Zauberwort Gelassenheit

Ein Neujahrs-Interview mit spirit.ch-Initiant Andreas Giger
Am 3. Januar 2010 erschien in der „Südostschweiz am Sonntag“ dieses Interview mit Andreas Giger
Ankündigung Frontseite:
Weniger haben, glücklicher leben
In der Zukunft werden immaterielle Werte für den Menschen wichtiger. Dies sagt der Sozialwissenschaftler und Zukunftsphilosoph Andreas Giger im· Interview mit der «Südostschweiz am Sonntag». So würden die Menschen künftig mehr Zeit und Energie in Fragen nach dem Sein investieren. Dass die heute übertriebene .Orientierung an materiellen Werten nicht glücklich mache, sei ausreichend bewiesen. Für Giger ist es gar möglich, dass längerfristig die Mehrheit der Gesellschaft zur Einfachheit zurückfindet.
»Das Zauberwort heisst Gelassenheit«
Die Welt steht vor einem Jahrhundert der Werte. Einfachheit wird wichtiger als Prestige. Fragen nach Sinn und Identität bekommen mehr Raum als die Frage nach Besitz und Reichtum. Das sagt zumindest Zukunftsphilosoph Andreas Giger voraus.
Mit Andreas Giger sprach Nathalie Schoch
Nathalie Schoch: Wer oder was ist denn nun schuld an der Finanzkrise?
Andreas Giger: Für mich ist es eine Wertekrise, in der sich die abstrakte Gier nach Geld verselbständigt hat. Das Geld schafft nicht mehr reale Werte, sondern wurde Spielgeld, das nur noch zur Geldvermehrung gebraucht worden ist. Dass das Blasen gibt, ist fast unvermeidlich.
Nathalie Schoch: Kann es auch sein, dass die Gesellschaft, die sich stark nach materiellen Werten orientiert, dazu beigetragen hat?
Andreas Giger: Völlig klar, der zu starke Materialismus ist der Kern einer Finanzkrise. Materialismus gehört zur Grundausstattung der Menschen. Und deshalb ist mittelfristig unsere einzige Chance, davon wegzukommen, der fundamentale Wertewandel, indem man sich von dieser Fixierung wegbewegt, von diesem Suchtartigen der materiellen Werte. Das ist der Ausweg nach vorne.
Nathalie Schoch: Also sollte die Gesellschaft generell mehr zurückschrauben und zur Einfachheit zurückfinden?
Andreas Giger: Es wäre ein Akt der Klugheit, denn es gibt unterdessen genügend Beweise, dass die übertriebene Orientierung an materiellen Werten alles andere als glücklich macht. Und schon gar nicht gesund, was noch weit wichtiger ist. Und von daher geht es nicht um eine Finanzkrisenbewältigung, sondern darum, den nächsten Schritt der kulturellen Evolution zu gehen, damit mehr Intelligenz und Klugheit einkehren.
Nathalie Schoch: Die heutige Gesellschaft besteht also nur noch aus geldgierigen, oberflächlichen Egoisten?
Andreas Giger: Die Grundausstattung des Menschen hat sich in den letzten paar tausend Jahren kaum verändert. Seit dem Sesshaftwerden sind Besitz und Recht ungleich verteilt. Und daran knabbern wir noch heute. Aber sicherlich trägt die Existenz wachsender Technologien und Möglichkeiten dazu bei, dass sich die Jagd nach materiellen Werten in den letzten Jahrzehnten beschleunigt hat.
Nathalie Schoch: Glauben Sie, die Menschen finden zur Einfachheit zurück?
Andreas Giger: Ein Teil der Gesellschaft schafft dies bestimmt, das stelle ich immer wieder in Forschungen fest, und es ist sicherlich auch eine wachsende Gruppe. Aber in absehbarer Zeit bleibt sie nach wie vor eine Minderheit. Längerfristig könnte daraus eine Mehrheit werden.
