{"id":556,"date":"2016-04-14T10:35:53","date_gmt":"2016-04-14T10:35:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=556"},"modified":"2016-04-14T10:35:53","modified_gmt":"2016-04-14T10:35:53","slug":"wahrhaftigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=556","title":{"rendered":"Wahrhaftigkeit"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/wahr.ast.jpg\" width=\"364\" height=\"273\" alt=\"wahr.ast\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"Titel3rot\"><strong>Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen vernachl\u00e4ssigten Wert<\/strong><\/span> <\/p>\n<p class=\"Stil28\"><em>Der Glaube an eine einzige, alles andere ausschliessende Wahrheit ist das pure Gegenteil von Wahrhaftigkeit. Damit k\u00f6nnte dieser Wert zum wertvollen Gegenmittel zur um sich greifenden Ideologisierung \u00f6ffentlicher Debatten werden.<\/em><\/p>\n<p><strong>Zum Anfang drei Zitate<\/strong><\/p>\n<p class=\"mittel\"><em>Wenn die Fakten nicht zur Theorie passen \u2013 umso schlimmer f\u00fcr die Fakten. (<\/em>Georg Wilhelm Friedrich Hegel)<\/p>\n<p class=\"mittel\"><em>Wenn die Fakten nicht zur Theorie passen, dann \u00e4ndere die Fakten. (<\/em>Albert Einstein)<\/p>\n<p class=\"mittel\"><em>Unlogischerweise werden Tatsachen verdreht, damit sie zu Theorien passen, anstatt Theorien den Tatsachen anzupassen. &#8211; Es ist ein kapitaler Fehler, eine Theorie aufzustellen, bevor man entsprechende Anhaltspunkte hat. Unbewusst beginnt man Fakten zu verdrehen, damit sie zu den Theorien passen, statt dass die Theorien zu den Fakten passen. (<\/em>Sir Arthur Conan Doyle, Sch\u00f6pfer von Sherlock Holmes)<\/p>\n<p class=\"mittel\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/wahr.rad.jpg\" width=\"364\" height=\"275\" alt=\"wahr.rad\" \/><\/p>\n<p class=\"klein\">Fakten sind bunt, Theorien grau&#8230;<\/p>\n<p><strong>Fr\u00fche Erkenntnis<\/strong><\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p class=\"mittel\">Als junger Marktforscher, also in grauer Vorzeit, war ich einmal Projektleiter einer Studie, die mein Institut im Auftrag der Schweizer Bierbrauer durchf\u00fchrte. Diese standen damals unter politischem Druck, die Bierpreise zu erh\u00f6hen, um vor allem Jugendliche von \u00fcberm\u00e4ssigem Biergenuss abzuhalten. Die Frage lautete, ob es tats\u00e4chlich einen Zusammenhang zwischen Bierpreis und Bierkonsum gebe, vor allem bei Jugendlichen.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Ich bin damals diese Frage auf verschiedenen methodischen Pfaden angegangen und zu einem eindeutigen Schluss gekommen: Es gibt keinen relevanten Zusammenhang, eine Preiserh\u00f6hung wird folglich nicht zu einer Konsumverminderung f\u00fchren. Dieses Ergebnis habe ich bei der Pr\u00e4sentation der Resultate den versammelten Bierbrauern mitgeteilt.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Nach der Pr\u00e4sentation kam der Chef einer Brauerei aus meinem damaligen Heimatkanton auf mich zu und \u00e4usserte sein Erstaunen. Er wusste, dass ich auch politisch aktiv war, und zwar f\u00fcr eine Partei, die eine Bierpreiserh\u00f6hung zwecks Jugendschutzes auf ihre Fahne geschrieben hatte. Ob dieser Widerspruch zwischen der Position meiner Partei und dem Ergebnis der Studie mir keine Probleme bereite, wollte er wissen.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Meine Antwort kam ganz spontan, ohne dass ich dar\u00fcber nachdenken musste: Im Zweifelsfall sind mir die Fakten immer wichtiger als eine ideologische Theorie. Damals wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie wichtig mir der Wert Wahrhaftigkeit ist. Und aus heutiger Sicht weiss ich, dass ich deswegen die Politik l\u00e4ngst aufgegeben habe, aber Sozialforscher geblieben bin.