{"id":549,"date":"2016-01-29T10:39:53","date_gmt":"2016-01-29T10:39:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=549"},"modified":"2016-01-29T10:39:53","modified_gmt":"2016-01-29T10:39:53","slug":"optimismus-und-vernunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=549","title":{"rendered":"Optimismus und Vernunft"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/leader0.jpg\" width=\"364\" height=\"273\" alt=\"leader0\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"Titel3rot\">Interview mit Andreas Giger \u00fcber die Zukunft<\/span> <\/p>\n<p class=\"Stil28\"><span class=\"mittel\"><em>Seit kurzem gibt es im renommierten deutschen Nachrichtenmagazin SPIEGEL eine Rubrik namens \u201eFr\u00fcher war alles schlechter\u201c, in der anhand von Fakten gezeigt wird, dass vieles auf dieser Welt eine positive Entwicklungstendenz hat. Diese These vertritt seit l\u00e4ngerem Zukunfts-Philosoph und spirit.ch-Mitbegr\u00fcnder Andreas Giger, auch in einem Interview mit der Zeitschrift \u201e Leader\u201c, Ausgabe M\u00e4rz3\/2016 (<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.leaderonline.ch\" rel=\"noopener\">www.leaderonline.ch<\/a>)<\/em><\/span><\/p>\n<p class=\"Stil28\"><span class=\"mittel\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/leader1.jpg\" width=\"364\" height=\"283\" alt=\"leader1\" \/><\/span><\/p>\n<p class=\"Stil10\"><span class=\"Titel3rot\">\u00abEs ist uns noch nie so gut gegangen wie heute\u00bb<\/span><\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><em>Finanzkrisen. Glaubenskriege. Umweltkatastrophen. Burnouts. Und eine Technik, die immer mehr menschliche Aufgaben \u00fcbernimmt. Die Zukunft zeichnet ein d\u00fcsteres Bild, w\u00fcrde man meinen. Doch Sozialwissenschaftler Andreas Giger appelliert an Optimismus und Vernunft. \u00abD\u00fcstere Prognosen relativieren sich, wenn man genauer hinschaut.\u00bb<\/em><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Interview: Nathalie Schoch \/ Portr\u00e4t-Bilder: Ulmann Ruedi<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Alles dreht sich heute um Produktivit\u00e4t und Wachstum. Immer mehr Menschen leiden unter diesem Druck. Geht es so weiter?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">W\u00fcnschbar w\u00e4re, dass diese Entwicklung eine Kehrtwende macht. Denn es gibt gen\u00fcgend Gr\u00fcnde, den Druck in der Arbeitswelt zu senken, wenn man die beachtliche Zahl an psychischen Erkrankungen betrachtet. Ich f\u00fcrchte aber, dass sich der Leidensdruck erh\u00f6hen muss, bis eine Umkehr<del datetime=\"2015-04-15T10:30\" cite=\"mailto:Andreas%20Giger\">ung<\/del> oder vielmehr ein Umdenken stattfindet. Auch wenn jeder Trend einen Gegentrend in sich hat, sehe ich ihn leider noch nicht. Er wird aber zwangsl\u00e4ufig kommen m\u00fcssen, sp\u00e4testens dann, wenn die H\u00e4lfte der Arbeitenden ein Burnout hat.<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Trotz des Drucks und den daraus resultierenden Gesundheitsproblemen werden die Menschen immer \u00e4lter. Sie arbeiten oft \u00fcbers Pensionsalter hinaus.Was wird sich dadurch&nbsp;\u00e4ndern?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Es gibt Bef\u00fcrchtungen, dass das Alter das Innovationspotenzial einer Wirtschaft schm\u00e4lert, weil \u00e4ltere nicht mehr so erfinderisch sind. Ich sehe das anders: Dadurch werden positive Tugenden&nbsp;wie Gelassenheit st\u00e4rker. Wie heisst es so sch\u00f6n: Der Junge ist zwar von A nach B schneller, aber der \u00c4ltere kennt die Abk\u00fcrzung. Ich denke, der Einfluss der \u00c4lteren wird sich in der Arbeitswelt eher noch st\u00e4rker auspr\u00e4gen.