{"id":565,"date":"2017-03-13T14:53:43","date_gmt":"2017-03-13T14:53:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=565"},"modified":"2017-03-13T14:53:43","modified_gmt":"2017-03-13T14:53:43","slug":"das-dilemma-der-evolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=565","title":{"rendered":"Das Dilemma der Evolution"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/aktuell\/tribunal.0.jpg\" width=\"364\" height=\"273\" alt=\"tribunal.0\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"Titel3rot\">\u00dcbungsabbruch oder Weitermachen?<\/span> <\/p>\n<p class=\"Stil28\"><em>Dieser philosophische Mini-Krimi wurde vorgetragen an der Eulenrunde von Philothea Flawil am 14. M\u00e4rz 2017<\/em><\/p>\n<p><strong>Das Dilemma der Evolution: \u00dcbungsabbruch oder Weitermachen?<\/strong><\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p class=\"mittel\">Das Tribunal ist bereit. In der Mitte thront der vorsitzende Richter. Vor ihm sitzen die beiden Parteien, vertreten jeweils durch Ihre Anw\u00e4lte. Und dahinter befinden sich die Sitzreihen der Jury, bestehend aus den Geschworenen, also aus Ihnen, verehrte Damen und Herren.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Der Vorsitzende kommt gleich zur Sache: \u00bbUnser Tribunal ist heute versammelt, um \u00fcber eine Frage zu entscheiden, die uns eine uns allen wohlbekannte Dame vorgelegt hat \u2013 die Evolution. Worum es geht, erkl\u00e4rt sie uns am besten gleich selber. Frau Evolution, ich erteile Ihnen das Wort.\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">Die Evolution steht auf und beginnt Ihre Ausf\u00fchrungen: \u00bbEuer Ehren, hochverehrte Anw\u00e4lte und Zeugen, ebenso hochverehrte Damen und Herren Geschworene. Ich stehe heute hier vor Ihnen, um Sie \u00fcber eine Frage entscheiden zu lassen, die mich seit l\u00e4ngerem umtreibt: Soll ich auf diesem Planeten mit meinem Experiment weitermachen, oder soll ich die \u00dcbung abbrechen?<\/p>\n<p class=\"mittel\">Wohlgemerkt: Es geht mir nicht um meine bisherige T\u00e4tigkeit auf dem Globus insgesamt. Es geht mir um einen speziellen Teilaspekt. Sie ahnen es vermutlich schon: In Frage stelle ich die Entwicklung der Spezies Mensch.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Wenn Sie sich vor Augen halten, dass meine T\u00e4tigkeit vor Milliarden von Jahren mit dem Urknall begonnen hat und dass daraus ein riesiges Universum geworden ist, fragen Sie sich vielleicht, warum f\u00fcr mich ein Problem auf einem winzigen Planeten am Rande einer unbedeutenden Galaxis eine derartige Bedeutung hat, dass ich daf\u00fcr eigens ein Tribunal einberufe. Nun, dieser kleine blaue Planet lag mir immer schon besonders am Herzen. Ich habe einiges investiert, um darauf die Entwicklung jenes bl\u00fchenden und vielf\u00e4ltigen Lebens zu erm\u00f6glichen, das Sie alle kennen.<\/p>\n<p class=\"mittel\">F\u00fcr meine Zeitmassst\u00e4be ist es erst ein Wimpernschlag her, seit ich die Entwicklung einer Spezies bef\u00f6rdert habe, die ein Gehirn aufweist, dessen Gr\u00f6sse und Leistungsf\u00e4higkeit alles auf der Erde bisher Bekannte deutlich \u00fcbertraf. Es geht um jene Art von Primaten, die sich selbst als Mensch bezeichnet.