{"id":405,"date":"2013-04-16T09:23:08","date_gmt":"2013-04-16T09:23:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=405"},"modified":"2013-04-16T09:23:08","modified_gmt":"2013-04-16T09:23:08","slug":"die-werte-republik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=405","title":{"rendered":"Die Werte-Republik"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/medien\/magnet13.jpg\" alt=\"magnet13\" width=\"364\" height=\"273\" \/><\/p>\n<p class=\"klein\">Die Zukunft ist ungewiss, doch tr\u00e4umen von ihr darf man&#8230;<\/p>\n<p> <span class=\"Titel3rot\">Ein Appenzeller Zukunfts-Traum<\/span> <\/p>\n<p class=\"Stil28\"><em>In <strong>magnet<\/strong>, dem Kirchenblatt f\u00fcr die Evangelisch-refor,ierten Kirchgemeinden beider Appenzell, erschien in der Ausgabe vom April 2013 dieser Text von Andreas Giger. Diese Ausgabe befasste sich mit dem Schwerpunkt-Thema &#8222;500 Jahre Appenzell Mitglied der Schweizerischen Eidgenossenschaft&#8220;. Der vorliegende Text wagt einen Ausblick hundert Jahre in die Zukunft&#8230;<\/em><\/p>\n<p class=\"normal\">Die Aufgabe schien unl\u00f6sbar. \u00bbBeschreiben Sie, wie das Appenzellerland zur Zeit des sechshundertj\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums seines Beitritts zur Eidgenossenschaft aussieht! Ihnen als Zukunfts-Philosoph d\u00fcrfte das doch leicht fallen&#8230;\u00ab<\/p>\n<p class=\"normal\">Denkste. Hundert Jahre voraus zu blicken, ist schlicht unm\u00f6glich. Man pr\u00fcfe nur mal f\u00fcnfzig Jahre zur\u00fcck liegende Prognosen f\u00fcr unsere Zeit. Auch der Zukunfts-Philosoph hat keine Kristallkugel im Keller. Und selbst eine meiner Kernkompetenzen \u2013 die Entwicklung von Visionen &#8211; hilft da nicht weiter. Eine Vision bildet immer jenen Punkt in der Zukunft ab, an dem sich w\u00fcnschbare und denkbare Entwicklungen treffen. Was aber in hundert Jahren denkbar sein wird, ist g\u00e4nzlich ungewiss. Oder h\u00e4tten Sie vor einem Vierteljahrhundert f\u00fcr denkbar gehalten, was mittlerweile aus dem Internet geworden ist?<\/p>\n<p class=\"normal\">Bleibt nur, sich w\u00fcnschbare Zuk\u00fcnfte auszumalen. Denn es gilt weiterhin, was ich in meinem letzten MAGNET-Beitrag geschrieben habe: \u00bbEs gibt viele m\u00f6gliche Zuk\u00fcnfte. Die Zukunft ist eine offene Weite, und gemacht wird sie immer auch von uns Menschen.\u00ab Es hilft dabei, wenn man weiss, welche Zukunft man sich ertr\u00e4umt.<\/p>\n<p class=\"normal\">Also tr\u00e4umte ich ein wenig vom Appenzellerland in hundert Jahren.<\/p>\n<p><span class=\"normal\">Von ARAI zu App<\/span><\/p>\n<p class=\"normal\">Zun\u00e4chst sah ich eine radikale Verk\u00fcrzung der Bezeichnung f\u00fcr den geografischen Raum, um den es geht: von Appenzellerland \u00fcber Appenzell bis zu App. Und die Bewohner dieses auch in hundert Jahren noch wundersch\u00f6nen Landstrichs heissen Appis. Dass sie damit in die N\u00e4he von Apple und Smartphone-Apps ger\u00fcckt werden, st\u00f6rt sie nicht. Im Gegenteil. Mit moderner Technik haben sie n\u00e4mlich, wie schon lange, durchaus etwas am Hut.<\/p>\n<p class=\"normal\">Sie erm\u00f6glicht es den Appis (Sie sehen, in meinem Traum habe ich den sich schon heute abzeichnenden Trend zur Sprachverk\u00fcrzung voll \u00fcbernommen), von App aus mit der ganzen Welt verbunden zu sein. Aus der Wissensgesellschaft ist l\u00e4ngst eine Bewusstseins-Gesellschaft geworden, und darin spielt der Ort, an dem man sich gerade aufh\u00e4lt, je l\u00e4nger je weniger eine Rolle. Wer also in App lebt und in vielen F\u00e4llen auch von zuhause aus arbeitet, hat sich bewusst f\u00fcr diesen Lebensraum entschieden.