{"id":463,"date":"1997-06-18T10:23:12","date_gmt":"1997-06-18T10:23:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=463"},"modified":"1997-06-18T10:23:12","modified_gmt":"1997-06-18T10:23:12","slug":"die-schweiz-als-reifender-steppenwolf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=463","title":{"rendered":"Die Schweiz als reifender Steppenwolf"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/aktuell\/steppwolf.jpg\" alt=\"steppwolf\" width=\"364\" height=\"273\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"Titel3rot\">Hesse als Inspiration f\u00fcr eine Schweizer Vision<\/span> <\/p>\n<p class=\"Stil28\"><em>Aus dem Jahr 1997 stammt dieser Beitrag zur Diskussion \u00fcber die Identit\u00e4t der Schweiz &#8211; und ist nichtsdestotrotz nach wie vor aktuell&#8230;<\/em><\/p>\n<p class=\"Titel2\">Die Schweiz als reifender Steppenwolf<\/p>\n<p>Ein Beitrag zur Identit\u00e4ts-Diskussion von Andreas Giger \/ Kurzversion 10.6.97, erschienen im &#8222;TagesAnzeiger&#8220;, Z\u00fcrich<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/aktuell\/steppenwolf.jpg\" alt=\"steppenwolf\" width=\"364\" height=\"239\" \/><\/p>\n<p><em>Die Kritik, dss sich die Intellektuellen nur z\u00f6gerlich an den aktuellen Debatten beteiligen w\u00fcrden, ist nicht ohne Echo geblieben. Andreas Giger meint, die Schweiz solle die Fiktion einer einheitlichen Pers\u00f6nlichkeit aufgeben.<\/em><\/p>\n<p><em>Oh Freunde, nicht diese T\u00f6ne ! , <\/em>mahnte Hermann Hesse im Vorfeld des ersten Weltkriegs die Intellektuellen Deutschlands. <em>Oh Freunde, bitte \u00fcberhaupt T\u00f6ne ! , <\/em>fleht Christoph Kuhn die Dichterinnen und Denker der Schweiz an. Voil\u00e0 !<\/p>\n<p>Ein Grund f\u00fcr den mangelnden Saft in der Ideenproduktion k\u00f6nnte im Inzucht-Verhalten der Intellektuellen zu suchen sein: Wer zu uns geh\u00f6rt, entscheiden wir selber ! Hermann Hesse zum Beispiel hatte das (nicht nur ihm durchaus zweifelhaft erscheinende) Vergn\u00fcgen nie, von der intellektuellen Literaturkritik mit den h\u00f6heren Weihen versehen zu werden, trotz des Nobelpreises und nie versiegender Nachfrage nach seinen B\u00fcchern. Was anzieht, ist sein Leitthema, die Individuation, ist sein Leitmotiv, das da lautet &#8222;Eigensinn macht Spass !&#8220;<\/p>\n<p>Obwohl das ja nun wahrhaftig ein urschweizerisches Motto ist, und obwohl Hesse als eingeb\u00fcrgerter Schweizer den gr\u00f6sseren Teil seines Lebens in der Heimat seiner \u00fcberzeugten Wahl lebte, wurde er bisher kaum als Inspirationsquelle f\u00fcr die Identit\u00e4t der Schweiz betrachtet. Dabei g\u00e4be es dazu einiges zu entdecken &#8211; die Vision von der &#8222;p\u00e4dagogischen Provinz&#8220; aus dem &#8222;Glasperlenspiel&#8220; etwa, die zu einem starken Attraktor f\u00fcr die Schweiz werden k\u00f6nnte. Doch bevor sich die Schweiz ernsthaft dem n\u00e4chsten Jahrhundert zuwenden kann, muss sie sich dem zu Ende gehenden stellen. Und dabei kann die wohl ber\u00fchmteste literarische Figur Hesses, der Steppenwolf, hilfreiche geistige Dienste leisten.<\/p>\n<p>Voraussetzung daf\u00fcr ist ein kleines geistiges Spiel: f\u00fcr einen Moment die Schweiz gleichzusetzen mit einer Pers\u00f6nlichkeit. Aus gutem Grund spricht die Wirtschaft von der Marken- oder der Unternehmens-Pers\u00f6nlichkeit: Menschen nehmen auch Institutionen oder Marken wahr wie Menschen, weil sie es sich so gewohnt sind. Die Schweiz als Pers\u00f6nlichkeit &#8222;Steppenwolf&#8220; wird so zum anregenden Gedanken-Experiment.