{"id":465,"date":"1994-03-11T13:57:34","date_gmt":"1994-03-11T13:57:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=465"},"modified":"1994-03-11T13:57:34","modified_gmt":"1994-03-11T13:57:34","slug":"heimat-helvetia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=465","title":{"rendered":"Heimat Helvetia"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/aktuell\/heimathelvetia.jpg\" alt=\"heimathelvetia\" width=\"364\" height=\"273\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"Titel3rot\">Eine Liebeserkl\u00e4rung an die Schweiz<\/span> <\/p>\n<p class=\"Stil28\"><em>Ein Jahr nach seiner R\u00fcckkehr in die Schweiz, im Jahr 1994, schrieb Andreas Giger eine Liebeserkl\u00e4rung an die Schweiz. Viele der darin beschriebenen Qualit\u00e4ten der Schweiz sind nach wie vor g\u00fcltig &#8211; die Lekt\u00fcre lohnt sich deshalb.<\/em><\/p>\n<p class=\"Stil10\">HEIMAT HELVETIA beinhaltet sieben Briefe an die reale Geliebte und Frau des Autors. Titelblatt, Inhaltsverzeichnis, Lese-Tipp und ersten Brief finden Sie nachstehend. <a href=\"Downloads\/Heimat_Helvetia.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das ganze Manuskript k\u00f6nnen Sie als PDF-Datei herunterladen.<\/a><\/p>\n<p class=\"Stil10\">\u00a0<\/p>\n<p class=\"Stil10\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/aktuell\/helvetia_titel.jpg\" alt=\"helvetia_titel\" width=\"364\" height=\"584\" \/><\/p>\n<p><strong>INHALT:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ein kleiner Lese-Tipp zum Anfang <\/strong><\/p>\n<p><strong>1. Lob der H\u00f6he <\/strong><strong>oder <\/strong><strong>Die Schweiz als Potentialgebirge <\/strong><\/p>\n<p><strong>2. Ich glaub, mich knutscht ein Schmetterling <\/strong><strong>oder <\/strong><strong>Die Schweiz als kreatives Biotop <\/strong><\/p>\n<p><strong>3. Denn die fromme Seele ahnt <\/strong><strong>oder <\/strong><strong>Die Schweiz als Abflughafen <\/strong><\/p>\n<p><strong>4. Hemp for Victory <\/strong><strong>oder <\/strong><strong>Die Schweiz als Zeitkapsel <\/strong><\/p>\n<p><strong>5. Noblesse oblige <\/strong><strong>oder <\/strong><strong>Die Schweiz als SimCountry <\/strong><\/p>\n<p><strong>6. Goin\u00b4 home by Helicopter <\/strong><strong>oder <\/strong><strong>Die Schweiz als bewusstes Selbst <\/strong><\/p>\n<p><strong>7. Spiritus Rector <\/strong><strong>oder <\/strong><strong>Die Schweiz als Liebesobjekt <\/strong><\/p>\n<p> <strong><br \/> <\/strong> <\/p>\n<p><strong>Ein kleiner Lese-Tipp zum Anfang<\/strong><\/p>\n<p>Vor nicht allzu langer Zeit habe ich im erlauchten F\u00fchrungskreis eines Schweizer Verlagshauses ein eigens f\u00fcr dieses Unternehmen geschriebenes Buch pr\u00e4sentiert, das sich mit der Zukunft der Kommunikation und den daraus erwachsenden Konsequenzen f\u00fcr diesen Verlag besch\u00e4ftigte. Jenes Buch war \u00e4hnlich wie das geschrieben, das Sie gerade zu lesen begonnen haben: ungew\u00f6hnlich&nbsp;<\/p>\n<p>Die Journalisten am Tisch hatten ihre liebe M\u00fche damit. Sie hatten klare Vorstellungen davon, wie so etwas geschrieben zu sein h\u00e4tte, und das hat ihnen den Lesegenuss verdorben.<\/p>\n<p>Anders der &#8222;grand chef&#8220;, der, aus anderen Branchen kommend, unbelastet war und sich deshalb, nach seinen eigenen Worten, einfach auf das eingelassen hat, was er da zum Lesen vorfand, sich davon hat davontragen lassen &#8211; mit dem Ergebnis, dass die Lekt\u00fcre seine eigenen Gedanken befl\u00fcgelte.<\/p>\n<p>Und weil es nat\u00fcrlich genau darum geht, gibt es keinen besseren Lese-Tip als diesen: Lesen Sie die Beschreibung meines Verh\u00e4ltnisses zur Schweiz als Einladung, auch mal ungew\u00f6hnliche Blickwinkel und Gedankeng\u00e4nge auszuprobieren &#8211; um Ihre eigenen Ideen anzuregen.<\/p>\n<p>Dabei w\u00fcnsche ich Ihnen viel Spass und Inspiration.<\/p>\n<p>Rehetobel, im Juli 1994<\/p>\n<p>A.G.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p> <\/p>\n<p>Brief 1:<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Lob der H\u00f6he<\/strong><\/p>\n<p><strong>oder<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Schweiz als Potentialgebirge<\/strong><\/p>\n<p>Liebste<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Um es gleich von Anfang an und ein f\u00fcr allemal klarzustellen: Du bist und bleibst eben dies, meine Liebste. Wenn im Titel dieses Buches die W\u00f6rter GELIEBTE und SCHWEIZ zusammen auftauchen, so braucht dies wenig zu bedeuten, ist doch die Schreibform in lauter Grossbuchstaben eine elegante M\u00f6glichkeit, offen zu lassen, ob der erste Buchstabe gross oder klein zu schreiben w\u00e4re&#8230;<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, (und vielleicht weiss ich es auch selber noch nicht) L\u00e4nder, und seien es auch Heimatl\u00e4nder, sind Konstrukte und deshalb keine Konkurrenz f\u00fcr konkrete Geliebte. Sollte man jedenfalls meinen, auch wenn nicht weit weg von hier erschreckend viele lieber f\u00fcr dieses Konstrukt sterben als bei ihren Geliebten zu bleiben. So weit musste es die Schweiz gottseidank lange nicht mehr treiben, und das hat ihr Zeit gegeben, um herauszufinden, was denn einem Land wohl gel\u00e4nge, h\u00e4tte es die Phase dumpfen Nationalismus erst einmal ausgewachsen.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich kann f\u00fcr einen erwachsenen Menschen erst dann so etwas wie eine erotische Beziehung zu einem Land entstehen, wenn dieses die w\u00fcstesten Pubert\u00e4ts-Wirren durchgestanden hat. Erotik als dieses angenehme Kribbeln im Gehirn stellt sich manchmal ein, wenn ich dieses Land betrachte, nicht immer, und nicht mal immer \u00f6fter, aber ausreichend oft, um mich nie vergessen zu lassen, dass die Schweiz weiblich ist. Sie geh\u00f6rt zu jenen wenigen L\u00e4ndern, deren Name<em> <\/em>unabdingbar mit dem weiblichen Artikel <em>die <\/em>verbunden ist, und <em>Helvetia <\/em>ist zweifelsfrei ebenfalls ein Frauenname.