{"id":455,"date":"2014-02-13T17:05:45","date_gmt":"2014-02-13T17:05:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=455"},"modified":"2014-02-13T17:05:45","modified_gmt":"2014-02-13T17:05:45","slug":"ende-des-wachstums","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=455","title":{"rendered":"Ende des Wachstums?"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/wachsgrenzen0.jpg\" alt=\"wachsgrenzen0\" width=\"364\" height=\"273\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"Titel3rot\">Gedanken zur Schweizer Abstimmung<\/span> <\/p>\n<p class=\"Stil28\"><em>\u00bbDie wirtschaftliche N\u00fctzlichkeit, mit der die Gegner der Vorlage argumentiert haben, hat breite Teile der Bev\u00f6lkerung nicht erreicht. Vielleicht, weil die Menschen wieder nach anderen Werten im Leben suchen.\u00ab<\/em><\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p class=\"klein\">Ueli M\u00e4der, Ordinarius f\u00fcr Soziologie, Universit\u00e4t Basel, im &#8222;St. Galler Tagblatt&#8220; vom 19.02.2014 zu den Gr\u00fcnden des Abstimmungsentscheids<\/p>\n<p>So unerfreulich f\u00fcr die unterlegene &#8222;Minderheit&#8220; die \u00e4usserst knappe Annahme des Volksbegehrens \u201egegen die Masseneinwanderung\u201c bei der Schweizer Abstimmung vom 9. Februar 2014 ist, so sehr regt dieser Entscheid auch zu spannenden Fragen und Gedanken an.&nbsp;Um es gleich vorwegzunehmen: Pers\u00f6nlich geh\u00f6re ich zur Minderheit von 49.7 Prozent, die Nein gesagt hat. Weil ich mich zwar als Schweizer empfinde, aber eben auch als Europ\u00e4er, und deshalb keine Abschottungstendenzen mag. Und weil die Probleme absehbar waren, die sich jetzt im Verh\u00e4ltnis der Schweiz zur EU abzeichnen.<\/p>\n<p>Dass die Wirtschaft im Vorfeld der Abstimmung heftig gegen das Volksbegehren aufgetreten ist, hat mich dagegen weniger beeindruckt. Und viele andere offenbar auch nicht. Das ist die eigentliche Sensation: Zum ersten Mal sind die Schweizerinnen und Schweizer bei einer wirtschaftspolitisch zentralen Entscheidung nicht den Empfehlungen der Wirtschaftsverb\u00e4nde gefolgt.<\/p>\n<p>Bisher war der Reflex selbstverst\u00e4ndlich: Wenn die Wirtschaft sagte, durch eine bestimmte politische Idee w\u00fcrde das Wachstum und damit der Wohlstand gef\u00e4hrdet, \u00fcbernahm zuverl\u00e4ssig eine Mehrheit der Stimmenden diese Betrachtungsweise. Wohl gab es schon Mehrheiten, die von \u00c4ngsten vor \u00dcberfremdung k\u00fcndeten, doch dabei handelte es sich, wie beim Minarett-Verbot, um reine Symbolpolitik ohne Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum.<\/p>\n<p>Diesmal war es anders. Das Argument der Wirtschaft, sie brauche f\u00fcr ungest\u00f6rtes Wachstum weiterhin eine ungebremste Zuwanderung, \u00fcberzeugte die Mehrheit nicht mehr. Dabei ist kaum zu bestreiten, dass die Schweiz ihr in den letzten Jahren \u00fcberdurchschnittlich hohes Wirtschaftswachstum zu wesentlichen Teilen der Zuwanderung verdankt.<\/p>\n<p>&nbsp;<strong>Massive Verschiebungen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/wachsgrenzen1.jpg\" alt=\"wachsgrenzen1\" width=\"364\" height=\"273\" \/><\/p>\n<p>Vor f\u00fcnf Jahren noch war das anders. Damals sagten 60 Prozent Ja zur Ausdehnung des freien Personenverkehrs auf Rum\u00e4nen und Bulgaren, die dieses Votum kaum besonderen Sympathiewerten verdankten, sondern der \u00dcberzeugung, freie Einwanderung aus der EU und Wirtschaftswachstum seien untrennbar verbunden.<\/p>\n<p>Glauben das f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter wirklich zehn Prozent weniger? Oder wollen diese Meinungswechsler vielleicht gar kein ungebremstes Wachstum mehr? Die wahren Beweggr\u00fcnde f\u00fcr einen solchen Entscheid bleiben nat\u00fcrlich unergr\u00fcndlich. Doch die Frage, ob zunehmende Zweifel am Wachstumsglauben bei der doch sehr knappen Entscheidung eine Rolle gespielt haben k\u00f6nnten, ist berechtigt.