<\/p>\n<p>Zur Erinnerung: Der Steppenwolf ist ein Mann von knapp f\u00fcnfzig, der in einer ernsthaften Midlife-Crisis steckt. Er denkt oft an Selbstmord (naheliegende Analogie: die Schweiz hat weltweit eine der h\u00f6chsten Suizid-Raten&#8230;) und f\u00fchlt sich als gespaltene Pers\u00f6nlichkeit: hier der wilde, ungez\u00e4hmte Steppenwolf, da der zivilisierte, von hohen Idealen getr\u00e4nkte Mensch. Beide Seiten liegen miteinander in unvers\u00f6hnlichem Clinch, an ein gl\u00fcckliches Leben ist nicht zu denken.<\/p>\n<p>Mensch und Tier, h\u00f6chste Geistigkeit und blinde Mordlust &#8211; die Spaltung geht nicht nur mitten durch den Steppenwolf, sie ging mitten durch eine ganze Epoche. Und sie geht heute mitten durch ein ganzes Land: Blocher und Ziegler. &#8222;Wir haben nichts falsch gemacht !&#8220; und &#8222;wir haben alles falsch gemacht !&#8220;.<\/p>\n<p>Es gibt im Steppenwolf eine Instanz, die die l\u00e4hmende Wirkung der Konfrontation erkennt. Und so gibt es auch in der Schweiz eine untersch\u00e4tzte Anzahl von Menschen, die wissen, dass es nicht um ein starres &#8222;entweder-oder&#8220; gehen kann. Sondern nur um ein ebenso entschiedenes wie flexibles &#8222;sowohl-als auch&#8220;: Ja, es war eine reife Leistung, sich aus den Schrecknissen des Krieges herauszuhalten, und dieser nicht hoch genug einzusch\u00e4tzende Zweck heiligte tats\u00e4chlich viele Mittel. Und ebenso: Ja, der Zweck hat nicht alle eingesetzten Mittel geheiligt. Und ja, nachdem der Druck weg war, hat sich die Schweiz leider als engherzig und engstirnig erwiesen, statt souver\u00e4n und selbstbewusst auch zu ihren eigenen Fehlern zu stehen. Beides ist wahr, und beides wird kein Fitzelchen weniger wahr, weil auch das andere wahr ist.<\/p>\n<p>Und doch erscheint der unfruchtbare Streit zwischen den Anh\u00e4ngern der beiden Wahrheiten ebenso schicksalhaft wie die Spaltung in Wolf und Mensch beim Steppenwolf: die beiden Streith\u00e4hne lassen sich in ihrem Konflikt um die ganze Wahrheit durch die Erkenntnis, es g\u00e4be diese gar nicht, nicht im geringsten aus dem Konzept bringen.<\/p>\n<p>Nun ist dies gewiss keine spezifisch schweizerische Schw\u00e4che. Doch die Spaltung wirkt derzeit besonders l\u00e4hmend auf die Identit\u00e4t der Schweiz, weil sie nicht nur r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt funktioniert, sondern auch nach vorn, in der Frage der Integration der Schweiz in Europa und in der Welt. Auch da wird entweder alles Gute oder alles Schlechte erwartet, auch da ringen zwei Wahrheiten um die totale Herrschaft.<\/p>\n<p>Gek\u00e4mpft wird um Territorien im Raum der Werte und Ideen, so als ob der Platz dort knapp w\u00fcrde. Und das ist nun das beste Beispiel f\u00fcr eine irref\u00fchrende Analogie. Geistiger Raum steht in beinahe unbegrenzten Massen zur Verf\u00fcgung. Es gibt keinerlei Grund zu geistiger Platzangst, es gibt im Bewusstsein vielmehr ausreichend Platz f\u00fcr Mensch und Steppenwolf, f\u00fcr negative und f\u00fcr positive Elemente in der Schweizer Geschichte, f\u00fcr den Wunsch nach gr\u00f6sstm\u00f6glicher Selbst\u00e4ndigkeit und f\u00fcr jenen nach m\u00f6glichst viel Integration, f\u00fcr Ziegler und f\u00fcr Blocher.