{"id":533,"date":"2015-06-26T11:38:39","date_gmt":"2015-06-26T11:38:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=533"},"modified":"2015-06-26T11:38:39","modified_gmt":"2015-06-26T11:38:39","slug":"zwischen-eigenverantwortung-und-solidaritaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=533","title":{"rendered":"Zwischen Eigenverantwortung und Solidarit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/rk_titel.jpg\" width=\"364\" height=\"273\" alt=\"rk_titel\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"Titel3rot\">Gelebte Werte: Ren\u00e9 K\u00fcnzli und die terzStiftung<\/span> <\/p>\n<p class=\"Stil28\"><em><em>Im Laufe seines mittlerweile vierundsiebzigj\u00e4hrigen Lebens haben Werte f\u00fcr Ren\u00e9 K\u00fcnzli immer eine wichtige Rolle gespielt. Dabei hat er gelernt, die Spannungsfelder zwischen scheinbar widerspr\u00fcchlichen Werten kreativ und produktiv zu nutzen.<\/em><\/em><\/p>\n<p>Als \u201eVollblutunternehmer in der Sparte Altersarbeit\u201c wurde er vor ein paar Jahren in einer Laudation gew\u00fcrdigt. Es liegt also nahe, dass wir uns im lauschigen Hof der Seniorenresidenz \u201eVita Tertia\u201c in Gossau SG zum Gespr\u00e4ch treffen. Ren\u00e9 K\u00fcnzli ist Stiftungsratspr\u00e4sident dieser Institution, in deren Leitbild \u00fcbrigens der bemerkenswerte Satz steht: \u00bbHinter unserer Werte-Basis steckt eine tief verwurzelte und in der Alltagspraxis erprobte \u00dcberzeugung: Nut gelebte Werte schaffen Wertsch\u00f6pfung.\u00ab<\/p>\n<p>Dass Ren\u00e9 K\u00fcnzli seine Werte im Umgang mit anderen Menschen immer gelebt hat, sieht der Beobachter an der Herzlichkeit, mit der er zuf\u00e4llig vorbei gehenden G\u00e4sten und Mitarbeitenden von VitaTertia begegnet \u2013 und mit der sie ihm begegnen. Es ist offensichtlich, dass hier dem Anspruch, individuelle Lebens- und Wohnqualit\u00e4t zu bieten, auch vom obersten Chef nachgelebt wird.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/rk4.jpg\" width=\"364\" height=\"273\" alt=\"rk4\" \/><\/p>\n<p><strong>Zwischen Eigenverantwortung und Solidarit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 1970 \u00fcbernahm Ren\u00e9 K\u00fcnzli von seinen Eltern die Leitung des 1950 gegr\u00fcndeten Alters- und Pflegeheims \u201eNeutal\u201c in Berlingen (Thurgau). Ab 1987 bis 2005 baute er zus\u00e4tzlich die TERTIANMUM-Gruppe weiter auf und aus, zuerst als Mitglied der Gesch\u00e4ftsleitung und in den letzten sieben Jahren als Mitglied der Gesch\u00e4ftsleitung. Zu dieser Gruppe geh\u00f6ren mittlerweile zwei Dutzend Seniorenresidenzen.<\/p>\n<p>Nach seinem R\u00fcckzug gr\u00fcndete K\u00fcnzli 2007 zusammen mit seiner Frau Silvia die terzStiftung. Dies will nach eigenen Angaben Mut zur Eigeninitiative und zur Eigenverantwortung gerade bei \u00e4lteren Menschen machen. M\u00f6glichst grosse Selbst\u00e4ndigkeit bis ins m\u00f6glichst hohe Alter zu erm\u00f6glichen, ist das Ziel der konkreten T\u00e4tigkeit der terzStiftung sowie der von ihr vertretenen Alterspolitik.<\/p>\n<p>Eher \u00fcberraschend tauchen aber weder Selbst\u00e4ndigkeit noch Eigenverantwortung in der Liste der drei wichtigsten Werte in seinem Leben auf, nach denen ich ihn frage. Vielmehr nennt er in dieser Reihenfolge Liebe, Verl\u00e4sslichkeit und Solidarit\u00e4t. Er sei sehr f\u00fcr Eigeninitiative, f\u00fcgt Ren\u00e9 K\u00fcnzli hinzu, doch f\u00fcr Menschen, die dazu nicht ausreichend in der Lage seien, brauche es solidarisches Handeln.