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Wenn ich aus heutiger Sicht auf dieses mein Experiment zur\u00fcckblicke, befinde ich mich einem Dilemma. Vieles spricht daf\u00fcr, dass mein Experiment gegl\u00fcckt ist. Aus den bescheidenen Anf\u00e4ngen einer in den Steppen Afrikas aufrecht gehenden Primatenart ist eine Spezies geworden, die sich \u00fcber den ganzen Planeten ausgebreitet und diesen nachhaltig ver\u00e4ndert hat. Die Menschen haben gelernt, ihre Umwelt nach ihren Bed\u00fcrfnissen zu ver\u00e4ndern, indem sie ihr Gehirn dazu benutzt haben, bewundernswerte Wissenschaften und Techniken zu entwickeln, getrieben von einer enormen Neugier und einem ebenso grossen Gestaltungsdrang.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Das hat dazu gef\u00fchrt, dass die Menschen heute sicherer und komfortabler leben als jede andere Spezies auf diesem Planeten. Das gef\u00e4llt mir nat\u00fcrlich, ebenso wie die Tatsache, dass diese Art ihre erstaunlichen Gehirnkapazit\u00e4ten auch zur Schaffung wunderbarer zivilisatorischer und kultureller Leistungen genutzt hat. Wenn ich mir eine von Menschenhand gebaute Kathedrale ansehe und darin einer Musik von Bach lausche, bin ich zu Tr\u00e4nen ger\u00fchrt und finde mein Werk ganz einfach gut.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Doch es gibt nat\u00fcrlich auch die Kehrseite. Wenn ich mir anschaue, dass die Menschheit bis heute nicht gelernt hat, ihre Konflikte friedlich zu l\u00f6sen, sondern sich immer noch gegenseitig die K\u00f6pfe einschl\u00e4gt, kommt mich das kalte Grausen an. Ebenso beim Betrachten der Tatsache, dass die Reicht\u00fcmer dieser Erde nach wie vor nicht gerecht verteilt sind und dass diese Ungleichheit w\u00e4chst statt schrumpft.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Am meisten Zweifel an der Existenzberechtigung der Spezies Mensch habe ich jedoch dann, wenn ich sehe, dass diese ihre nat\u00fcrliche Umwelt nach wie vor brutal zerst\u00f6rt und mittlerweile mit der Erderhitzung die Zukunft eines grossen Teils des Lebens auf diesem Planeten gef\u00e4hrdet. Sicher, die Menschen werden es nicht schaffen, alles Leben auf der Erde auszul\u00f6schen. Dieses h\u00e4tte eine Zukunft auch ohne den Menschen. Aber es t\u00e4te mir sehr weh, wenn ich mitansehen m\u00fcsste, dass viele der von mir liebevoll geschaffenen Spielarten des Lebens unwiederbringlich verschwinden m\u00fcssten.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Dieses Dilemma stellt mich unweigerlich vor die Frage, ob ich das Experiment Mensch abbrechen soll, oder ob ich ihm noch eine Chance gebe. Und weil ich in dieser Frage innerlich gespalten bin, delegiere ich es an Sie, hochverehrtes Tribunal, sie f\u00fcr mich zu beantworten.\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">Der Richter ergreift wieder das Wort: \u00bbDanke f\u00fcr Ihre Ausf\u00fchrungen, Frau Evolution. Ich glaube, wir wissen jetzt, worum es geht. Zun\u00e4chst erteile ich das Wort dem Anwalt jener Partei, die f\u00fcr einen \u00dcbungsabbruch pl\u00e4diert.\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">Der angesprochene Anwalt, ganz in schwarz gekleidet, erhebt sich und beginnt sein Pl\u00e4doyer: \u00bbEuer Ehren, werte Jurymitglieder. Die Evolution, die uns letztlich die Frage gestellt hat, ob ihr eigenes Experiment mit der Entwicklung der Spezies Mensch gegl\u00fcckt sei oder nicht, hat diese Frage zum Schluss ihres Votums eigentlich schon selber beantwortet. Sie hat mit wenigen d\u00fcrren Worten eine biologische Art geschildert, die f\u00fcr das ganze Leben auf der Erde, das sich \u00fcber Milliarden von Jahren m\u00fchsam entwickelt hat, zu einer Belastung und zu einer Bedrohung geworden ist. Wenn die Evolution also nicht Gefahr laufen will, dass wegen der einen Spezies alles von ihr sonst geschaffene Leben ausgerottet wird, muss sie diese \u00dcbung abbrechen und die Menschheit von der Erde wieder entfernen.