<\/p>\n<p>Angesichts dieser Sachlage verh\u00e4lt es sich mit dem Verh\u00e4ltnis zwischen der Liebe zu einer Frau, also konkret zu Dir, und der Liebe zur Heimat Helvetia vielleicht doch etwas verzwickter. Sicher, auf der sinnlichen Ebene sind die Unterschiede aus naturgegebenen Gr\u00fcnden offensichtlich, doch ebenso offensichtlich ist, dass Ihr beide, Du und die Schweiz, jeweils einen betr\u00e4chtlichen Teil meiner geistigen und seelischen Aufmerksamkeit bekommt.<\/p>\n<p>Und weil Du Deutsche bist und Deine allf\u00e4lligen Heimatgef\u00fchle damit in eine andere Richtung fliessen, sind meine Gef\u00fchls-Str\u00f6me f\u00fcr Dich und die Schweiz zwangsl\u00e4ufig nicht deckungsgleich. Oh, ich liebe diesen Unterschied, er hat mich eine Menge \u00fcber die Schweiz und mein Verh\u00e4ltnis zu ihr (oder doch mit ihr ?) gelehrt, und Erkenntnisgewinn tut einem wachen Geist einfach per se gut. Das heisst aber auch, dass Du es bei meiner Heimatliebe mit einem Dir fremden Ph\u00e4nomen zu tun hast, und das Fremde beunruhigt leicht. Deshalb diese Briefe, in denen ich Dir ein bisschen klarer machen m\u00f6chte, was mich an diesem Land anzieht, ja anmacht.<\/p>\n<p>Zugegeben: Aus deutscher Perspektive schillert die Verbindung von Heimat mit Erotik oder gar Liebe leicht ins L\u00e4sterliche oder L\u00e4cherliche. Doch die Diskussion dar\u00fcber, ob Heimatgef\u00fchle gut oder schlecht seien, ist mir zu holzhammerhaft.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich verstehe ich jene, die aus einer in der Geschichte und der Gegenwart begr\u00fcndeten Angst vor falsch verstandener Heimat-Liebe dieses Gef\u00fchl am liebsten ganz abschaffen w\u00fcrden. Auch in der Schweiz gibt es Stimmen, die lieber noch einen Schritt weiter gehen und den Begriff &#8222;Heimat&#8220; ganz aus den W\u00f6rterb\u00fcchern tilgen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Sehr realistisch ist diese Haltung allerdings nicht. Der Mensch ist nun mal ein territorial orientiertes S\u00e4ugetier, und ein wesentlicher Teil seiner Identit\u00e4t besteht aus seiner engeren geografischen Umgebung. Heimat ist damit eine Grundkategorie menschlichen Erlebens. Es ist eine einfache Tatsache: Jede(r) braucht einen Ort, wo sie\/er sich definiert. Und mit Tatsachen herumzustreiten geh\u00f6rt nicht zu den bevorzugten Verhaltensweisen eines Menschen, der seine geistigen Energien klug und sparsam einsetzt.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite ist v\u00f6llig klar, dass es jede Form von un\u00e4sthetischer und unerfreulicher Entartung von Heimat-&#8222;Liebe&#8220; gibt &#8211; das sch\u00f6ne Wort Liebe muss auch in diesem Zusammenhang f\u00fcr alles M\u00f6gliche als Verkleidung herhalten, das mit dem urspr\u00fcnglichen Sinn nichts mehr zu tun hat. &#8222;Mord aus Liebe&#8220; bleibt pervers, egal, ob aus Gatten- oder Vaterlands-&#8222;Liebe&#8220;.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen nat\u00fcrlich nicht, auch wenn wir Territorial-Wesen sind, jeden mit Kn\u00fcppeln totschlagen, der die Grenzen unseres Gevierts \u00fcberschreitet, bloss, weil wir angeblich die Heimat lieb haben. Doch ebensowenig k\u00f6nnen wir nur wegen der M\u00f6glichkeit der Entartung leugnen, dass Heimat ein warmer Ort in unseren Gef\u00fchlsr\u00e4umen ist.<\/p>\n<p>Die Schweiz, dieses gl\u00fcckliche Land (&#8222;gl\u00fccklich&#8220; im Sinne des englischen <em>lucky&nbsp; &#8211; <\/em>Gl\u00fcck haben, nicht etwa im Sinne von <em>happy<\/em> &#8211; gl\u00fccklich sein&#8230;) kannte und kennt nat\u00fcrlich auch diverse Spielarten von entarteter Heimat-Liebe, doch mangels Masse hat sich das nie gravierend ausgewirkt, und so kann in diesem kleinen Land unbefangener als anderswo diskutiert und ausprobiert werden, wo zwischen den extremen Polen g\u00e4nzlicher Leugnung solcher Gef\u00fchle und ihrer totalen \u00dcbertreibung ein gesundes, f\u00fcr die Betroffenen und ihre Umgebung angenehmes Fliessgleichgewicht zu finden ist.<\/p>\n<p>Nur f\u00fcr den Fall, dass das bisher noch nicht klar genug r\u00fcbergekommen ist: Ich rede hier nicht von Abstraktem, sondern von eigenen Gef\u00fchlen. Konzentriert am ohrenf\u00e4lligsten in einem inneren Ohrwurm, einer Lied-Zeile aus Knabentagen: <em>Ich bin ein Schweizer Knabe und hab die Heimat lieb !<\/em><\/p>\n<p>Um die Gebote der <em>political correctness <\/em>gleich einzuhalten: Entgegen meinen urspr\u00fcnglichen Bef\u00fcrchtungen ist diese Liedzeile nicht Ausdruck einer m\u00e4nnlich-chauvinistischen Patriotismus-Spielart. Gl\u00fccklicherweise sah ich neulich im Fernsehen ein Westschweizer M\u00e4dchen, das ebenso inbr\u00fcnstig, wenn auch auf franz\u00f6sisch, sein Heimatland Schweiz<em> <\/em>besang. Ausnahmsweise haben wir es also mal nicht mit einem geschlechtsspezifischen Ph\u00e4nomen zu tun, das macht die Sache etwas leichter.<\/p>\n<p>Nun war ich durchaus ein aufgeweckter Knabe und habe Lieder nicht einfach so gesungen, ohne mich auch mit ihrem Text auseinanderzusetzen. Doch bei dieser Zeile gab es keine intellektuellen oder \u00e4sthetischen Einwendungen, es erschien mir vielmehr vollkommen nat\u00fcrlich und normal, seine Heimat liebzuhaben.<\/p>\n<p>Dieses Gef\u00fchl von Selbstverst\u00e4ndlichkeit kehrte vor einiger Zeit mit Macht zur\u00fcck, wenn auch in einer eher surrealen Kulisse. Ich stand unter dem Vordach der Kirche im appenzellischen Teufen und war so vor dem Bindfadenregen gesch\u00fctzt, der den Bilderbuch-Dorfplatz noch blanker fegte als er schon war, falls das \u00fcberhaupt noch ging. Und es war mir an diesem Tag endg\u00fcltig klar geworden, dass ich nach mehr als sechs Jahren in Deutschland meine Zelte wieder in der Schweiz aufschlagen w\u00fcrde, wenn auch ganz im Osten, im Grenzgebiet zu Deutschland und \u00d6sterreich &#8211; und damit zu Dir.