<\/p>\n<p>Zwischen den Werten Eigenverantwortung und Solidarit\u00e4t besteht ein Widerspruch oder auf jeden Fall ein Spannungsfeld. So ist das mit den Werten: Nicht alle zielen in dieselbe Richtung, zwischen manchen Werten gibt es vielmehr ein spannungsvolles Verh\u00e4ltnis. Dieses Ph\u00e4nomen \u2013 und wie man damit umgehen kann \u2013 illustriert besser als jede tiefsch\u00fcrfende theoretische Werte-Diskussion ein aktuelles Projekt der terzStiftung, das Ren\u00e9 K\u00fcnzli derzeit stark besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/rk3.jpg\" width=\"364\" height=\"273\" alt=\"rk3\" \/><\/p>\n<p class=\"klein\">Ren\u00e9 K\u00fcnzli im Gespr\u00e4ch mit Markus Christen, Leiter VitaTertia<\/p>\n<p><strong>Anschauungsfall Treppensicherheit<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich ist er ja ein der Wolle gef\u00e4rbter Liberaler. Viele Jahre lang hat er die Freisinnigen im Thurgauer Kantonsrat vertreten, aktuell sitzt in der kantonalen Parteileitung als Vertreter der Gruppe \u201etop sixty\u201c, die sich f\u00fcr eine neue Alterspolitik engagiert und notabene ausdr\u00fccklich auch f\u00fcr Nichtparteimitglieder offen ist.<\/p>\n<p>Als Liberaler setzt er auf Eigenverantwortung und ist skeptisch gegen\u00fcber staatlichen Eingriffen, welche die Wirtschafts- und B\u00fcrgerfreiheit unn\u00f6tig einschr\u00e4nken. Doch jetzt ist Ren\u00e9 K\u00fcnzli angesichts der Erfahrungen mit seinem Projekt \u201eTreppensicherheit\u201c nachdenklich geworden.<\/p>\n<p>Das Projekt hat einen traurigen realen Hintergrund: In der Schweiz sterben im Strassenverkehr j\u00e4hrlich etwa 300 Menschen an den Folgen eines Unfalls. Fast f\u00fcnfmal mehr Menschen sind es, die an den Folgen einer Sturzverletzung im h\u00e4uslichen Umfeld zu Tode kommen. Ein grosser, wenn auch nicht exakt zu beziffernder Teil dieser t\u00f6dlichen St\u00fcrze erfolgt auf Treppen.<\/p>\n<p>Im Strassenverkehr wurde und wird viel getan, um die Zahl der Unf\u00e4lle zu reduzieren, unter anderem durch Investitionen in eine sicherere Infrastruktur. An un\u00fcbersichtlichen Kreuzungen werden Sichthindernisse entfernt, unbewachte Bahn\u00fcberg\u00e4nge werden durch solche mit Schranken ersetzt \u2013 immer in der sicher richtigen Annahme, eine sichere Infrastruktur k\u00f6nne das Unfallrisiko reduzieren.<\/p>\n<p>\u00dcbertr\u00e4gt man diese Annahme auf die Sturzunf\u00e4lle, kommt man logisch zum Schluss, dass auch sicherere Treppen zu weniger Unf\u00e4llen und Opfern f\u00fchren k\u00f6nnte, ja m\u00fcsste. Und mit der Treppensicherheit ist es tats\u00e4chlich nicht zum Besten bestellt, wie eine Eigenstudie der terzStiftung ergab, die als Pilotprojekt in der Stadt Zug durchgef\u00fchrt wurde. Eine von gut geschulten terzExperten durchgef\u00fchrte Bestandsaufnahme der \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Treppen ergab betr\u00e4chtliche M\u00e4ngel.<\/p>\n<p>Diese M\u00e4ngel konzentrieren sich im Wesentlichen auf zwei Punkte: Zum einen sind oft die Stufenkanten farblich zu wenig abgesetzt, vor allem bei der obersten und der untersten Stufe. Zum anderen sind die Handl\u00e4ufe der Treppen oft suboptimal oder fehlen ganz.<\/p>\n<p>Verglichen mit unsicheren Strassen handelt es sich also um bescheidene M\u00e4ngel, und ebenso bescheiden w\u00e4ren die Summen, die es braucht, um solche M\u00e4ngel zu beheben. W\u00fcrde man sie beheben, f\u00fchrte das jedoch zu einer betr\u00e4chtlichen Zunahme der Treppensicherheit, womit so mancher unn\u00f6tige Treppensturz vermieden werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Appelle verhallen ungeh\u00f6rt<\/strong><\/p>\n<p>Vermutlich, so vermutete man bei der terzStiftung, wissen die f\u00fcr die mangelhaften Treppen Verantwortlichen gar nichts von diesen M\u00e4ngeln. Macht man sie darauf aufmerksam, werden sie sicher dankbar die Gelegenheit ergreifen, mit bescheidenem Aufwand ihre Treppen sicherer zu machen und so einen Beitrag zur \u00f6ffentlichen Sicherheit zu leisten. In Freiheit und Eigenverantwortung, wie es gutem schweizerischen Denken entspricht.<\/p>\n<p>Diese Annahme erwies sich als naiv. Die von der terzStiftung mit grossem Aufwand eruierten und \u00fcber die M\u00e4ngel informierten Treppen-Verantwortlichen wiegelten entweder ab oder reagierten zum gr\u00f6ssten Teil erst gar nicht. Und auch die zust\u00e4ndigen Politiker liessen den ihnen durch den Treppentest so pr\u00e4zise zugespielten Ball ohne Reaktion \u00fcber die Seitenlinie kullern.