{"id":467,"date":"1999-05-08T14:28:40","date_gmt":"1999-05-08T14:28:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=467"},"modified":"1999-05-08T14:28:40","modified_gmt":"1999-05-08T14:28:40","slug":"die-fraktale-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=467","title":{"rendered":"Die fraktale Schweiz"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/aktuell\/fraktalch.jpg\" alt=\"fraktalch\" width=\"364\" height=\"273\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"Titel3rot\">Schweizer Mythen einmal anders<\/span> <\/p>\n<p class=\"Stil28\"><em>Von Wunsch-Feen und Schweizer Mythen handelt dieser Text vom 8. Mai 1999:<\/em><\/p>\n<p>Millennium:<\/p>\n<p class=\"Titel3rot\">Die fraktale Schweiz<\/p>\n<p>Von Andreas Giger<\/p>\n<p>Zugegeben. Mein Gehirn war von etlichen Schwaden aus dem Rauch von unserem guten Kraut ziemlich beschwingt, als ich auf einer dieser wunderbaren H\u00fcgelkuppen zwischen Bodensee und S\u00e4ntis sass, von denen aus die Blicke weit hinein in die Schweiz schweifen und ebenso weit aus ihr hinaus, und dar\u00fcber nachdachte, dass die leidige Frage der Prohibition von Cannabis Helvetica nun endlich reelle Chancen hatte, mehr oder weniger vern\u00fcnftig gel\u00f6st zu werden, was der Schweiz allerdings noch immer einen enormen Vernunftvorsprung gegen\u00fcber dem benachbarten Ausland verschaffen w\u00fcrde, was wiederum nat\u00fcrlich f\u00fcr dieses Land sprach und f\u00fcr sein Regierungssystem, das bei der Suche nach L\u00f6sungen den vern\u00fcnftigsten kleinsten gemeinsamen Nenner favorisiert: die Vernunft.<\/p>\n<p>So sass ich sinnierend und blickte in die Ferne, als pl\u00f6tzlich neben mir eine Stimme sagte: &gt;Gr\u00fcezi. Ich bin die ber\u00fchmte Fee mit den W\u00fcnschen !&lt;<\/p>\n<p>Eigentlich h\u00e4tte ich mich m\u00e4chtig erschrecken m\u00fcssen, doch die Stimme klang so hold, dass dazu keine Notwendigkeit bestand, und so sah ich mich um, um nach ihrem Ursprung zu forschen. Was mein schweifendes Auge da erblickte, hatte wenig mit meinen Vorstellungen einer \u00e4therisch-elegischen Fee zu tun. Stattdessen sass eine ziemlich dralle Weibsperson neben mir, die mich an irgend jemand erinnerte, nicht an einen Menschen aus Fleisch und Blut, sondern eher an einen Mythos. Und als sie sich mir jetzt zuwandte und ich das weisse Kreuz im roten Feld auf ihrem Mieder sehen konnte, war alles klar: Neben mir sass Helvetia h\u00f6chstselbst. Was ich ihr auf den Kopf zusagte.<\/p>\n<p>&gt;Nun ja&lt;, sagte sie leicht err\u00f6tend, &gt;ich bin es wirklich, so fern das in meinem Fall irgend etwas zu sagen hat. Und weil ich nicht wissen konnte, wie Du auf einen alten Schweizer Mythos reagierst, habe ich eine Rolle gew\u00e4hlt, auf die alle abfahren, eben die der Wunschfee.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Dann habe ich also keine drei W\u00fcnsche frei&lt;, sagte ich leicht resigniert, nachdem in meinem Gehirn bereits das Programm &#8222;Warnung vor falschen W\u00fcnschen an die Wunschfee !&#8220; in rasendem Tempo angelaufen war.<\/p>\n<p>&gt;Doch !&lt;, sprach sie mit sichtlicher Befriedigung, &gt;allerdings keinen f\u00fcr Dich, sondern nur einen f\u00fcr die Schweiz. Und als extra Herausforderung auch nur einen einzigen, jedenfalls vorl\u00e4ufig.&lt;<\/p>\n<p>Aus dem Nachsatz schloss ich, dass es sich um eine Art Pr\u00fcfung handeln k\u00f6nnte: Wenn mein einziger Wunsch sinnvoll und vern\u00fcnftig ausfallen w\u00fcrde, k\u00f6nnte dies den Weg zu weiteren frei machen. Und weil dieses Land an der Erf\u00fcllung von mehr als einem Wunsch nicht leiden w\u00fcrde, wollte ich mir besondere M\u00fche bei meinem einzigen Wunsch f\u00fcr die Schweiz geben.