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend darob meine Gene jubelten &#8211; schliesslich stammt mein Vater aus einer nur wenige Kilometer jenseits des S\u00e4ntis liegenden Gegend &#8211; drang dieses Lied mit Macht aus den Tiefen versch\u00fctteter Erinnerungen und liess keine andere Reaktion zu als Bejahung. Was auch hiess, die unzweifelhaft vorhandenen Heimat-Gef\u00fchle als Bereicherung zu empfinden.<\/p>\n<p>Das fiel mir in diesem dichten Moment der Erkenntnis umso leichter, als fast gleichzeitig eine alte Assoziation zum Thema Heimat-Liebe ebenfalls ihre starke Pr\u00e4senz markierte, n\u00e4mlich die Maxime <em>Achte jeden Mannes Vaterland, das Deine aber liebe ! <\/em>(Da dieser Spruch \u00e4lteren Datums ist, m\u00f6gen wir ihm die Chauvi-Form verzeihen.)<\/p>\n<p>Hat man dieses wirksame Korrektiv zu \u00fcberbordender Heimat-Liebe kapiert, kann eigentlich nicht mehr viel schief gehen. Das heisst, man kann jetzt im Vertrauen auf diesen W\u00e4chter voll ausloten, was Heimat-Liebe bedeuten und wie sie allen ein Optimum an Freude, Spass und Bereicherung bringen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Und weil wir auch in der Schweiz dieses Spiel bestenfalls gerade mal angefangen haben, bleibt viel Spielraum f\u00fcr offene Geister, sich auf diese Erfahrung zeit- und zukunftsgem\u00e4sser Heimat-Gef\u00fchle einzulassen und sie mit anderen zu teilen. Es gibt nicht sehr viele geeignete Experimentier-R\u00e4ume dazu, und es k\u00f6nnte eine vornehme Aufgabe der Schweiz werden, anderen ihr <em>know how <\/em>dar\u00fcber, wie man mit Heimatgef\u00fchlen sinnvoll umgeht, zur Verf\u00fcgung zu stellen.<\/p>\n<p>Jaja, manchmal kann ich mich selber eines gelinden Schmunzelns nicht erwehren, wenn ich mir meinen eigenen Patriotismus gleichsam von aussen betrachte. Schliesslich gab es sehr wohl Zeiten, in denen eine &#8222;aufgekl\u00e4rt-progressive Grundhaltung&#8220; jeden positiven Gedanken an so etwas wie Heimat zum vornherein verbot &#8211; Grenzen jeglicher Art galten als \u00fcberholtes Relikt, das dem Gl\u00fcck der einigen Menschheit nur im Wege stand.<\/p>\n<p>Nun, aus der R\u00fcckschau kl\u00e4rt sich manches, und auch der Trieb, am eigenen Land keinen guten Faden zu lassen, ist meist nur der Ausdruck uneingestandener Faszination &#8211; Patriotismus ist out, also pflegt man seine Umkehrform. Manche unserer Dichter und Denker, etwa der Autor Thomas H\u00fcrlimann, sehen diesen Mechanismus mittlerweile ganz klar:<\/p>\n<p>&#8222;Es ist doch so, dass sich die meisten Schweizerinnen und Schweizer sauwohl f\u00fchlen. Noch k\u00f6nnen wir die Luft atmen, das Wasser trinken, und die Regale in den Superm\u00e4rkten sind gef\u00fcllt. Sonderbarerweise jedoch singt niemand das Lob dieser Zivilisation, ganz im Gegenteil, jeder Halb- oder Viertelintellektuelle jammert und st\u00f6hnt, als w\u00fcrde er mitten in Sibirien sitzen.&#8220;<\/p>\n<p>Gemach, gemach, Herr H\u00fcrlimann, das Loblied auf die Schweizer Zivilisation folgt sogleich, singen macht Spass, und Loblieder sind nun mal h\u00fcbscher als solche der Klage, jedenfalls f\u00fcr mich, und, wie ich sch\u00e4tze, nicht nur f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Wenn auch anspruchsvoller. &#8222;Dieses Salongeseire&#8220; in Sachen Schweiz, von dem Thomas H\u00fcrlimann spricht, stellt wenig geistige Anspr\u00fcche, jeder Trottel findet, wenn er nur lange genug sucht, ein Haar in der Suppe, und wenn er sich eigenh\u00e4ndig ein eigenes ausreissen muss. Die Suppe aber wahrheitsgem\u00e4ss so zu beschreiben, dass anderen das Wasser im Mund zusammenl\u00e4uft &#8211; oder gar so, dass der Koch sie das n\u00e4chste Mal noch etwas besser kochen kann &#8211; das verlangt schon den ganzen Mann.<\/p>\n<p>Zumal dann, wenn das Loblied einer so schillernden Dame wie Helvetia zu widmen ist. Schiller selbst, auch ein Schweiz-Faszinierter \u00fcbrigens, hat f\u00fcr sein &#8222;Lied von der Glocke&#8220; viele Seiten gebraucht, obwohl eine Glocke nur <em>Bimbam <\/em>macht, w\u00e4hrend in der Schweiz in vier Sprachregionen und 26 Kantonen aus sieben Millionen Kehlen ein ziemlich vielstimmiger und vielschichtiger Gesang erklingt &#8211; oft genug \u00fcbrigens auch ziemlich dissonant.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Marketing-Menschen der klassischen Schule w\u00e4re deshalb die Aufgabe, die Schweiz auf den einen Punkt zu bringen, ziemlich zum Verzweifeln. Es gibt keinen USP, keine <em>Unique Selling Proposition, <\/em>also kein einzelnes dominierendes und allein \u00fcberzeugendes Argument daf\u00fcr, warum man gerade die Schweiz &#8222;kaufen&#8220; solle &#8211; stattdessen gibt es eine bunte Vielfalt von sehr guten Gr\u00fcnden f\u00fcr dieses Land, selbst wenn sie so widerspr\u00fcchlich erscheinen m\u00f6gen wie der Rote-Kreuz-Einsatz bei Opfern von Waffen, deren H\u00e4ndler ihrem Geld in Genf nahe dem Sitz des Roten Kreuzes eine spezielle Form von Reinigung zukommen lassen.<\/p>\n<p>Was sagte der Schweizer Botschafter in China neulich auf die Reporterfrage, wie die Chinesen h\u00f6chst kapitalistisches Wirtschaften mit einem kommunistischen politischen System unter einen Hut br\u00e4chten ?&nbsp; Die chinesische Kultur sei es eben gewohnt, mit Widerspr\u00fcchen umzugehen. Wohl einem Land, das solche Botschafter hat !&nbsp; Auch die Schweiz hat Erfahrungen im Umgang mit Widerspr\u00fcchen, und diese Denkweise ist zweifellos eine gute Mitgift f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<p>Das ist es \u00fcbrigens, was ich mit dem sch\u00f6nen, wenn auch etwas r\u00e4tselhaften Begriff <em>Potential <\/em>im Titel dieses Briefes meine. Ein Potential ist ganz einfach eine M\u00f6glichkeit, etwas, was sein kann, aber nicht muss. Oder besser: was <em>werden <\/em>kann. Potentiale sind Entwicklungs-M\u00f6glichkeiten, und dass die Schweiz davon so viele hat, fasziniert mich an diesem Land.