<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Sehen Sie nebst mehr Gelassenheit&nbsp;weitere Chancen der immer \u00e4lter werdenden Gesellschaft?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Zuerst einmal muss man sehen: Es ist historisch eine erstmalige Situation \u2013 und daran m\u00fcssen wir uns erst einmal gew\u00f6hnen respektive lernen, damit umzugehen. Die Chance sehe ich in einer gewissen Wandlung der Werte. Studien zeigen zum Beispiel, dass \u00d6kologie und Nachhaltigkeit eher ein Thema der \u00c4lteren sind. Obwohl es umgekehrt sein sollte. Und das zweite ist: Man besinnt&nbsp;&nbsp;sich im Alter eher darauf, was wirklich wichtig ist. Ohne diese Werte-Umstellung&nbsp;wird es auch kein Masshalten in der Arbeitswelt geben.<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Und die Risiken?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Hier stellt sich die Frage, wie wir das Ganze k\u00fcnftig finanzieren?&nbsp;&nbsp;Aber grunds\u00e4tzlich pl\u00e4diere ich daf\u00fcr,&nbsp;positiv zu denken. Das bringe ich auch in meinem Buch \u00abVision Schweiz\u00bb zum Ausdruck.<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Wird unsere Erde irgendwann unter der Last der Menschen zusammenbrechen?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Es gibt auch hier eine Gegenthese. Abgesehen davon gibt es&nbsp;eine Sammlung von eindr\u00fccklichen Fortschritten, die die Menschheit gemacht hat. Deshalb habe ich ein gewisses Vertrauen in die Lernf\u00e4higkeit der Menschen. Ob es schnell genug gehen wird, um gewisse Katastrophen auszuschliessen, kann man schon bezweifeln. Es ist h\u00f6chste Zeit, kl\u00fcger zu werden, aber den globalen Weltuntergang sehe ich nicht.<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Inwiefern sollten wir&nbsp; kl\u00fcger werden?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Indem wir Vernunft annehmen. Ein Beispiel: Wie vern\u00fcnftig ist es, einen derart hohen Anteil an Lebensmitteln wegzuwerfen? Das k\u00f6nnten wir doch drastisch reduzieren. Auch bei der Mobilit\u00e4t g\u00e4be es intelligentere L\u00f6sungen. Ans\u00e4tze wie Carsharing sind bereits da.<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Studien belegen, dass unsere Gesellschaft immer weniger Kinder \u00abproduziert\u00bb. Sterben wir bald aus?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Die Geburtenrate in unseren Breitengraden liegt weit unter dem Durchschnitt von 2 Kindern, allerdings ist der R\u00fcckgang eindeutig gestoppt worden, in der Schweiz und Deutschland ist sogar eine leichte Erh\u00f6hung festzustellen. Die Erkenntnis hierf\u00fcr lautet: <ins datetime=\"2015-04-15T10:35\" cite=\"mailto:Andreas%20Giger\">D<\/ins><del datetime=\"2015-04-15T10:35\" cite=\"mailto:Andreas%20Giger\">d<\/del>ie Zukunft ist gestaltbar. Skandinavien oder Frankreich haben dieses Problem bereits erkannt und Massnahmen getroffen: Grossz\u00fcgige Ausgaben f\u00fcr Familienleistungen, flexible Urlaubs- und Arbeitszeiten f\u00fcr V\u00e4ter und M\u00fctter sowie erschwingliche, hochwertige Kinderbetreuung. Das heisst, es ist kein unab\u00e4nderliches Schicksal. Aber man muss Anreize schaffen.<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Eine letzte gesellschaftliche Frage: Hat mit Facebook, Blog, Twitter oder den Selfies der Selbstdarstellungsdrang zugenommen?