<\/p>\n<p>Ich bat um einige Minuten Bedenkzeit und liess die Synapsen klapsen. Nach einem Weilchen tauchte ich aus meiner Versenkung auf und sagte: &gt;Ich hab&#8217;s !: fraktale Geometrie.&lt;<\/p>\n<p>Nun war es an Helvetia, etwas erstaunt in die Welt zu gucken. &gt;Verzeih&lt;, sagte sie h\u00f6flich, &gt;aber ich kann Dir nicht ganz folgen.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Kein Wunder, ich habe ja meinen Wunsch f\u00fcr die Schweiz noch nicht einmal in einem anst\u00e4ndigen ganzen Satz formuliert. Ich hole das hiermit nach: Ich w\u00fcnsche mir, dass in allen Bildungseinrichtungen der Schweiz eine Einf\u00fchrung in die fraktale Geometrie gelehrt wird.&lt;<\/p>\n<p>Helvetia wirkte verwirrt: &gt;Ich erf\u00fclle Dir nat\u00fcrlich gerne jeden Wunsch, aber dazu muss ich ihn verstehen. Du willst also mehr Geometrie, also mehr Mathe-Unterricht. Dabei habe ich doch gerade neulich einem Schweizer Magazin gelesen, Mathematik an der Schule sei so \u00fcberfl\u00fcssig wie ein Kropf, weil niemand etwas davon behalte oder sp\u00e4ter gar brauche. Was ich aus eigener Erfahrung nur best\u00e4tigen kann.&lt;<\/p>\n<p>Ich pflichtete ihr bei. F\u00fcr die geplante Einf\u00fchrung in fraktale Geometrie k\u00f6nne man die Zeit ohne weiteres beim klassischen Mathe-Unterricht abknapsen, und es ginge dabei nicht um Zahlen, sondern um Bilder und Modelle von Wirklichkeit, also eher um Philosophie als um Mathematik.<\/p>\n<p>&gt;Und wozu soll das gut sein ?&lt;, fragte Helvetia nun ganz unverbl\u00fcmt.<\/p>\n<p>Ich sagte ihr, ich hielte das f\u00fcr eine so gute Frage, dass sie eine etwas ausf\u00fchrlichere Antwort verdiene. Sie meinte, sie h\u00e4tte Zeit, und so begann ich: &gt;Als ich nach einer M\u00f6glichkeit suchte, die Schweiz voran zu bringen, war mir schnell klar, dass es den einen Hebel, mit dem man die Welt aus den Angeln heben kann, nicht gibt &#8211; schon Archimedes hatte vergeblich danach gesucht. Mechanische L\u00f6sungen f\u00fcr mein Problem gab es keine, aber die Biologie hatte ein Modell bereit.<\/p>\n<p>Es m\u00fcsste doch m\u00f6glich sein, so habe ich mir gedacht, eine Art geistigen Virus in die Schweizer Welt zu setzen, der bei den Infizierten eine sanfte positive Mutation ausl\u00f6st. Und wenn die Zahl der Angesteckten eine kritische Masse erreicht h\u00e4tten, w\u00fcrde sich diese positive Mutation auf das ganze Land und seine Zukunft auswirken. Es galt also nur noch, das geeignete Tr\u00e4germedium zu finden, also den geistigen Virus. Und der ist eben die fraktale Geometrie.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Was ist das ?&lt;, fragte Helvetia, nun merklich neugieriger geworden. &gt;Das gab es zu meiner Zeit noch nicht, ich kenne nur die euklidische Geometrie.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Und die&lt;, entgegnete ich, &gt;ist mit ihren regelm\u00e4ssigen Formen wunderbar geeignet f\u00fcr staubige Gelehrtenstuben, doch f\u00fcr die Beschreibung von nat\u00fcrlichen Formen taugt sie wenig: Wolken sind nun mal keine Kugeln, Berge sind keine Kegel und Blitze keine Geraden. Bei der fraktalen Geometrie aber geht es genau um das Verstehen solcher Formen.&lt;<\/p>\n<p>Helvetia schaute \u00fcber das Land ringsum, nickte bed\u00e4chtig und sprach: &gt;Tats\u00e4chlich, in der ganzen Landschaft hier gibt es keine einzige gerade Linie. Und Du meinst also, wenn man sich mit fraktaler Geometrie besch\u00e4ftigt, lernt man, die nat\u00fcrlichen Formen zu sch\u00e4tzen, statt der Wirklichkeit k\u00fcnstliche Muster \u00fcberst\u00fclpen zu wollen ? Das entspr\u00e4che ja dann ganz einer gut schweizerischen Eigenschaft, die zu f\u00f6rdern sich wirklich lohnte.