<\/p>\n<p>Bleiben wir noch einen Moment bei den Potentialen, Liebste. Dar\u00fcber habe ich schliesslich bei und mit Dir eine Menge gelernt, nicht nur in Deinem Garten, aber da auch. Da gibt es doch in einer kleinen Blumenrabatte zwei ziemlich mickrige Rosenstr\u00e4uche. Aus irgendwelchen Gr\u00fcnden blieben sie lange verk\u00fcmmert. Das h\u00e4tte nun Anlass zu ebenso end- wie fruchtlosen Debatten \u00fcber Ursachen, Gr\u00fcnde und Schuldige des Debakels f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mich dagegen interessierten jedesmal, wenn ich mir die beiden K\u00fcmmerlinge betrachtete, einzig ihre Potentiale. Beim einen Rosenstock war, nach einer kurzen Phase der Hoffnung, bald einmal Fehlanzeige: D\u00fcrr und vertrocknet bleibt d\u00fcrr und vertrocknet, Potentialgehalt Null. Sein Kollege dagegen ist ein sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr Potentiale. Aus den scheinbar ebenfalls vertrockneten Zweigen begann er wieder, kleine Bl\u00e4tter zu treiben. Genug, um im k\u00fcmmerlichen Winzling das Potential eines bl\u00fchenden Rosenstrauchs zu sehen und zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Ganz \u00e4hnlich sehe ich die Potentiale der Schweiz. Manche sind ziemlich offensichtlich, andere bl\u00fchen mehr im Verborgenen. Sie zu sehen ist einzig eine Frage des richtigen Blicks. Klar, man kann die gleiche Energie auch dazu verschwenden, das Negative oder einfach nur L\u00e4cherliche aufzusp\u00fcren. Bloss, was hat man davon ? Potentiale zu entdecken heisst dagegen, Chancen f\u00fcr die Zukunft zu er\u00f6ffnen, und das macht &#8211; f\u00fcr mich jedenfalls &#8211; einfach mehr Sinn.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n und gut, doch was ist nun ein Potential-Gebirge, und was hat das mit der Schweiz zu tun ?&nbsp; Nun, um ganz ehrlich zu sein, was das Wort im urspr\u00fcnglichen Gebrauch genau meint, k\u00f6nnte ich Dir auch nicht erkl\u00e4ren, nicht nur wegen Deines fehlenden Mathematik-Verst\u00e4ndnisses, sondern auch wegen meines. &#8222;Potentialgebirge&#8220; ist n\u00e4mlich ein Begriff aus der fraktalen Geometrie, der nichtlinearen Mathematik. Ich habe ihn in einem Kalender mit Computerbildern entdeckt, der den Titel <em>Kunst und Chaos &#8211; Fraktale und die wunderbare Welt der neuen Mathematik <\/em>tr\u00e4gt.<em> <\/em>Er h\u00e4ngt in meinem B\u00fcro neben dem Fenster, so dass mein Blick ohne Aufwand zwischen diesen seltsamen Fraktalbildern und dem S\u00e4ntis hin- und herschweifen kann.<\/p>\n<p>Und in diesem August 93 sind die \u00c4hnlichkeiten kaum zu \u00fcbersehen. Hier der wirkliche Berg, der aber oft \u00fcber einer Dunst-Decke wie zu schweben scheint, da ein Bild umgesetzt aus den Ergebnissen vieler, vieler Rechenschritte, das ebenfalls einen Berg zeigt. Er ragt steil aus einer Ebene empor, in den Flanken zerkl\u00fcftet wie jeder reale Berg. Oben bildet er eine flache Hochebene, zusammengesetzt aus gezackten Fl\u00e4chen, die an die St\u00fccke eines ziemlich schwierigen Puzzles erinnern.<\/p>\n<p>Entfernt \u00fcbrigens auch an die Umrisse der Schweiz auf einer Landkarte. Ich hatte schon immer den Verdacht, die Schweiz sei ein sehr fraktales Gebilde. Wenn man etwa die Umrisse des Kantons Graub\u00fcnden betrachtet, f\u00e4llt auf, dass sie im Kleinen den Umrissen der ganzen Schweiz \u00e4hnlich sehen, so wie in fraktalen Bildern immer wieder \u00e4hnliche, wenn auch nie identische Bilder auftauchen, wenn man den Vergr\u00f6sserungs-Masstab ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Von Fraktalen und Chaos wollte ich eigentlich gar nicht reden, aber jetzt bin ich doch wieder bei diesem faszinierenden Thema gelandet, wobei Du nicht zu bef\u00fcrchten brauchst, ich wollte jetzt wirklich in die entsprechenden wissenschaftlichen Theorien einsteigen. Es ist nur so, dass wir hier ganz offensichtlich einem massiven Wandel des vorherrschenden Denkstils in seinen Anf\u00e4ngen zusehen k\u00f6nnen. Noch ist l\u00e4ngst nichts ausgereift, aber ein paar wesentliche Eigenschaften dieses neuen Denkens sind schon sichtbar, und sie sind spannend und anregend genug.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich zum Bet\u00f6rendsten geh\u00f6rt, dass unser Denken endlich daran ist, gleichsam die M\u00f6glichkeiten der Fotografie um jene des Films zu erweitern. Nicht mehr die Frage, wie etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt <em>ist, <\/em>steht im Zentrum des Interesses, sondern wie etwas <em>wird, <\/em>wie es sich entwickelt. Womit wir schon wieder bei den Potentialen w\u00e4ren&#8230;<\/p>\n<p>Jedenfalls steht unter diesem Kalenderbild <em>Potentialgebirge des Iterierten-Funktionen- Systems einer Drachenkurve. <\/em>Keine Ahnung, was das im einzelnen bedeutet, aber das Bild erinnert mich nicht nur stark an die Schweiz, es ist auch einfach sch\u00f6n und stark. Im Inneren des Potentialgebirges sieht es durch die Farbgebung der Mathematiker \u00fcbrigens so aus, als ob ein energiereiches Feuer gl\u00fche, und das scheint mir ein gutes Omen f\u00fcr die Schweiz.<\/p>\n<p>Nun ist es, wenn wir ein Wort wie Potentialgebirge mal einfach als sprachliches Spielmaterial verwenden, nat\u00fcrlich offenkundig, dass darin ein Widerspruch steckt. Nur was lebt, hat Entwicklungs-Potentiale, wie man bei unseren Rosenst\u00f6cken sah, und ein Berg ist doch massig, starr und damit tot.<\/p>\n<p>Man sieht an diesem Exempel sehr sch\u00f6n, dass Widerspr\u00fcche oft genug nichts anderes sind als das Produkt von Kurzsichtigkeit. Kaum variieren wir n\u00e4mlich unsere \u00fcbliche Zeitperspektive etwas ins Grossz\u00fcgige, schon sehen wir, dass auch ein Gebirge sich entwickelt und folglich Potentiale hat. Schliesslich war dieser pr\u00e4chtig aufragende Berg vor meinem Fenster vor nicht allzulanger Zeit ein langweilig flacher Meeresboden &#8211; jedenfalls dann, wenn man als Vergleichsmasstab das ganze ehrw\u00fcrdige Alter dieses Planeten heranzieht.<\/p>\n<p>Dieser unser Meeresboden hatte eines Tages keinen Platz mehr, und so tat er das, was etliche Zeit sp\u00e4ter New York tat: Er wuchs in die H\u00f6he. Und sp\u00e4testens jetzt wird der Vergleich mit der Schweiz stimmig. Denn das ist eines ihrer gr\u00f6ssten und keineswegs voll entwickelten Potentiale: ihre vertikale Dimension.