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Sie hat die schlimmen Produkte der Menschheit bereits angesprochen: Kriege. Ungerechtigkeit. Armut. Naturzerst\u00f6rung. Sie alle wissen, wenn Sie nicht gerade Scheuklappen tragen, um den schlimmen Zustand dieser Welt. Und das Schlimmste ist, dass es keine Aussicht auf eine Verbesserung dieses Zustands gibt. G\u00e4be es diese Hoffnung, w\u00fcrde ich mir \u00fcberlegen, f\u00fcr eine Fortsetzung des Experiments Mensch zu pl\u00e4dieren.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Dass es sie nicht gibt, liegt an Ihnen selbst, verehrte Madame Evolution. Denn Sie haben, mit Verlaub, bei der Erschaffung der Spezies Mensch gepfuscht. Sie haben ihn so geschaffen, dass er gar nicht anders kann, als sich dumm und zerst\u00f6rerisch zu verhalten.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Als Beweis f\u00fcr diese These habe ich sieben Kronzeugen aufgerufen. Sie alle sind elementare Bestandeile der menschlichen Natur und deshalb vital und einflussreich wie eh und je. Sie alle haben das menschliche Verhalten seit jeher beeinflusst und bestimmt, und es gibt keinen Grund zur Hoffnung, dass sich das jemals \u00e4ndern k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"mittel\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/aktuell\/tribunal.1.jpg\" width=\"364\" height=\"273\" alt=\"tribunal.1\" \/><\/p>\n<p class=\"mittel\">Darf ich vorstellen? Die sieben Laster, die manchmal f\u00e4lschlich auch als sieben Tods\u00fcnden bezeichnet werden. Dabei geht es \u201enur\u201c um schlechte Charaktereigenschaften, die den Menschen offenbar unausrottbar angeboren sind. Ich verwende f\u00fcr diese Vorstellung bewusst die Bezeichnungen und Beschreibungen der klassischen Theologie, die f\u00fcr mich durchaus bis heute G\u00fcltigkeit haben:<\/p>\n<ul>\n<li class=\"mittel\">\u00d8 Superbia oder Hochmut. Dazu geh\u00f6ren Stolz, Eitelkeit und \u00dcbermut.<\/li>\n<li class=\"mittel\">\u00d8 Avaritia oder Geiz, dessen Kehrseite die Habgier ist.<\/li>\n<li class=\"mittel\">\u00d8 Luxuria oder Wollust. Dieses antiquierte Wort verstehen wir besser, wenn wir von Ausschweifung, Genusssucht und Begehren reden.<\/li>\n<li class=\"mittel\">\u00d8 Ira oder Zorn, inklusive Wut und Rachsucht.<\/li>\n<li class=\"mittel\">\u00d8 Gula oder V\u00f6llerei. Darunter verstehen wir Gefr\u00e4ssigkeit, Masslosigkeit und Selbstsucht.<\/li>\n<li class=\"mittel\">\u00d8 Invidia oder Neid, also Eifersucht und Missgunst.<\/li>\n<li class=\"mittel\">\u00d8 Acedia oder Faulheit, wozu auch Feigheit, Ignoranz und Tr\u00e4gheit des Herzens geh\u00f6ren.<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"mittel\">Ich \u00fcberlasse es Ihnen, werte Geschworene, sich bei jedem dieser aufgef\u00fchrten Laster zu \u00fcberlegen, welche verheerenden Folgen sie f\u00fcr das menschliche Zusammenleben haben. Ein Gesch\u00f6pf, das mit solchen Charaktereigenschaften ausgestattet ist, taugt nicht zu Herrschaft \u00fcber unseren Planeten. Und sagen Sie mir nicht, die Menschheit bek\u00e4mpfe diese Laster entschieden. Im Gegenteil: Gerade hat das amerikanische Volk einen Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt, der alle sieben Laster geradezu prototypisch verk\u00f6rpert. Wenn Sie sich das vergegenw\u00e4rtigen, k\u00f6nnen Sie eigentlich nur zu einem Urteil kommen.