Nathalie Schoch: Lebensqualität ist eines Ihrer zentralen Anliegen, das Sie in Ihrem Schaffen verfolgen und auch weiterzugeben versuchen, aber nur wenige halten sich daran. Warum?
Andreas Giger: Diese Beobachtung stelle ich in Frage. Ich beobachte ganz klar, dass das Wort mehr gebraucht wird als auch schon, in allen möglichen Zusammenhängen. Das Wort Lebensqualität ist etwas sperrig, das hat den Vorteil, keine illusorischen Versprechungen zu wecken, ganz im Gegenteil zum Wort Glück. Auf jeden Fall sehe ich jedoch, dass diese Alltags-, ja Lebenskunst-Philosophie immer mehr an Wert gewinnt.
Nathalie Schoch: Aber wer kann sich diese Lebensqualität heute überhaupt noch leisten, im Hinblick auf immer weniger Freizeit, immer mehr Arbeitsdruck, immer grösserer Forderungen nach Besitz und Reichtum?
Andreas Giger: Nun gut, wenn man sich diese Frage nicht ganz bewusst von Zeit zu Zeit stellt, dann ist der Zusammenbruch oder ein Burnout nicht mehr weit. Aber es ist schon so, dass viele oft zu faul sind, sich die Frage, was für einem selbst Lebensqualität bedeutet, und wie diese noch zu verbessern wäre, überhaupt zu stellen. Es braucht einen gewissen Aufwand. Die einen sind vielleicht zu absorbiert. Andere jedoch kommen sicher noch drauf, dass Lebensqualität wichtig ist. Im Moment stecken wir eher noch in der Phase der Infragestellung der alten materiellen Werte, nicht in der Umsetzung des neuen Leitwerts Lebensqualität.
Nathalie Schoch: Was treibt Menschen und Gesellschaften generell an?
Andreas Giger: Wenn man es ganz oberflächlich betrachtet, dann müsste man sagen: Nur Geld.
Nathalie Schoch: Das hört sich ziemlich brutal an.
Andreas Giger: Ja, aber es gibt diese Tendenz, dass alles nur noch in Geldwert ausgedrückt wird, was früher eine normale zwischenmenschliche Unterstützung gewesen wäre. Aber wenn man das umfassende Konzept betrachtet, dann kommt schon das Streben nach Lebensqualität oder das Streben nach Glück dazu, wobei Glück ein dehnbarer Begriff ist. Es gibt verschiedene Arten von Glück. Und Glück ist oft von aussen abhängig. Nicht so die Lebensqualität, die Zufriedenheit, die schafft man sich mehrheitlich selber.
Nathalie Schoch: Wie zufrieden ist unsere Gesellschaft? Wie lauten Ihre Befragungsergebnisse?
Andreas Giger: Auf einer Skala von 1 bis 100 (höchte denkbare Lebensqualität) bewegen sich die meisten zwischen 70 und 80. Darunter gibt es ein paar und darüber. Steigt der Wert auf über 90, dann denke ich jeweils, es hat ein oder zwei Verliebte unter der Gruppe. Aber an sich ist ein Durchschnittswert von drei Vierteln des Denkbaren durchaus als gut einzustufen, wobei man bedenken muss, dass in den Durchschnitt immer individuelle Schicksale einfliessen. Ich habe die Befragungen auch schon in kleineren Gruppen durchgeführt, und da gab es dann die extremsten Aufs und Abs.
Nathalie Schoch: In aller Munde sind nebst der Finanzkrise auch unsere Generationenkonflikte. Welche Chancen sehen Sie künftig für die ältere Generation?