<\/p>\n<p>Schlichter gesagt ihre Berge. Nat\u00fcrlich, darauf, diese touristisch zu nutzen, ist man in der Schweiz sehr schnell gekommen &#8211; nachdem es die Engl\u00e4nder vorgemacht hatten. Aber lies mal, wie sehr das Gebirge auch als starkes Symbol f\u00fcr geistige Welten herhalten kann:<\/p>\n<p><em>Es gleicht der hochgestreckten Faust,<\/em><\/p>\n<p><em>die voller Kraft zur Wahrheit st\u00f6sst,<\/em><\/p>\n<p><em>vom Sturm wird das Gew\u00f6lk zerzaust,<\/em><\/p>\n<p><em>bis sich der Himmel rein entbl\u00f6sst.<\/em><em> <\/em><\/p>\n<p><em>Es gleicht der ungeheuren Kraft,<\/em><\/p>\n<p><em>die Taten, Fortschritt, Klarheit schafft.<\/em><\/p>\n<p>Nun, dieser h\u00fcbsche Fund, der meine These vom erotischen Verh\u00e4ltnis zur Vertikalen sicher untermauert, stammt aus einem kleinen B\u00fcchlein <em>Das Sch\u00f6nste in der Schweiz, <\/em>\u00fcbrigens eines deutschen Verlegers, und ist dem Matterhorn gewidmet, passt aber auch wunderbar zum Potentialgebirge Schweiz. Oder etwa nicht ? Langes Training im etwas freieren Umgang mit Dingen und Ideen kommt der Schweiz hier jedenfalls sehr zupass.<\/p>\n<p>Du weisst, dass ich nichts gegen die Horizontale habe. Doch hierzulande enth\u00fcllt sich der Reiz der Vertikalen in seiner vollen Pracht. Das sieht man an h\u00fcbschen M\u00fcsterchen aus der Statistik: Die Schweiz hat weltweit die h\u00f6chste Dichte an Fessel- und Heissluft-Ballons.<\/p>\n<p>Doch am besten erlebt man den Reiz der Vertikalen nach meiner Erfahrung immer noch zu Fuss. Und so bin ich gestern Nachmittag zwecks praktischer Erprobung vertikaler Reize auf meinen kleinen Hausberg gestiegen: Du weisst, dass ich aus meinem an einen ziemlich steilen Hang gebauten Domizil am Dorfausgang nur \u00fcber die Strasse zu gehen brauche, um steil in die H\u00f6he steigen zu k\u00f6nnen. Ein schmaler Pfad f\u00fchrt durch Wald und Wiese aufw\u00e4rts, 170 H\u00f6henmeter ungef\u00e4hr, gerade richtig f\u00fcr einen kleinen Spaziergang mit einer Meditation \u00fcber die Schweiz und die dritte Dimension. Und so stapfe ich bergauf, die H\u00e4nde auf dem R\u00fccken, wie weiland der Philosoph Kant durch K\u00f6nigsberg, und mache mir&nbsp; so meine Gedanken.<\/p>\n<p>Ein erster: In die H\u00f6he zu steigen kommt einem Gang durch die Schichten der Zeit gleich. An ein paar Stellen kommt nackter Fels ans Tageslicht. Es wird Schicht f\u00fcr Schicht sichtbar, wie sich in Urmeeren totes Material am Grund abgelagert hat, und wie es sp\u00e4ter durch ungeheuren Druck gefaltet wurde wie ein St\u00fcck Papier, nur viel langsamer.<\/p>\n<p>Lange Zeit m\u00fcssen auch die unscheinbaren B\u00e4che gebraucht haben, um aus flachen Hochebenen eine H\u00fcgellandschaft mit tief eingeschnittenen T\u00e4lern zu formen. Spuren frischer kleiner Erdrutsche sind Zeugen daf\u00fcr, dass dieser Prozess noch l\u00e4ngst nicht zu Ende ist. \u00dcberall hier ist Geologie sp\u00fcrbar, die lebendige, elementare formende Kraft der Erde.<\/p>\n<p>Der Wald h\u00e4lt eine verschwenderische Himbeeren- und Brombeeren-Pracht feil. Ich kann der Verlockung nicht widerstehen. Zu nahe sind im Familien-Stammbaum die Erinnerungen an Zeiten, in denen das Pfl\u00fccken von Beeren beim \u00dcberleben half, direkt als Nahrung, oder, wie in den Jugendzeiten meines Vaters, als Handelsgut f\u00fcr die eben entstehende Hotellerie. Und wer weiss, vielleicht sind jene fr\u00fchen Menschen, deren Spuren man in der N\u00e4he, beim Wildkirchli gefunden hat, in der Zwischeneiszeit vor etlichen zehntausend Jahren auch schon hier durch die W\u00e4lder gestreift und haben Beeren gepfl\u00fcckt.<\/p>\n<p>Viel sp\u00e4ter kamen die Roder und Siedler und mit ihnen die Weidewirtschaft. Sie hat sich bis heute erhalten. Schafe, Ziegen und K\u00fche kreuzen meinen Weg und schauen mir tief in die Augen, wobei unklar ist, wer sich mehr \u00fcber wen wundert. Die Wurzeln der heutigen Weidewirtschaft sind deutlich noch zu sehen, auch wenn sich dar\u00fcber Wohlstand ausgebreitet hat. Auf der anderen Seite des H\u00fcgels habe ich neulich eine ausrangierte Transportseilbahn gesehen, die vom Tal hinauf zu einem abgelegenen Hof f\u00fchrte. Heute ist sie ausser Betrieb, weil es bis hinauf ein asphaltiertes Str\u00e4sschen gibt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist das Finanzierungssystem f\u00fcr solchen Luxus in der Schweiz noch absurder als anderswo. Doch was soll\u00b4s. Immerhin haben dadurch auch die Bauern in diesen bergigen Gegenden den Anschluss an ein schnell reich gewordenes Land nicht verpasst. Die H\u00e4rten ihres Lebens sind dadurch nicht eliminiert, nur abgefedert. Und mir erm\u00f6glicht es einen direkten Kontakt zu einem St\u00fcck lebendiger Geschichte.<\/p>\n<p>Du mit Deinem sensiblen Gesp\u00fcr f\u00fcr Sprache merkst sofort, wie nahe an den Kitsch solche S\u00e4tze gebaut sind &#8211; und weisst, weil Du so manche Schweizer Landschaft kennst, gleichzeitig auch, dass noch mehr im Spiel sein muss. Sicher, Deine Tochter hat ganz richtig bemerkt, die Landschaft, die mir beim H\u00f6hersteigen jetzt mehr und mehr ins Blickfeld ger\u00e4t, s\u00e4he genauso aus, wie man die Landschaft einer Modell-Eisenbahn gestalten w\u00fcrde. Oder, im Klartext, einer <em>Spielzeug-<\/em> Eisenbahn. Niedlich-putzig eben, ein einziges Klischee. Kitsch. Heidiland.<\/p>\n<p>Das ist, Du sp\u00fcrst es wohl, uns Schweizern etwas peinlich. Es gibt Umfragedaten zur Frage, wie Bev\u00f6lkerung und Wirtschafts-F\u00fchrer die Schweiz der Zukunft gerne s\u00e4hen. &#8222;Heidiland&#8220; war ein Vorschlag. Er stiess auf wenig Gegenliebe. Klar doch: Kitsch ist, was man <em>heimlich<\/em> liebt. Ansonsten schafft es Peinlichkeit, in einer Bilderbuch-Landschaft zu wohnen.