<\/p>\n<p>Womit auch klar w\u00e4re: La Suisse n\u2019 existe tats\u00e4chlich pas. <span style=\"text-decoration: underline;\">Die<\/span> Schweiz gibt es nicht. Und so effizient auch die Versuche organisiert sein m\u00f6gen, der Schweiz die eine, einheitliche Definition \u00fcberzust\u00fclpen, egal ob die der braven, selbstgen\u00fcgsamen Schweiz mit der weissen Weste oder jene der schuldbeladenen und deshalb auf Aufnahme in den europ\u00e4ischen Armen angewiesenen, so ineffektiv m\u00fcssen sie bleiben, weil sie einem fiktiven Ziel nachjagen, jenem der einheitlichen Pers\u00f6nlichkeit Schweiz.<\/p>\n<p>Das ist die erste Lektion, die der Steppenwolf zu lernen hat: die Fiktion von der einheitlichen Pers\u00f6nlichkeit aufzugeben, die Gespaltenheit in Wolf und Mensch zu akzeptieren. Doch das reicht nicht, meint Hesse, denn das Bild von &#8222;zwei Seelen wohnen, ach !, in meiner Brust&#8220; sei von einer geradezu l\u00e4cherlichen Primitivheit, kindisch, pubert\u00e4r bestenfalls, aber eines reifen Menschen unw\u00fcrdig. Schliesslich sei es doch offenkundig, dass jede Pers\u00f6nlichkeiten aus Hunderten, ja Tausenden von Teilpers\u00f6nlichkeiten best\u00fcnde, weshalb es einer geistigen Vergewaltigung der Wirklichkeit gleichk\u00e4me, all diese vielfach schillernden Facetten auf eine einzige Dimension zu reduzieren.<\/p>\n<p>Dank seiner ebenso sch\u00f6nen wie lebensklugen Lehrmeisterin lernt der Steppenwolf die Wahrheit dieser Erkenntnis in der Praxis von Tanzsaal und Bett. Zur finalen Lernstunde tritt er schliesslich im &#8222;Magischen Theater&#8220; an, \u00fcber dessen Pforte warnend steht &#8222;Nicht f\u00fcr jedermann. Nur f\u00fcr Verr\u00fcckte. Eintritt kostet den Verstand.&#8220;<\/p>\n<p>In Wirklichkeit kostet der Eintritt nur die Fiktion der einen einheitlichen oder allenfalls in zwei Teile gespaltenen Pers\u00f6nlichkeit. Daf\u00fcr erh\u00e4lt der Steppenwolf Unterricht im Aufbau der Pers\u00f6nlichkeit: Nachdem diese einmal in tausend Teilpers\u00f6nlichkeiten zerfallen ist, kann man die Einzelteile jederzeit beliebig wieder zusammenstellen und so eine unendliche Mannigfaltigkeit des Lebensspiels erzielen. Nach dem Motto: Die Mischung macht\u2019s.<\/p>\n<p>Was damals in den Zwanziger Jahren tats\u00e4chlich ziemlich verr\u00fcckt klang, ist heute das Standardmodell der fortgeschrittenen Bewusstseins-Forschung.<\/p>\n<p>Der Steppenwolf ist allerdings reichlich verwirrt und benimmt sich ziemlich daneben. Willig akzeptiert er ein Gericht, w\u00fcnscht sich nichts sehnlicher als die Hinrichtung. Doch die weisen Richter verurteilen ihn zum Weiterleben und zu einem einmaligen Ausgelachtwerden, Symbol daf\u00fcr, dass nur die Distanz, die sich in Humor und Lachen ausdr\u00fcckt, weiterhilft. Begriffen hat der Steppenwolf in dem Moment, in dem er \u00fcber sich selber lachen kann.<\/p>\n<p>Womit die Geschichte vom Steppenwolf eben nicht nur eine Diagnose enth\u00e4lt, sondern auch eine attraktive Vision dessen, was aus der gegenw\u00e4rtigen Krise wachsen k\u00f6nnte: Reife.<\/p>\n<p>Individuation, das Werden des eigenen Seins, ist ein Prozess und bedeutet unabl\u00e4ssigen Wandel. Doch dieser Prozess verl\u00e4uft im Welt- und Menschenbild von Hesse nicht chaotisch und ohne Sinn und Verstand. Jede unterschiedliche Lebensphase, die durchlebt, durchlitten und durchlustet wird, bringt vielmehr ein St\u00fcck Reifung.