Machen wir es zum Projekt!
Wie könnte Lebensqualität zum politischen Projekt werden?
Manchmal kann ein Werbeslogan ganze Welten erhellen. So geht es mir derzeit mit dem Motto eines deutschen Baumarkts: Mach es zu Deinem Projekt! Tatsächlich, Projekte entsprechen dem Zeitgeist. Ein Projekt, so lernen wir bei Wikipedia, ist umgangssprachlich ein Vorhaben mit Entwurfscharakter. Und zwar „ein Vorhaben, bei dem innerhalb einer definierten Zeitspanne ein definiertes Ziel erreicht werden soll, und das sich dadurch auszeichnet, dass es im Wesentlichen ein einmaliges Vorhaben ist.“ So definiert es die Deutsche Industrienorm (DIN) 69901.
Projekte sind effizient, weil sie Ressourcen bündeln. Die Kehrseite zeigt sich in dem, was Projekte nicht sind: fest, längerfristig, umfassend. Projekte befassen sich nur mit einem kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit und entsprechen deshalb ideal dem bruchstückhaften, fragmentierten Zustand unserer Zeit.
Individuelle Projekte
Dazu passt, dass im Werbeslogan ganz selbstverständlich von Deinem Projekt die Rede ist. Projekte sind individuell geworden. Für die Dauer eines Projekts mag man sich mit anderen zusammenschließen, doch so etwas wie ein gemeinsames und dauerhaftes Projekt gibt es kaum noch.
Diese Individualisierung menschlicher Projekte spiegelt sich auch in der Politik. Der neuen deutschen Regierung etwa – und speziell der Kanzlerin Angela Merkel – wird vorgeworfen, es fehle gänzlich an einem übergreifenden, richtungweisenden Projekt. Was sicher stimmt, nur eben auch damit erklärt werden kann, dass die Kanzlerin als kluge Frau erkannt hat, dass solche Projekte derzeit schlechte Karten haben.
Ihr Vorgänger Helmuth Kohl hatte es mit dem Projekt der geistig-moralischen Wende versucht und war kläglich gescheitert. Das wiederum hatte ihm ein anderer Vorgänger, Willy Brandt, mit seinem Projekt mehr Demokratie wagen eingebrockt. Dieses übergreifende und richtungweisende Projekt (ja, so etwas gibt es offenbar durchaus…) war durchaus erfolgreich, nur eben anders als geplant. Um nämlich mehr Demokratie wagen zu können, mussten die Deutschen erst einmal zu souveränen Individuen werden, zu Bürgerinnen und Bürgern mit aufrechtem Gang, und bei diesem Prozess der Individualisierung gingen ihnen die gemeinsame Projekte doch glatt verloren. Wenn jede und jeder nur noch für sich schaut, bleibt wenig Lust für das gemeinsame Projekt Demokratie übrig.
Das letzte gemeinsame Projekt
Das letzte von einem deutschen Nachkriegskanzler vorgeschlagene und erfolgreich realisierte große gemeinsame Projekt bleibt somit das Projekt Wirtschaftswunder. Hinter das Ziel, den Lebensstandard zu steigern, konnten sich (fast) alle stellen. Es gab zwar durchaus Konflikte darüber, wie der Kuchen zu verteilen sei, aber darüber, dass es gut sei, wenn der Kuchen möglichst fest und rasch wachse, war man sich einig.
Ähnliches lässt sich über Deutschlands Nachbarn Schweiz sagen. Wie böse Zungen munkeln schon immer, spätestens aber seit der Nachkriegszeit war man sich in der Eidgenossenschaft über das große gesellschaftspolitische Projekt einig: Wohlstandsvermehrung. Das Projekt erwies sich als sehr erfolgreich, nicht zuletzt deshalb, weil bei allen verbleibenden Konflikten alle Parteiungen peinlich bemüht waren, diesen Grundkonsens nicht zu gefährden. Eine Gemeinschaft, in der alle am selben Strick ziehen, der da heißt Wohlstandsvermehrung für alle, kann ganz schön leistungsfähig sein.
Mit diesen idyllischen Zeiten ist es auch in der Schweiz vorbei. Nicht nur, weil auch hier die Privilegierten immer ungenierter zugreifen, wenn es um die Verteilung der großen Kuchenstücke geht. Sondern auch, weil sich immer mehr ein banges Ahnen ausbreitet, es könnte vorbei sein mit der Herrlichkeit des stetig wachsenden Kuchens. Steigender Lebensstandard wird zunehmend zu einem unrealistischen Lebensziel.
Da versucht man doch wenigstens zu behalten, was man hat. Und so wird, in der Schweiz, in Deutschland und anderswo, die Verteidigung des Bestehenden zunehmend zum einzigen verbindenden und gemeinsamen Projekt. Wobei das mit der Gemeinsamkeit so eine Sache ist: Ohne satte Zuwachsraten werden die Verteilungskonflikte härter, was den Tunnelblick auf die eigenen Partikularinteressen verschärft.
Defensive bringt nichts
Zudem ist ein rein defensives Projekt wie die Verteidigung des Status Quo denkbar ungeeignet, um frische Energie zu wecken. Defensive Projekte bewirken Blockaden. Das sieht man auch am einzigen politischen Projekt der Schweiz, das in den letzten Jahren sonst noch erfolgreich war: Absicherung durch Abschottung. Viele in diesem Land, wenngleich zum Glück keine Mehrheit, glauben nämlich, man könne eine längst verschwundene Vergangenheit heil in die Zukunft retten, wenn man das Land gegen alles abschotte, was von draußen rein kommt. Was kaum das Projekt sein kann, das wir suchen.