<\/p>\n<p>Peinlichkeit \u00fcbrigens, nicht wirkliche Pein. Die angenehmen Seiten des Lebens in einer solchen Landschaft sind zu offensichtlich: Sie labt Augen und Seelen. Und deshalb beschliesse ich, von der Peinlichkeit Abschied zu nehmen. Das wird nicht ganz leicht sein, zu tief sitzen diese verworrenen Gef\u00fchle dem eigenen Land gegen\u00fcber, die ungefragt Teil meines geistigen Erbes sind, eines Erbes, das man nicht ausschlagen kann, wenn man hier geboren und aufgewachsen ist. Immerhin brauche ich dieses Erbe auch nicht mehr zu leugnen, entwickle je l\u00e4nger je mehr eine heitere Gelassenheit auch den skurileren Aspekten gegen\u00fcber, und kann mittlerweile behaupten, nichts Schweizerisches sei mir fremd.<\/p>\n<p>Ich n\u00e4here mich dem Gipfel, und die d\u00fcsteren Wolken lichten sich ebenso wie meine Gedanken. Zu sch\u00f6n ist die Rund-Sicht von hier oben, panoramam\u00e4ssig schweift der Blick im Kreis und schafft \u00dcber-Blick. Von keinem Platz in der Ebene aus sieht man so viele Einzelheiten <em>und <\/em>Muster. Fast den ganzen Bodensee. Die St\u00e4dte der Ebene. Die H\u00fcgel mit ihrem reizvollen Wechselspiel von W\u00e4ldern und Wiesen, Einzelh\u00f6fen und kleinen D\u00f6rfern. Alles vergleichsweise jung, die Besiedlung dieser Gegend liegt erst ein paar hundert Jahre zur\u00fcck. Davor gab es hier nur endlose W\u00e4lder.<\/p>\n<p>Hoch-Stimmung auf dem Gipfel, dem Ort, wo es nicht mehr weiter aufw\u00e4rts geht. Nur die Gedanken schweifen weiter hinauf Richtung Himmel, ganz nat\u00fcrlich an diesem Platz, an dem Erde und Himmel in elementarer Verbindung zusammenkommen. Es sind inspirierende Orte, an denen sich solcherart zwei Elemente begegnen &#8211; jenen am Ufer des Sees bei Dir kennst Du ja auch. Und so steige ich oft hier herauf, um auch geistig den \u00dcberblick zu bekommen und mich anregen zu lassen.<\/p>\n<p>Meine Aufmerksamkeit kehrt zur Umgebung zur\u00fcck und ich realisiere, dass ich mehr sehe als eine ideale Postkartenlandschaft. Ich sehe einen Mythos.<\/p>\n<p>Daran warst nat\u00fcrlich wieder mal Du &#8222;schuld&#8220;. Genauer Deine Tochter, die Dich neulich in meiner H\u00f6rweite gefragt hat, was ein Mythos sei, und Du, etwas in Eile, meintest, so was \u00e4hnliches wie eine Legende. Jetzt nehme ich diesen Faden auf und spinne ihn weiter.<\/p>\n<p>Ja, auch die meisten Mythen stammen aus grauen Vorzeiten. Aber sie sind mehr als einfach alte Geschichten, als Legenden, die man sich erz\u00e4hlt, vielleicht auch ganz interessant findet, dann aber doch achselzuckend danach fragt, was sie bitte sch\u00f6n mit einem selbst zu tun h\u00e4tten. Ein Mythos dagegen ber\u00fchrt, weckt Kr\u00e4fte, wirkt auch in die Zukunft.<\/p>\n<p>Heidiland ist ein solcher Mythos. Ja, ich fand es auch eher setltsam, dass der Kurdirektor von St. Moritz ziemlich grossz\u00fcgig mit den geografischen Details umging und Heidiland flugs ins Oberengadin verlegte. Heute bin ich viel milder gestimmt, nicht nur, weil ich besagten Kurdirektor jetzt pers\u00f6nlich kenne, sondern weil ich einen Sinn f\u00fcr den Wert von Mythen entwickelt habe.<\/p>\n<p>Selbigen Tags eine Reportage im &#8222;Tages-Anzeiger&#8220; \u00fcber Touristen aus dem fernen S\u00fcdkorea. Sie hatten nur einen winzigen Tag f\u00fcr die Schweiz auf ihrem Europa-Kurztrip, waren auf dem Titlis. Ein Vater mit seiner neunj\u00e4hrigen Tochter strahlend im Bild: &#8222;Wie gl\u00fccklich bin ich, ihr das Land, aus dem Heidi kommt, gezeigt haben zu k\u00f6nnen.&#8220;&nbsp;&nbsp; Der Heidi-Mythos lebt weltweit.<\/p>\n<p>Auch der von der Luzerner Kapellbr\u00fccke, wie sich weltweit in den Reaktionen auf deren j\u00e4hes Ende durch Feuersbrunst samt Wieder-erstehung gezeigt hat. Helvetia, die Mythen-Geb\u00e4rende und Mythen-Ern\u00e4hrende. Nicht nur in Form von Landschaften und Alph\u00f6rnern.<\/p>\n<p>Unterhalb des H\u00fcgels, auf dem ich stehe, liegt Heiden. Dort starb einst, verarmt und einsam, Henri Dunant, Gr\u00fcnder des Roten Kreuzes. Vision\u00e4re hatten es hier auch nicht leichter als anderswo, und doch hat es dieser Mann geschafft, aus einer Vision einen weiteren Schweizer Mythos zu schaffen.<\/p>\n<p>Bis heute ist das Rote Kreuz stark schweizerisch gepr\u00e4gt. Wohl gibt es in vielen L\u00e4ndern nationale Gesellschaften des Roten Kreuzes oder Halbmonds. Die urspr\u00fcngliche Aufgabe des Roten Kreuzes, n\u00e4mlich die Erleichterung des Loses von Kriegs-Betroffenen, wird jedoch nicht von diesen, sondern vom IKRK, dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz, wahrgenommen. In dessen Rat sitzen ausschliesslich SchweizerInnen, und die etliche Tausend IKRK-Delegierten hatten bis heute ebenfalls ausschliesslich einen Schweizer Pass. Das soll sich jetzt \u00e4ndern, wird jedoch nichts an der traditionell starken schweizerischen Pr\u00e4gung des IKRK \u00e4ndern.<\/p>\n<p>All diese spannenden Fakten stehen gleichtags ebenfalls im &#8222;Tagi&#8220; &#8211; und mit ihm ein Gespr\u00e4ch mit meinem alten Schulfreund A., der schon lange IKRK-Delegierter ist und alle Seiten dieser Mission kennt. Beseitigen k\u00f6nnen sie keine Kriegs-Not, nur lindern. Doch das ist viel mehr als gar nichts. Aus einer Vision ist praktische Hilfe geworden.<\/p>\n<p>Dass das Rote Kreuz in Genf gegr\u00fcndet wurde, mag Zufall gewesen sein. Mehr als das ist sicher die sp\u00e4tere enge Verbindung zwischen IKRK und der Schweiz. Nirgendwo sonst ist die Idee der Neutralit\u00e4t &#8211; unabdingbare Voraussetzung f\u00fcr eine erfolgreiche T\u00e4tigkeit des Roten Kreuzes &#8211; so sehr gehegt und gepflegt worden wie in der Schweiz. Sicher, in der Zwischenzeit hat sich die konkrete staatliche Neutralit\u00e4t zwangsl\u00e4ufig weiterentwickelt und ist nicht mehr identisch mit jener des IKRK, doch gibt es eine Etage tiefer immer noch einen gemeinsamen kulturellen N\u00e4hrboden f\u00fcr die Idee der Neutralit\u00e4t. Die Bande zwischen IKRK und dem Staat Schweiz m\u00f6gen sich lockern, doch die Schweiz wird ein zentrales Element des Mythos vom Roten Kreuz bleiben.