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Auch hier m\u00f6chte ich relativieren. Dazu ein ber\u00fchmtes Beispiel. Ende des 19. Jahrhunderts hat es sehr seri\u00f6se Prognosen gegeben, die besagten: Wenn der Droschkenverkehr derart zunimmt, werden die Strassen bald nur noch mit Rossbollen belegt sein. Stattdessen kam das Auto. Damit will ich sagen: Ich sehe im Internet nichts, was es nicht schon in anderer Form gegeben h\u00e4tte. Fr\u00fcher war es der postalische Brief, heute das Mail. Die Facebook-Community hat sich fr\u00fcher am Dorfbrunnen versammelt oder am Stammtisch. Und noch heute gibt es die Abendunterhaltung im Dorf, wo Vereinsleute ein Theaterst\u00fcck auff\u00fchren. Und diese Leute muss man vermutlich auch nicht auf die B\u00fchne pr\u00fcgeln. Den Selbstdarstellungsdrang hat es schon immer gegeben. Es gibt heute einfach mehr M\u00f6glichkeiten, folglich werden sie auch mehr genutzt.<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Sie hegen absolut keine Bedenken bez\u00fcglich der sozialen Medien?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Nein, denn die grosse Masse der dortigen Beitr\u00e4ge&nbsp;geht sowieso unwahrgenommen unter,&nbsp;und das wird irgendwann sicher auch zu einer gewissen Ern\u00fcchterung f\u00fchren. Nur eines ist mir unverst\u00e4ndlich, dass man so viel von seiner Privatsph\u00e4re preisgibt. Aber auch hier: Es ist ein \u00abneues\u00bb Medium, deshalb m\u00fcssen wir erst einmal lernen, mit ihm umzugehen. Zudem gibt es bereits Anzeichen daf\u00fcr, dass Jugendliche voraus denken, welche Ver\u00f6ffentlichung gut f\u00fcr sie ist und welche nicht. Auch bei Facebook zeigt sich, dass die Zahlen der Nutzung l\u00e4ngst nicht mehr so rasant wachsen wie zu Anfang.<\/p>\n<p class=\"mittel\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/leader2.jpg\" width=\"364\" height=\"464\" alt=\"leader2\" \/><\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Von den sozialen Medien zur Technik: Wir beziehen das Bahnticket am Automaten, buchen die Ferien im Internet und das Buch lesen wir auf dem E-Book. Werden Menschen vollumf\u00e4nglich durch Maschinen ersetzt?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Es ist nicht zu bestreiten, dass gewisse menschliche T\u00e4tigkeiten&nbsp;der Technik weichen m\u00fcssen. Was Sie geschildert haben, ist erst der Anfang. Da steht uns noch einiges bevor. Die grosse Frage dabei ist: Wird es gen\u00fcgend andere Jobs geben<ins datetime=\"2015-04-15T10:38\" cite=\"mailto:Andreas%20Giger\">,<\/ins> oder werden wir uns tats\u00e4chlich darauf einstellen m\u00fcssen, dass Vollbesch\u00e4ftigung kein zukunftstr\u00e4chtiges Modell mehr ist?<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Und was denken Sie?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Ich denke, wir haben noch etwas Zeit. Im Moment gibt es einen Hype um Internet 3.0 oder was auch immer, erfahrungsgem\u00e4ss geht es aber immer l\u00e4nger als wir annehmen. Auch bei E-Commerce hat es l\u00e4nger gedauert, als man anfangs gesch\u00e4tzt hat. Und interessanterweise ist auch kein Medium jemals verschwunden. Als der Fernseher kam, sagte man, es gebe bald kein Radio mehr. Einzig das Faxger\u00e4t wird um seine Existenz bangen m\u00fcssen. Das Neue an der aktuellen Entwicklung ist nicht die Technik, die uns ersetzt, sondern die Geschwindigkeit, mit&nbsp;der sie sich ausbreitet<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Das heisst, uns werden in K\u00fcrze Roboter bei der Arbeit ersetzen?