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/rk5.jpg\" width=\"364\" height=\"263\" alt=\"rk5\" \/>&nbsp;<\/p>\n<p>Ren\u00e9 K\u00fcnzli sieht f\u00fcr dieses entt\u00e4uschende Ergebnis zwei Ursachen. Einerseits haben die Sturzopfer, anders als Auto- oder Velofahrer, ja selbst Fussg\u00e4nger im Strassenverkehr, keine Lobby, die ihre Interessen vertritt. Andererseits neigen die Opfer von St\u00fcrzen dazu, die Verantwortung f\u00fcr ihren Sturz ausschliesslich bei sich selbst zu suchen: Ich war eben nicht aufmerksam genug.<\/p>\n<p>Auch im Strassenverkehr ist ein Grossteil der Unf\u00e4lle auf mangelnde Aufmerksamkeit irgendeines Verkehrsteilnehmers zur\u00fcckzuf\u00fchren, doch dort sucht man Verantwortung und Schuld viel st\u00e4rker ausserhalb seiner selbst als bei Sturzunf\u00e4llen. Entsprechend grossz\u00fcgig werden Massnahmen zur Erh\u00f6hung der Verkehrssicherheit finanziert, etwa durch Investitionen in eine sicherere Infrastruktur.<\/p>\n<p>Dass dasselbe nicht auch f\u00fcr sicherere Treppen gilt, widerspricht Ren\u00e9 K\u00fcnzlis Sinn f\u00fcr Gerechtigkeit. Entsprechend will und wird er alles tun, diesen unbefriedigenden Zustand zu \u00e4ndern, Nur wie?<\/p>\n<p>Der Appell an die Eigenverantwortung der Treppenverantwortlichen verhallt offensichtlich ins Leere. Findige Juristen haben ihn auf die M\u00f6glichkeit von Haftungsklagen aufmerksam gemacht: Ein Sturzopfer k\u00f6nnte bei Sicherheitsm\u00e4ngeln der betreffenden Treppe die daf\u00fcr Verantwortlichen auf Schadensersatz verklagen.<\/p>\n<p><strong>Muss das Kind erst in den Brunnen fallen?<\/strong><\/p>\n<p>Das w\u00e4re der liberale Weg. Doch der ist diesem Fall f\u00fcr Ren\u00e9 K\u00fcnzli unbefriedigend: Muss es wirklich erst Sturzopfer geben, ehe etwas passiert? Und selbst wenn sich jemand Schmerzensgeld erstreitet, ist damit die fehlerhafte Treppe noch nicht saniert. Vom menschlichen Leid und finanziellem Schaden, die mit jedem schweren Sturz verbunden sind, ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Pr\u00e4vention als Akt der Solidarit\u00e4t mit potenziellen Sturzopfern, die \u00fcbrigens in allen Generationen zu finden sind, w\u00e4re eindeutig besser. Klare Vorschriften dar\u00fcber, wie eine sichere Treppe auszusehen hat, gibt es in Form von einschl\u00e4gigen SIA-Normen l\u00e4ngst, aber offensichtlich keine Handhabe, diese auch verbindlich durchzusetzen, samt m\u00f6glicher Sanktionen im Verweigerungsfall.<\/p>\n<p>Braucht es also doch ein neues Gesetz, einen staatlichen Eingriff? Noch ist sich Ren\u00e9 K\u00fcnzli unschl\u00fcssig. Wie jeder aufgekl\u00e4rte Liberale erhofft er insgeheim, dass sich am Ende doch die Vernunft durchsetzen wird. Deshalb wird er zusammen mit seinem Team weiter Fakten und Argumente sammeln, die zu einer Verbesserung der Treppensicherheit beitragen k\u00f6nnen \u2013 und damit zur Vermeidung unn\u00f6tigen menschlichen Leids und vermeidbarer Kosten.<\/p>\n<p>Ruhestand ist ohnehin nichts f\u00fcr ihn. Und so wird er weiterhin seine Werte leben und dabei das Spannungsfeld zwischen Eigenverantwortung und Solidarit\u00e4t kreativ und pragmatisch nutzen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/rk2.jpg\" width=\"364\" height=\"395\" alt=\"rk2\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/rk_titel_kl.jpg\" width=\"175\" height=\"131\" alt=\"rk_titel_kl\" \/><\/p>\n<p>Gelebte Werte: Ren\u00e9 K\u00fcnzli und die terzStiftung<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-533","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/533","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=533"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/533\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=533"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=533"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=533"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}