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Nachhaltige Lebensqualität

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Vortrag von Andreas Giger bei den Angestellten Schweiz

In der Ausgabe 6 vom November 2009 von „Apunto„, dem Magazin der Angestellten Schweiz, erschien dieser Bericht über das Referat von Andreas Giger an der Tagung dieser Vereinigung vom 23. Oktober 2009 in Wil/SG.

Nachhaltige Lebensqualität – der Leitwert des 21. Jahrhunderts

Der Megatrend «Individualisierung» hat alte Werte ins Wanken gebracht – neue Werte sind gefragt. Wohin geht die Reise?

Arbeitnehmerorganisationen wie die Ange­stellten Schweiz basieren auf Werten wie Solidarität, und es gehört zu ihren Zielen, Menschenwürde oder Gerechtigkeit zu reali­sieren. Sie kämpfen aber auch für mehr Lebensqualität.

Der Begriff Nachhaltigkeit stammt inter­essanterweise aus der Forstwirtschaft. Des­sen erste gute Umsetzung des Nachhaltig­keitsgedankens war das Schweizerische Forstgesetz vom Ende des vorletzten Jahr­hunderts. Die Begriffe Nachhaltigkeit und Lebensqualität möchte ich hier in neue Zusammenhänge stellen.

Die Krise ist eine Wertekrise

Der Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist die Krise. Es wird immer deutlicher, dass es sich um eine eigentliche Wertekrise handelt. In der Krise sindja viele materielle Werte ver­nichtet worden, aber wir haben auch gemerkt, dass die Basis der immateriellen Werte nicht mehr stimmt. Es ist doch wie in der alttesta­mentarischen Geschichte des Tanzes um das goldene Kalb. Der Versuch, eine neue Gott­heit zu schaffen, endete böse: Die Hälfte des Volkes wurde umgebracht. Das können wir mit den heutigen Bankern nicht tun, wir kön­nen nur auf die Kraft des Arguments ver­trauen.

Es sind ja nicht nur die Banker, die um das goldene Kalb tanzen. Unsere ganze Gesellschaft basiert sehr stark auf der Jagd nach höherem Lebensstandard, nach immer mehr «haben wollen». Dahinter steckt die klare Wertvorstellung, dass es erstens für das, worum es im Leben geht, Geld braucht und zweitens, dass «immer noch mehr» besser ist. Dass dies so nicht stimmen kann, wissen wir schon lange. Der Volksmund sagt ja auch:

Geld allein macht nicht glücklich. (Dass es allein auch nicht unglücklich macht, steht wieder auf einem anderen Blatt.) Nun wird diese alte Weisheit mehr und mehr auch von wissenschaftlichen Ergebnissen gestützt. Ein einziger Hinweis mag genügen: In den west­lichen Ländern gibt es seit Jahrzehnten sowohl eine Messung des Bruttoinlandpro­dukts (BIP), also des materiellen Lebensstandards, als auch eine des subjektiven Glücks­empfindens der Menschen, die eigentlich eher die Zufriedenheit mit ihrer Lebensquali­tät misst. Während das BIP in dieser Zeit mas­siv grösser geworden ist, blieb das durch­schnittliche Glück stabil. Mehr Lebensstan­dard hat also keine bessere Lebensqualität gebracht.

Woran liegt das? An bestimmten Aus­stattungen von uns Menschen. Zum einen ist es unser Drang nach Vergleichen: Wenn der Nachbar ein schönes neues Auto kauft, brau­chen wir auch eines. Lebensstandard ist immer relativ. Zum anderen ist es unser schwaches Gedächtnis. Kaum haben wir einen höheren Lebensstandard erreicht, haben wir den zuletzt erreichten schon wieder vergessen und uns an den neuen gewöhnt, so sehr, dass er uns selbstverständlich erscheint und wir ihn immer weniger wertschätzen können. Weshalb eine weitere Steigerung her muss.

Wenn jemand, um denselben Normalzu­stand zu ermöglichen, immer höhere Dosie­rungen seines Stoffs braucht, dann spricht man von Sucht. Ein weiteres Merkmal von Sucht ist es, dass sich alles nur noch um die Beschaffung von Stoff dreht. Unser Verhält­nis zu Geld weist beide Merkmale von Sucht auf.

Das alles begreifen immer mehr Men­schen, wenn auch noch nicht alle. Sie fragen sich: «Gibt es eine Alternative zum Tanz um das goldene Kalb?» Nun weiss man ja: Von schlechten Gewohnheiten lässt der Mensch nur, wenn es eine bessere Alternative gibt. Genau darum geht es bei der Suche nach dem Leitwert des 21. Jahrhunderts.