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Dieser Gedanke ist gar nicht so abwegig, wenn man die Forschung beobachtet. Es wird allerdings auch<ins datetime=\"2015-04-15T10:40\" cite=\"mailto:Andreas%20Giger\"> <\/ins>von der kulturellen Pr\u00e4gung abh\u00e4ngen. Nehmen wir das \u00c4lterwerden, das ist in Japan ein grosses Thema. Dort kann ich mir gut vorstellen, dass Roboter die Arbeit der Pflege \u00fcbernehmen werden aufgrund mangelnden menschlichen Personals. Auch bei Fliessbandarbeiten ist die Maschine oder von mir aus der Roboter durchaus sinnvoll. Wer weiss, vielleicht gibt es irgendwann eine Maschine, die Agenturmeldungen niederschreibt. Aber vermutlich wird sie keinen Hintergrundartikel schreiben k\u00f6nnen. Es gilt auf jeden Fall sorgf\u00e4ltig abzuw\u00e4gen, wo dieser technische Ersatz Sinn macht.<\/p>\n<p><strong> Vielleicht w\u00e4re der Roboter gar nicht so schlecht, er k\u00f6nnte B\u00fcroangestellte ersetzen, damit wieder mehr Junge auf den Bau wollen. Denn die Wirtschaft braucht mehr Handwerker.<\/strong><\/p>\n<p class=\"mittel\">Genau das meine ich. Wir m\u00fcssen uns wirklich \u00fcberlegen, wo macht der Einsatz von Technik Sinn und wo nicht. Und Ihr Gedanke ist richtig, denn unsere privilegierte Schicht muss an das Handwerk, an die Echtheit unserer Wirtschaft, wieder herangef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Die Technik macht uns extrem abh\u00e4ngig. St\u00fcrzen&nbsp;der Server und das Internet ab, sind wir aufgeschmissen. W\u00e4ren wir \u00fcberhaupt noch in der Lage, ohne die Technik zu leben und zu arbeiten?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er h\u00e4tte wohl in keiner Epoche als Einzelg\u00e4nger \u00fcberlebt. Abh\u00e4ngigkeit war also schon seit jeher ein Thema. Sei es abh\u00e4ngig von Strukturen, sp\u00e4ter von der Infrastruktur. Dann kam der Strom. Klar haben wir uns durch die ganze Entwicklung zunehmend in Abh\u00e4ngigkeit begeben, und wenn wir uns nicht als Eremiten zur\u00fcckziehen wollen, wird sich daran auch nichts \u00e4ndern. Das Mass ist definitiv gewachsen, aber wie dramatisch es ist, wenn mal was ausf\u00e4llt, bleibe dahingestellt. Vielleicht m\u00fcssen wir einfach wieder lernen, in kleineren Dimensionen zu denken. Dazu habe ich eine interessante These eines Komplexit\u00e4tsforschers geh\u00f6rt. Es ging um die computerisierte Verkehrssteuerung. Dabei stellte sich heraus, dass der grosse zentrale Rechner, der alles \u00fcberblicken kann, nie funktionieren wird. Wohingegen&nbsp;kleine, unabh\u00e4ngige Einheiten, die sich gegenseitig austauschen, zum Beispiel einzelne Ampeln, eine gewaltige Optimierung des Verkehrsflusses herbeif\u00fchren k\u00f6nnten. Ich finde das ein sch\u00f6nes Gleichnis: Wir sind zwar immer noch abh\u00e4ngig, aber durch die kleineren Einheiten w\u00e4ren wir zumindest etwas unabh\u00e4ngiger, weil nicht das ganze System zusammenbricht, sondern nur ein Teil davon. Sie sehen, wir k\u00f6nnten also durchaus noch kl\u00fcgere L\u00f6sungen entwickeln.<\/p>\n<p><strong> A<del datetime=\"2015-04-15T10:42\" cite=\"mailto:Andreas%20Giger\"> <\/del>propos kl\u00fcgere L\u00f6sungen: Werden wir in 30 Jahren nur noch von der Sonne und vom Wind leben und den Abfall f\u00fcr die Energie nutzen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"mittel\">Ich kann Ihnen nicht sagen, wie es in 30 Jahren aussieht. Aber ich denke, es geht in diese Richtung. Vor allem letzteres ist ein gutes Beispiel: Wir werden lernen m\u00fcssen, bei der Herstellung eines Apparates automatisch an die Entsorgung zu denken, also nicht 25 Stoffe miteinander zu vermischen, die wir dann nicht trennen k\u00f6nnen. Und trotz der Anstrengungen von Bertrand&nbsp;Piccard sehe ich es nicht, dass in absehbarer Zeit alle Flugzeuge solar fliegen. Es wird sicher viel passieren in 30 Jahren, sei es in der Stromproduktion oder beim&nbsp;Energiesparen, aber so eine komplexe Entwicklung braucht ihre&nbsp;Zeit.