{"id":488,"date":"2014-04-30T15:20:04","date_gmt":"2014-04-30T15:20:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=488"},"modified":"2014-04-30T15:20:04","modified_gmt":"2014-04-30T15:20:04","slug":"hesse-prophet-des-informationszeitalters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=488","title":{"rendered":"Hesse &#8211; Prophet des Informationszeitalters"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/learyhesse.jpg\" alt=\"learyhesse\" width=\"364\" height=\"273\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"Titel3rot\">Ein neuer Schl\u00fcssel zum Glasperlenspiel<\/span> <\/p>\n<p class=\"Stil28\"><em class=\"mittel\">Dieser Artikel von Timothy Leary erschien als Originalbeitrag erstmals 1986 im Magazin SPHINX, dessen Herausgeber ich (Andreas Giger) damals war, und wurde 1996, also im Todesjahr Learys, als erstes &#8222;Informationsgeschenk&#8220; an die TeilnehmerInnen von SensoNet, dem fr\u00fcheren Zukunfts-Netz, abgegeben. Mehr \u00fcber Timothy Leary am Schluss des Beitrags.<\/em><\/p>\n<blockquote>\n<hr \/>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/leary1.jpg\" alt=\"leary1\" width=\"171\" height=\"110\" \/><\/p>\n<p><strong class=\"Titel1rot\" style=\"font-weight: bold;\">Hermann Hesse, ein Prophet des Informationszeitalters<\/strong><\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Von Timothy Leary*<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">*Aus so manchen inneren und \u00e4u\u00dferen Gef\u00e4ngnissen ausgebrochen, ist Timothy Leary selbst ein Meister des Glasperlenspiels mit den unendlichen Spielformen unserer Welten. Sein \u00bbGame of Life\u00ab ist ebenso ein Glasperlenspiel wie Hermann Hesses. Er findet in Hesse eine verwandte Seele, die gleich ihm die vorhandene DNS-Information nicht als gegeben hinnimmt, sondern als Aufforderung zum Spiel.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Welcher Hermann?<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Wenn ich wissen will, was die Jugend am College dieser Tage bewegt, dann frage ich eine junge Freundin, Daisy. Sie ist Studentin in Harvard, zwanzigj\u00e4hrig, hat einen IQ, der etwa so hoch wie der Dollar- Yen Wechselkurs ist und nennt einen gesunden Instinkt f\u00fcr das, was kulturell gerade in ist, ihr eigen. Ich erw\u00e4hnte den Namen Hermann Hesse in einem Gespr\u00e4ch mit Daisy, und sie guckte mich erstaunt an. \u00bbT\u00f6nt nach einem deutschen Tennisprofi\u00ab, sagte sie mit einem leicht s\u00e4uerlichen Grinsen.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00bbBum Bum Hesse bekam 1946 den Nobelpreis f\u00fcr Literatur\u00ab, erkl\u00e4rte ich.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u201dWas sollen diese Albernheiten\u00ab, antwortete Daisy, \u00bbHier, jetzt serviere ich dir eine Knacknuss. Hast du je von Halldor K. Laxness aus Island geh\u00f6rt?\u00ab \u201dWas f\u00fcr ein Haldor?&#8220; kam meine erstaunte Antwort.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00bbEben, er gewann ebenfalls den Nobelpreis, aber 1955\u00ab, seufzte Daisy, \u00bbso stehts heute um die Ber\u00fchmtheiten aus der Literatur.\u00ab<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Soviel \u00fcber die Dauer der Bedeutung von Philosophen und Feuilletonisten.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Dennoch, vor nur zwanzig Jahren wurde Hesse von College-Studenten verehrt. Er galt damals als die Stimme des Jahrzehnts und hatte den Ruf, ein \u00bb\u00dcber-Weiser\u00ab zu sein, gr\u00f6\u00dfer als Tolkien oder Kahil Gibran!<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">In den Sechzigern wurden Hesses mystisch-utopische Romane von Millionen gelesen. Die Pop-Gruppe \u00bbSteppenwolf\u00ab nannte sich nach dem \u00bbpsychedelischen\u00ab Helden aus Hesses Roman, weIcher jene \u00bblangen, d\u00fcnnen, gelben&#8230; unendlich belebenden Zigaretten\u00ab rauchte, und sich danach ins&nbsp;<em>Magische Theater <\/em>aufmachte, einen Weg beschreitend, den kein Romanheld vor ihm beschritten hatte.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Ein anderer Roman Hesses, \u00bbDie Morgenlandfahrt\u00ab, brachte Armeen von Pilgern dazu, sich auf dem \u00bbHaschisch-Pfad\u00ab nach Indien aufzumachen. Das Ziel dieses Kreuzzuges der Jugend? Erleuchtung. Kosmische Einheit. Die gro\u00dfe Bewusstseinserweiterung.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Das war die Zeit, als Sufi-Mystik, inneres Reisen, die atemlose Suche nach der einen Wahrheit, der letzte Schrei waren. Armer Hesse, er scheint heute, im Zeitalter des High Tech und der Computer-Zeitschriften hoffnungslos aus der Mode gekommen zu sein. Kein Wunder, dass mein Detektor f\u00fcr intellektuelle Str\u00f6mungen, Daisy, antwortete: \u00bbWeIcher Hermann?\u00ab<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Hermann Hesse, ein Prophet des Computerzeitalters?<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Doch unser mitleidiges Bedauern f\u00fcr den sauberen Weisen aus der Schweiz k\u00f6nnte voreilig sein. Denn an den Orten, wo sich die Computer-Avant-Garde zusammenfindet, in der Gegend von Palo Alto in Kalifornien, in den CarnegieMellon Al (Artificial Intelligence)-Laboratorien und in den Computergrafik-Laboratorien des s\u00fcdlichen Kalifornien, scheint sich ein Hesse-Comeback vorzubereiten.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Wie auch immer, diese Wiederentdeckung hat nichts mit Hesses \u00f6stlich-mystischen Werken zu tun. Sie beruht auf seinem letzten und am wenigsten verstandenen Werk, dem<em>Glasperlenspiel.<\/em><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Dieses Buch brachte Hesse den Nobelpreis ein und spielt einige Jahrhunderte nach unserer Zeit, in einer Zukunft, in der die menschliche Intelligenz sich weiter entwickelt hat und die Kultur durch eine Methode strukturierten Denkens getragen wird, die sich das Glasperlenspiel nennt.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Erst in diesen elektronischen Achtzigern sind die Leser f\u00e4hig, richtig einzusch\u00e4tzen, was Hesse in den Schweizer Alpen sich damals, zwischen 1931 und 42, ausgedacht hatte. Am eigentlichen H\u00f6hepunkt des rauchgeschw\u00e4ngerten Mechanischen Zeitalters beschrieb Hermann mit der erstaunlichen Pr\u00e4zision des Hellsichtigen ein bestimmtes postindustrielles Werkzeug, mit dessen Hilfe Gedanken in digitale Elemente umgewandelt und bearbeitet werden konnten. Kein Zweifel, der \u00bbVater\u00ab der Hippies nahm damit einen elektronischen Intelligenzverst\u00e4rker vorweg, dessen Erscheinen auf dem Markt wir erst 1976 erleben konnten. Ich weise damit nat\u00fcrlich auf jene Frucht vom Baume der Erkenntnis hin, die da \u00bbApple\u00ab hei\u00dft.