Andreas Giger: Wir stecken diesbezüglich in einer bisher unbekannten historischen Situation und sollten uns schon ein paar Gedanken dazu machen. Da gibt es zwei Ebenen. Zum einen die persönliche Ebene: Was mache ich aus diesen Lebensphasen? Das Streben nach Reife finde ich ganz wichtig. Dabei zeigt sich, dass sich verschiedene Aspekte von Lebensqualität bis mindestens zum Alter von 80 positiv entwicklen können, etwa die Beziehungsfähigkeit, der Sinn für das richtige Mass und Balance, psychische Stabilität. Das einzige, was permanent bergab geht, ist die körperliche Verfassung. Alles andere ist verbesserungsfähig. Wichtig ist, sich Perspektiven zu schaffen oder zu erhalten. Was nicht heisst, dass man in hektischen Aktivismus ausbrechen soll, doch gilt es eine Menge Entwicklungschancen zu nutzen.
Nathalie Schoch: Und die zweite Ebene?
Andreas Giger: Das ist die gesellschaftliche Ebene. Hier gibt es interessante Ansätze. Auf jeden Fall können wir es uns nicht leisten, alle 65-Jährigen in den kompletten Ruhestand zu verfrachten, dass wäre eine enorme Verschleuderung von Potenzial. Stattdessen wollten wir die Potenziale reiferer Menschen für die Gesellschaft nutzen. Zum Beispiel Lehrpersonal im Unterricht zu unterstützen oder ähnliches, hier werden wir ansetzen müssen.
Nathalie Schoch: Auf Kosten junger Arbeitnehmer?
Andreas Giger: Nein. Die Ergebnisse sind eindeutig: Wir werden immer älter, als Einzelne wie als Gesellschaft. Und weil zur steigenden individuellen Lebenserwartung sinkende Geburtenraten kommen, steigt nicht nur das Durchschnittsalter, sondern sinkt bald auch die Zahl der Bevölkerung. Einwanderung wird diese Entwicklung abschwächen, sie aber kaum aufhalten. Wir werden unweigerlich älter. Nur wird diese Entwicklung eher zaghaft und unwillig zur Kenntnis genommen
Nathalie Schoch: Doch, denn viele jüngere Mitarbeiter haben Angst, dass die Rückkehr „alter“ Männer in die Geschäftswelt ein neuer Trend ist, und die Alten das Ruder übernehmen und die Jungen vom Arbeitsmarkt verdrängen.
Andreas Giger: In vielen Unternehmen zeigt sich ein ganz anderes Bild, weil sie kaum noch Mitarbeitende über 50 beschäftigen. Nichtsdestotrotz zeigt die blosse Existenz eines so dämonisierenden Szenarios, wie tief die Ängste vor jenem Gespenst sitzen, das bis vor kurzem „Überalterung“ genannt werden durfte. Zu seinen Fratzen gehören nicht nur die Gerontokratie, sondern auch der Zusammenbruch des Rentensystems und ein enormer Bedarf an neuen Pflegeplätzen, für deren Finanzierung sich die noch aktive Bevölkerung krumm und dämlich schuften muss. Als magische Gegenmacht dazu wird derweil das Bild der neuen Alten heraufbeschworen, einer wachsenden Schar von aktiven, fröhlichen „Best-Agern“, die über Geld verfügen und über Zeit und damit Aufmerksamkeit – und so mit ihrem Konsum die Wirtschaft ankurbeln. Beide Extrempositionen sind so eindeutig überzogen, dass klar wird: Die richtige Einstellung zum unbestreitbaren Phänomen der demographischen Revolution haben wir noch nicht gefunden.
Nathalie Schoch: Wie geht die junge Generation damit um? Wohin entwickelt sie sich?
Andreas Giger: Je älter ich werde, desto mehr Mühe habe ich mit diesen Generationenverurteilungen. Die Lage ist nämlich nicht so dramatisch wie man sie darstellt. Die Klagen über die Jugend sind so alt wie die Zivilisation. Die Situation für die junge Generation hat sich gewandelt, ganz klar. Die Aussichten sind unsicher. Das macht es immer schwieriger, seine Rolle zu finden.
