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Kuh-Schweiz und Qu-Schweiz

Qu-Schweiz

Eine fiktive Ansprache aus dem Jahr 2020

In ihrer Ansprache zum Nationalfeiertag 2010 hat die Schweizerische Bundespräsidentin Doris Leuthard zu einer Diskussion über die Schweiz des Jahrs 2020 aufgerufen (Original-Wortlaut siehe unten). Hier ist ein erster Beitrag von spirit.ch. Und eine ermutigende Antwort aus Bern (ganz zum Schluss).

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Eidgenössisches Zukunftsdepartement EZD                                                                      

Internet-Ansprache zum 1. August 2020:

Von der Kuh-Schweiz zur Qu-Schweiz

Bern, 30.07.2020 – Bundespräsidentin Xenia Futura, Nationalfeiertag 2020

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger

Vor exakt zehn Jahren hat meine Vorgängerin, die damalige Bundespräsidentin Doris Leuthard, dazu aufgerufen, gemeinsam über die fernere Zukunft unseres Landes nachzudenken. Konkret stellte sie die Frage: Wo soll die Schweiz in 10 Jahren stehen?

Was damals als ferne Zukunft erschien, ist jetzt Gegenwart. Aus Respekt für meine Vorgängerin, die mit ihrer Ansprache zum 1. August 2010 die Debatte angestossen hat, möchte ich kurz auf das seitdem vergangene Jahrzehnt zurückblicken. Dieses Jahrzehnt ist geprägt von grossen Veränderungen. Die Schweiz hat damals begonnen, über ihre eigene Zukunft nachzudenken, und das hat bekanntlich so weit geführt, dass im Bundesrat ein eigenes Zukunftsdepartement geschaffen wurde. Wer hätte das vor zehn Jahren gedacht?

Wenn ich jetzt von der Hügelkuppe im Appenzeller Vorderland, auf der ich stehe, so zu sagen vom Rand her auf die Schweiz blicke, sehe ich allerdings keine grossen Veränderungen im Vergleich zum Jahr 2010. Und das gilt im übertragenen Sinne für den ganzen Blick auf die Schweiz im letzten Jahrzehnt.

Eine Besucherin von aussen, die nach zehn Jahren zum ersten Mal wieder in die Schweiz kommt, wird immer noch dieselbe wunderbar funktionierende Schweiz vorfinden. Sie wird immer noch auf eine blühende Wirtschaft treffen, die den meisten hier lebenden Menschen einen hohen Lebensstandard ermöglicht. Äusserlich betrachtet hat sich in diesem Jahrzehnt in der Schweiz nichts Umwerfendes ereignet, es gab keine grossen Wachstumsschübe und keine besondere Dynamik.

Doch genau diese Stabilität auf hohem Niveau ist es, die wir hier zu Lande schätzen gelernt haben. Sie ermöglicht uns nämlich, aus dem Hamsterrad des Wachstumszwangs auszusteigen und uns den wirklich entscheidenden Fragen zuzuwenden. Sie heissen: Worum geht es eigentlich im menschlichen Leben? Und im menschlichen Zusammenleben?

Weil wir vor zehn Jahren angefangen haben, uns diesen Fragen zu stellen, hat sich der Spirit der Schweiz verändert. Ich bin sonst sehr für die Pflege unserer Landessprachen, aber im Falle von Spirit mache ich eine Ausnahme. Weil es dabei um Geist und Seele geht, aber auch um Begeisterung, um ansteckende Ideen, um inneren Antrieb. All das zusammen macht Spirit aus.

Und was ist nun der Kern dieses neuen schweizerischen Spirits? Unser neuer gemeinsamer Leit-Wert, der, wie Sie alle wissen, LebensQualität heisst. Wir sind uns in diesem Jahrzehnt darüber einig geworden, dass es LebensQualität ist, worum es im Einzelleben wie im Zusammenleben letztlich geht.

Und wir haben gelernt, dass LebensQualität viel zu sehr persönlich gefärbt ist, um daraus Patentrezepte oder Ideologien machen zu können. Wir alle haben zum Glück unterschiedliche Vorstellungen davon, was für uns LebensQualität bedeutet. Wir müssen diese unterschiedlichen Vorstellungen nicht alle unter einen Hut bringen. Und die Politik kann keine LebensQualität schaffen. Doch sie – und damit wir alle – sind herausgefordert, die optimalen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass möglichst viele Menschen in freier und eigenverantwortlicher Lebensgestaltung eine möglichst gute LebensQualität realisieren können.