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/leary2.jpg\" alt=\"leary2\" width=\"174\" height=\"98\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Die Aldous Huxley-Hermann Hesse-Fuge<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Ich f\u00fcr meine Wenigkeit h\u00f6rte das erste Mal durch Aldous Huxley von Hermann Hesse. Das war im Herbst 1960, als Huxley Gastprofessor am M.I.T. (Massachusetts Institute of Technology) war. Angek\u00fcndigt war eine Reihe von sieben Vorlesungen zum Thema: \u00bbWelcher Art ist die Arbeit, die der Mensch darstellt?\u00ab, An die 2000 Leute h\u00f6rten jede Vorlesung, und zwischen den Vortr\u00e4gen verbrachte Aldous den gr\u00f6\u00dften Teil seiner Freizeit mit unserer Gruppe vom \u00bbPsychedelischen Drogenprojekt\u00ab in Harvard. Dabei f\u00fchrte er uns Anf\u00e4nger in die Geschichte der Mystik ein und in das, was er \u00bbUneigenn\u00fctzige Gnade\u00ab nannte. Letzteres betraf eine zeremonielle R\u00fccksicht im Umgang mit den Dingen. In jenem Herbst las Huxley die Werke Hesses und sprach viel \u00fcber Hermanns Einteilung in drei Ebenen menschlicher Entwicklung:<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">1. Der Sinn der St\u00e4mme f\u00fcr eine gl\u00fcckselige Einheit.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">2. Die schrecklichen Polarit\u00e4ten in den feudal-industriellen Gesellschaften; gut-b\u00f6se, m\u00e4nnlich-weiblich, christlich-islamisch usw.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">3. Die offensichtliche Wiederentdeckung der Einheit des Universums, der h\u00f6heren Wirklichkeit. welche sich mit Worten nicht ausdr\u00fccken l\u00e4sst.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Keine Frage. Hegels drei Fingerabdr\u00fccke (These-Antithese-Synthese ) lie\u00dfen sich noch immer auf dem ganzen bekannten philosophischen Geb\u00e4ude finden, doch Hermann und Konsorten lie\u00dfen sich davon nicht abhalten weiterzugehen, und warum sollten wir unverbildeten Harvard-Psychologen es tun? Wir alle machten uns pflichtbewusst ans Lesen von Hesses Werken.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Huxley nahm an, dass seine eigene spirituell-intellektuelle Entwicklung als Engl\u00e4nder \u00e4hnlich verlief wie Hesses sich in Deutschland entwickelnde Lebenslinie. Eines Nachts, bei einem Glas Wein in meinem Zimmer am Newton-Zentrum, verwob Huxley in einem Gespr\u00e4ch die Beweggr\u00fcnde in seinem Leben mit denjenigen in Hesses Leben.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Huxley fasst die literarische Philogenie zusammen<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Huxley wurde 1894 geboren, sein Gro\u00dfvater, Thomas Huxley, war ein Evolutions-Philosoph und einer der Hauptverfechter des Darwinismus in England. In seiner idealistisch-romantischen Jugend schrieb Huxley kritische Essays und symbolische Poesie. Diese Werke dr\u00fcckten die \u00fcbliche Unzufriedenheit der gebildeten Klasse aus, welche damit besch\u00e4ftigt war, das ru\u00dfverdunkelte industrielle Zeitalter zu verdr\u00e4ngen. Eton-Oxfords \u00d6kologisches Interesse galt haupts\u00e4chlich der Landwirtschaft, die ru\u00dfige Industrie wurde verachtet. Wordsworth hatte f\u00fcr jene Zeit das \u00bbZur\u00fcck zur Natur\u00ab- Thema vorgegeben. Coldridge verfolgte es weiter. Byron, Shelly, Burns, Keats und Southy, einer wie der andere, verabscheuten die teuflischen Maschinen und strebten nach etwas Blumigerem. Thomas de Quincy bekam f\u00fcr seine \u00bbBekenntnisse eines Opiumessers\u00ab den Green Preis, der poetischen Kraft seines Werkes wegen. William Blake war damals der unbestrittene literarische F\u00fchrer. Aldous Huxleys Verwurzelung in der Romantik zeigt sich in einem seiner eindeutigsten Zitate, in der Verwendung von Blakes Worten \u00bbDie Pforten der Wahrnehmung\u00ab als Romantitel.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Huxleys Ern\u00fcchterung zeigte sich im Alter von 25 Jahren, als er eine Reihe spr\u00f6der, skeptischer Aufs\u00e4tze \u00fcber die europ\u00e4ische Dekadenz zu verfassen begann: Chrome Yellow (1921). Antic Hay (1923). Point Cunter Point (1928). Sein neoromantischer Zynismus in Bezug auf die bestehende Gesellschaft gipfelte im Roman \u00bbSch\u00f6ne neue Welt\u00ab, dem Portrait einer freudlosen Flie\u00dfbandgesellschaft des 25. Jahrhunderts. Er schrieb in diesem \u00fcberaus erfolgreichen Roman \u00fcber Gl\u00fcckspillen und Retorten-Kinder schon im Jahre 1932, demselben Jahr, in dem Adolf Hitler seinen ersten Kampf um die Wahl zum Kanzler gegen Hindenburg verlor, und Roosevelt seinen Wahlkampf gegen Herbert Hoover gewann.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Ende der drei\u00dfiger Jahre, nachdem Huxley seine ironisierende Seite voll entwickelt hatte. folgte er Hesse in die dritte Ebene der Transzendenz (siehe oben), was seine Auswanderung nach Kalifornien zur Folge hatte, wo er sich den Vertretern des Goldenen Zeitalters der \u00bbfernwestlichen\u00ab Philosophie anschloss, zu denen Thomas Mann, Christopher Isherwood, Alan Watts, Swami Yogananda, Gerald Heard u.a. geh\u00f6rten. Hier, unter Palmen, widmete Aldous den Rest seines Lebens der transzendentalen Philosophie und der Mystik, als Denker wie als Aus\u00fcbender.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Parodien des Paradieses<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Sein letztes Buch, \u00bbEiland\u00ab, stellt ein untypisches, tropisches Utopia dar, in welchem Meditation, Gestalt-Therapie und psychedelische Zeremonien eine Gesellschaft von buddhistischer Gelassenheit schaffen.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Den Nachmittag des 20. Novembers 1963 verbrachte ich am Bett des kranken Huxley, aufmerksam seiner schwachen Stimme zuh\u00f6rend.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Eine literarische Fuge kreierend, sprach er \u00fcber drei B\u00fccher, drei \u00bbParodien des Paradieses\u00ab, wie er sie nannte; sein eigenes, Eiland, Orwells 1984 und Hesses Glasperlenspiel.