<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Nebst Umweltkatastrophen besch\u00e4ftigen uns Wirtschaftskrisen und Kriege. Die Medien zeichnen eine d\u00fcstere Welt. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Ich finde, wir jammern auf sehr hohem Niveau. Dies hat vermutlich mehr mit der psychischen Verfassung der Leute zu tun als mit der tats\u00e4chlichen Lage. Zum Beispiel die AHV, wie oft h\u00f6re ich meine Altersgenossen klagen, dabei vergessen sie, dass es die AHV vor ein paar Jahrzehnten&nbsp;noch gar nicht gegeben hat. Damit will ich sagen: Wir haben oft ein ausgepr\u00e4gtes Kurzzeitged\u00e4chtnis und vergessen, wie es fr\u00fcher war. Abgesehen von Afrika oder anderen gebeutelten L\u00e4ndern ist es uns noch nie so gut gegangen wie jetzt. Das sollten wir endlich begreifen und statt an den materiellen Zuwachs wieder vermehrt an die Qualit\u00e4t des Lebens denken, denn hier liegt immenses Potenzial.<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Wie gelingt dieses Umdenken?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Ich appelliere an die notorisch Jammernden: Sagt danke, dass ihr hier geboren seid. Denn anderswo h\u00e4ttet ihr wesentlich mehr Grund<span style=\"text-decoration: line-through;\"> <\/span>zu jammern. Zweitens: Angst vor der Zukunft ist keine geeignete Haltung, weil Angst in der Regel blockiert, das ist das letzte, was wir brauchen k\u00f6nnen. Und das dritte ist: Wir m\u00fcssen an unserem Zusammenleben arbeiten, an der Lebensqualit\u00e4t. Der Lebensstandard ist quantifizierbar und dummerweise gegen oben offen:&nbsp;Kaum hat man mehr, betrachtet man es schon wieder als selbstverst\u00e4ndlich und will noch mehr. Wenn ich von Lebensqualit\u00e4t rede, dann meine ich den inneren Idealzustand,dem wir uns schrittweise ann\u00e4hern k\u00f6nnen, ohne ihn je ganz zu erreichen.&nbsp;Ein solcher Wertewandel vom Lebensstandard zur Lebensqualit\u00e4t&nbsp;braucht Jahrzehnte, aber ich sehe zumindest Anzeichen in diese Richtung.<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Einen gesellschaftlichen Wertewandel hinzubekommen, wird doch sicher mehr fordern als nur Zeit?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Das stimmt. Ich vermisse diese Themen zum Beispiel in den \u00f6ffentlichen Medien. Sie w\u00e4ren der ideale Bote. Aber es gibt andere Zugangswege, zum Beispiel&nbsp;\u00fcber Nachhaltigkeit oder&nbsp;Mobilit\u00e4t. Im Wesentlichen muss es aber von unten kommen, also von Einzelnen, die es anderen vorleben. Das Vorleben ist ganz zentral. Und schliesslich unsere positive Haltung: Wir haben schon viele grosse Wertewandel erlebt, daher spricht einiges daf\u00fcr, auch diesen zu schaffen. Ausser vielleicht bei Grossbanken, da bin ich mittlerweile doch etwas pessimistisch geworden.<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Leben wir irgendwann im All oder mit den Wesen aus dem All zusammen?