<\/p>\n<p>Direkte Angst vor Ausl\u00e4ndern jedenfalls kann kaum den Ausschlag gegeben haben. Die h\u00f6chste Zustimmung fand das Volksbegehren in l\u00e4ndlichen Gegenden, wo man kaum einem Ausl\u00e4nder begegnet \u2013 ein Ph\u00e4nomen, das man auch aus anderen L\u00e4ndern kennt. Umgekehrt haben ausgerechnet jene St\u00e4dte, in den sich am meisten Ausl\u00e4nder ballen, am deutlichsten Nein zur Abschottung gesagt.<\/p>\n<p>Im Vorfeld der Abstimmung wurde h\u00e4ufig das Wort \u201eDichtestress\u201c benutzt. Dort, wo man diesen kennt und mit ihm umzugehen gelernt hat, sagt man Nein, dort, wo es den kaum gibt, sagt man Ja zur Abschottung. Auch dieses Ph\u00e4nomen ist nicht neu und hinl\u00e4nglich bekannt.<\/p>\n<p><strong>Bedrohte Lebensqualit\u00e4t in Zwischen-R\u00e4umen<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/wachsgrenzen2.jpg\" alt=\"wachsgrenzen2\" width=\"364\" height=\"273\" \/><\/p>\n<p>Interessanter sind die Zwischen-R\u00e4ume: Der eigentliche Meinungsumschwung fand in den Agglomerationen statt, in jeden Gemeinden rund um die St\u00e4dte, die in den letzten zehn Jahren am st\u00e4rksten vom Wandel betroffen waren. Aus heimeligen D\u00f6rfern wurden in kurzer Zeit anonyme Schlafst\u00e4dte, aus denen die Einwohner in die grossen Zentren pendeln und dabei zunehmend \u00fcberf\u00fcllte Verkehrsmittel erleben. Hier werden Wirtschaftswachstum und seine Folgen unmittelbar sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>Viel gebracht in Form eines h\u00f6heren Lebensstandards hat dieses Wachstum den einzelnen Menschen nicht. Daf\u00fcr haben die negativen Folgen dieses Wachstums vielen eine Einbusse an Lebensqualit\u00e4t beschert. Und sie damit vermutlich zur Frage bewegt, ob Wachstum um jeden Preis wirklich noch ein sinnvolles Ziel der Politik sein kann.<\/p>\n<p>H\u00f6herer Lebensstandard bringt keine bessere Lebensqualit\u00e4t mehr hervor, sondern im Gegenteil oft eine schlechtere. Diesen Preis zu bezahlen sind offenbar weniger Menschen bereit als auch schon. Und kommen dann auf die Idee, Ja zu einem Vorschlag zu sagen, der die Einwanderung begrenzen will, weil sie die ungebremste Einwanderung als Bedrohung ihrer Lebensqualit\u00e4t empfinden.<\/p>\n<p><strong>Symbol f\u00fcr Werte-Wandel<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/wachsgrenzen3.jpg\" alt=\"wachsgrenzen3\" width=\"364\" height=\"273\" \/><\/p>\n<p>Ob der konkrete Volksentscheid ein taugliches Mittel ist, diese Bedrohung beseitigen, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Umgekehrt gibt es auch keinen Grund zur Panik. Sehr viel weniger als die zuletzt rund achtzigtausend Einwanderer (netto, bei einer Bev\u00f6lkerung von acht Millionen) wird die Schweiz auch in Zukunft nicht hineinlassen, weil diese Zuwanderer einen zentralen Beitrag zur Lebensqualit\u00e4t dieses Landes leisten.<\/p>\n<p>Als konkreter Probleml\u00f6sungsbeitrag taugt der jetzt getroffene Entscheid herzlich wenig. Als Symbol daf\u00fcr, dass die von spirit.ch l\u00e4ngst vorhergesagte Werte-Verschiebung vom Lebensstandard zur Lebensqualit\u00e4t auch in diesem reichen Land begonnen hat, dagegen sehr wohl&#8230;<\/p>\n<p><em>Beachten und nutzen Sie zu diesem Thema auch unsere Kurzumfrage in der rechten Spalte unten!<\/em><\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/wachsgrenzen0_kl.jpg\" alt=\"wachsgrenzen0_kl\" width=\"175\" height=\"131\" \/><\/p>\n<p>Gedanken zur Schweizer Abstimmung<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-455","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/455","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=455"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/455\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=455"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=455"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=455"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}