Brauchen wir denn überhaupt eines? Ja. Eine demokratische Gesellschaft funktioniert nur, wenn sie eine gemeinsame Basis hat, eine Ebene mit Grundüberzeugungen und Werten, die von allen Beteiligten geteilt werden, und auf die man sich immer wieder einigen kann, bei allen Meinungsverschiedenheiten und Interessenkonflikten. Und um eine demokratische Gesellschaft lebendig zu erhalten, braucht sie ein gemeinsames Projekt, das die Zukunft öffnet, statt sich an die Vergangenheit zu klammern.
Neues Projekt gesucht
Aus einer Fortschreibung des bisherigen kann unser gesuchtes neues Projekt nicht bestehen. Alles auf die Karte eines stetig weiter steigenden Lebensstandards zu setzen, ist illusorisch und bringt nichts, denn ein anschwellendes Bankkonto verbessert keineswegs automatisch den Stand unseres Lebensqualitäts-Kontos. Und um den geht es schließlich im Leben.
So jedenfalls empfindet eine wachsende Schar von Individuen. Es ist keine Frage des ob, sondern nur des wann: Dieser persönliche und individuelle Werte-Wandel wird eines Tages in neue Erwartungen an die Politik umschlagen. Man wird von ihr eine Abkehr von der Fixierung auf materielles Wachstum verlangen. Und von ihr ein neues Leitmotiv, ja ein neues Projekt einfordern: Möglichst viel Lebensqualität für möglichst viele.
Dann werden sich die Politikerinnen und Politiker erstaunt angucken, sich an den Kopf greifen und sich fragen, warum sie nicht längst selbst darauf gekommen sind. Denn schließlich liegt der Gedanke nicht so fern, die Verbesserung der Lebensqualität von möglichst vielen könnte zum großen gesellschaftspolitischen Projekt des eben erst begonnenen Jahrhunderts werden. Eine Zielsetzung, auf die sich alle im Grundsatz einigen können. Die Gefahr, dass Politik deswegen zum Einheitsbrei werden könnte, ist gering, denn über die Wege zu diesem Ziel wird es nach wie vor unterschiedliche Vorstellungen geben. Das liegt schon daran, dass Lebensqualität viel mehr Facetten hat als das simpel gestrickte Geld, und deshalb von allen Beteiligten viel mehr Sorgfalt im Denken und Handeln verlangt.
Natürlich wird dieser „Switch“ vom Lebensstandard zur Lebensqualität in der Politik so wenig wie anderswo von heute auf morgen erfolgen. Aber an den Rändern der etablierten politischen Blöcke wird es mehr und mehr Persönlichkeiten geben, die nicht mehr an die Unfehlbarkeit ihrer Parteilinie glauben, sondern sich an Individuen von den Rändern anderer Parteien mit der Aufforderung wenden, im Bewusstsein über das gemeinsame Ziel Lebensqualität über die Wege dahin zu streiten und nach konstruktiven Lösungen zu suchen.
Lebensqualität ermöglichen
Dabei werden sie sich von einem grundliberalen Konsens leiten lassen müssen: Was Lebensqualität bedeutet, kann jede und jeder nur für sich selbst entscheiden. Staatliche Zwangsbeglückungsmaßnahmen verbieten sich damit von selbst. Der Staat kann für seine Bürgerinnen und Bürger keine Lebensqualität direkt produzieren. Er kann die Entfaltung individueller Lebensqualität „nur“ fördern – oder behindern. Das müsste allerdings ausreichen, um bei allen politischen Entscheidungen die Frage zu stellen, wie sie sich wohl auf das Lebensqualitäts-Konto der BürgerInnen auswirken werden.
Und solche Auswirkungen gibt es natürlich. Wir leben zwar in einer individualisierten Gesellschaft, in der die meisten – zu Recht – davon ausgehen, sie seien für ihre eigene Lebensqualität mehrheitlich selbst verantwortlich. Mehrheitlich, aber eben nicht ausschließlich. Es gibt nun mal Lebensqualitäts-Sphären, die von gemeinschaftlichen, also politischen Entscheidungen stark geprägt werden. Erinnert sei nur an Stichworte wie soziale Sicherheit, Infrastruktur oder Zustand der Umwelt.
Bei aller Sympathie für den rein individualistischen Blick: Unsere persönliche Lebensqualität ist eng verzahnt mit Politik. Was dort geschieht, kann uns deshalb bei unserer Lebensgestaltung nicht einfach egal sein. Wenn wie hier vorhergesagt möglichst viel Lebensqualität für möglichst viele tatsächlich zum neuen großen gemeinsamen gesellschaftspolitischen Projekt wird, dann wird sich das unweigerlich positiv auf unser Lebensqualitäts-Konto auswirken.
Apropos vorhergesagt: Ganz von selbst wird das nicht kommen. Es braucht uns, die wir zunächst feststellen, dass wir nicht allein sind damit, Lebensqualität zu dem zu erklären, worum es im Leben geht, um uns dann zu vernetzen und entsprechende Erwartungen an die Politik zu formulieren. Nur so wird Lebensqualität tatsächlich zu unserem Projekt….
Die Kernthesen dieses Beitrags wurden in der spirit-ch-Umfrage über „Politik und Lebensqualität“ auf ihre Resonanz hin überprüft. Erste Ergebnisse der Befragung, welche diese Thesen weitgehend bestätigen, finden Sie hier.