<\/p>\n<p class=\"mittel\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"wahr.weg\" height=\"273\" width=\"364\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/wahr.weg.jpg\" \/><\/p>\n<p class=\"klein\">Eigenes Denken auf dem Boden der Tatsachen&#8230;<\/p>\n<p><strong>Ohne Fakten kein eigenst\u00e4ndiges Denken<\/strong><\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p class=\"mittel\">Im Nachlass meines Vaters, der \u00fcbrigens ironischerweise lange als Chauffeur in jener Brauerei gearbeitet hatte, deren Besitzer mich zu meiner erhellenden Antwort gebracht hatte, fand sich auf einem Zettel in seiner Handschrift dieser Satz: \u201eWer sich das Denken abnehmen l\u00e4sst, dieses einzig absolut Eigene, was der Mensch besitzt, mit dem ist es aus.\u201c<\/p>\n<p class=\"mittel\">Dieses Verm\u00e4chtnis habe ich \u00fcbernommen und es auf meine Weise erweitert. Dabei half mir eine Erkenntnis, die sich im Laufe eines langen Lebens verfestigt und vertieft hat: Am Anfang jedes eigenst\u00e4ndigen Denkens stehen die Fakten. Oder, um es pathetisch zu formulieren, die Suche nach Wahrheit. Diese Suche ist es, die f\u00fcr mich der Wert Wahrhaftigkeit bedeutet.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Ein wichtiges literarisches Vorbild, das diesen Wert Wahrhaftigkeit verk\u00f6rpert, war und ist f\u00fcr mich der Meisterdetektiv Sherlock Holmes und sein eingangs zitiertes Pl\u00e4doyer f\u00fcr den unbedingten Vorrang der Fakten vor den Theorien. Die Lehre aus den Detektivgeschichten ist klar: Vorgefasste Meinungen, also Theorien und Ideologien, verzerren den Blick auf die Wirklichkeit. Und mit einem verzerrten Bild der Welt l\u00e4sst sich weder ein Kriminalfall l\u00f6sen noch ein gesellschaftliches Problem.<\/p>\n<p class=\"mittel\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/wahr.lamp.jpg\" width=\"364\" height=\"273\" alt=\"wahr.lamp\" \/><\/p>\n<p class=\"klein\">Die Wahnidee von der einzigen Wahrheit&#8230;<\/p>\n<p><strong>Wahrheiten aushalten<\/strong><\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p class=\"mittel\">In einem Fernsehinterview \u00e4usserte neulich eine Anh\u00e4ngerin der deutschen Pegida-Protestbewegung auf den Vorhalt, eine von ihr eben vorgetragene Horrorgeschichte \u00fcber b\u00f6se Ausl\u00e4nder stimme nachweisbar nicht, sinngem\u00e4ss: \u00bbDas mag ja sein, aber ich glaube die Geschichte trotzdem!\u00ab<\/p>\n<p class=\"mittel\">Im Klartext heisst das: \u201eDie Fakten sind mir sch&#8230;.egal, Hauptsache, ich kann mich weiterhin im Schrebergarten meiner Vorurteile bequem einigeln. Ich glaube an die eine einzige Wahrheit, und der muss sich alles andere unterordnen.\u201c<\/p>\n<p class=\"mittel\">Das Motto einer ungew\u00f6hnlichen Wissenschaftssendung im \u00f6sterreichischen Fernsehen lautet: <em>Wer nichts weiss, muss alles glauben.<\/em> Deshalb werden in dieser Serie auf ebenso kluge wie vergn\u00fcgliche Weise wissenschaftliche Wahrheiten pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Wahrheiten wohlgemerkt, nicht Wahrheit. Wer dem Lockruf des Werts Wahrhaftigkeit folgt, wird schnell zur Einsicht gelangen, dass es so etwa wie <em>die<\/em> Wahrheit nicht gibt. Vielmehr ist die Welt voller Wahrheiten, die viel zu vielschichtig, komplex und widerspr\u00fcchlich sind, um sich f\u00fcr unser beschr\u00e4nktes Menschengehirn jemals zur einen und einzigen Wahrheit zusammenf\u00fcgen zu lassen.