&lt;<\/p>\n<p>&gt;In der Tat. Wobei das mit dem Sch\u00e4tzen tiefer geht. Man kann n\u00e4mlich heutzutage fraktale Formen auf dem Bildschirm von Computern gleichsam simulieren, sie auch in ihren Entwicklungen und Bewegungsabl\u00e4ufen zeigen. Details erspare ich Dir, aber diese k\u00fcnstlichen Computerbilder haben eine eigenartige nat\u00fcrliche Sch\u00f6nheit, so dass der Sinn f\u00fcr die Sch\u00f6nheit der nat\u00fcrlichen &#8211; und damit gebrochenen (nichts anderes meint &#8222;fraktal&#8220;) &#8211; Formen \u00fcber den Umweg der Computersimulation gesch\u00e4rft wird.&lt;<\/p>\n<p>Helvetia wirkte nachdenklich: &gt;Fraktal heisst also gebrochen. Dann passt das ja nicht nur zu den meisten Landschaften der Schweiz, sondern auch zum Land als solchem, zu seiner Gesellschaft und Kultur. Die Schweiz ist alles andere als eine kreisrunde Sache, vielmehr vielfach zerkl\u00fcftet und gebrochen wie ein alter Gletscher. Da ist nichts von der luftigen Sch\u00f6nheit regelm\u00e4ssiger geometrischer Ordnungen, das wirkt auf mich alles vielmehr ziemlich chaotisch.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Ja, und die fraktale Geometrie ist eng mit der Chaos-Theorie verwandt. Aus der wiederum haben wir gelernt, dass Chaos keinesfalls per se schlecht ist, sondern oft einfach eine andere Art von Ordnung, deren Sinn und Sch\u00f6nheit sich uns erschliessen, wenn wir genauer hin gucken.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Dann w\u00e4re die Besch\u00e4ftigung mit fraktaler Geometrie f\u00fcr die Menschen in diesem Lande also eine M\u00f6glichkeit, Sinn und Sch\u00f6nheit ihres Landes, ihrer Landschaften und ihrer menschlichen Gemeinschaft, besser kennen und sch\u00e4tzen zu lernen, nicht nur murrend zu akzeptieren, dass die Schweiz ein fraktales Land ist, sondern darauf als Basis der eigenen Identit\u00e4t stolz zu sein ?&lt;<\/p>\n<p>&gt;Jetzt, wo Du es sagst&#8230; &lt;, gab ich ebenso nachdenklich zur\u00fcck. &gt;Daran hatte ich, um ehrlich zu sein, noch gar nicht gedacht. Die fraktale Schweiz als Objekt des Staunens und der Verehrung. Abkehr von allen fundamentalistischen Vorstellungen, die Schweiz m\u00fcsse so sein und nicht anders. Stattdessen die chaotischen Br\u00fcche lieben lernen. Das nenne ich, aus der Not eine Tugend zu machen&#8230;&lt;<\/p>\n<p>Nun wurde Helvetia endg\u00fcltig hellwach: &gt;Wenn es nicht das war, woran Du gedacht hast, was war es dann ?&lt;<\/p>\n<p>&gt;Eine bestimmte Eigenschaft von fraktalen Mustern und Formen&lt;, antwortete ich, &gt;n\u00e4mlich ihre Selbst\u00e4hnlichkeit. Das heisst, fraktale Formen sehen sich oft sehr \u00e4hnlich, sind aber nie genau gleich.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Aha&lt;, meinte Helvetia daraufhin, &gt;das erinnert mich schon wieder sehr an die Schweiz und ihre Bewohnerinnen und Bewohner. Die geniessen ein unsch\u00e4tzbares Privileg: Sie sind sich \u00e4hnlich genug, um sich \u00fcberhaupt verstehen zu k\u00f6nnen, und sind doch so unterschiedlich, dass der Austausch spannend bleibt, denn, wie sagt der Volksmund: Wir werden eins durch Verschiedenartigkeit.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Wohl gesprochen. Und jetzt kommt noch etwas hinzu: Fraktale Formen sind selbst\u00e4hnlich, egal, in welcher Gr\u00f6ssendimension man sie betrachtet.