<\/p>\n<p>Zu diesem Reifungsprozess geh\u00f6rt es, mehr und mehr seiner Teilpers\u00f6nlichkeiten nicht nur zu erkennen, sondern auch, sie zu akzeptieren, weil jede Verdr\u00e4ngung zwangsl\u00e4ufig dazu f\u00fchrt, dass sich die nicht ausreichend wahrgenommene Einzelstimme im Gesamtchor unangenehm bemerkbar macht. F\u00fcr die helleren wie die dunkleren Teilpers\u00f6nlichkeiten gilt es, der Doppelfalle zu entkommen: sie zu ignorieren oder sich mit ihnen zu identifizieren. Eine reife Pers\u00f6nlichkeit weiss, dass es Unsinn ist zu sagen &#8222;So bin ich, und nicht anders !&#8220;, sondern dass es heissen muss &#8222;So bin ich. Und auch anders.&#8220;<\/p>\n<p>Die t\u00e4gliche Erfahrung lehrt, dass Menschen, die nicht mehr glauben, sie m\u00fcssten sich entscheiden, ob die Welt oder sie selber schwarz oder weiss sei, sondern die sich in ihrer ganzen bunten Vielfalt und tristen Grauheit wahr- und annehmen, dadurch keineswegs an Pers\u00f6nlichkeit verlieren. Im Gegenteil.<\/p>\n<p>Weiterleben trotz in der Vergangenheit angeh\u00e4ufter Schuld, weiterleben trotz des immer unbequemen Zwangs zum stetigen Wandel, das ist Reife. Und reife Werte sind schwer im Kommen. Falten werden sexy und ebenso die damit verbundenen reifen Werte wie innere Ruhe und Ausgeglichenheit, Weisheit, Gelassenheit, klar zu wissen, was man will und was einem gut tut, Souver\u00e4nit\u00e4t, Klugheit und Zufriedenheit.<\/p>\n<p>Und obwohl Alter keineswegs automatisch Reife bedeutet, erh\u00f6ht es doch deutlich die Chancen. Wie Hesse selber formuliert: &#8222;Auch der m\u00e4ssig Begabte, wenn er ein paar Jahrhunderte durchrannt hat, wird reif.&#8220;<\/p>\n<p>Die Aussichten daf\u00fcr stehen im Falle der Schweiz gar nicht mal schlecht. Wohl war es nicht das Verhalten einer reifen Pers\u00f6nlichkeit, in den letzten f\u00fcnfzig Jahren die sanfteren Einladungen zum Lernen schlicht zu ignorieren. Deshalb treiben wir Vergangenheitsbew\u00e4ltigung jetzt auf die etwas h\u00e4rtere Tour. Doch die Richtung stimmt, n\u00e4mlich nach den Wahrheiten zu suchen, die in dicken B\u00e4nden und widerspr\u00fcchlichen Einzelinformationen stecken, statt nach solchen, die man sich um die Ohren hauen kann. Und mit dem Solidarit\u00e4tsfonds zu zeigen, dass wir es deutlich noch besser k\u00f6nnen, als wir es bisher vorgef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p>Oder schlicht mal wieder befreiend \u00fcber uns selber und unsere kleinen Sorgen zu lachen. Und zu erkennen: Die reife(nde) Schweiz hat Zukunft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/aktuell\/steppwolf_kl.jpg\" alt=\"steppwolf_kl\" width=\"175\" height=\"131\" \/><\/p>\n<p>Hesse als Inspiration f\u00fcr eine Schweizer Vision&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-463","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/463","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=463"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/463\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=463"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=463"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=463"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}