<\/p>\n<p>Das gilt, wenn wir die hehren H\u00f6hen hochwohll\u00f6blicher Humanit\u00e4t verlassen, auch f\u00fcr die schon erw\u00e4hnte dunklere Kehrseite des Neutralit\u00e4ts-Mythos, f\u00fcr die Geldw\u00e4scherei n\u00e4mlich. Auch diese gr\u00fcndet auf einem wohlbegr\u00fcndeten schweizerischen Mythos, n\u00e4mlich des absolut neutralen, sprich in diesem Fall diskreten Umgangs mit Geldern aller Art.<\/p>\n<p>Dieser unappetitliche Mythos hat die lichteren Aspekte des Schweiz-Mythos in letzter Zeit \u00fcberlagert, im Ausland ebenso wie in der Schweiz selber &#8211; Jean Ziegler l\u00e4sst gr\u00fcssen. Pers\u00f6nlich empfehle ich im Umgang mit allen Schweizerischen Mythen nicht nur Gelassenheit, sondern auch ein St\u00fcck Differenzierung. Nat\u00fcrlich finde auch ich es untragbar, offenkundige Gauner dadurch zu unterst\u00fctzen, dass man ihre verbrecherisch erworbenen Gelder weiss w\u00e4scht. Doch zwischen Verbrechen und hochmoralischem Gelderwerb liegen weite Grauzonen, jedenfalls in einer typisch schweizerischen, n\u00e4mlich n\u00fcchtern-realistischen Sichtweise. Graue Gelder haben einen organischen Drang nach Aufhellung, nach S\u00e4uberung, und da Sauberkeit ein weiterer Schweizerischer Mythos ist, liegt es einigermassen nahe, dass diese Energie zur allseitigen Befriedigung genutzt wird.<\/p>\n<p>Schweizerische Grossz\u00fcgigkeit in Grauzonen als Legitimation von Geldw\u00e4scherei &#8211; das mag zynisch klingen. Lassen wir die Frage offen (auch das eine Schweizerische Lieblingsbesch\u00e4ftigung), und verweisen wir nur auf die M\u00fcllabfuhr: Wir k\u00f6nnen sie unappetitlich finden und dennoch Respekt vor jenen haben, die diesen Job tun, weil er schliesslich getan werden muss.<\/p>\n<p>Du siehst, auch da oben trage ich nicht einfach eine rosarote Brille, wenn ich die Schweiz betrachte, die im \u00fcbrigen ja nur einen Teil meines Gesichtsfeldes ausf\u00fcllt. Schliesslich geh\u00f6ren zur Aussicht auch gr\u00f6ssere Teile von Deutschland und \u00d6sterreich. Oder von Baden, W\u00fcrtemberg, Bayern und Voralberg, wie es noch heute auf der Ortstafel des <em>F\u00fcnfl\u00e4nderblicks <\/em>heisst, nicht weit von hier.&nbsp; Was daran erinnert, dass die Definition eines Landes immer Ansichtssache ist und sich wandeln kann.<\/p>\n<p>Wieder geht der Blick zur\u00fcck zur Schweiz und zur Frage, ob&nbsp; Schweizerische Mythen eigentlich unbedingt tief in der Vergangenheit wurzeln m\u00fcssen. Irgendwann mal m\u00fcssen auch diese Mythen einen Anfang gehabt haben, und dann m\u00fcsste es auch heute noch m\u00f6glich sein, in diesem Land neue Mythen zu schaffen.<\/p>\n<p>Es geht. Ich bin gerade dabei, es zu erleben, und Du wirst in diesen Briefen immer wieder mal Zeuge davon werden, dass die Schweiz ein lebendiger Mythos ist und ihrem ohnehin schon bunten Mythen-Strauss immer wieder neue Bl\u00fcten hinzuf\u00fcgen kann. Ich rede vom Mythos der <em>offenen, innovativen und selbstbewussten Schweiz. <\/em>Entstehung und Wachstum dieses Mythos konnte und kann ich als teilnehmender Beobachter verfolgen &#8211; eine Rolle, die mir viel Freude macht.<\/p>\n<p>Im Grunde mache ich dabei nur \u00f6ffentlich das, was ich privat ohnehin tue &#8211; zum Beispiel jetzt gerade Dir gegen\u00fcber. N\u00e4mlich die Schweiz verkaufen.&nbsp; Nat\u00fcrlich nicht wirklich, sie geh\u00f6rt mir ja nicht, sondern mehr als Agent, der um Sympathien f\u00fcr die Schweiz wirbt, f\u00fcr einen offenen und konstruktiven Blick auf ihre Talente und Potentiale. Bei ihr, der Schweiz selbst, braucht es am meisten davon. Dabei hat sie allen Grund, selbstbewusst zu sein. Sie weiss es nur nicht immer.<\/p>\n<p>Dem abzuhelfen und gleichzeitig den Keim f\u00fcr einen Mythos von der selbstbewussten Schweiz zu legen &#8211; das war eine typisch Schweizerisch-unbescheidene Herausforderung. Mein lieber Freund E. und ich haben intuitiv gesp\u00fcrt, dass sich hier ein kraftvoller, zeitgem\u00e4sser und zukunftsgewandter Mythos entwickeln k\u00f6nnte. Und so haben wir es angepackt.<\/p>\n<p>Dabei hatten wir beide mehr als gelinde Zweifel daran, ob unsere Intuition richtig war. Erweisen sollte sich das in dem Moment, als wir den Mythos mit anderen zu teilen begannen. Denn wenn ein Mythos wirklich Kraft und Energien freisetzen soll, muss er von vielen geteilt werden. Und das wiederum kann er nur, wenn viel Leben in ihm steckt.<\/p>\n<p>Beim Mythos von der selbstbewussten, und das heisst, wie wir bald immer hinzuf\u00fcgten, auch offenen und innovativen Schweiz, war und ist das offensichtlich der Fall. Immerhin haben wir sehr schnell nicht nur viel Wohlwollen und moralische Unterst\u00fctzung daf\u00fcr gefunden, sondern auch eine beachtliche Reihe von zu recht angesehenen Unternehmen und Institutionen, die unsere Idee als Sponsoring-Partner auch materiell unterst\u00fctzen, gut schweizerisch nach dem Prinzip von Treu und Glauben in die Zukunft der Schweiz.<\/p>\n<p>Falls es Dich \u00fcbrigens st\u00f6ren sollte, dass ich Grunds\u00e4tze wie Treu und Glauben ganz selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr die Schweiz reklamiere, hast Du nat\u00fcrlich recht: Diese Grunds\u00e4tze gedeihen auch anderswo. Und doch muss es an der Ausstrahlung der Schweiz etwas geben, das diese Eigenschaften besonders betont. Es sind zweifellos nur Nuancen, doch in Zeiten wie diesen kommt es gerade auf die Nuancen an.&nbsp; Der Schweiz vertraut man ein kleines bisschen mehr als anderen etwas zu treuen H\u00e4nden an &#8211; und dieser winzige Vorsprung kann entscheidend sein.<\/p>\n<p>Du kennst die Aktion, die wir zusammen mit der &#8222;Schweizer Illustrierten&#8220; durchgef\u00fchrt haben: Wir liessen die LeserInnen dar\u00fcber abstimmen, wer die Hauptrollen in einem (vorderhand nur in der Phantasie existierenden) Film namens DIE SELBSTBEWUSSTE SCHWEIZ \u00fcbernehmen solle. Dabei belegte ein in der Schweiz ziemlich bekannter Schauspieler namens Walter Roderer den f\u00fcnften Platz. Noch vor ein paar Jahren w\u00e4re er sicher noch weiter vorn plaziert gewesen, in der Zwischenzeit hat ihm ein eher seltsames Engagement gegen den EWR-Beitritt sicher einige Sympathien gekostet.