<\/p>\n<p class=\"normal\">Dieser Lebensraum wird je nach Situation ganz unterschiedlich empfunden. Mal besteht er aus den eigenen vier W\u00e4nden und Umgebung, mal aus dem eigenen Weiler oder Dorf, dann wieder aus einem Umkreis von ein paar Kilometern. Manchmal ist mit Lebensraum die Schweiz gemeint, oft auch Europa, und zunehmend die ganze Welt.<\/p>\n<p class=\"normal\">Und mittendrin gibt es auch noch den Lebensraum App. Das ist kein Kanton mehr im eigentlichen Sinne, weil es solche Kantone nicht mehr gibt. In einer immer komplexer werdenden Welt hat man gelernt, dass eine Gemeinschaft am besten funktioniert, wenn man Entscheidungsstrukturen flexibel gestaltet. Je nach Thema entscheiden deshalb in meinem Traum unterschiedliche geografische R\u00e4ume flexibel \u00fcber die anstehenden Fragen. Mal ist es immer noch ein Dorf f\u00fcr sich, mal aber auch ein ganzer Kontinent wie Europa.<\/p>\n<p class=\"normal\">Die alten Grenzen der Entscheidungsr\u00e4ume sind damit sehr durchl\u00e4ssig geworden. Sie existieren noch, vor allem auch im historischen Ged\u00e4chtnis, doch die beiden alten Halbkantone spielen als solche keine grosse Rolle mehr. Auch nicht als vereinigter Kanton Appenzell. Den gibt es zwar noch, weil irgendwann eine Kantonsteilung, die aufgrund konfessioneller Spaltung entstanden war, einfach nur noch l\u00e4cherlich schien. Diese Einsicht kam allerdings zu sp\u00e4t, denn sie reifte erst in einer Zeit, als sich der Kant\u00f6nligeist gezwungenermassen bereits weitgehend verfl\u00fcchtig hatte.<\/p>\n<p class=\"normal\">Geblieben aber ist der Lebensraum App, dessen Bewohner neben der Landschaft und den Traditionen vor allem eines verbindet: geteilte Werte.<\/p>\n<p><span class=\"normal\">Nachhaltige Lebensqualit\u00e4t<\/span><\/p>\n<p class=\"normal\">Werte sind auch in hundert Jahren das, was den Menschen etwas wert ist, was wichtig ist in ihrem Leben. Im Jahr 2113 sind sich die Menschen, die sich bewusst und freiwillig f\u00fcr App als Lebensraum entschieden haben, dar\u00fcber einig, worum es in ihrem Leben geht: um nachhaltige Lebensqualit\u00e4t.<\/p>\n<p class=\"normal\">Auch in meinem Traum verstehen die Menschen keineswegs alle dasselbe unter Lebensqualit\u00e4t. Noch immer geh\u00f6ren zum Beispiel f\u00fcr viele solche Werte dazu, die nur eine Stadt bieten kann, etwa Tempo, Abwechslung, Reize. Den Appis dagegen sind andere Werte wichtiger, etwa Ruhe, Raum, landschaftliche Sch\u00f6nheit, Naturn\u00e4he, \u00dcberschaubarkeit.<\/p>\n<p class=\"normal\">Auch im zwischenmenschlichen Bereich bevorzugen sie die d\u00f6rfliche Variante von Lebensqualit\u00e4t, die weniger, daf\u00fcr verbindlichere Beziehungen bedeutet. Die Appis lieben nach wie vor ihre Freiheit und gehen gerne ihre eigenen Wege. Wenn sie nach einem Ausflug in die Stadt zur\u00fcckkommen, sind sie froh, der dort allgegenw\u00e4rtigen \u00dcberwachung durch Kameras und Drohnen zu entkommen.<\/p>\n<p class=\"normal\">Die Appis von 2113 teilen also viele Werte, doch ansonsten verwirklichen sie auf sehr individuelle Weise ihre Vorstellung von Lebensqualit\u00e4t. Das hat, guter appenzellischer Tradition folgend, manchmal etwas Skurriles und Schrulliges. Doch weil die Appis um ihre eigene Schrulligkeit wissen, begegnen sie der Skurrilit\u00e4t der anderen mit gegenseitigem Respekt. Was das Zusammenleben sehr angenehm macht.