Auch die Politik ist durch den neuen Spirit der Schweiz eine andere geworden. Der Wandel kam nicht über Nacht, doch schliesslich haben sich alle massgeblichen politischen Kräfte darauf geeinigt, „möglichst gute LebensQualität für möglichst viele“ zum neuen gemeinsamen Leit-Wert zu ernennen. Wie man diesen Leit-Wert konkret verwirklicht, ist immer noch umstritten, aber weil eine gemeinsame Werte-Basis existiert, kann dieser Streit wesentlich sachlicher und pragmatischer ausgetragen werden als früher. (Mehr…)

All das und noch viel mehr geschah, weil vor zehn Jahren einige nachdenkliche Vordenkerinnen und Vordenker auf die einfachen Fragen ihrer damaligen Bundespräsidentin, wo die Schweiz in 10 Jahren stehen solle, welche ihrer Errungenschaften gepflegt werden sollen, und was neue Projekte seien, eine ebenso einfache Antwort gaben: Die Schweiz soll zum führenden LebensQualitäts-Land werden.

Ohne falsche Bescheidenheit dürfen wir heute sagen: Das haben wir geschafft. Wir mussten dazu lange und intensiv über LebensQualität nachdenken und diskutieren – und das ist ein anspruchsvolles und herausforderndes Thema. Zumal dann, wenn es um Nachhaltige LebensQualität geht, also um eine LebensQualität, die über die Grenzen von Gegenwart und Eigeninteressen hinaus blickt. In der Auseinandersetzung mit Nachhaltiger LebensQualität haben wir auch gelernt, ganzheitlicher und vernetzter zu denken.

Und das strahlt aus. Wir wissen heute viel besser als vor zehn Jahren, was wir als Schweiz dem übrigen Europa und der Welt zu bieten und zu geben haben: ein zukunftsgerichtetes und damit wertvolles Versuchslabor in Sachen Nachhaltige  LebensQualität zu sein. Diese neue Rolle der Schweiz, die unter uns gesagt so neu gar nicht ist, wird von unseren näheren und ferneren Nachbarländern zunehmend geschätzt.

Die Schweiz galt lange als Kuh-Land, im guten wie im schlechten Sinne. Und, wie Sie hinter mir hören können, gehört das Gebimmel einer gemütlich grasenden Kuhherde noch immer zur Nachhaltigen LebensQualität dieses Landes. Doch mehr und mehr werden wir zum kompetenten und glaubwürdigen Qu-Land. Qu wie Qualität gehörte schon immer zu unseren Stärken. Die Hinwendung zu Nachhaltiger LebensQualität hat diesem Qu eine zusätzliche Dimension hinzugefügt. Von der Kuh-Schweiz zur Qu-Schweiz: Das ist der neue Schweizer Spirit.

Obwohl wir uns mittlerweile auch der Vision eines Reifen Landes annähern, ist die positive Entwicklung, welche die Schweiz im letzten Jahrzehnt erlebt hat, noch lange nicht zu Ende. Machen wir uns gemeinsam auf, diesen Weg weiter zu gehen. Und bedenken wir dabei das neue Leitmotto im Bundeshaus: „Es gibt keine Nachhaltige LebensQualität ohne die der anderen.“

Für Schweizerinnen und Nicht-Schweizer: Lesen Sie bitte auch den Beitrag Keine Lebensqualitäts-Insel


Die Original-Ansprache 2010 von Bundespräsidentin Doris Leuthard:

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger

Hier auf dem Lindenberg über dem Aargauer Reusstal mit dem Zugersee und dem Albis in der Ferne – hier bin ich zu Hause. Hier bin ich den Menschen nahe – unseren Traditionen, unseren Werten. Von hier aus kann ich aber auch den Blick in die Weite schweifen lassen. Hier spüre ich jenes Wechselspiel von Nähe und Ferne, von Heimat und Weltoffenheit, das die Schweiz ausmacht.

Nähe und damit Heimat, das sind die Menschen – dort, wo man lebt, sich aufgehoben fühlt, eingebettet in die reichhaltige Geschichte und Kultur unseres Landes, in die Erfahrungen der Generationen vor uns und in die Erfolge, die wir zusammen erzielen.

Auf das Erreichte dürfen wir stolz sein:

  • Dank unserer direkten Demokratie haben Sie als Bürgerinnen und Bürger eine grosse Mitwirkung an der Entwicklung des Staates.
  • Unsere tief in der Gesellschaft verwurzelte Wirtschaft liefert das Fundament für einen beachtlichen Lebensstandart und einen nachhaltigen Umgang mit der Umwelt.
  • Dank einer breiten wissenschaftlichen Basis sind wir auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet.

