{"id":469,"date":"2008-02-08T15:18:50","date_gmt":"2008-02-08T15:18:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=469"},"modified":"2008-02-08T15:18:50","modified_gmt":"2008-02-08T15:18:50","slug":"schweiz-und-eigensinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=469","title":{"rendered":"Schweiz und EigenSinn"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/aktuell\/cheigensinn.jpg\" alt=\"cheigensinn\" width=\"364\" height=\"273\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"Titel3rot\">Eine Schweizer Tugend mit Zukunft&#8230;<\/span> <\/p>\n<p class=\"Stil28\"><em>Im folgenden Beitrag vom Februar 2008 macht sich Andreas Giger Gedanken \u00fcber EigenSinn als schweizerische Tugend.<\/em><\/p>\n<p><strong class=\"Titel1rot\">Der Sinn der Schweiz liegt im EigenSinn<\/strong><\/p>\n<p>Den nachstehenden Beitrag habe ich als Reaktion auf eine Diskussion im TagesAnzeiger (Z\u00fcrich) \u00fcber das heutige und k\u00fcnftige Selbstbild der Schweiz geschrieben.<\/p>\n<p>Der zust\u00e4ndige Redaktor lehnte eine Publikation mit der Begr\u00fcndung ab, in dem Artikel &#8222;gerate einiges durcheinander&#8220;.<\/p>\n<p>Meine Antwort lautete so:<\/p>\n<p><em>Nun ja. Man kann darauf setzen, Erkenntnisgewinn zu erlangen, indem man innerhalb festgelegter Kategorien weiter denkt. Oder aber, indem man scheinbar nicht zusammengeh\u00f6rende Ideen verkn\u00fcpft und dabei die Grenzen der \u00fcblichen Kategorienbildung \u00fcberschreitet, wobei dann w\u00f6rtlich tats\u00e4chlich einiges durcheinander ger\u00e4t. Mir scheint die zweite Methode wesentlich ergiebiger. Schade, dass Sie Ihren Lesern nicht zutrauen, diesen Schritt zu tun.<\/em><\/p>\n<p>Am besten bilden Sie sich selbst ein Urteil&#8230;<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><em>Weder die Igel-Retrovision der SVP noch das Marketing-Etikett Swissness sind geeignete Selbstbilder einer Schweiz mit Zukunft. Gefragt ist individueller statt uniformer EigenSinn.<\/em><\/p>\n<p>Eines steht fest: Die SVP ist die unschweizerischste aller Schweizer Parteien. Das liegt nicht am Schweiz-Bild, das sie propagiert. Schliesslich steht es in einem freien Land jedermann frei, sich f\u00fcr eine r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Utopie einzusetzen, die das eigene Land als leuchtenden Sonderfall sieht und den Rest der Welt als l\u00e4stiges, ja bedrohliches \u00dcbel. Dass einem dieses Bild der Schweiz ziemlich \u00fcbel aufstossen kann, wie etwa Jean-Martin B\u00fcttner auf diesen Seiten (TagesAnzeiger vom 24.Januar), ist zwar verst\u00e4ndlich, f\u00fcr sich allein genommen aber noch kein Grund zur Klage.<\/p>\n<p>Nein, was wirklich zunehmend nervt, ist der Drang der SVP, ihr einseitiges Bild dem ganzen Land \u00fcberzust\u00fclpen. Wohl wissend, dass ihre Sicht der Welt und der Schweiz von einer Mehrheit der Bev\u00f6lkerung dieses Landes nicht geteilt wird, tut sie st\u00e4ndig so, als spr\u00e4che sie im Namen des (ganzen) Volkes und der (ganzen) Schweiz. Das tr\u00e4gt einem dann von ausl\u00e4ndischen Freuden, die das Sch\u00e4fchen-Plakat gesehen haben, die besorgte Frage ein, was eigentlich mit der Schweiz los sei&#8230;<\/p>\n<p><strong>Alter Ideologie-Glaube<\/strong><\/p>\n<p>Der Versuch, mit einer partiellen Sicht der Dinge, sprich mit einer Ideologie, die Deutungshoheit \u00fcber ein ganzes Volk zu gewinnen, erinnert fatal an all die kollektivistischen Experimente des 20. Jahrhunderts, von den Nazis \u00fcber Stalin bis zu den Roten Khmer, die mit ihren furchtbaren Folgen die Menschheit eigentlich ein f\u00fcr allemal h\u00e4tten lehren sollen, dass Ideologien des Teufels sind.