&lt; Auf die Bitte hin, das genauer zu erkl\u00e4ren, fuhr ich fort: &gt;Das Ph\u00e4nomen gibt es \u00fcberall in der Natur. Wenn man etwa das Teilblatt eines Farnblattes betrachtet, ist es dem ganzen Blatt selbst\u00e4hnlich, und das gilt auch wieder f\u00fcr die feineren Ver\u00e4stelungen des Teilblattes. Oder eine K\u00fcstenlinie: Egal, ob man sie aus zehn Kilometern H\u00f6he oder aus normaler Blickh\u00f6he betrachtet, ihre Formen sind immer selbst\u00e4hnlich. Dasselbe Ph\u00e4nomen kann man auch bei den Computersimulationen sehen: Selbst\u00e4hnliche Formen tauchen auf, egal, ob man um einen Millionenfaktor vergr\u00f6ssert oder verkleinert.&lt;<\/p>\n<p>Helvetia entgegnete trocken: &gt;Wie im Grossen, so im Kleinen. Verzeih, aber das ist doch ein ziemlich alter Hut.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Schon&lt;, gab ich zur\u00fcck, &gt;aber ob man eine solche Weisheit als abstrakte Theorie h\u00f6rt oder ihre Wahrheit mit eigenen Augen sieht, macht einen Unterschied, der nicht zu verachten ist. Und wenn die Schweiz diese Wahrheit wirklich kapiert hat, dann ist sie einen sch\u00f6nen Schritt weiter. Deshalb pl\u00e4diere ich f\u00fcr die sinnliche Einf\u00fchrung in die fraktale Geometrie samt ihrer Lobpreisung des Mikrokosmos.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Jetzt warst Du ein bisschen zu schnell&lt;, stoppte mich Helvetia. &gt;Wozu braucht die Schweiz die Lobpreisung des Mikrokosmos ?&lt;<\/p>\n<p>&gt;Ganz einfach: Um das n\u00e4chste Jahrtausend als selbstbewusstes Land zu erleben.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Du meinst also, die Schweiz leide an mangelndem Selbstbewusstsein wegen eines gebrochenen Verh\u00e4ltnisses zur Idee des Mikrokosmos ?&lt;<\/p>\n<p>&gt;In der Tat. Oder, um es platter zu sagen: Die Schweiz hat den \u00fcblichen Minderwertigkeitskomplex der Kleinen. Das f\u00fchrt dann entweder zu aufgeblasenem Gr\u00f6ssenwahn nach dem Motto &#8222;Was k\u00fcmmert uns die grosse Welt ? Wir sind ohnehin die Gr\u00f6ssten und fahren deshalb am besten allein !&#8220; oder aber zu jener \u00fcbertriebenen Kleinmacherei, die zum Beispiel viele Deutschschweizer daran hindert, sich auf Diskussionen mit Deutschen einzulassen, weil sie f\u00fcrchten, mit deren Gedanken- und Formulierungsschnelle nicht mithalten zu k\u00f6nnen und glatt \u00fcberfahren zu werden. Das f\u00fchrt zu einem st\u00e4ndigen Zwang, die eigene Kleinheit defensiv verteidigen zu m\u00fcssen, statt ihre Vorz\u00fcge offensiv zu preisen.&lt;<\/p>\n<p>Helvetia bat mich um ein Beispiel, und so fuhr ich fort: &gt;Wenn sich Deutsche etwa danach erkundigen, wie denn dieses oder jenes in der Schweiz geregelt sei, um dann gleich selber die sp\u00f6ttische Antwort zu liefern &#8222;das ist von Kanton zu Kanton verschieden !&#8220;, dann entsteht sofort ein Druck, diese auf den ersten Blick ja vielleicht wirklich leicht absurde Tatsache rechtfertigen zu m\u00fcssen.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Und das w\u00e4re gar nicht n\u00f6tig ?&lt;<\/p>\n<p>&gt;Das wei\u00dft Du doch selber. Mit unserem f\u00f6deralistischen System produzieren wir fraktale, also selbst\u00e4hnliche Muster. Die verschiedenen kantonalen L\u00f6sungen unterscheiden sich ja kaum fundamental, sondern nur in den Details. Das ist ein bew\u00e4hrtes Prinzip der Evolution: Man geht vom selben Grundmuster aus und erprobt verschieden sanfte Mutationen, von denen sich im Laufe der Zeit die besten durchsetzen werden.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Gut, aber was hat das mit der Kleinheit zu tun ?&lt;, hakte Helvetia nach.<\/p>\n<p>&gt;Ganz einfach&lt;, gab ich zur\u00fcck, &gt;kleine Einheiten sind flexibler und damit offener f\u00fcr sanfte Mutationen.