Nathalie Schoch: Dann ist diese ausgeprägte Gewaltbereitschaft ein altbekanntes Phänomen?
Andreas Giger: Das ist immer eine Frage der Vergleichsbasis. In Zeiten der Exportsöldner hat es sicherlich nicht minder Gewalt gegeben, nur wird es heute kundgetan und thematisiert. Die öffentliche Dimension ist neu, nicht die Gewalt an sich.
Nathalie Schoch: Aber was ist mit dieser brutalen Gewalt, Menschen grundlos auf offener Strasse zu verprügeln? Auch kein heutiges Gesellschaftsproblem?
Andreas Giger: Ich weiss es nicht. Oft lautet ja die Begründung der Täter, sie hätten es aus Langeweile getan. Dass es anscheinend zu wenige alternative Möglichkeiten gibt, sinnvolle Erlebnisse zu finden und Erfahrungen zu machen, das ist beunruhigend. Aber inwieweit es diese paar Prozente einer jungen Generation schon früher gab, das wissen wir nicht. Vermutlich gab es diese Gewalttäter früher schon, und diese schickte man dann einfach ins französische Heer oder so. Sie sind dann einfach von der Bildfläche verschwunden. So sehr diese Gewaltakte zu vereurteilen sind, so wenig sehe ich darin Anlass für eine pauschale Verurteilung einer ganzen Generation.
Nathalie Schoch: Wohin entwickeln sich unsere Werte generell?
Andreas Giger: Ein paar Grundwerte sind immer die gleichen. Die Familienwerte wurden schon zig Mal tot gesagt, und sie blühen immer wieder auf. Und auch wenn die Realisierungschancen nicht berauschend sind, so träumen doch viele noch von der lebenslangen Liebe. Grundsätzlich glaube ich aber schon, dass wir von materiellen zu immateriellen Werten übergehen werden: Im Zweifelsfall wird uns Schönheit mal wichtiger sein als etwas zu besitzen. Oder aber Einfaches wird wichtiger als Prestige. Da sind wir auch schon dran. Wir werden mehr Zeit und Energie in die Fragen nach Identität und Sinn investieren. Werte werden wertvoller, in Wirtschaft und Gesellschaft. Vor uns liegt ein Jahrhundert der Werte.
Nathalie Schoch: Und wie lautet das Zauberwort für 2010?
Andreas Giger: Gelassenheit. Diese hilft uns, uns von der permanenten Panikmache, sei es nun Finanzkrise oder Schweinegrippe oder anderen noch kommenden Dingen, die wir sowieso nicht ändern können, abzugrenzen. Und die Gelassenheit schafft uns Raum für wichtigere Dinge, wie zum Beispiel, unseren eigenen Werten zu folgen.
Zur Person:
Andreas Giger ist im Jahr 1951 geboren. Der promovierte Sozialwissenschaftler lebt und arbeitet heute als eigenwilliger, unabhängiger Zukunftsphilosoph, Autor und Fotograf in Wald AR. Neben Büchern publiziert er Artikel, hält Vorträge und ist als Unternehmensberater tätig. Andreas Giger ist Initiant der neuen Internetplattform für Nachhaltige Lebensqualität, www.spirit.ch.
Als Zukunftsphilosoph versucht Andreas Giger, die Bedeutung von grundsätzlichen Wandlungen in der Gesellschaft, vor allem auch in ihrem Werte-System, zu erfassen und die Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft auszuloten. Philosophie ist dabei für ihn vor allem die Kunst, die richtigen Fragen zu stellen, denn nur diese erweitern den Zukunftshorizont. Besonders fasziniert ihn, die Potenziale offen zu legen, die in so unscheinbaren Reizworten wie Reife oder Lebensqualität liegen – und die für unsere Zukunft so bedeutend sind. So sagt er: „Ich interessiere mich für den dynamischen Aspekt der Welt, nicht für die Frage nach dem Sein, sondern für die Frage nach dem Werden.“