<\/p>\n<p class=\"normal\">Zu den gemeinsamen \u00dcberzeugungen der Werte-Republik App, wie dieser Lebensraum jetzt ganz offiziell heisst, geh\u00f6rt es auch, dass Lebensqualit\u00e4t nachhaltig sein muss. Nachhaltiges Denken und Handeln geh\u00f6rte zu den Charakteristika dieses Landstrichs, lange bevor es das Wort gab. Die Appis in meinem Traum haben mit dem Wert Nachhaltigkeit das gemacht, was sie mit allen Traditionen tun: Sie erfassen ihre Essenz und interpretieren sie neu und zeitgem\u00e4ss. Kein Wunder also, dass App in den letzten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts zu einem eigentlichen Experimentierfeld f\u00fcr eine nachhaltige Wirtschaft und Gesellschaft geworden ist.<\/p>\n<p><span class=\"normal\">Erfahrungs-Kirche<\/span><\/p>\n<p class=\"normal\">Einheit in der Vielfalt. Diesem Geheimnis ist man in App von 2113 in jeder Beziehung n\u00e4her gekommen, auch in religi\u00f6ser. Religi\u00f6se Vielfalt ist l\u00e4ngst selbstverst\u00e4ndlich geworden. Zwar ist vor einigen Jahren ausgerechnet eine Innerrh\u00f6dlerin zur ersten P\u00e4pstin gek\u00fcrt worden, doch auch das kann nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass organisierter Glauben hier zu Lande keine grosse Rolle mehr spielt.<\/p>\n<p class=\"normal\">Die reformierte Kirche von App gibt es dennoch noch immer \u2013 weil sie sich reformiert hat. Sie hat neue Kernkompetenzen entwickelt. Die eine besteht darin, Menschen zusammenzubringen, die bestimmte Werte teilen, und ihnen ein Gef\u00fchl von Gemeinschaft zu vermitteln. Sie bildet eigene Werte-Gemeinschaften innerhalb der Werte-Republik App.<\/p>\n<p class=\"normal\">Die andere Kernkompetenz beruht auf einer Einsicht: Erfahrungen auf der Sinnsuche sind immer pers\u00f6nlich und lassen sich somit nicht verallgemeinern. Doch man kann sich dar\u00fcber austauschen. Und dabei sind Menschen einer Kirche hilfreich, die zwischen individuellen religi\u00f6sen oder spirituellen Erfahrungen \u00fcbersetzen k\u00f6nnen. Genau das tut die reformierte Kirche von App \u00e4usserst erfolgreich, und da Grenzen keine grosse Rolle mehr spielen, sogar weit \u00fcber das kleine App hinaus.<\/p>\n<p class=\"normal\">Sie nennt sich dabei bewusst \u201eErfahrungs-Kirche\u201c. Was auch ein Tribut an die Tatsache ist, dass App seit langem bevorzugter Lebensort von erfahrenen, sprich \u00e4lteren Menschen geworden ist&#8230;<\/p>\n<p class=\"klein\">Andreas Giger, promovierter Sozialwissenschaftler mit Jahrgang 1951, lebt und arbeitet als unabh\u00e4ngiger Zukunfts-Philosoph in Wald AR. Er ist Mitbegr\u00fcnder von spirit.ch, der Plattform f\u00fcr Nachhaltige LebensQualit\u00e4t (www.spirit.ch) und Autor von Appenzeller-Krimis (www.appenzellerkrimi.ch)<\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/medien\/magnet13_kl.jpg\" alt=\"magnet13_kl\" width=\"175\" height=\"131\" \/><\/p>\n<p>Ein Appenzeller Zukunfts-Traum<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-405","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/405","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=405"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/405\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=405"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=405"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=405"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}