{"id":535,"date":"2015-06-26T12:07:17","date_gmt":"2015-06-26T12:07:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=535"},"modified":"2015-06-26T12:07:17","modified_gmt":"2015-06-26T12:07:17","slug":"dichtestress-im-hirn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=535","title":{"rendered":"Dichtestress im Hirn"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"dichtestress1\" height=\"273\" width=\"364\" src=\"images\/stories\/diverse\/dichtestress1.jpg\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"Titel3rot\">Eine Diagnose der Schweizer Gem\u00fctslage<\/span> <\/p>\n<p class=\"Stil28\"><em><em>Im Ringen um ein zukunftstaugliches Selbstbild der Schweiz gibt es Blockierungen,&nbsp; die auf einen Dichtestress im Hirn zur\u00fcckzuf\u00fchren sind: Man h\u00e4lt die eigene Wahrheit \u00fcber die Schweiz f\u00fcr die einzig richtige und \u00fcbersieht dabei, dass eine Wahrheit niemals das Gegenteil einer anderen Wahrheit sein kann. Ein Bekenntnis zu einem entschiedenen sowohl als auch k\u00f6nnte diese Blockierungen l\u00f6sen.&nbsp;<\/em><\/em><\/p>\n<p><strong>La Suisse n\u2019existe pas<\/strong><\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"dichtestress2\" height=\"274\" width=\"364\" src=\"images\/stories\/diverse\/dichtestress2.jpg\" \/><\/p>\n<p>1992 war der Schweizer Pavillon an der Weltausstellung in Sevilla mit einem Spruch beschriftet, der wackere Patrioten zur Weissglut trieb: La Suisse n\u2019existe pas. W\u00f6rtlich \u00fcbersetzt: Die Schweiz existiert nicht.<\/p>\n<p>Eines haben die zahlreichen damaligen Kritiker des Slogans \u00fcbersehen: Dieser stellt keineswegs die Existenz der Schweiz an sich in Frage. Sehr wohl aber die Existenz der einen, einheitlichen und klar definierbaren Schweiz. H\u00e4tte der f\u00fcr den Spruch verantwortliche K\u00fcnstler damals die Intelligenz mancher Schweizerinnen und Schweizer nicht \u00fcbersch\u00e4tzt, h\u00e4tte er wohl ein grafisches Hilfsmittel benutzt und die Aussage so formuliert: <em>Die <\/em>Schweiz existiert nicht.<\/p>\n<p>Aus heutiger Sicht war der Spruch prophetisch, denn wir sehen je l\u00e4nger mehr nicht eine einheitliche Schweiz, sondern gleichsam viele Schweizen. Es existieren zahlreiche widerspr\u00fcchliche Bilder der Schweiz, die sich je nach Perspektive teils grunds\u00e4tzlich unterscheiden.<\/p>\n<p>Da gibt es zum Beispiel das Bild von der Schweiz als Hort und Schutzhafen korrupter Organisationen wie der FIFA, wobei es nicht als Zufall betrachtet wird, dass deren langj\u00e4hriger Chef ein Schweizer ist. Oder jenes vom Sitz von Banken, die Dreck am Stecken haben und st\u00e4ndig in irgendwelche Prozesse verwickelt sind. Gerne gilt die Schweiz auch \u2013 im In- wie im Ausland \u2013 als Nation, die kaltherzig nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist und sich als Rosinenpickerin einen zweifelhaften Ruf erworben hat.<\/p>\n<p>Reichlich verbreitet ist auch das Bild von der Schweiz als einem Land, das alles richtig gemacht hat und seine Errungenschaften jetzt gegen raffgierige Einwanderer oder die machtgierige B\u00fcrokratie in Br\u00fcssel verteidigen muss. Als Gegenbild wird eine Schweiz gezeichnet, die eine starke Zuwanderung erstaunlich gut gemeistert hat und dank ihrer wirtschaftlichen Verflechtung mit der ganzen Welt bl\u00fcht und gedeiht.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt l\u00e4sst sich die Schweiz auch als offenes, wandlungsf\u00e4higes und innovatives Land sehen, das es immer wieder geschafft hat, sich dem Wandel der Zeiten und Welten anzupassen und das Beste daraus zu machen. Und das K\u00fcnstler, Wissenschaftler und Sportler von Weltruhm in erstaunlicher Anzahl hervorgebracht hat.<\/p>\n<p><strong>Das \u201ewahre\u201c Bild der Schweiz<\/strong><\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"dichtestress3\" height=\"273\" width=\"364\" src=\"images\/stories\/diverse\/dichtestress3.jpg\" \/><\/p>\n<p>Diese Galerie der Schweiz-Bilder liesse sich beliebig erweitern. Und auch dann w\u00fcrden wir bei unvoreingenommenem Blick ein wichtiges Ph\u00e4nomen feststellen: Jedes dieser Bilder ist wahr. Aber es ist eben nicht ausschliesslich wahr, sondern auch wahr. Jedes Bild enth\u00e4lt einen Teilaspekt der Wahrheit \u00fcber die Schweiz, doch niemals die ganze Wahrheit. Erst zusammen ergeben diese unterschiedlichen Schweiz-Bilder einen einigermassen umfassenden Eindruck.<\/p>\n<p>Nur wenn wir diese einfache Tatsache anerkennen, lassen sich die Blockaden, die gegenw\u00e4rtig den Prozess der Suche nach einem zukunftstauglichen Selbstbild der Schweiz behindern, aufl\u00f6sen. So weit sind wir leider noch lange nicht. Stattdessen beharren viele Anh\u00e4nger eines bestimmten Teilbilds der Schweiz darauf, dieses sei das ganze und einzig wahre, alle anderen Teilbilder m\u00fcssten deshalb falsch sein.