&lt;<\/p>\n<p>Helvetia sinnierte ein Weilchen vor sich und schien dann zu einem Schluss zu kommen: &gt;Der Mikrokosmos als Ideen-Versuchslabor der kulturellen Evolution &#8211; das k\u00f6nnte funktionieren. Und wenn denn jetzt Deine fraktale Geometrie tats\u00e4chlich die alte Weisheit best\u00e4tigt, wonach die Dinge im Kleinen ganz \u00e4hnlich funktionieren wie im Grossen, dann w\u00e4ren die im Mikrokosmos gefundenen L\u00f6sungen ja durchaus exportf\u00e4hig. Welche Idee zur Organisation des menschlichen Zusammenlebens, die direkt mit der Kleinheit der Schweiz zu tun hat, hat sich denn nach Deiner Meinung so sehr bew\u00e4hrt, dass andere davon etwas lernen k\u00f6nnten ?&lt;<\/p>\n<p>&gt;Die Idee der Selbstorganisation&lt;, antwortete ich prompt, und als Helvetia fragend die Augenbrauen hob, hub ich zu einer Erkl\u00e4rung an, was ich damit meinte: &gt;In Deiner Sprache heisst das wohl einfach die Gemeindeautonomie. Oder eben unsere ausgepr\u00e4gt f\u00f6deralistische Struktur, die einem einzelnen Kanton ja wesentlich mehr autonome Entscheidungsspielr\u00e4ume offen l\u00e4sst als sie etwa ein unvergleichlich gr\u00f6sseres deutsches Bundesland geniesst.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Und was soll daran gut sein ?&lt;<\/p>\n<p>&gt;Lass mich den Gedankengang kurz erl\u00e4utern. Wir reden hier von Zukunft, von evolution\u00e4ren Entwicklungsprozessen. Wenn wir diese nicht nur passiv erleiden, sondern aktiv mitgestalten wollen, m\u00fcssen wir sie verstehen: Eine Gesellschaft ist umso besser f\u00fcr die Zukunft ger\u00fcstet, je lernf\u00e4higer sie ist. Wir waren uns nun dar\u00fcber einig, dass der Mikrokosmos optimale Voraussetzungen daf\u00fcr bietet, zu lernen, wie menschliches Zusammenleben &#8211; politisch, wirtschaftlich, kulturell und sozial &#8211; funktioniert. Der Mikrokosmos ist leichter zu durchschauen und zu verstehen als grosse soziale Gebilde, und zwar ganz einfach darum, weil er etwas bietet, was jene nicht haben: menschliches Mass.<\/p>\n<p>Lernen tun wir sicher auch, wenn wir etwas nur passiv beobachten. Wenn wir aber ein soziales Gebilde wie etwa eine Gemeinde dar\u00fcber hinaus auch aktiv mitgestalten k\u00f6nnen, steigen die Lernmotivation und der Lernerfolg deutlich an. Wenn Du mit Deinen Nachbarn eine lokalpolitische Frage nur folgenlos diskutieren kannst, weil ohnehin andere entscheiden, ist das nun mal etwas anderes, als wenn Du sie von Deiner Meinung \u00fcberzeugen und damit m\u00f6glicherweise die n\u00e4chste Gemeindeabstimmung gewinnen kannst.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Dann&lt;, so entgegnete Helvetia, &gt;ist der Mikrokosmos unserer Gemeinden oder auch Kantone also nicht nur deswegen ein hervorragendes Lernfeld, weil er ein menschliches Mass hat und damit \u00fcberblickbar ist, sondern auch, weil man ihm nicht hilflos ausgeliefert ist, sondern ihn mitgestalten kann. Das schafft dann das, wof\u00fcr ich sonst zust\u00e4ndig bin: ein Gef\u00fchl von Heimat.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Ja. Wurzeln wachsen nicht von selber, man muss sie schon aktiv treiben lassen, und daf\u00fcr bieten unsere verschiedenen Ebenen von Mikrokosmos &#8211; schliesslich ist auch die Schweiz als Ganzes ein solcher &#8211; ein hervorragendes Biotop.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Und tief reichende Wurzeln sind wiederum die Voraussetzung daf\u00fcr, dass B\u00e4ume in den Himmel wachsen k\u00f6nnen.&lt;, gab Helvetia zur\u00fcck. &gt;Ohne Heimat keine Weltoffenheit und damit auch keine Zukunftsf\u00e4higkeit. Allm\u00e4hlich verstehe ich Dein Loblied des Mikrokosmos als ideales Lernfeld nicht nur f\u00fcr die jeweilige Gemeinschaft, sondern auch f\u00fcr die einzelnen Menschen, die darin mitwirken.