{"id":305,"date":"2012-01-03T16:41:46","date_gmt":"2012-01-03T16:41:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=305"},"modified":"2012-01-03T16:41:46","modified_gmt":"2012-01-03T16:41:46","slug":"wir-werden-bescheidener-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=305","title":{"rendered":"Wir werden bescheidener leben"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/medien\/az_bild.jpg\" alt=\"az_bild\" width=\"364\" height=\"273\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"Titel3rot\">Ein ausf\u00fchrliches Interview zum Jahreswechsel<\/span> <\/p>\n<p class=\"Stil28\"><em>Die <a href=\"http:\/\/www.schaffhauseraz.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;Schaffhauser AZ&#8220;<\/a> f\u00fchrte zum Jahreswechsel ein ausf\u00fchrliches Gespr\u00e4ch mit spirit.ch-Mitgr\u00fcnder Andreas Giger, der urspr\u00fcnglich aus Schaffhausen stammt. Das Interview f\u00fchrte Bernhard Ott. Es erschien am 29. Dezember 2011.<\/em><\/p>\n<p class=\"Titel4\">Der Zukunftsphilosoph Andreas Giger \u00fcber 2012 und die Zukunft unserer Gesellschaft<\/p>\n<p class=\"Titel3rot\">\u201eIch habe keine Kristallkugel\u201c<\/p>\n<p class=\"Titel3rot\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/medien\/az.jpg\" alt=\"az\" width=\"364\" height=\"370\" \/><\/p>\n<p>Bernhard Ott<\/p>\n<p><em>Andreas Giger, wir stehen an der Schwelle eines neuen Jahres. Sie sind Zukunftsphilosoph. Da liegt es nahe, Sie zu fragen, was Sie von 2012 erwarten.<\/em><\/p>\n<p>Andreas Giger Auf jeden Fall nicht den Weltuntergang, der ja wegen des Auslaufens des Maya-Kalenders f\u00fcr Ende 2012 angek\u00fcndigt wurde. In wirtschaftlicher Hinsicht d\u00fcrfte 2012 ein schwieriges Jahr werden, aber es wird keine grossen Katastrophen geben. Bei allen Voraussagen darf man allerdings nicht vergessen, dass der Jahreswechsel am 1. Januar eine k\u00fcnstliche Unterteilung ist. So fand im Mittelalter der Jahreswechsel an Weihnachten statt, bei den R\u00f6mern im M\u00e4rz.<\/p>\n<p><em>Trotzdem macht man sich vor Silvester und Neujahr etwas intensiver Gedanken \u00fcber die Zukunft als sonst. Bei Ihnen ist dieses Nachdenken sogar zum Beruf geworden. Was tut ein Zukunftsphilosoph konkret?<\/em><\/p>\n<p>Ich habe meine T\u00e4tigkeit urspr\u00fcnglich als Zukunftsforschung bezeichnet. Im Laufe der Zeit kam ich aber zum Schluss, dass das ein zu hoher Anspruch ist. Streng genommen kann man nicht etwas erforschen, das es gar nicht gibt. Darum gef\u00e4llt mir die Bezeichnung Zukunftsphilosoph besser, weil in diesem Wort das Nachdenken und das Fragen enthalten sind, und genau darum geht es: Ich stelle Fragen und ich denke nach; ich habe also keine Kristallkugel, um in die Zukunft zu schauen.<\/p>\n<p><em>Sie lesen auch nicht aus dem Kaffeesatz?<\/em><\/p>\n<p>(lacht) Nein.<\/p>\n<p><em>Auf was basiert denn Ihr Wissen?<\/em><\/p>\n<p>Zu Beginn besch\u00e4ftigte ich mich mit der Beobachtung von rein technischen Entwicklungen. Heute interessieren mich die Ver\u00e4nderungen in den K\u00f6pfen der Menschen. Da steht vor allem der Wertewandel im Vordergrund. Wenn man diese Frage systematisch analysiert, kann man gewisse Schl\u00fcsse ziehen, wohin sich zuerst die Elite und dann auch die Mehrheit der Gesellschaft bewegen werden.