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Vor vielen Jahren gab es in der Schweiz mal einen kleinen Skandal: Der mit der Gestaltung des Schweizer Beitrags zu einer Weltausstellung beauftragte K\u00fcnstler hatte die Losung ausgegeben: La Suisse n\u2019existe pas! Die Schweiz existiert nicht! Wackere Patrioten empfanden dies als Angriff auf ihr L\u00e4ndle. Dabei hatte der K\u00fcnstler doch nur gemeint, dass es die eine, einheitliche und einzige Schweiz nicht g\u00e4be, sondern stattdessen eine bunte Vielfalt unterschiedlicher Schweizen: <em>Die <\/em>Schweiz existiert nicht&#8230;<\/p>\n<p class=\"mittel\">Was f\u00fcr dieses kleine Land gilt, gilt nat\u00fcrlich \u00fcberall: Statt uns dar\u00fcber zu streiten, welches die eine Wahrheit sei, sollten wir die Existenz vieler Wahrheiten akzeptieren, ja als Bereicherung erleben. Doch das scheint alles andere als einfach. Auf seiner eigenen \u201eWahrheit\u201c zu beharren und alle Fakten auszusperren, die dieser widersprechen k\u00f6nnten, ist eine geistige Untugend, die sich keineswegs auf Pegida-Anh\u00e4nger beschr\u00e4nkt. Die Welt nur aus der eingeschr\u00e4nkten Perspektive der eigenen Scheuklappen wahrzunehmen, engt zwar die geistige Freiheit ein, ist aber auch sehr bequem&#8230;<\/p>\n<p class=\"mittel\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/wahr.schlaufe.jpg\" width=\"364\" height=\"273\" alt=\"wahr.schlaufe\" \/><\/p>\n<p class=\"klein\">Wahrhaftigkeit kann \u00e4sthetisch sehr befriedigend sein&#8230;<\/p>\n<p><strong>Hoffnung<\/strong><\/p>\n<p class=\"mittel\">Gegen Dummheit k\u00e4mpfen G\u00f6tter selbst vergebens&#8230; In tr\u00fcberen Stimmungslagen bin ich bereit, dieser pessimistischen Einsch\u00e4tzung zu folgen. In helleren dagegen sehe ich keine andere M\u00f6glichkeit, als den Wert Wahrhaftigkeit zu f\u00f6rdern. Die Erfolge m\u00f6gen beschr\u00e4nkt sein, doch es gibt auch Hoffnung: Die Suche nach Wahrhaftigkeit, nach Wahrheiten jenseits der einen und einzigen, wird gen\u00e4hrt von starken menschlichen Antrieben: Neugier, Interesse, Offenheit, Lust am freien eigenen Denken. Und diese Antriebe lassen sich f\u00f6rdern, in der Erziehung und auch sp\u00e4ter.<\/p>\n<p class=\"mittel\">Am wichtigsten sind dabei glaubw\u00fcrdige Vorbilder, die \u00fcberzeugend vermitteln, dass Wahrhaftigkeit zwar einige geistige Anstrengungen erfordert, aber auch Befriedigung verschafft und Spass macht. Wahrhaftigkeit kann ansteckend sein&#8230;<\/p>\n<p class=\"mittel\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/wahr.schatt.jpg\" width=\"273\" height=\"364\" alt=\"wahr.schatt\" \/><\/p>\n<p class=\"klein\">Autor, dem Pfad der Wahrhaftigkeit folgend&#8230;<\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/wahr.ast_kl.jpg\" width=\"175\" height=\"131\" alt=\"wahr.ast_kl\" \/><\/p>\n<p><strong>Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen vernachl\u00e4ssigten Wert<\/strong><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-556","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-spirit-ch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/556","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=556"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/556\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=556"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=556"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=556"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}