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Er erz\u00e4hlte mir mit einem sanften L\u00e4cheln, dass der \u00bbgeliebte\u00ab Diktator in Orwells Alptraum-Gesellschaft Churchill nachempfunden sei. \u00bbErinnerst du dich an Big Brothers Sprachmanipulationen, seine Rhetorik in Bezug auf den \u00bbEinsatz bis aufs Letzte\u00ab, und die Furcht, die er sch\u00fcrte, um jedermann die Verteidigung Eurasiens schmackhaft zu machen? An die Hass-Sitzungen? Den Angriff auf das \u00bbb\u00f6se\u00ab\u00d6sterreich durch den weichen Unterleib Frankreichs? Eine eindeutige Satyre.\u00ab Sowie Huxley das sagte, begriff ich: Klar, und der Name des Helden ist \u00bbWinston\u00ab Smith.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Aldous war zu jener Zeit fasziniert vom Tibetanischen Totenbuch, welches ich eben erst aus einem Viktorianischen Englisch ins Amerikanische \u00fcbertragen hatte. Dieses Manuskript benutzte Laura Huxley, um ihren Gatten beim Sterben zu leiten. (Deutsch; \u00bbPsychedelische Erfahrungen\u00ab O.W. Barth Verlag 1971. Volksverlag. Linden.)<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Ausg\u00e4nge: Fortsetzungen<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Huxley sprach mit Entt\u00e4uschung \u00fcber den schlimmen Ausgang von Eiland, des Glasperlenspiels und Orwells Klassiker. Die von ihm entworfene idealistische Inselgesellschaft wird von Erd\u00f6l suchenden Industrierm\u00e4chten zerst\u00f6rt. Hesses Kastalien l\u00f6st sich auf, weil es die Beziehung zum menschlichen Alltag verliert; dazu kommt die Zerst\u00f6rung der Liebe in 1984. Ungl\u00fcckliche Ausg\u00e4nge. Sch\u00fcchtern fragte ich, ob er mich damit warnen oder ermahnen wolle, doch er l\u00e4chelte nur, worauf ich ihm sagte, dass wir eine Fortsetzung f\u00fcr ihn, George und, Hermann schreiben w\u00fcrden, und er l\u00e4chelte wieder.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Zwei Tage sp\u00e4ter starb Aldous Huxley. Sein Gehen wurde kaum beachtet, da John F. Kennedy am selben Tag ermordet wurde; es war ein schlimmer Tag f\u00fcr Utopisten und Futuristen.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/leary3.jpg\" alt=\"leary3\" width=\"175\" height=\"115\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Die onthologische Evolution von Hermann Hesse<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Hermann Hesse seinerseits wurde 1877 in der schw\u00e4bischen Kleinstadt Calw als Sohn eines protestantischen Missionars geboren. Sein famili\u00e4rer Hintergrund und seine Erziehung waren, wie bei Huxley, intellektuell klassisch und idealistisch gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">In Basel, der schweizerischen Grenzstadt, erlernte er den Beruf eines Buchh\u00e4ndlers. Als Buchh\u00e4ndler und Herausgeber klassischer deutscher Literatur verdiente er sich dann auch seinen Lebensunterhalt und lernte dabei Jacob Burckhardt, den gro\u00dfen Schweizer Historiker und Philosophen kennen, welcher ihm sp\u00e4ter als Vorbild f\u00fcr die Figur des Vater Jacobus im Glasperlenspiel diente. 1919 zog Hesse in das Tessiner D\u00f6rfchen Montagnola am Luganersee, wo er his zum Ende seines Lebens blieb.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">1923 wurde er Schweizer. Zweifellos hatte Huxley recht, wenn er das Lehen Hesses als beispielhaft f\u00fcr Wechsel und Metamorphose beschrieb. Akzeptieren wir die Ansicht von Theodore Ziolkowski, so folgte Hesses literarische Entwicklung derjenigen der modernen Literatur vom \u00c4sthetizismus der Jahrhundertwende \u00fcher den Expressionismus zum zeitgen\u00f6ssischen Sinn f\u00fcr die menschliche Bestimmung. Zur Erinnerung:<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Hesse, eine Stimme der romantischen Realit\u00e4tsferne?<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Hesses erster Roman mit einigem Erfolg, \u00bbPeter Camenzind\u00ab, aus dem Jahre 1914, gab die frivole Stimmung der Iebensfrohen neunziger Jahre wieder, welche, wie die st\u00fcrmischen zwanziger Jahre, der letzte Tanz einer Klassengesellschaft waren, die kurz vor dem Untergang stand.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Hesse, ein desillusionierter Bohemien?<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Nach Ziolkowski wechselte Hesse vom \u00c4sthetizismus zu einem melancholischen Realismus. \u00bbHesses Romane werden zu Warnungen eines Au\u00dfenseiters, welcher uns dazu dr\u00e4ngt, \u00fcberkommene Werte in Frage zu stellen, gegen das System zu rebelIieren und die \u00bbRealit\u00e4t\u00ab im Lichte h\u00f6herer Ideale zu betrachten.\u00ab<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Er unternahm 1911 die obligatorische Pilgerreise nach Indien und infiszierte sich am Ganges mit dem Virus, der sp\u00e4ter den ausgewachsenen Mystizismus eines Allan Ginsburg verursachen sollte.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Hesse, ein Kriegsdienstverweigerer?<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">1914 wand sich Europa im Fieber des Nationalismus und Militarismus. Hesse wurde, wie Dr. William Spock auf einer anderen Raum-Zeitkoordinate, ein ausgesprochener Pazifist und Kriegsdienstverweigerer. Zwei Monate nach dem Ausbruch des Krieges publizierte die Neue Z\u00fcrcher Zeitung seinen Essay \u00bbOh Freunde, nicht diese T\u00f6ne\u00ab. Es war ein Aufruf an die Jugend Deutschlands, in dem sich seine Betroffenheit ob der stattfindenden Stampede auf den offenen Abgrund zu \u00e4u\u00dferte. Die Anklage brachte ihm eine offizielle Zensur und Angriffe anderer Zeitungen ein. Hesse war offensichtlich gegen den verheerenden Einfluss von Patriotismus, Nationalismus und Autorit\u00e4tsgl\u00e4ubigkeit gefeit.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Hesse, ein Urbeatnik?<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">1922 schrieb Hesse den \u00bbSiddharta\u00ab, die Geschichte einer Kerouac-Snyder Existenz, die auf dem Wege nach Benares gelebt, befreite Feste einer lebensfrohen, Liebe und Sex auskostenden M\u00e4nnlichkeit feiert.