&lt;<\/p>\n<p>Ich stimmte ihr zu und erz\u00e4hlte ihr von meiner kleinen Gemeinde mit etwa 1700 Einwohnern, die Freiwillige f\u00fcr eine Internet-Kommission und f\u00fcr eine Zukunfts-Kommission suchte: &gt;F\u00fcr die erste meldeten sich 15 Leute, f\u00fcr die zweite gar 20. An den sp\u00e4rlichen Sitzungsgeldern kann es kaum liegen, wohl eher an der Gewissheit, damit nicht nur etwas N\u00fctzliches f\u00fcr die Gemeinde zu tun, sondern auch sich selber zu erm\u00f6glichen, etwas dazu zu lernen.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Was haben sie davon ?&lt;<\/p>\n<p>&gt;Zum einen wird Lernen im n\u00e4chsten Jahrhundert mit Sicherheit verst\u00e4rkt zu einem Selbstzweck, zu einem Wert an sich. Zum anderen aber lassen sich in einem Mikrokosmos auch Zusammenh\u00e4nge begreifen und Talente f\u00f6rdern, die auf selbst\u00e4hnliche Muster in einer gr\u00f6sseren Dimension \u00fcbertragbar sind. Wenn etwa die Mehrheit der Bundesversammlung Frau Metzler zutraute, ihre Erfahrungen in einem Kanton von 20 000 Einwohnern auf den Bund zu \u00fcbertragen, in dem 350 mal mehr Menschen leben, dann vertraute sie genau auf das Prinzip des Mikrokosmos als Ausbildungsplatz f\u00fcr h\u00f6here Aufgaben.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Das hiesse&lt;, liess Helvetia ihren Blick in die Zukunft schweifen, &gt;die Schweiz w\u00e4re ein ideales Lernfeld, um k\u00fcnftige Europapolitiker hervorzubringen. Wenn die fraktale Geometrie recht hat, w\u00e4ren ja die Muster in Europa denen in der Schweiz ziemlich \u00e4hnlich, so dass Politikerinnen, die ihre Sporen in Bern abverdient haben, in Br\u00fcssel zeigen k\u00f6nnten, was sie dabei gelernt haben, n\u00e4mlich eine ganze Menge.&lt;<\/p>\n<p>&gt;Du hast v\u00f6llig recht, und ich bin \u00fcberzeugt davon, dass es eines Tages genau so kommen wird. Bevor die Schweiz aber ein selbstbewusster Teil von Europa werden kann, muss sie noch verst\u00e4rkt begreifen, dass ihre Kleinheit keine Benachteiligung durch das Schicksal bildet, sondern im Gegenteil ein ausgesprochenes Privileg. Der Mikrokosmos ist leichter zu durchschauen und leichter zu beeinflussen als der Makrokosmos, und man verpasst erst noch nichts, weil dort im wesentlich alles \u00e4hnlich abl\u00e4uft wie hier. Genau solche Einsichten erwarte ich mir von einer verst\u00e4rkten Besch\u00e4ftigung mit fraktaler Geometrie in der fraktalen Schweiz. Vielleicht verstehst Du jetzt meinen Wunsch f\u00fcr dieses Land etwas besser.&lt;<\/p>\n<p>Keine Antwort. Als ich zur Seite blickte, war der Platz, an dem sie eben noch gesessen hatte, leer. Ich sollte also nie erfahren, ob mein Wunsch eine Chance auf Realisierung besass. Aber vielleicht war der Umweg \u00fcber die fraktale Geometrie auch gar nicht n\u00f6tig, vielleicht w\u00fcrde die fraktale Schweiz sich aus so als solche begreifen und ihre Vorz\u00fcge noch besser, weil selbstbewusster, nutzen k\u00f6nnen&#8230;<\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/aktuell\/fraktalch_kl.jpg\" alt=\"fraktalch_kl\" width=\"175\" height=\"131\" \/><\/p>\n<p>Schweizer Mythen einmal anders<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-467","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/467","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=467"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/467\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=467"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=467"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=467"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}