<\/p>\n<p><em>Wer interessiert sich f\u00fcr die Erkenntnisse, die Sie aus Ihren Beobachtungen gewinnen?<\/em><\/p>\n<p>Da gibt es verschiedene Interessenten. Zum Teil sind es Einzelpersonen, zum Teil sind es Unternehmungen, die mich f\u00fcr einen Vortrag buchen. Ausserdem haben ein Kollege und ich k\u00fcrzlich eine Stiftung gegr\u00fcndet (www.spirit.ch). Sie erm\u00f6glicht es, dass unsere Forschungen publiziert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Kommen wir auf den Wertewandel zur\u00fcck, von dem Sie vorhin gesprochen haben. Was wird sich in den n\u00e4chsten zehn, zwanzig Jahren ver\u00e4ndern?<\/em><\/p>\n<p>Es ist ganz eindeutig: Die Frage der Lebensqualit\u00e4t wird einen h\u00f6heren Stellenwert einnehmen als das Streben nach einem m\u00f6glichst hohen Lebensstandard. Daf\u00fcr sind nicht zuletzt wirtschaftliche Faktoren verantwortlich. Die Zeiten des immerw\u00e4hrenden Wachstums sind vorbei, wir werden k\u00fcnftig eher weniger materielle G\u00fcter zur Verf\u00fcgung haben als heute, so dass immaterielle Werte eine gr\u00f6ssere Bedeutung bekommen. Man wird sich wieder vermehrt die Frage stellen, um was es im Leben eigentlich geht, ob es entscheidend ist, was man auf dem Konto hat, oder ob es noch andere Aspekte gibt, die ebenso wichtig sind.<\/p>\n<p><em>Die Schuldenkrise und die Folgen in einzelnen besonders betroffenen L\u00e4ndern scheinen Ihnen Recht zu geben. Sind wir auch in der Schweiz mitten in der Entwicklung, die Sie skizziert haben?<\/em><\/p>\n<p>Die Schweiz ist keine Insel der Gl\u00fcckseligen. Selbst wenn uns die Schuldenkrise nicht so hart trifft, werden wir zus\u00e4tzliche Belastungen aus kollektiven Aufgaben zu verkraften haben, wie etwa die Sicherung der Renten, h\u00f6here Ausgaben f\u00fcr den Umweltschutz und so weiter. Das frei verf\u00fcgbare Einkommen des Einzelnen wird also auch bei uns abnehmen. Wir werden folglich wieder lernen m\u00fcssen, bescheidener zu leben.<\/p>\n<p><em>Was bedeutet die Hinwendung zu immateriellen Werten? Sehen Sie eine geistige oder sogar religi\u00f6se R\u00fcckbesinnung?<\/em><\/p>\n<p>Es wird in erster Linie um mehr Lebensqualit\u00e4t gehen. Dieser Begriff ist \u00fcbrigens nicht neu. Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat schon 1972 erkannt, dass das Ziel der Gewerkschaften nicht prim\u00e4r die permanente Erh\u00f6hung der L\u00f6hne sein sollte, sondern grunds\u00e4tzlich die Schaffung von mehr Lebensqualit\u00e4t f\u00fcr die breite Bev\u00f6lkerung. Als Sekret\u00e4r der SP des Kantons Schaffhausen habe ich damals den Begriff \u00fcbernommen und zum Wahlkampf-Slogan gemacht.<\/p>\n<p><em>Greifen Sie in Ihrer Arbeit die damaligen Vorstellungen wieder auf?