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">In einem Interview mit dem Playboy Magazin fasst der islamische Yoga-Meister Karem Abdul-Jahbar mit einer bemerkenswerten Klarheit die Ebenen seiner Lebenserfahrung zusammen. Er hat offensichtlich Hesse studiert und benutzt die Fugen-Technik des Glasperlenspiels um die verschiedenen Aspekte seiner Biografie: Basketball, Rassismus, Religion, Drogen, Sex, Jazz und Politik in Einklang zu bringen. \u00bb.. .In meinem letzten Highschool-Jahr\u00ab, sagte Ahdul~ Jahbar, \u00bbbegann ich alles zu lesen, was mir in die Finger kam &#8211; Hindutexte, die Upanischaden, Zen-Texte, Hermann Hesse&#8230;.\u00ab<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Playboy: \u00bbWas beeinflusste Sie am meisten?\u00ab<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Abdul-Jabhar: \u00b4\u00bbHesses Siddharta. Ich machte w\u00e4hrend jener Zeit all das durch, was Siddharta als Jugendlicher durchmachte. und ich identifizierte mich mit seiner Auflehnung gegen die traditionellen Auffassungen von Liebe und Leben. Siddharta wird \u00c4sthet, ein reicher Mann, ein feinf\u00fchliger Mann &#8211; er erforscht all diese verschiedenen Welten und kann dabei keine Erleuchtung finden. Das war f\u00fcr mich die Botschaft des Buches, und so begann ich mein eigenes Wertesystem f\u00fcr das, was gut und schlecht ist, zu entwickeln.\u00ab<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Hesse, ein Urhippy?<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Siddharta blieb nicht Hesses einziger Held, der sein eigenes Wertesystem entwickelte. Der Protagonist in Hesses n\u00e4chstem Buch brachte die Selbstverwirklichung zu Vollendung:<em>Steppenwolf<\/em>, 1927 erschienen, wird von Ziolkowski als eine \u00bbpsychedelische Orgie aus Sex, Drogen und Jazz\u00ab beschrieben. Andere Experten. einer eher historischen Sicht verpflichtet, sehen den (Steppenwolf als eine abschlie\u00dfende Parodie auf die \u00bberhabenen\u00ab Gegens\u00e4tze des industriellen Zeitalters. Hesse stellt die Freud&#8217;schen Konflikte, Nietzsches Pein, die Jung&#8217;schen Polarit\u00e4ten und Hegels Denkmaschine mit viel Humor in Frage.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Harry Haller betritt das Magische Theater, als Eintritt muss er den Verstand abgeben. Als erstes beteiligt er sich in diesem Theater an einem Autorennen, was ein ziemlich unfeiner Bezug auf die geheiligten Symbole des Industriezeitalters ist. Hinter einer T\u00fcre. auf der \u00bbF\u00fchrung durch den Aufbau der Pers\u00f6nlichkeit\u00ab steht und: \u00bbErfolg garantiert\u00ab, lernt Harry Haller ein nachfreud&#8217;sches Videospiel zu spielen, in welchem die Pixel Teile der Pers\u00f6nlichkeit sind. \u00bbWir k\u00f6nnen zeigen, dass jedermann, dessen Seele in ihre Teile zerfallen ist, diese auf jede beliebige Art wieder zusammensetzen kann. So erlangt er die M\u00f6glichkeit f\u00fcr eine unendliche Anzahl von Z\u00fcgen im Spiel des Lebens.\u00ab<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Dieser letzte Satz dr\u00fcckt pr\u00e4zise aus, was die Grundlage der New-Age-Botschaft von der Selbstverwirklichung war, und bei all den darin beschriebenen 38 000 Methoden geht es immer nur um dieses Eine: Du lernst die Elemente deines Selbst in der dir entsprechenden Weise neu zusammenzusetzen. Danach dr\u00fcckst du die Eingabetaste, um weiterzugehen.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Die Midlife-Krise des Steppenwolfs, seine \u00fcberhitzten Konflikte nach der Art Salingers, seine Woody Allen&#8217;sche Verzweiflung, sein unbefriedigtes Verlangen, wie es bei Norman Mailer vorkommt, all dies l\u00f6st sich in einem wirbelnden Kaleidoskop&nbsp;von schnell aufleuchtenden Neuro-Realit\u00e4ten auf. \u00bbIch wusste immer\u00ab, keucht Harry Haller, \u00bbdass ich alle hundert Teile des Lebensspiels in meiner Tasche habe&#8230;. eines Tages werde ich sie zu einem besseren Spiel zusammenmischen.\u00ab<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/leary4.jpg\" alt=\"leary4\" width=\"175\" height=\"103\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Das Glasperlenspiel wandelt Gedanken in Strukturen um<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Was tust du, nachdem du die schweren, soliden, felsbrockenhaften Gedanken deiner mechanischen Realit\u00e4t in ihre Elemente zerlegt hast? Bist du ein Student der Physik oder Chemie, so ordnest du die Teile in neuen Kombinationen an. Synthetische Chemie des Geistes. Solve et coagule. Arrangiere die Elemente, und du wirst ein Meister des Glasperlenspiels. Ich lasse den Zufallsgenerator mein Gedankenspiel mischen und gebe die Karten neu aus!<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">So wie es Hesse schilderte, lernten die Spieler des Glasperlenspiels Dezimalzahlen, Musiknoten, Worte, Gedanken oder Bilder in Elemente umzuwandeln, welche in endlosen Abakus-Kombinationen und rhythmischen Fugen-Sequenzen zusammengefasst werden konnten. So war man in der Lage, eine Meta-Sprache voller Klarheit, Reinheit und von h\u00f6chster Komplexit\u00e4t zu sch\u00f6pfen. Es entstand so eine globale Sprache, die sich auf Digitaleinheiten aufbaut. Das Spiel wird auch beschrieben als \u00bb&#8230; ein Aneinanderreihen, Ordnen, Gruppieren und Gegeneinanderstellen von konzentrierten Vorstellungen aus vielen Gebieten des Denkens und der K\u00fcnste.\u00ab<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Mit der Zeit, so schrieb Hesse, \u00bb&#8230; entwickelte sich das Spiel zu einer Art universeller Sprache, mit welcher die Spieler verschiedene Werte ausdr\u00fccken und miteinander verbinden konnten.\u00ab<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Die Entwicklung des Computers<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Am Anfang war das Spiel von einer Gruppe von Mathematikern entworfen, konstruiert und fortw\u00e4hrend den neuesten Erkenntnissen angepasst worden. Sie wurde Kastalia genannt. Sp\u00e4tere Generationen von \u00bbHackern\u00ab benutzten das Spiel aus erzieherischen, intellektuellen und \u00e4sthetischen Gr\u00fcnden. Irgendwann wurde das Spiel zu einer globalen Geisteswissenschaft, zu einer unentbehrlichen Methode, die Gedanken zu ordnen und sie genau zu \u00fcbermitteln.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Hesse war nat\u00fcrlich nicht der Erste, der eine digitale Gedankenverarbeitung vorschlug. Etwa 600 vor Christus spekulierten der Grieche Pythagoras (mit seiner Sph\u00e4renmusik) und der Chinese Lao Tse (Tao, Yin-Yang) dahingehend, dass die Wirklichkeit und das Wissen mit einem Spiel aus Bin\u00e4rzahlen ausgedr\u00fcckt werden konnten und sollten. 