\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">Die Anw\u00e4ltin der Gegenpartei ist in hellen Farben gekleidet und legt gleich los: \u00bbWerter Herr Kollege, Sie haben zu Recht auf die Existenz der sieben Laster hingewiesen, die zur Grundausstattung des Menschen zu geh\u00f6ren scheinen. Insofern ist es richtig, dass der Mensch als Gesch\u00f6pf der Evolution ein Erbst\u00fcck mit sich tr\u00e4gt, das schlimme Folgen nicht nur haben kann, sondern offensichtlich auch hat.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Doch Sie haben vergessen zu erw\u00e4hnen, dass die Evolution gleichzeitig im Menschen auch ein Gegenst\u00fcck angelegt hat, n\u00e4mlich die vier Kardinalstugenden. In unserer Tradition gelten diese als christliche Kardinalstugenden, doch mir scheint, deren Geltung und deren Wirksamkeit bei der Weckung der hellen Seiten des Menschen gilt universal.<\/p>\n<p class=\"mittel\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/aktuell\/tribunal.2.jpg\" width=\"364\" height=\"273\" alt=\"tribunal.2\" \/><\/p>\n<p class=\"mittel\">Der Philosoph Josef Pieper macht in der Tradition von Thomas von Aquin die folgenden christlichen Kardinalstugenden aus:<\/p>\n<p class=\"mittel\">&#8211; Klugheit<\/p>\n<p class=\"mittel\">&#8211; Gerechtigkeit<\/p>\n<p class=\"mittel\">&#8211; Tapferkeit<\/p>\n<p class=\"mittel\">&#8211; M\u00e4ssigung<\/p>\n<p class=\"mittel\">Dabei r\u00e4umt er der Klugheit den ersten Rang ein. Aus ihr heraus werden alle anderen Tugenden geboren. Die Klugheit ist das Ma\u00df der Gerechtigkeit, der Tapferkeit und der M\u00e4\u00dfigung. In der orientierungslosen Nachkriegszeit fasste er diesen christlichen Glaubensgrundsatz pr\u00e4gnant zusammen:<\/p>\n<p><em>Keinen Satz der klassisch-christlichen Lebenslehre gibt es, der dem Ohr des heutigen Menschen, auch des Christen, so unvertraut, ja so fremd und wunderlich klingt wie dieser: dass die Tugend der Klugheit die Geb\u00e4rerin und der Formgrund aller \u00fcbrigen Kardinalstugenden ist, der Gerechtigkeit, der Tapferkeit und der M\u00e4ssigung: dass also nur wer klug ist, auch gerecht, tapfer und massvoll sein kann; und dass der gute Mensch gut ist kraft seiner Klugheit. <\/em><\/p>\n<p class=\"mittel\"><em> <\/em>Die vier genannten Tugenden sind das beste Gegenmittel, um die negativen Auswirkungen der sieben Laster zu bek\u00e4mpfen. M\u00e4ssigung etwa hilft gegen Wollust und V\u00f6llerei, Gerechtigkeit gegen Hochmut und Zorn, aber auch gegen den Neid. Tapferkeit heilt Faulheit.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Und Klugheit, die wir auch etwas weniger hochtrabend als Vernunft bezeichnen k\u00f6nnten, ist \u00e4usserst hilfreich, wenn es darum geht, dass der Mensch die negativen Auswirkungen von Habgier und Geiz erkennt, schadet dieses Laster doch nicht nur den anderen, sondern letztlich auch dem Habgierigen selbst.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Werte Geschworene! Ich kann es nicht leugnen: Die Evolution, die uns heute um einen Entscheid ersucht, hat selbst im Menschen ausreichend negative Eigenschaften angelegt, die einen sofortigen Abbruch der \u00dcbung Menschheit rechtfertigen w\u00fcrden. Doch sie hat in ihrer Weisheit auch gleich das Gegengift mitgeliefert, die vier Tugenden, die ich hier als Kronzeugen mitgebracht habe. Sie sind, wenn wir sie ausrechend hoch sch\u00e4tzen und richtig einsetzen, sehr wohl in der Lage, den etwas ungl\u00fccklichen real existierenden Menschen zu einem besseren Wesen zu machen. Darauf sollten wir setzen und der Menschheit noch eine Chance geben sich weiterzuentwickeln.