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Ein interessantes Thema. Als ich noch sehr jung war, liebte ich Science Fiction. W\u00e4ren jene Visionen wahr geworden, w\u00fcrden wir heute alle mit Rucksack-Helikoptern durch die Gegend fliegen, Krankheiten w\u00e4ren ausgerottet&nbsp;und wir w\u00e4ren l\u00e4ngst ins All ausgewandert. Kann sein, dass das in 1000 Jahren der Fall sein wird, aber im Moment ist kein solches Ziel in Sicht. In drei Milliarden Jahren, wenn sich die Sonne aufbl\u00e4hen wird und die Erde schluckt, sind wir vielleicht soweit. Aber ob es uns dann noch gibt, ist fraglich. Schauen wir also lieber, dass wir unseren eigenen Planeten in Ordnung halten.<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Wir haben \u00fcber einige &nbsp;Visionen gesprochen. Welche sollten wir fokussieren?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Es sind f\u00fcr mich diese zentralen Fragen, wie: Was wollen wir eigentlich? Wohin wollen wir? Wir sollten einen Weg finden, der f\u00fcr alle akzeptabel ist.&nbsp;Es kann nicht sein, dass sich einige ausgeliefert f\u00fchlen. Es muss immer Alternativen geben. Genau hier liegt die Gefahr, dass wir alternativlos werden, und das macht uns passiv. Wir sollten nicht nur Ausf\u00fchrende der Werte anderer&nbsp;sein. Wir m\u00fcssen einen Weg finden, nach verschiedenen Vorstellungen leben zu k\u00f6nnen, ohne dass wir uns gegenseitig die K\u00f6pfe einschlagen.<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Und wie sollten Unternehmer k\u00fcnftig die Wirtschaft lenken?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Da sie die Zukunftsmacher sind: Wieder mehr Neugierde entwickeln und sich fragen, was geschieht abseits des Mainstreams statt jeder neuenManagementmode hinterher zu rennen. Unternehmer sollten eine eigene Sprache entwickeln. Ein Beispiel dazu: Kein \u00abCustomer Relationship Management\u00bb mehr, denn man kann Beziehung nicht&nbsp;managen, nur pflegen. Kundenbeziehungspflege gibt es schon, w\u00fcrde aber eine andere Denke voraussetzen. Also nicht den Managementtheorien folgen, sondern eigene Standpunkte entwickeln. Das ist wichtig f\u00fcr die Zukunft. Und wof\u00fcr ich auch pl\u00e4diere in der Wirtschaftswelt: F\u00fcr mehr Time-outs. Dann kommen auch neue Ideen.<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Was macht Ihnen Sorgen?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Dass wir vieles passiv hinnehmen und uns M\u00e4chten wie Google f\u00fcgen. Auch die globale Finanzwelt macht mir zu schaffen, sie ist unkontrollierbar geworden und das schafft meines Erachtens ein v\u00f6llig falsches Anreizsystem. Ich hoffe, wir \u00fcberlegen k\u00fcnftig wieder vermehrt, was wir wollen, ergreifen dann die Initiative und handeln entsprechend.<\/p>\n<p><span class=\"mittel\"><strong>Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie an die Zukunft denken?<\/strong><\/span><\/p>\n<p class=\"mittel\">Da bin ich jetzt ganz egoistisch: Meine Enkel aufwachsen zu sehen. Letztlich befriedigt das ja auch meine Neugierde, zu sehen, wie es mit unserer Welt&nbsp;weiter geht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/leader3.jpg\" width=\"364\" height=\"546\" alt=\"leader3\" \/><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/leader0_kl.jpg\" width=\"175\" height=\"131\" alt=\"leader0_kl\" \/><\/p>\n<p>Interview mit Andreas Giger \u00fcber die Zukunft<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-549","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/549","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=549"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/549\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=549"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=549"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=549"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}