<\/em><\/p>\n<p>Nein, im Gegensatz zu den Ideen der Siebzigerjahre ist nicht der Staat oder eine Partei daf\u00fcr verantwortlich, dass es mehr Lebensqualit\u00e4t gibt, sondern das Individuum muss das selbst f\u00fcr sich entscheiden. Darum kann Lebensqualit\u00e4t sehr unterschiedlich sein. In meiner empirischen Forschung habe ich ein Modell entwickelt, das diese Frage etwas genauer zu fassen versucht. Ich habe auf Grund meiner Befragungen 16 Bereiche definiert, zu denen u.a. Gesundheit und Partnerschaft geh\u00f6ren. Wichtig sind aber auch die Reifung der Pers\u00f6nlichkeit, das Dazulernen, der Sinn des Lebens und die Lebenskunst, die es versteht, die verschiedenen Sph\u00e4ren in die Balance zu bringen.<\/p>\n<p><em>Die Reifung des Individuums ist das Eine, aber alle Reife n\u00fctzt nichts, wenn wir weiterhin unsere Rohstoffressourcen verpulvern und die Klimaerw\u00e4rmung vorantreiben. Oder erwarten Sie, dass der Wertewandel, von dem wir gesprochen haben, am Ende auch zur L\u00f6sung aller globalen Probleme f\u00fchrt?<\/em><\/p>\n<p>Ver\u00e4nderungen brauchen immer Zeit, sie kommen nicht von heute auf morgen und \u00e4ussern sich auch nicht in spektakul\u00e4ren Ereignissen. Ich traue der Menschheit eine gewisse Lernf\u00e4higkeit zu, darum bin \u00fcberzeugt, dass intelligente L\u00f6sungen f\u00fcr die grossen Herausforderungen unserer Zeit k\u00fcnftig mehr Aussicht auf Erfolg haben werden. Das schliesst vor\u00fcbergehende Krisen nicht aus, auch wenn wir in der Schweiz davon weniger betroffen sein werden.<\/p>\n<p><em>Auch dann nicht, wenn der Franken noch w\u00e4hrend Jahren zu hoch bewertet ist und die EU mittelfristig die Daumenschrauben anzieht, wenn wir weiterhin abseits stehen?<\/em><\/p>\n<p>Ich wage keine konkrete Prognose, aber irgendwann werden wir in der EU sein. Bis es soweit ist, kann es allerdings noch dauern.<\/p>\n<p><em>Wie lange? Einige Jahrzehnte?<\/em><\/p>\n<p>Ein Jahrzehnt mindestens, doch gibt es immer das Unvorhergesehene, das niemand auf dem Radar gehabt hat, darum k\u00f6nnen bestimmte Ereignisse pl\u00f6tzlich alles beschleunigen. Man darf nicht vergessen, dass die EU immerhin die wichtigste Handelspartnerin der Schweiz ist. Es ist durchaus m\u00f6glich, dass irgendwann ein Druck entsteht, dem wir uns nicht zu entziehen verm\u00f6gen.<\/p>\n<p><em>Dieses Problem werden dann die kommenden Generationen l\u00f6sen m\u00fcssen. Sie selbst sind 60 Jahre alt und stehen kurz vor dem Pensionierungsalter. Was erwarten Sie? Werden k\u00fcnftige Senioren weniger Rente haben und vielleicht auch eine k\u00fcrzere Lebenserwartung?<\/em><\/p>\n<p>Bisher ist kein Ende des Trends zu einer noch l\u00e4ngeren Lebenserwartung abzusehen. Die Pflegekosten d\u00fcrften aber nicht im gleichen Mass zunehmen, denn wir werden im Alter eher ges\u00fcnder sein. Der gr\u00f6sste Teil der Gesundheitskosten wird darum nach wie vor in der letzten, relativ kurzen Phase vor dem Tod anfallen.<\/p>\n<p><em>Und die Renten?<\/em><\/p>\n<p>Was die Renten betrifft, wird man nicht darum herumkommen, angesichts des steigenden Lebensalters die Zeit der Erwerbsarbeit auszudehnen, allerdings nicht pauschal, denn beim Maurer sieht das anders aus als beim Pfarrer. Das starre Rentenalter ignoriert die Belastung der einzelnen Berufsgruppen. Da ist ein Ausgleich n\u00f6tig. So oder so werden die k\u00fcnftigen Senioren aber eine aktivere Rolle spielen als fr\u00fcher. Man wird nicht mehr tatenlos vor dem Haus auf dem B\u00e4nkli sitzen, denn wenn man heute in Rente geht, hat man noch die Energie, um etwas zu lernen oder etwas zu leisten. Ich hoffe, dass das vermehrt in ehrenamtlichen Eins\u00e4tzen geschieht.