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Doch gibt es diese Chance wirklich? Erlauben Sie, Herr Vorsitzender, dass ich als Zeugen eine Sachverst\u00e4ndige aufrufe, die mithelfen k\u00f6nnte, diese Frage zu kl\u00e4ren?\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">Die Bitte wird ihr gew\u00e4hrt. Auftritt als Sachverst\u00e4ndige die Reife. Anw\u00e4ltin: \u00bbSie stehen f\u00fcr die Idee, der Mensch sei nicht ein f\u00fcr allemal festgelegt, sondern k\u00f6nne sich entwickeln, und zwar in Form von Reifung in eine positive Richtung. Gilt das f\u00fcr alle Menschen?\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">Reife: \u00bbJa, wenn Sie den Schwerpunkt auf \u201ek\u00f6nnen\u201c legen. Einen Automatismus gibt es nicht. Zwar erh\u00f6ht die stetig zunehmende menschliche Lebensdauer die Chancen auf Reifung, denn jeder Reifungsprozess braucht seine Zeit. Doch es gilt die Regel: \u00c4lter werden wir von allein \u2013 reifer nicht. Nehmen Sie als Beispiel den in diesem Prozess schon einmal erw\u00e4hnten neuen amerikanischen Pr\u00e4sidenten. Der ist zwar schon siebzig, aber er verk\u00f6rpert s\u00e4mtliche Merkmale von Unreife. Bei ihm herrschen die sieben Laster ungehemmt, von einer erstarkenden Rolle der Tugenden ist leider nichts zu sp\u00fcren.\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">Anw\u00e4ltin: \u00bbGibt es dennoch eine Chance, dass gen\u00fcgend Menschen im positiven Sinne reifen, um die Menschheit insgesamt reifer und besser zu machen?\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">Reife: \u00bbJa, die gibt es. Seit \u00fcber einem Jahr gibt es jetzt im deutschen Nachrichtenmagazin \u201eDer Spiegel\u201c eine Rubrik mit dem sch\u00f6nen Namen \u201eFr\u00fcher war alles schlechter\u201c. Darin wird immer wieder \u00fcberzeugend nachgewiesen, dass die Menschheit tats\u00e4chlich auf vielen Gebieten Fortschritte gemacht hat. Allein das ist Beweis genug daf\u00fcr, dass die Menschheit grunds\u00e4tzlich dazu f\u00e4hig ist, sich in Richtung des Besseren weiterzuentwickeln. Im Menschen ist die F\u00e4higkeit angelegt, stetig dazuzulernen und dadurch zu reifen. Eine Garantie daf\u00fcr, dass die Spezies Mensch diese Chance auch nutzt, gibt es nat\u00fcrlich nicht, doch ein Blick zur\u00fcck zeigt, dass sie es immer weder getan hat. Ich bin deshalb optimistisch, dass die Menschheit auch in Zukunft weiter reifen wird.\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">Danach ruft der Anwalt der Partei mit der schwarzen Weltsicht ebenfalls einen Sachverst\u00e4ndigen in den Zeugenstand, den Realismus, und fragt ihn: \u00bbHerr Realismus, halten Sie es f\u00fcr m\u00f6glich, dass die im Menschen angelegten Tugenden es eines Tages schaffen werden, die unzweifelhaft vorhandenen Laster zu \u00fcberwinden?