<\/p>\n<p>Warum ich Dir das erz\u00e4hle ?, m\u00f6chtest Du sicher wissen,&nbsp; wir waren doch gerade bei den treuh\u00e4nderischen Qualit\u00e4ten der Schweiz. Und da kommen wir auch wieder hin. Und zwar \u00fcber einen Roderer-Film aus dem Jahr 1988, der j\u00fcngst am Schweizer Fernsehen gezeigt wurde: <em>Ein Schweizer namens N\u00f6tzli. <\/em>Eigentlich hatte ich erst gar keine Lust darauf, was soll die xte Pr\u00e4sentation eines unfreiwillig komischen Schweizers, und \u00fcberhaupt, den Roderer mag ich aus politischen Gr\u00fcnden nicht mehr&#8230;<\/p>\n<p>Quatsch, sagte ich mir dann, schliesslich hat meine geliebte Schweiz als Ganzes wie Herr Roderer Nein gesagt, und wenn eine Geliebte sich entschieden hat, ist es besser, daraus das Beste zu machen statt an ihr rumzumachen. Habe ich mit Dir gelernt&#8230;<\/p>\n<p>Ich habe meinen Entscheid nicht bereut, im Gegenteil. Die Story ist kurz erz\u00e4hlt: Biederer und zuverl\u00e4ssiger Schweizer Buchhalter arbeitet seit vielen Jahren treu f\u00fcr ein Chemie-Unternehmen in Berlin. Eines Tages wird er durch eine Verwechslung nach oben katapultiert, bew\u00e4hrt sich aber als Direktor bestens. Als die Sache auffliegt, wird er gefeuert, doch schliesslich braucht man ihn wegen seiner Qualit\u00e4ten und holt ihn zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Das alles wird satirisch dick aufgetragen als typische Schweizer Qualit\u00e4tsmischung verkauft. Herr N\u00f6tzli ist eben <em>sowohl <\/em>pr\u00e4ziser und zuverl\u00e4ssiger Buchhalter <em>als auch <\/em>innovativer Unternehmensleiter. Wie im Gleichnis von den anvertrauten Talenten verprasst er das ihm anvertraute Gut nicht, noch verbuddelt er es einfach. Stattdessen setzt er es kreativ-innovativ ein und entwickelt dabei einen erstaunlichen Weitblick.<\/p>\n<p>Und noch ein h\u00fcbsches Detail am Rande: Zur\u00fcckgeholt wird Herr N\u00f6tzli in die Top-Etage, weil es die japanischen Gesch\u00e4ftspartner so wollen. Mit N\u00f6tzli verstehen sie sich bestens, der hat sogar vorausschauend schon mal als Buchhalter Japanisch gelernt. Einen so klaren Hinweis auf eine Identit\u00e4ts-Marktl\u00fccke f\u00fcr die Schweiz h\u00e4tte ich dem Roderer gar nicht zugetraut&#8230;<\/p>\n<p>Ich habe nicht vergessen, wo wir vor diesem Schlenker waren: Bei den Nuancen. Um Nuancen geht es also, um kleine, aber feine Unterschiede. Niemand in diesem Land, der seinen Grips einigermassen beisammen hat, w\u00fcrde behaupten, die Schweiz unterschiede sich irgendwo ganz wesentlich von anderen Gegenden und L\u00e4ndern. Aber gerade die Differenzierungen machen den Reiz aus, und von ihnen ist hier die Rede.<\/p>\n<p>In einer Umfrage der GfM (Schweizerische Gesellschaft f\u00fcr Marketing) von 1993 zeigte sich, dass das Volk hierzulande dieser Ansicht ist. Der Slogan <em>Nicht besser. Nur es bizzeli anders. Ihre Schweiz. <\/em>stiess auf Gegenliebe. <em>Vive la diff\u00e9rence ! <\/em>heisst das, aber auch Abschied von der \u00dcberheblichkeit, die bisher oft mit der Vorstellung vom &#8222;Sonderfall Schweiz&#8220; verbunden war. Ein Sonderfall unter vielen Sonderf\u00e4llen &#8211; das ist die heutige, realistischere Sicht der Schweiz von sich selbst.<\/p>\n<p>Meine Sicht der Schweiz von oben geht an diesem Abend zur Neige. Noch einmal erquicke ich mein Auge mit dem satten Gr\u00fcn von Wiesen und W\u00e4ldern und entdecke dabei, dass <em>gr\u00fcn <\/em>auch das Stichwort f\u00fcr einen ebenfalls neuen Schweizerischen Mythos ist: In unseren wichtigsten wirtschaftlichen Partnerl\u00e4ndern gelten Produkte aus der Schweiz bereits heute klar f\u00fchrend als <em>\u00fcberdurchschnittlich umweltfreundlich. <\/em>Wie das kommt und warum das f\u00fcr die Schweiz, und nicht nur f\u00fcr sie, eine phantastische Nachricht ist, erz\u00e4hle ich Dir im n\u00e4chsten Brief.<\/p>\n<p>F\u00fcr diesmal habe ich genug gesehen. Beim Abstieg geniesse ich einen weiteren Reiz der Vertikale: Was ich beim Aufstieg an M\u00fche investiert habe, kommt jetzt als Leichtigkeit zur\u00fcck: Ich brauche bei jedem Schritt nur ganz leicht mein Bein nach vorne zu schlenkern, den Rest besorgt die Schwerkraft.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte sein, dass Du in meiner Rundsichtschilderung den S\u00e4ntis vermisst hast. Ich habe ihn auch vermisst, er war hinter Wolken versteckt. Und doch wusste ich ganz genau, dass er da war, schliesslich habe ich ihn oft genug gesehen. Das war nicht immer so: Bei meinem ersten Kontakt mit dem Platz hier war er da, die paar n\u00e4chsten Male, als ich zu Besichtigungen oder Besprechungen vorbeikam, steckte er im Dunst &#8211; eine M\u00f6glichkeit nur, ein Potential. Und alles, was es braucht, um aus diesem Potentialgebirge Realit\u00e4t werden zu lassen, ist etwas Geduld und das Vertrauen, dass sich die Wolken wieder heben werden. K\u00f6nnte sein, dass dieses h\u00fcbsche Bild auch gut zur Schweiz als Potentialgebirge passt&#8230;<\/p>\n<p><a href=\"Downloads\/Heimat_Helvetia.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das ganze Manuskript k\u00f6nnen Sie als PDF-Datei herunterladen.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/aktuell\/heimathelvetia_kl.jpg\" alt=\"heimathelvetia_kl\" width=\"175\" height=\"131\" \/><\/p>\n<p>Eine Liebeserkl\u00e4rung an die Schweiz<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-465","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/465","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=465"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/465\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=465"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=465"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=465"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}