Was ist überhaupt ein Wert? Ich definiere das ganz einfach: Wert ist etwas, das uns etwas wert ist. Also das, was uns wichtig ist, an dem wir uns orientieren. Wert ist also eine Zielsetzung. Werte brauchen wir Menschen, weil wir ständig vor Entscheidungen stehen und dazu Massstäbe brauchen, nach denen wir entscheiden.

Bis lange ins 20. Jahrhundert hinein hätte ein Referat wie dieses wenig Sinn gemacht. Denn da war völlig klar, was die gültigen Werte sind. Sie wurden entschieden und vor­gegeben von grossen Institutionen wie Kir­che und Staat, manchmal noch von Gewerk­schaften. Damals war zum Beispiel eine Scheidung ganz klar verpönt. Heute sind hin­gegen alle nur erdenklichen Formen des Zusammenlebens akzeptiert. Das hat mit dem Megatrend «Individualisierung» zu tun. Wir können immer mehr selber entscheiden, wie wir leben wollen, es wird uns nichts mehr vor­geschrieben. Wir können aber auch immer mehr selber entscheiden, was uns etwas wert ist und was nicht! Das stellt uns allerdings im Supermarkt der Werte immer wieder vor die Qual der Wahl.

Vom Lebensstandard zur Lebensqualität

Die alten Gewissheiten haben sich aufgelöst und neue gibt es noch nicht. Das führt zu Unübersichtlichkeit und Chaos. In einer sol­chen Situation einen neuen Leitwert zu fin­den, mag vermessen erscheinen. Allerdings:

«Unsere ganze Gesellschaft basiert sehr stark auf der Jagd nach höherem Lebensstandard.»

Trends hin zu einem neuen Leitwert sind zu erkennen. Zum Beispiel eine Gewichtsverla­gerung von den materiellen zu den immate­riellen Werten. Wir sehen aber auch eine Ver­lagerung von Quantität zu Qualität. Wenn man das zusammenfasst, dann kann man fest­stellen, dass es eine Entwicklung vom Lebensstandard zur Lebensqualität gibt. Eine gute Lebensqualität zu erreichen ist ein gutes Lebensziel.

Wenn es um Geld geht, geht es immer ums Gleiche – das ist auf Dauer eindimensio­nal und langweilig. Anders bei der Lebens­qualität. Ich bin in meiner Forschungstätig­keit auf nicht weniger als 16 Lebensqualitäts­sphären gestossen. Jede beeinflusst die Lebensqualität. Diese 16 Sphären sind:

  • Materielles (das gehört durchaus auch dazu!)
  • Gesundheit
  • Tun (Arbeit, Kreativität)
  • Beziehungen
  • Raum (Lebens ort und andere Orte)
  • Zeit
  • Sinn (Lebenssinn)
  • Stabilität (Traditionen, Herkunft … )
  • Eigenes (Selbstverwirklichung, Lebensgestaltung)
  • Lebensfreude
  • Reifung (Älterwerden, Dazulernen, Weisheit)
  • Echtheit (Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Selbstständigkeit)
  • Offenheit (Neugier, Optimismus, Konfliktkompetenz … )
  • Respekt
  • Nachhaltigkeit (Umwelt, soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung)

Die letzte und übergeordnete Sphäre heisst Lebenskunst – sie bringt alle anderen Sphä­ren unter einen Hut und ins Gleichgewicht.

Ich behaupte: Es gibt keine andere Lebensqualität als eine nachhaltige. Warum? Im Begriff Nachhaltigkeit ist zunächst einmal eine Zeitperspektive enthalten. Fehlt diese, dann geht es nur um kurzfristige Gewinnma­ximierung – und die ist nicht nachhaltig. Das gilt für ein Unternehmen genau gleich wie für unser Lebensqualitätskonto. Genau so verhält es sich mit einer weiteren Botschaft der Nach­haltigkeit: der Ganzheitlichkeit.

Die Sphäre Nachhaltigkeit umfasst alle Werte, die sich für eine bessere Welt einset­zen. Das muss nicht auf Kosten der Selbstver­wirklichung gehen. Man hat sogar festge­stellt, dass sich Menschen, die sich selbst ver­wirklichen, auch mehr für andere Menschen tun und sich für die Welt einsetzen.

Die nachhaltige Lebensqualität, das ist meine These, wird zum Leitwert des 21. Jahr­hunderts werden. Immer mehr Menschen nehmen sich Zeit für ihre Lebensqualität. Lebensqualität liegt also im Trend. Und alles spricht dafür, dass es sich dabei nicht um eine Modewelle handelt, sondern um eine nach­haltige Entwicklung.

Referat Dr. Andreas Giger, Zukunftsphilosoph

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