1832 entwickelte ein junger Engl\u00e4nder, George Boole, eine Algebra der symbolischen Logik. Im folgenden Jahrzehnt arbeiteten Charles Babbage und die Gr\u00e4fin Lovelace an einer analytischen Denkmaschine. Ein Jahrhundert sp\u00e4ter, gleichzeitig mit Hesses Entwurf des Glasperlenspiels, beschrieb der brillante englische Logiker Alan Turing Maschinen, die menschliches Denken simulieren k\u00f6nnen: AI &#8211; Artificial Intelligence &#8211; k\u00fcnstliche Intelligenz.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Hesses einzigartiger Beitrag war jedoch weniger technischer als sozialer Art. 45 Jahre vor Toffler (The third wave) und Naisbitt (Megatrends) sah Hesse das Erscheinen eines Informationszeitalters voraus. Im \u00bbGlasperlenspiel\u00ab stellt Hermann Hesse eine Soziologie des Computers vor. Mit der reichen Sprache des Dichters beschreibt er das Entstehen einer utopischen Subkultur aus dem Gebrauch digitaler Ged\u00e4chtnisunterst\u00fctzung.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Hesse verwendet dabei ein wichtiges Instrument, die Parodie, um die sich aufdr\u00e4ngende Frage zu stellen: Was geschieht mit einer Gesellschaft, die sich in Computerbeherrscher und Computer-Analphabeten teilt, in eine Elite der Elektronik und in Blaumann tragende Proletarier mit ihren mechanischen Olivettis? Was sind die Gefahren einer in Informations-Reiche und Informations-Habenichtse geteilten Gesellschaft?<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Hesses Glorifizierung der Kastalischen Hackerkultur<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00bbDas Glasperlenspiel\u00ab ist die Geschichte von Josef Knecht, dem wir als hervorragendem Gymnasiasten begegnen, welcher in die Kastalische Bruderschaft aufgenommen und in die Feinheiten des Gedankenverarbeitungssystems eingeweiht wird.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Die Beschreibung von Kastalien ist von bezaubernder Ausf\u00fchrlichkeit. Der Leser f\u00fchlt sich von der sublimen Sch\u00f6nheit des Ordens und der m\u00f6nchischen Hingabe der Adepten angezogen. Zu Beginn des Buches wird erkl\u00e4rt. \u00bbDieses Spiel der Spiele&#8230; entwickelte sich zu einer Art Universalsprache, durch welche die Spieler in sinnvollen Zeichen Werte auszudr\u00fccken und zueinander in Beziehung zu setzen bef\u00e4higt waren. Ein Spiel konnte zum Beispiel ausgehen von einer gegebenen astronomischen Konfiguration, oder vom Thema einer Bachfuge oder von einem Satz des Leibniz oder der Upanischaden, und der Spieler konnte von diesem Thema aus, je nach seiner Absicht und Begabung die wachgerufene Leitidee entweder weiterf\u00fchren und ausbauen oder auch durch Ankl\u00e4nge an verwandte Vorstellungen in ihrem Ausdruck bereichern. War der Anf\u00e4nger etwa f\u00e4hig, durch die Spielzeichen Parallelen zwischen einer klassischen Musik und der Formel eines Naturgesetzes herzustellen, so f\u00fchrte beim K\u00f6nner und Meister das Spiel vom Anfangsthema frei bis in unbegrenzte Kombinationen.\u00ab<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Mit diesem letzten Satz beschreibt Hesse die Theorie des Programmierens. Die Meister unter den Programmierern k\u00f6nnen jegliche Ideen, jeden Gedanken in den bin\u00e4ren Zahlencode \u00fcbersetzen, der es erlaubt, diese Informationen mit h\u00f6chster Geschwindigkeit in jeder Art und Weise zu kombinieren. Darin entdecken wir wieder den seit jeher bestehenden Traum der Philosophen, Vision\u00e4re und Linguisten von der \u00bbUniversitas\u00ab, von einer Synthese allen Wissens, vom absoluten Ged\u00e4chtnis, von einer alles umfassenden mathematischen Genauigkeit.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Als Dichter wusste Hesse, dass eine Sprache, welche auf mathematische Elemente aufbaut, nicht unbedingt kalt, unpers\u00f6nlich oder mechanisch sein muss. Das Glasperlenspiel lesend erleben wir eine Begeisterung, wie sie etwa heutige Video-K\u00fcnstler beim Entwerfen ihrer komplizierten Programme tr\u00e4gt. Diese wissen, dass das Malen, Komponieren, Schreiben, Entwerfen, kurz, das Arbeiten mit Strukturen aus elektronischen \u00bbPerlen\u00ab einem mehr Freiheit gibt als ein \u00fcbliches Druckverfahren oder das Malen auf Leinwand, das Spielen auf mechanischen Instrumenten.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/leary5.jpg\" alt=\"leary5\" width=\"179\" height=\"117\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Hesses goldenes Zeitalter des Bewusstseins<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Nach Hesse erlebte die Chemie ihr Goldenes Zeitalter als die Wissenschaftler lernten, Substanzen in ihre Molek\u00fcle aufzutrennen und wieder zu neuen Stoffen zusammenzusetzen. Nur durch exaktes Vorgehen beim Spiel mit den reagierenden Elementen waren die Chemiker in der Lage, die \u00bbMurmeln\u00ab zu konstruieren, welche unsere Welt so stark ver\u00e4ndern sollten.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Im Goldenen Zeitalter der Physik, sowohl der theoretischen als auch der experimentellen. lernten die Physiker Atome zu spalten und die erhaltenen Teile in unendlich vielen neuen elementaren Strukturen anzuordnen.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Mit dem Glasperlenspiel zeichnete Hesse ein Goldenes Zeitalter des Bewusstseins, in dem die Strukturprogrammierer von Kastalien, \u00e4hnlich den Chemikern und Physikern, Gedanken-Molek\u00fcle in Elemente (Perlen) zerlegten und diese zu neuen Mustern verwoben, die \u00bbsingen wie zusammen schwingende Kristalle\u00ab.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Technologie erfindet Ideologie<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Wie vieles andere nahm Hesse auch Mc Luhans Erstes Gesetz der Kommunikation voraus, welches lautet: Das Medium ist die Botschaft! Mit anderen Worten, die Werkzeuge. die wir benutzen, um unsere Gedanken zu verpacken, speichern oder zu vermitteln, definieren die Grenzen unseres Denkens. Die Kraft der Technologie verstehend erz\u00e4hlt er uns, dass die neue Bewusstseins-Kultur aus einer fast primitiven Denkhilfe entstand, einem kleinen Abakus, einem Holzrahmen, auf den ein paar Dutzend Dr\u00e4hte aufgespannt waren, auf welche Glasperlen verschiedener Gr\u00f6\u00dfe, Form und Farbe aufgezogen werden konnten. Aber lassen wir uns von der spielzeughaften Einfachheit dieses Werkzeugs nicht t\u00e4uschen, es ist in Wirklichkeit sehr brauchbar. Hat man einmal die Gedankenelemente mit Hilfe mathematischer Gleichungen festgelegt. so hat man die M\u00f6glichkeiten der Intelligenz eines Kulturkreises erweitert.