<\/p>\n<p>Woran liegt das? Ich glaube, daran, dass dieses sture Festhalten an Teilwahrheiten auf eine Art Dichtestress im Hirn zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Das Wort Dichtestress\u201c tauchte im Laufe der Diskussionen um die Zuwanderungs-Initiative auf und meint das Ph\u00e4nomen, dass wir Menschen uns unwohl f\u00fchlen, wenn wir die Empfindung haben, der uns zur Verf\u00fcgung stehende Raum sei zu sehr mit anderen gef\u00fcllt. Es wird uns dann zu eng, weil wir genau wissen, dass der Raum, den wir haben, endlich ist, weshalb dort nicht unendlich viele Platz haben.<\/p>\n<p>Dieses Bild vom limitierten \u00e4ussern Raum \u00fcbertragen offensichtlich viele Menschen eins zu eines auf unsere inneren geistigen R\u00e4ume und glauben deshalb, auch dort sei der Platz begrenzt. Wenn ich in dieser Logik beispielsweise ein anderes Bild der Schweiz als das gewohnte zulasse, geht dies zwangsl\u00e4ufig auf Kosten dieses gewohnten Bilds, das f\u00fcr die Zulassung des neuen einen Teil des Platzes r\u00e4umen muss, den es bisher innehatte. So entsteht Dichtestress im Hirn, und ich werde alles tun, den angestammten Platz meines dominierenden Schweiz-Bildes zu verteidigen.<\/p>\n<p><strong>In den inneren R\u00e4umen herrscht kein Platzmangel<\/strong><\/p>\n<p>Doch diese \u00dcbertragung von den \u00e4usseren Platzverh\u00e4ltnissen auf die inneren ist \u2013 mit Verlaub \u2013 ganz einfach Quatsch. In den inneren geistigen R\u00e4umen herrscht kein Platzmangel, dort haben unterschiedlichste Bilder, Vorstellungen und \u00dcberzeugungen sehr wohl neben- und miteinander Platz.<\/p>\n<p>Dort herrscht nicht das strenge Gesetz des \u201eentweder \u2013 oder\u201c (entweder ich habe Recht oder du, beides zusammen geht nicht), sondern das weitaus lebensn\u00e4here Gesetz eines \u201eentschiedenen sowohl \u2013 als auch\u201c (Dein Bild kann so richtig sein wie meines, und zusammen ergeben sie etwas, das gr\u00f6sser ist als die Summe seiner Teile).<\/p>\n<p>Viele Experten halten Ambiguit\u00e4tstoleranz f\u00fcr ein wichtiges geistiges Instrument f\u00fcr die Bew\u00e4ltigung unserer zuk\u00fcnftigen Herausforderungen. Dieser sperrige Begriff meint nichts anderes als die F\u00e4higkeit, Widerspr\u00fcche in unserer Wahrnehmung der Welt nicht nur auszuhalten, sondern spielerisch und kreativ mit ihnen umzugehen. Mit dieser F\u00e4higkeit ausgestattet, k\u00f6nnen wir die Wahrheit nicht mehr als monolithischen Block betrachten, sondern als Diamanten mit vielen Facetten, von denen wir immer nur einige wahrnehmen k\u00f6nnen. Die Konfrontation mit anderen Facetten der Wahrheit erleben wir dann nicht mehr als Bedrohung, sondern als Bereicherung.<\/p>\n<p>Ambiguit\u00e4tstoleranz ist somit das Gegenteil von Dichtestress im Hirn. Das Gute daran ist: Diese innere Haltung l\u00e4sst sich lernen. Wir Schweizerinnen und Schweizer waren in dieser Kunst immer schon ganz gut. Wir haben gelernt, dass die Schweiz ein Diamant mit vielen unterschiedlichen Facetten ist, der tats\u00e4chlich mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Wir wissen, dass es viele Schweizen gibt, die zusammen dieses widerspr\u00fcchliche Gebilde namens Schweiz ergeben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"dichtestress4\" height=\"261\" width=\"364\" src=\"images\/stories\/diverse\/dichtestress4.jpg\" \/><\/p>\n<p class=\"klein\">Dieselbe Fahne wie in Bild 2, nur ohne Nebel&#8230;<\/p>\n<p>W\u00e4re das nicht ein h\u00fcbsches Leitmotiv f\u00fcr den bevorstehenden Nationalfeiertag der Schweiz? Unsere bew\u00e4hrte Tradition der Einheit in der Vielfalt aufzunehmen und ins neue Jahrhundert zu transformieren, indem wir den Dichtestress im Hirn \u00fcberwinden und Platz schaffen f\u00fcr viele Schweizen, die sich gegenseitig befruchten und bereichern? Sch\u00f6n w\u00e4re es jedenfalls&#8230;<\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"dichtestress1_kl\" height=\"131\" width=\"175\" src=\"images\/stories\/diverse\/dichtestress1_kl.jpg\" \/><\/p>\n<p>Eine Diagnose der Schweizer Gem\u00fctslage<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-535","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/535","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=535"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/535\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=535"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=535"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=535"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}