\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">Realismus: \u00bbNein, das glaube ich nicht. Nehmen Sie als Beispiel nur die Untugend der Gier, verbunden mit jener der Masslosigkeit. Noch immer bestimmt diese Kombination wesentliche Teile unseres Wirtschaftslebens. Ich denke dabei nicht nur die Abzocker ganz oben. Auch wenn ein sogenannt Kleiner seine Versicherung bescheisst, wird er von diesen Untugenden getrieben. Viele, ja allzu viele Menschen glauben immer noch, immer mehr materielle G\u00fcter w\u00fcrden sie zufriedener oder gar gl\u00fccklicher machen. Dabei ist l\u00e4ngst bewiesen, dass das nicht stimmt. Doch masslose Gier erweist sich als st\u00e4rker denn die Tugend der Vernunft. Das stimmt mich in Sachen Lernf\u00e4higkeit der Menschheit eher pessimistisch.\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">Anwalt: \u00bbDann stimmen Sie also meiner zugegebenermassen drastischen Diagnose zu, wonach der Mensch eine Fehlkonstruktion ist, von seinen Anlagen her dazu verdammt, in absehbarer Zeit sich selbst und wesentliche Teile seiner nat\u00fcrlichen Umwelt zu zerst\u00f6ren?\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">Realismus: \u00bbIn der Tat spricht vieles f\u00fcr diese Diagnose, so traurig sie auch klingt. Den Menschen als Krone der Sch\u00f6pfung zu betrachten, wie dies viele immer noch tun, halte ich jedenfalls f\u00fcr eine Illusion. Und wenn, dann handelt es sich um eine ziemlich j\u00e4mmerliche Krone. Sicher, im Menschen sind auch positive Seiten angelegt, wie die vier hier als Kronzeuginnen anwesenden Tugenden zeigen. Aber es scheint mir kein Zufall zu sein, dass es in der klassischen \u00dcberlieferung sieben Laster gibt, aber nur vier Tugenden. F\u00fcr mich ist das ein Abbild der tats\u00e4chlichen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse. Deshalb sind am Ende die Laster meist st\u00e4rker als die Tugenden.\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">Der Anwalt hat keine weiteren Fragen an den Sachverst\u00e4ndigen, wohl aber die Anw\u00e4ltin: \u00bbHerr Realismus, Sie haben in Ihren Aussagen Formulierungen wie \u201eeher pessimistisch\u201c oder \u201emeist st\u00e4rker\u201c verwendet. Das weist darauf hin, dass Sie nicht von Gewissheiten reden, sondern h\u00f6chstens von Wahrscheinlichkeiten. Stimmen Sie mir da zu?\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">Realismus: \u00bbJa, das stimmt. Auch der \u00fcberzeugteste Realist hat nie Gewissheit, wenn es um die Zukunft geht, denn die Zukunft ist grunds\u00e4tzlich offen. Er kann h\u00f6chstens Wahrscheinlichkeiten absch\u00e4tzen. Dabei allerdings \u00fcberwiegt f\u00fcr mich die Wahrscheinlichkeit, dass das evolution\u00e4re Experiment mit der Menschheit b\u00f6se enden wird.\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">Der Richter bittet die beiden Anw\u00e4lte um ein kurzes Schlusspl\u00e4doyer.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Anwalt: \u00bbWerte Geschworene, Sie haben es gerade geh\u00f6rt: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen nicht in der Lage sein werden, gen\u00fcgend schnell gen\u00fcgend viel dazuzulernen, ist wesentlich h\u00f6her als jene, dass dies gelingen k\u00f6nnte. Es macht daher keinen Sinn, dass die Evolution dieses Experiment weiterf\u00fchrt und damit den ganzen Globus gef\u00e4hrdet. Entscheiden Sie daher f\u00fcr \u00dcbungsabbruch.\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">Anw\u00e4ltin: \u00bbMeine Damen und Herren Geschworene, vergessen Sie bei Ihrer Entscheidung bitte nicht eine bisher nicht erw\u00e4hnte weitere Eigenschaft, die im Menschen angelegt ist: das Prinzip Hoffnung. Diese stirbt bekanntlich zuletzt, und so lange es nicht mit Sicherheit auszuschliessen ist, dass die Menschheit doch noch die Kurve zum Besseren schafft, lebt die Hoffnung weiter. Sie haben geh\u00f6rt, dass es diese Chance durchaus gibt, und so lange das so ist, sollte die Evolution mit ihrem Experiment Menschheit weitermachen.