Die Pflege der Ferne haben wir darob nicht vergessen. Aus der Erkenntnis heraus, dass wir nie allein stark und mächtig waren und sein werden, haben wir uns ausgetauscht – mit den Nachbarn oder mit fernen Ländern. Wir waren dort solidarisch, wo andere unsere Hilfe brauchten.

Wir haben es immer wieder bewiesen und in der aktuellen Wirtschaftskrise erneut gezeigt: Die Alltagsprobleme meistern wir gut. Voraussetzung ist aber, dass alle ihren Beitrag leisten, jeder an seinem Ort, jede nach ihren Möglichkeiten. Mit dieser Einstellung werden wir auch die grossen Herausforderungen der nahen Zukunft bewältigen:

  • die demographische Entwicklung der Gesellschaft mit der Anpassung der Sozialwerke,
  • die Bewältigung der zunehmenden Mobilität auf Strasse und Schiene und deren Finanzierung oder
  • die Bewahrung unserer natürlichen Lebensgrundlagen und die Sicherung unserer hohen Lebensqualität.

Das wird politische Auseinandersetzungen geben, aber das werden wir gemeinsam und demokratisch lösen.

Wichtiger scheint mir aber, dass wir überlegen, was wir unternehmen, um weiterhin auf dieses Land stolz zu sein. Ich bin überzeugt, wir alle wollen, dass man mit Respekt und Anerkennung von der Schweiz spricht. Was also sind Errungenschaften, die wir erhalten oder gar ausbauen müssen, was sind neue Projekte? Was ist unsere Rolle in der sich verändernden Welt, was unser Beitrag dazu? Wie soll unser Verhältnis zu unseren europäischen Nachbarn aussehen? Wo soll die Schweiz in 10 Jahren stehen?

Ich möchte Sie herzlich einladen, diese Debatte über Fragen einer ferneren Zukunft heute zu beginnen – der 1. August eignet sich besonders dafür. Allein kann der Bundesrat diese Debatte nicht führen. Patentrezepte hat niemand; ich nicht und jene schon gar nicht, die dies im Brustton der Überzeugung von sich behaupten. Nur gemeinsam finden wir Lösungen, die von der Gesellschaft getragen sind. Wir brauchen die Ideen aller Menschen in unserem Land. Eine Debatte ist wichtig und sie hilft uns, die gegenwärtig spürbare Verunsicherung zu überwinden. Gemeinsam können wir den Kompass für die Schweiz neu ausrichten. Demokratie heisst nicht, die Faust im Sack zu machen oder lauthals zu protestieren. Demokratie ist Engagement für die Zukunft der Schweiz. Nutzen Sie Ihre Bürgerrechte daher und beteiligen Sie sich aktiv an der Diskussion.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, pflegen wir die Nähe, kümmern wir uns um das Wohl der Menschen und gehen die Zukunft ohne Scheuklappen an. Nehmen wir aber auch die Ferne ins Visier und engagieren uns aktiv in dieser Welt, wo nach wie vor viele Menschen in Armut und schlechten Verhältnissen leben müssen. Kehren wir zu einer konstruktiven politischen Debatte zurück. Überwinden wir Egoismus und Rücksichtslosigkeit. Orientieren wir uns am Motto im Bundeshaus in Bern: „Einer für alle, alle für Einen“.


Na bitte!

Unser Mail an die Bundespräsidentin und die Antwort aus ihrem Departement:

Sehr geehrte Frau Leuthard

Sie haben in Ihrer TV-Ansprache zum 1. August dieses Jahres dazu aufgerufen, über die Schweiz im Jahr 2020 nachzudenken. Diesem Aufruf bin ich gerne nachgekommen. Sie finden das Ergebnis dieses Vordenkens im beiliegenden Beitrag „Von der Kuh-Schweiz zur Qu-Schweiz“. Ich wünsche anregende und vergnügliche Lektüre!

Mit herzlichen Grüssen: 

Andreas Giger


Sehr geehrter Herr Giger,

Im Namen von Frau Bundespräsidentin Leuthard danke ich Ihnen für Ihre Gedanken zum 1. August und zur Zukunft der Schweiz. Sie haben dabei ganz besonders auf die Qualität, die Nachhaltigkeit und in Kombination auf die Lebensqualität in der Schweiz Bezug genommen. Damit haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen, werden doch alle drei Begriffe in der Politik des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartementes gelebt und in den öffentlichen Auftritten durch Frau Bundespräsidentin Leuthard selber immer wieder als anzustrebende Ziele heraus gestrichen.

Mit besten Grüssen

Peter Frey

Generalsekretariat EVD

Kommunikation

Bundeshaus Ost

3003 Bern


Für Schweizerinnen und Nicht-Schweizer: Lesen Sie bitte auch den Beitrag Keine Lebensqualitäts-Insel


 

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