von der MIGROS hat unsere Lebensqualitäts-Bilanz vor allem eine Orientierungsfunktion: Sind wir auf Kurs in Richtung unseres Ziels, nämlich zum führenden Lebensqualitäts-Unternehmen zu werden?
Einfache Strategie
Denn daraus besteht im Grunde unsere ganze heute dekorierte Strategie: Wertschöpfung durch Werte. Wir leisten einen möglichst starken Beitrag zur Lebensqualitäts-Bilanz unserer Stakeholder, und sie geben uns dafür ihr Bestes.
Das klingt zunächst tatsächlich nach einer Revolution, und wenn man es konsequent durchdenkt, ist es auch eine. Allerdings knüpft diese Revolution, die sich auf die Ebene der Unternehmenskultur konzentriert und dort im Wortsinne radikal an die Wurzeln geht, haargenau an diesen Wurzeln an und ermöglicht ihnen eine Renaissance. Ich bin sicher, an dieser Renaissance-Revolution hätte unser Gründer seine helle Freude gehabt.
Nicht zuletzt deshalb, weil diese Revolution zunächst von oben ausgelöst wurde – so, wie er es selbstverständlich auch getan hätte. Natürlich brauchte es viele Dialoge, bis der neue Leitwert Lebensqualität in allen Teilen unseres Unternehmens wirklich verankert war. Das war oft mühsam, aber unumgänglich, denn nur eine von allen getragene Unternehmenskultur wirkt sich wirklich auf das Verhalten aus. Ohne die klare und glaubwürdige Überzeugung unserer Führungsspitze wäre das nicht möglich gewesen.
Der zweite Frühling
Vor über dreissig Jahren versuchte eine Gruppe von MIGROS-Genossenschaftern den umgekehrten Weg, nämlich eine Kulturrevolution von unten. Dieser Weg musste notgedrungen scheitern, was nichts über die Qualität der Anliegen der damaligen Aktivisten aussagt. Manches von dem ist unterdessen Teil unserer offiziellen Strategie geworden. Aus Respekt haben wir deshalb, um Ihnen zum Schluss ein kleines Geheimnis zu verraten, als wir uns ernsthaft zur Entwicklung einer konsequenten Lebensqualitäts-Strategie entschlossen haben, dem Projekt den internen Codenamen gegeben, den damals diese Bewegung trug: MIGROS-Frühling.
Dass das wunderbar zur damaligen und zur heutigen Jahreszeit passt, ist eine hübsche Schlusspointe. Es bleibt mir deshalb nichts Weiteres übrig, als mich noch einmal herzlich für diese ehrenvolle Auszeichnung zu bedanken und Ihnen zu versichern, dass wir unsere Lebensqualitäts-Strategie weiterhin konsequent verfolgen werden. Zu Ihrem und zu unserem Wohl.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Falls Sie selbst ernsthaft darüber nachdenken, Ihr eigenes Unternehmen zum Lebensqualitäts-Unternehmen zu machen: spirit.ch kann Sie dabei unterstützen. Über das Wie erfahren Sie mehr, wenn Sie uns ein Mail senden…