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Die Evolution des Spiels<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Der Glasperlen-Abakus wurde zuerst von Musikern verwendet, da seine Dr\u00e4hte den Notenlinien entsprachen und die Glasperlen den Notenwerten.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00bbKaum zwei, drei Jahrzehnte sp\u00e4ter scheint das Spiel unter den Musikstudenten an Beliebtheit eingeb\u00fcsst zu haben, daf\u00fcr aber von den Mathematikern \u00fcbernommen worden zu sein, und lange Zeit blieb das ein kennzeichnender Zug in der Geschichte des Spiels, dass es stets von derjenigen Wissenschaft bevorzugt und benutzt und weitergebildet wurde, welche jeweils eine besondere Bl\u00fcte oder Renaissance erlebte.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">&#8230;Das Spiel wurde von beinahe allen Wissenschaften zeitweise \u00fcbernommen und nachgeahmt&#8230; Die analytische Betrachtung der Musikwerte hatte dazu gef\u00fchrt, dass man musikalische Abl\u00e4ufe in physikalisch-mathematische Formeln einfing. Wenig sp\u00e4ter begann die Philologie mit dieser Methode zu arbeiten und sprachliche Gebilde nach der Weise auszumessen, wie die Physik Naturvorg\u00e4nge ma\u00df. Es schloss die Untersuchung der bildenden K\u00fcnste sich an&#8230; Jede Wissenschaft, die sich des Spiels bem\u00e4chtigte, schuf sich zu diesem Zweck eine Sprache von Formeln, Abbreviaturen und Kombinationsm\u00f6glichkeiten &#8230;\u00ab<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00bb&#8230; Es w\u00fcrde zu weit f\u00fchren, wenn wir des n\u00e4heren schildern wollten, in welcher Weise der Geist sich nach seiner Reinigung auch im Staate durchsetzte&#8230; und so wurde die Pflege des Geistes in Staat und Volk von den Geistigen mehr und mehr monopolisiert, namentlich das ganze Schulwesen&#8230;\u00ab<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Die Ank\u00fcndigung der k\u00fcnstlichen Intelligenz?<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00bbBei den Mathematikern wurde das Spiel zu einer hohen Beweglichkeit und Sublimierungsf\u00e4higkeit gebracht und gewann schon etwas wie ein \u00bbBewusstsein seiner seIbst und seiner M\u00f6glichkeiten\u00ab.\u00ab<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Mit diesem letzten Satz nimmt Hesse den Alptraum 2001 \u00fcber eine neurotische k\u00fcnstliche Intelligenz, geschrieben von Arthur C. Clarke und verfilmt von Stanley Kubrick, voraus: \u00bb\u00d6ffne die Schotten, HaI.\u00ab\u00bbTut mir leid, Hermann, diese Mission ist zu wichtig, um durch menschlichen Irrtum zu scheitern.\u00ab<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Ein Kult ausgedropter Hacker?<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Hesse schilderte, wie in den ersten Generationen von Computer-Adepten eine \u00bbHacker-Kultur\u00ab entstand, eine Elite von \u00bbSpitzenprogrammierern\u00ab, die vollst\u00e4ndig in den Konstruktionen ihres Denkens lebten, ohne sich um die Au\u00dfenwelt zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Die Kultur der k\u00fcnstlichen Intelligenz<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Weiter beschrieb er das Auftauchen eines Ph\u00e4nomens, welches gerade heute der Trend in der Informatik ist: Den Kult um die k\u00fcnstliche Intelligenz. 1984 wurden in Japan, den USA und Europa Milliarden in so genannte Projekte der f\u00fcnften Generation investiert, die der Entwicklung von Programmen f\u00fcr k\u00fcnstliche Intelligenz dienen. Alle diese Nationen leiden schon heute unter einem ernstzunehmenden Intelligenz-Defizit. So ist das Ziel, welches mit diesen Projekten angesteuert wird, die Entwicklung von Maschinen, die denken und R\u00fcckschl\u00fcsse ziehen k\u00f6nnen und deren Entscheide zuverl\u00e4ssiger sind als die des Menschen.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Die immensen Investitionen werden von gro\u00dfen Verwaltungen get\u00e4tigt: Regierungen, Industrien, dem Milit\u00e4r, Banken, Versicherungen, \u00d6lfirmen usw. K\u00fcnstliche Intelligenz sollte folgende Aufgaben l\u00f6sen k\u00f6nnen:<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">a) Entscheidungen aufgrund unz\u00e4hliger Daten f\u00e4llen. Dabei \u00fcbernimmt der Computer mit Lichtgeschwindigkeit die Arbeit von Tausenden von Angestellten und Technikern.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">b) Mit Hilfe von Stimmerkennungsprogrammen auf die gesprochene Sprache reagieren.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">c) Als Roboter menschliche Arbeit verrichten.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Sie ist unter den Investoren in der Computerindustrie das Zauberwort; es scheint nur noch wenig zu fehlen, und die Roboter werden eine immer wichtigere Rolle in den westlichen Zivilisationen spielen.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Genauso wie das Glasperlenspiel zum Ziel der Kritik Au\u00dfenstehender wurde, so entsteht heute ein Murren des Widerstands unter unzufriedenen Liberalen und Humanisten gegen die k\u00fcnstliche Intelligenz. Einige unter ihnen weisen darauf hin, dass der Ausdruck \u00bbK\u00fcnstliche Intelligenz\u00ab schon ein Widerspruch in sich sei, \u00e4hnlich dem Ausdruck \u00bbmilitary intelligence\u00ab. Andere Kritiker meinen, dass k\u00fcnstliche Intelligenz wenig mit der individuellen menschlichen Intelligenz zu tun habe. Diese Multimillion-Dollar-Maschinen k\u00f6nnen nicht zur L\u00f6sung pers\u00f6nlicher Probleme gebraucht werden. Sie verhelfen Hans nicht zu einem Rendez-vous mit seiner Angebeteten am Freitagabend, sie bringen Sylvia das fehlende Selbstvertrauen nicht bei. Die Systeme k\u00fcnstlicher Intelligenz sind daf\u00fcr gebaut, wie Superexpertenkonferenzen zu denken, unfehlbar den Weg des geringsten wirtschaftlichen Verlustes suchend. Unweigerlich kommt einem dabei in den Sinn, dass es Ford damals billiger zu stehen kam, ein paar Schadenersatzprozesse zu verlieren, als den Ford Pinto so zu konstruieren, dass sein Benzintank nicht mehr explodieren konnte.