<\/p>\n<p><em>Kasten 1<\/em><\/p>\n<p><strong>Zukunftsphilosoph<\/strong><\/p>\n<p>Der bevorstehende Jahreswechsel ist der ideale Zeitpunkt, um sich Gedanken \u00fcber die Zukunft zu machen. Was wird uns 2012 bringen? Wohin steuert unsere Gesellschaft? Fragen, die zum Alltag des Zukunftsphilosophen Andreas Giger geh\u00f6ren, der aus Schaffhausen stammt. Giger bezeichnete sich zuerst als Zukunftsforscher, r\u00fcckte dann aber von diesem Begriff ab und nennt sich heute bescheidener Zukunftsphilosoph. Auf der Basis seiner reichhaltigen Erfahrungen in der Sozialforschung macht sich Giger heute Gedanken \u00fcber den Wertewandel, der, so sagt er voraus, weg von rein materiellen Bestrebungen zu mehr Lebensqualit\u00e4t f\u00fchren wird. (B.O.)<\/p>\n<p><em>Kasten 2<\/em><\/p>\n<p><strong>Andreas Giger<\/strong><\/p>\n<p>Einst geh\u00f6rte er zu den grossen Hoffnungen der Schaffhauser SP: Andreas Giger (60) war in seinen jungen Jahren ein politischer Senkrechtstarter, zuerst Parteisekret\u00e4r, sp\u00e4ter Mitglied des Grossen Stadtrates und des Kantonsrats. 1980 kandidierte er f\u00fcr den Schaffhauser Stadtrat, wurde aber knapp nicht gew\u00e4hlt. Der promovierte Sozialwissenschaftler war unter anderem in der Meinungs- und Marktforschung t\u00e4tig, arbeitete als Journalist und ist heute selbstst\u00e4ndiger Buchautor. Seit 20 Jahren wohnt er im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Dort spielt auch sein 15. Buch, ein Krimi mit dem vielversprechenden Titel \u201eEine Leiche in der Bleiche\u201c, in dem es unter anderem um das Rezept f\u00fcr die Herstellung des ber\u00fchmten Appenzeller K\u00e4ses geht. (B.O.)<\/p>\n<p><em>Legende 1<\/em><\/p>\n<p>Andreas Giger erwartet eine Zeit mit weniger materiellen G\u00fctern und mehr Lebensqualit\u00e4t. (Fotos: Peter Pfister)<\/p>\n<p><em>Legende 2 (Actionbild)<\/em><\/p>\n<p>Der aus Schaffhausen stammende Zukunftsphilosoph lebt und arbeitet im idyllischen Appenzellerland, in dem auch sein 15. Buch, ein Krimi, spielt.<\/p>\n<p><em>Legende 3<\/em><\/p>\n<p>Andreas Giger: \u201eIch traue den Menschen eine gewisse Lernf\u00e4higkeit zu.\u201c<\/p>\n<p><em>Quote:<\/em><\/p>\n<p>\u00bbWir werden bescheidener leben\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/medien\/az_bild_kl.jpg\" alt=\"az_bild_kl\" width=\"175\" height=\"131\" \/><\/p>\n<p>Ein ausf\u00fchrliches Interview zum Jahreswechsel<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-305","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/305","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=305"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/305\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=305"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=305"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=305"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}