\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p class=\"mittel\">Die Jury zieht sich zur Beratung zur\u00fcck. Der vorsitzende Richter erkl\u00e4rt ihr, wie aus seiner Sicht die Ausgangslage und die Entscheidungssituation aussieht: \u00bbMeine Damen und Herren, Sie stehen vor einem schweren Entscheid. Sie k\u00f6nnten zu Recht bef\u00fcrchten, dass eine Entscheidung zugunsten eines \u00dcbungsabbruchs nicht nur Ihre eigene Ausl\u00f6schung bedeuten w\u00fcrde, sondern auch jene Ihrer Kinder und Enkel, und das kann niemand, der nicht von schweren Depressionen geplagt wird, wirklich wollen.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Ich kann Sie allerdings beruhigen. Wenn ich die Evolution richtig verstanden habe, geht es ihr nicht um Sofortmassnahmen. Bedenken Sie, dass die Evolution in sehr langen Zeitr\u00e4umen wirkt und deshalb auch denkt. Ein paar Generationen der Menschheit sind f\u00fcr sie ein Nichts, auch wenn es uns damit anders geht.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Nein, ich glaube, die Evolution ist einfach zutiefst verunsichert. Sie weiss nicht mehr, ob es richtig oder falsch war, auf unserem sch\u00f6nen Planeten, der sehr lange ganz gut ohne die Menschen gelebt hat, diese neue Spezies einzuf\u00fchren, die in erdgeschichtlich k\u00fcrzester Zeit so viel in Bewegung gebracht hat, im Guten wie im Schlechten.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Die Evolution hat diese neue Spezies mit einer geh\u00f6rigen Portion der F\u00e4higkeit zur Selbsterkenntnis ausgestattet. Und diese F\u00e4higkeit m\u00f6chte sie jetzt nutzen. Sie m\u00f6chte wissen, wie die Betroffenen das selbst sehen: Glauben die Menschen, dass sie von der Evolution mit gen\u00fcgend positiven F\u00e4higkeiten und Eigenschaften ausgestattet worden sind, um die Wende zum Besseren zu schaffen? Oder sind sie der Ansicht, dass ihn ihnen die destruktiven Eigenschaften und Kr\u00e4fte \u00fcberwiegen, so dass keine Aussicht auf Besserung besteht?<\/p>\n<p class=\"mittel\">Die Entscheidung liegt jetzt bei Ihnen: Wenn Sie der Ansicht sind, der Mensch sei eine Fehlkonstruktion, entscheiden Sie f\u00fcr \u00dcbungsabbruch. Und wenn Sie glauben, es bestehe eine realistische Chance, die in im Menschen vorhandenen Tugenden k\u00f6nnten seine Laster mehr und mehr im Schach halten, dann stimmen Sie f\u00fcr Weitermachen. Ich bitte jetzt um Ihr Votum.\u00ab<\/p>\n<p> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/aktuell\/tribunal.3.jpg\" width=\"364\" height=\"273\" alt=\"tribunal.3\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/aktuell\/tribunal.0_kl.jpg\" width=\"175\" height=\"131\" alt=\"tribunal.0_kl\" \/><\/p>\n<p>\u00dcbungsabbruch oder Weitermachen?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-565","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-spirit-ch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/565","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=565"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/565\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=565"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=565"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=565"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}