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Weiter steigen in einem die Meldungen hoch, in denen hohe Milit\u00e4rs von einem \u00bbtolerierbaren Verlust an Menschenleben im Falle eines Atomwaffenkrieges\u00ab sprechen. Genau diesen Wahnsinn empfinden viele, wenn sie sagen, dass diese Spielzeuge des Top-Managements eher k\u00fcnstlich als intelligent seien.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Es kann sich herausstellen, dass unsere HAL-Paranoia \u00fcbertrieben ist. Computer werden keine wirklichen Menschen ersetzen, sie ersetzen h\u00f6chstens mittelm\u00e4\u00dfige B\u00fcrokraten, ersetzen uns nur so weit, als wir k\u00fcnstliche (statt nat\u00fcrliche) Intelligenz in unserem Leben und in unserer Arbeit einsetzen. Sie werden nur soweit f\u00fcr uns denken, wie wir es schon heute unseren B\u00fcrokraten erlauben f\u00fcr uns zu denken. Falls wir denken wie Funktion\u00e4re, wie Manager oder Angestellte, die ausf\u00fchren, ohne Fragen zu stellen oder wie ein Schachspieler, der mechanisch spielt, dann k\u00f6nnte es uns allerdings geschehen, dass wir bald nichts mehr zu denken haben.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/leary6.jpg\" alt=\"leary6\" width=\"177\" height=\"111\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Nat\u00fcrliche Intelligenz<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Die Humanisten unserer Zeit behaupten, es g\u00e4be nur eine Form der Intelligenz, die nat\u00fcrliche Intelligenz: Die Kraft des Gehirns, welche im Sch\u00e4del jedes einzelnen ihren Sitz hat. Dieses \u00bbEingemachte\u00ab ist genetisch verdrahtet und mit Erfahrungen programmiert, welche es erlauben, mit den Angelegenheiten einer (!) Person, n\u00e4mlich des Besitzers, umzugehen und Erfahrungen mit andern auszutauschen.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Alle Gedanken verarbeitenden Werkzeuge, vom Bleistift \u00fcber Schreibmaschinen, B\u00fccher bis zum Computer, k\u00f6nnen als Erweiterungen der nat\u00fcrlichen Intelligenz angesehen und auch so benutzt werden. Sie sind Hilfen f\u00fcr das Verpacken, Speichern und Vermitteln von Ideen; sind Spiegel, die widerspiegeln, was der Benutzer dachte.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Douglas Hofst\u00e4dter sieht es in seinem Buch: \u00bbG\u00f6del, Escher, Bach\u00ab so: \u00bbDas Selbst wird in dem Augenblick geboren, wo es die Kraft bekommt, sich selbst zu reflektieren.\u00ab Und diese Kraft ist, in Hesses Sinn, bestimmt durch das Denkwerkzeug, welches eine Kultur anwendet.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Einzelne Menschen k\u00f6nnen von Denkmaschinen (ob Computer oder Glasperlenspiel) nur soweit kontrolliert und verwaltet werden, als sie sich dazu hergeben, ihr eigenes Denken einzuschr\u00e4nken.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Der das sagt, ist Hermann Hesse.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>Der Magister Ludi beginnt die Autorit\u00e4t in Frage zu stellen<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Im Laufe seines Lebens steigt der Held des \u00bbGlasperlenspiels\u00ab, Josef Knecht, zur h\u00f6chsten Stellung des Kastalischen Ordens auf. Er wird Magister Ludi, Leiter des Glasperlenspiels. Das Spiel ist zu dieser Zeit bereits eine globale k\u00fcnstliche Intelligenz geworden, mit der die Erziehung, das Milit\u00e4r, die Wissenschaften und \u00fcberhaupt alle Lebensbereiche geleitet werden. Die gro\u00dfen kulturellen Zeremonien bestehen aus \u00f6ffentlichen Denkspielen, die von der Elite mit Faszination verfolgt werden.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Auf dem H\u00f6hepunkt seiner Laufbahn wird der Magister Ludi von Zweifeln geplagt. Er macht sich Sorgen \u00fcber die zweigeteilte Gesellschaft, in welcher die kastalische Programmierer-Elite ihre Gedankenspiele weit entfernt von der Realit\u00e4t des Alltags durchspielt. Wir erinnern uns, die Kastalier haben ihr Leben voll und ganz dem Geistesleben gewidmet. Sie weigern sich, Macht auszu\u00fcben, Geld zu besitzen, eine Familie zu gr\u00fcnden oder dem Individualismus zu huldigen. Ein Kastalier ist ein perfekt organisierter Mann, ein M\u00f6nch der neuen Religion von der k\u00fcnstlichen Intelligenz. Knecht beginnt nun am absoluten Gehorsam, am Verlust des individuellen Entscheidens zu zweifeln, und am Ende findet er die einzige Antwort eines Individuums, welches nicht akzeptiert, dass eine k\u00fcnstliche Intelligenz von ihm Verzicht auf Selbstverwirklichung verlangen kann.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">\u00a0<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><strong>\u00bbHandeln, wie es Herz und Verstand verlangen\u00ab<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Der Roman endet damit, dass Josef Knecht seine Stellung als Hohepriester der K\u00fcnstlichen Intelligenz aufgibt und sich einem neuen Leben als Individuum in der \u00bbrealen\u00ab Welt zuwendet. Er erkl\u00e4rt sein Handeln, sein \u00bbErwachen\u00ab in einem Brief an den Orden. Nach 30 Jahren in der \u00bbobersten Liga der Gedankenverarbeitung\u00ab ist Knecht zum Schluss gekommen, dass sich Organisationen dadurch am Leben erhalten, dass sie Gehorsam mit Privilegien belohnen!<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Langsam hat sich der Schleier gehoben und Knecht sieht, dass die kastalische Gemeinschaft von den charakteristischen Krankheiten der Eliten befallen ist: Eitelkeit, \u00dcberbeblichkeit, Selbstherrlichkeit, Ausbeutung&#8230; Und er erkennt, dass, wie um die Ironie auf die Spitze zu treiben, diese Gedanken verarbeitende B\u00fcrokratie ihre eigene Stellung in der Struktur des Staates, ihren Platz in Welt und Geschichte gar nicht mehr erkennt.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Wir sollten uns dabei daran erinnern, dass Hesse sein Buch zu der Zeit schrieb, als Hitler, Mussolini und Stalin Europa mit ihren Diktaturen terrorisierten. Die ehemals popul\u00e4re athenisch-demokratische Maxime: Stehe zu dir,&#8216; stelle die Autorit\u00e4t in Frage! war hoffnungslos aus der Mode gekommen, selbst in zivilisierten L\u00e4ndern, wie die Schweiz eines ist.