<\/p>\n<p>Das wusste man in der Schweiz an sich schon immer. Doch auch ein niedlich Gr\u00e4ser mampfender Parteivorsitzender kann nicht dar\u00fcber hinweg t\u00e4uschen, dass das Schweiz-Bild der SVP eine Ideologie ist, also ein ziemlich beschr\u00e4nkter Ausschnitt der Wirklichkeit. Dass so viele \u2014 ganz entgegen der schweizerischen Tradition \u2014 dieser Ideologie nachlaufen, kann eigentlich nur bedeuten, dass ansonsten ein ziemlich eklatanter Mangel an Sinn stiftenden Entw\u00fcrfen und Bildern der Schweiz besteht.<\/p>\n<p>Das modische Etikett Swissness bildet, auch da hat Jean-Martin B\u00fcttner Recht, keine \u00fcberzeugende Alternative, denn diese Begeisterung f\u00fcr Schweizer Symbole bleibt, wie jedes modische Ph\u00e4nomen, zwangsl\u00e4ufig auf die Oberfl\u00e4che, den \u00e4usseren Schein, beschr\u00e4nkt, und Oberfl\u00e4chen haben nun mal nur ein beschr\u00e4nktes Sinn stiftendes Potenzial. Ob man Swissness deswegen miesepetrisch bekritteln muss, oder ob man diese Zeitgeist-Erscheinung gelassen oder gar mit Freude betrachten will, ist allerdings eher eine Frage des pers\u00f6nlichen Geschmacks als eine grunds\u00e4tzliche.<\/p>\n<p><strong>Generell oder individuell?<\/strong><\/p>\n<p>Womit wir aber tats\u00e4chlich bei einer grunds\u00e4tzlichen Frage w\u00e4ren, n\u00e4mlich jener nach den Kriterien, die ein wirklich zukunftstaugliches Bild der Schweiz erf\u00fcllen m\u00fcsste. Die meisten Beitr\u00e4ge zum Thema gehen g\u00e4nzlich unhinterfragt davon aus, dass ein solches Schweiz-Bild auf Gemeinsamkeiten aufgebaut sein m\u00fcsse, auf Eigenschaften also, die das ganze Land und all seine Bewohner teilen. Die Idee von Swissness erf\u00fcllt dieses Kriterium genau so wie die Ideologie der SVP. Und dennoch taugen sie alle beide nicht f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<p>Oder etwa gerade deswegen? Ein Schl\u00fcsselsatz findet sich im erw\u00e4hnten Beitrag von Jean-Martin B\u00fcttner: &#8222;Wo immer Schweizer oder die Schweiz im Ausland brillieren, &#8230;, wird gerade keine Swissness verbreitet, sondern eine individuelle Leistung erbracht.&#8220; Richtig ist, dass tats\u00e4chlich viele Schweizer (und Schweizerinnen nat\u00fcrlich) brillieren, mit im Ausland oder mit zu Hause erbrachten Leistungen, und zwar nicht nur an der Spitze, sondern auf vielen Ebenen. Und richtig ist auch, dass all diese respektierten Leistungstr\u00e4ger aus der Schweiz wesentlich mehr unterscheidet als verbindet. Es handelt sich eben wirklich um individuelle Leistungen, erbracht von Individuen, ja von Individualisten.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte nicht genau darin das geheime Erfolgsrezept der Schweiz liegen? Darin n\u00e4mlich, dass sie ein hochgradig geeignetes und g\u00fcnstiges Biotop f\u00fcr die Produktion von Individualisten ist? Und dass die Schweiz fr\u00fchzeitig ein gesellschaftliches Ph\u00e4nomen hegte und pflegte, das die Gilde der Trendforscher heute v\u00f6llig richtig als &#8222;Megatrend Individualisierung&#8220; bezeichnet?<\/p>\n<p>Daf\u00fcr spricht einiges. Ein kulturelles Biotop, in dem auf so engem Raum so viele verschiedene Arten und Gattungen zusammen leben m\u00fcssen, zwingt zur Anpassung, bei Strafe des Untergangs. In den Genen der Schweiz stecken deshalb die Fr\u00fcchte dieser Anpassungsleistung: Man l\u00e4sst sich gegenseitig so weit wie m\u00f6glich in Ruhe und pflegt die Devise von leben und leben lassen. Das ist pragmatisch und weit weniger spektakul\u00e4r als die Neigung, sich in alles einzumischen, ja es ist, sagen wir es offen, stinklangweilig.