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">R\u00fccksichtnahme auf die Schwere der Zeit war, wie ich annehme, der Grund, warum Hesse, der Meister der Parodie, seine \u00e4ngstlichen Leser so langsam und f\u00f6rmlich auf die abschlie\u00dfende Konfrontation zwischen Alexander, dem Pr\u00e4sidenten des Ordens und dem dissidenten Spielmeister zuf\u00fchrt.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Vorsichtig und voller Zuneigung erkl\u00e4rt Knecht dem Pr\u00e4sidenten, dass er keinen \u00bbBeschluss von Oben\u00ab akzeptieren werde. Alexander staunt ungl\u00e4ubig, so wie gegen\u00fcber einem solchen Aussteiger jeder Angeh\u00f6rige der Gedankenverarbeitenden Elite Europas staunen w\u00fcrde, sei er nun Professor, Intellektueller, Linguist, Literaturkritiker oder Herausgeber von einem Magazin, wie diesem, in dem Sie gerade lesen. \u00bb&#8230; nicht geneigt gehorsam&#8230; einen unab\u00e4nderlichen Beschluss von Oben zu akzeptieren &#8211; hab ich dich richtig verstanden, Magister?\u00ab!<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Sp\u00e4ter wagt der sichtlich verwirrte Alexander eine Frage zu stellen, die noch keiner in der Organisation gestellt hat: \u00bbWenn du nicht handelst, wie es dir die oberste Verwaltung befiehlt, wie handelst du dann?\u00ab \u00bbWie es mein Herz und Verstand befehlen\u00ab, antwortet ihm Josef Knecht.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/leary7.jpg\" alt=\"leary7\" width=\"184\" height=\"117\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Aus dem Amerikanischen von Heinz Martin. Puzzles aus Jos\u00e9 Arg\u00fcelles \u00bbEarth Ascending\u00ab. Erschienen 1982 im SPHINX-Magazin.<\/p>\n<hr \/>\n<blockquote>\n<p class=\"mittel\"><strong>*Timothy Leary, amerikanischer Psychologe und Autor, 1920 bis 1996<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/leary-bild.jpg\" alt=\"leary-bild\" width=\"178\" height=\"178\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Nachfolgender Beitrag aus Wikipedia:<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Leary wurde in den 1960er und 70er Jahren daf\u00fcr ber\u00fchmt, dass er den freien und allgemeinen Zugang zu bewusstseinsver\u00e4ndernden Drogen (z.B. Meskalin, Psilocybin und LSD) propagierte. In diesem Zusammenhang erfand er den PR-Slogan Turn on, Tune in, Drop out (im \u00dcbertragenen Sinne: &#8222;Mach dich an [z.B. durch Drogen], stell dich um [richte dein Leben neu aus], spring ab [von den Fesseln der Gesellschaft]&#8220;).<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Damit hatte er einen anderen Ansatz als Aldous Huxley, der schon 1953 mit Meskalin experimentierte und seine Erfahrungen in dem einflussreichen Text Die Pforten der Wahrnehmung ver\u00f6ffentlichte. Huxley bef\u00fcrwortete den experimentellen Einsatz von Meskalin ausschlie\u00dflich f\u00fcr einen kleinen Kreis Intellektueller, K\u00fcnstler und religi\u00f6ser Menschen, nicht f\u00fcr die Allgemeinheit.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Eine weitere von Leary abweichende therapeutische Anwendung von LSD, in gesch\u00fctztem Umfeld und mit medizinischer Begleitung, beschreibt Stanislav Grof (Psycholyse).<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Timothy Leary sah psychedelische Drogen als Mittel zur Neu-Programmierung des Gehirns, d.h. (in seiner Terminologie) der Aufhebung vorhandener Pr\u00e4gungen und der gleichzeitigen \u00d6ffnung f\u00fcr neue Pr\u00e4gungen. Leary betonte den Einfluss von SET (innere Einstellung des Konsumenten zum Zeitpunkt des Rausches), SETTING (Umgebung und Umfeld bei der Sitzung) und DOSIS, auf den Wirkungsverlauf halluzinogener Drogen. Nach Leary kann durch g\u00fcnstiges Set und Setting das Entstehen von Psychosen durch Psychedelika verhindert werden. Leary hat also niemals einen unkontrollierten Drogenkonsum gutgehei\u00dfen (auch wenn er so missverstanden wurde), welcher schnell fatale Folgen zeigen kann (Psychosen, Selbstmorde). Vielmehr verlangte er einen verantwortungsvollen Umgang mit Drogen und bef\u00fcrwortete Experimente unter professioneller F\u00fchrung. Ferner gab er angehenden Psychonauten folgenden Rat:<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">&#8222;Acid is not for every brain &#8211; only the healthy, happy, wholesome, handsome, hopeful, humorous, high-velocity should seek these experiences. This elitism is totally self-determined. Unless you are self-confident, self-directed, self-selected, please abstain.&#8220;<br \/>(Deutsch: &#8222;LSD ist nicht f\u00fcr jedes Gehirn etwas &#8211; nur die Gesunden, Gl\u00fccklichen, Sch\u00f6nen, Hoffnungsvollen, Humorvollen und Agilen sollten nach einer solchen Erfahrung suchen. Dieser Elitismus ist g\u00e4nzlich selbstbestimmt. Wenn du nicht selbst-bewusst, selbst-gesteuert, selbst-bestimmt bist, lass es bitte.&#8220;)<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Leary formulierte in diesem Zusammenhang die Zwei Gebote f\u00fcr das Molekulare Zeitalter:<br \/>1 Thou shalt not alter the consciousness of thy fellow men. (Deutsch: Du sollst das Bewusstsein deines N\u00e4chsten nicht ver\u00e4ndern.)<br \/>2 Thou shalt not prevent thy fellow man from altering his or her own consciousness. (Deutsch: Du sollst deinen N\u00e4chsten nicht daran hindern, sein oder ihr Bewusstsein zu ver\u00e4ndern.)<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<p class=\"mittel\">Diese S\u00e4tze sind aber durchaus nicht nur in Bezug auf den Gebrauch von Drogen zu verstehen, sie beziehen sich auch auf die Manipulation durch Massenmedien, Politiker und Gruppenzwang.<\/p>\n<p> <span class=\"mittel\"> <\/span> <\/p>\n<hr \/>\n<\/blockquote>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/learyhesse_kl.jpg\" alt=\"learyhesse_kl\" width=\"175\" height=\"131\" \/><\/p>\n<p>Ein neuer Schl\u00fcssel zum Glasperlenspiel<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-488","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/488","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=488"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/488\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=488"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=488"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=488"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}