<\/p>\n<p>Und \u00e4usserst erfolgreich, wenn es darum geht, die n\u00f6tigen Freir\u00e4ume zu gew\u00e4hrleisten, die Individualisten zur eigenen Entfaltung brauchen. Dass die Schweiz so viele erfolgreiche Individualisten hervorgebracht hat und weiterhin hervorbringt, spricht daf\u00fcr, dass die hohe Wertsch\u00e4tzung des Individuums hier zu Lande nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis gepflegt wird.<\/p>\n<p><strong>Vom Eigensinn zum EigenSinn<\/strong><\/p>\n<p>Zum Gedeihen dieses hiesigen Individualismus tragen einige vermutlich zu Recht mit der Schweiz in Verbindung gebrachte Eigenschaften bei: Eine Neigung zur Perfektion (Wenn schon individuelle Selbstverwirklichung, dann aber auch gleich richtig!). Ein Drang nach Unabh\u00e4ngigkeit (Was k\u00fcmmert mich das Urteil der anderen, ich gehe meinen Weg!). Und ein ausgepr\u00e4gter Eigensinn.<\/p>\n<p>Eigensinn hat kein gutes Image, man verkn\u00fcpft den Begriff gerne mit der Figur des sturen Eigenbr\u00f6tlers, der ohne R\u00fccksicht auf Verluste vorw\u00e4rts stapft. Dabei meint Eigensinn nichts anders, als Sinn im Eigenen zu finden. So verstandener EigenSinn ist die Antriebskraft jedes wahren Individuums. Und zugleich die Basis des Respekts vor den anders gearteten anderen Individuen.<\/p>\n<p>Eines ist EigenSinn dagegen sicher nicht, n\u00e4mlich die Basis f\u00fcr ein uniformes Schweiz-Bild, wie es uns die SVP andrehen will. Die Schweiz ist eben kein Sonderfall, sie besteht &#8222;nur&#8220; aus lauter individuellen Sonderf\u00e4llen. Das ist keine neue Erkenntnis, sie steckte schon im ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Slogan &#8222;La Suisse n\u2019existe pas&#8220;, der ja nie meinte, es g\u00e4be keine Schweiz, sondern im Gegenteil, das Erfolgsgeheimnis der Schweiz best\u00fcnde gerade darin, dass es nicht die eine, einzig g\u00fcltige Schweiz gebe, vielmehr eine Vielzahl individueller Schweizen, die es irgendwie geschafft haben, einigermassen friedlich und kooperativ zusammenzuleben.<\/p>\n<p>Exakt dieses Bewusstsein k\u00f6nnte die gesuchte Alternative zu den g\u00e4ngigen Bildern werden: die Schweiz als ideales Biotop f\u00fcr souver\u00e4ne und eigensinnige Individualisten. Und denen geh\u00f6rt die Zukunft, weil nur sie \u00fcber das kreative Potenzial verf\u00fcgen, das wir zum Erhalt unseres Wohlstands dringend brauchen.<\/p>\n<p>Den Eigensinnigen geh\u00f6rt die Zukunft \u2014 denn EigenSinn macht mehr und mehr Sinn. Ein Land jedoch hat nicht dann eine Zukunft, wenn es sich einen uniformen EigenSinn verordnet, sondern wenn es seinen individuellen Eigensinnigen den n\u00f6tigen Raum zur Entfaltung bietet. Die Schweiz ist dabei auf einem guten Weg.<\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/aktuell\/cheigensinn_kl.jpg\" alt=\"cheigensinn_kl\" width=\"175\" height=\"131\" \/><\/p>\n<p>Eine Schweizer Tugend mit Zukunft&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-469","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/469","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=469"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/469\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=469"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=469"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=469"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}