{"id":291,"date":"2011-09-24T09:42:23","date_gmt":"2011-09-24T09:42:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=291"},"modified":"2011-09-24T09:42:23","modified_gmt":"2011-09-24T09:42:23","slug":"jenseits-der-empoerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=291","title":{"rendered":"Jenseits der Emp\u00f6rung"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/empor1.jpg\" alt=\"empor1\" width=\"364\" height=\"243\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"Titel3rot\">Warum wir jetzt Innehalten und Reflexion brauchen<\/span> <\/p>\n<p class=\"Stil28\"><em>Die derzeit allenthalben grassierende Emp\u00f6rung \u00fcber alles m\u00f6gliche ist zwar ein guter Antreiber. Aber kein guter Ratgeber. Statt im Teufelskreis von Aktion und Reaktion gefangen zu bleiben, sollten wir uns Zeit nehmen, um innezuhalten und zu reflektieren.<\/em><\/p>\n<p class=\"Stil10\">Ein schmales B\u00fcchlein mit dem simplen Titel <em>Emp\u00f6rt Euch!<\/em> verkauft sich millionenfach und wird vielerorts zur Bibel von Protestbewegungen. Bisher brave Untertanen werden pl\u00f6tzlich zu Wutb\u00fcrgern, die ihrer Emp\u00f6rung lautstark Ausdruck verleihen. Es scheint, als ob Emp\u00f6rung die Emotion der Stunde w\u00e4re.<\/p>\n<p class=\"Stil10\">Nun gibt es zeifelsfrei in unserer Welt ausreichend Gr\u00fcnde zur Emp\u00f6rung. Vieles, was wir hier gar nicht aufzuz\u00e4hlen brauchen, schreit tats\u00e4chlich zum Himmel. Wenn sich immer mehr Menschen gegen himmelschreiende Zust\u00e4nde auflehnen, ist das also ein gutes Zeichen, macht doch diese Emp\u00f6rung klar, dass die Sensibilit\u00e4ten dieser Menschen nicht v\u00f6llig abgestumpft sind, sondern dass noch ein Herz in ihrer Brust schl\u00e4gt. Menschen, die sich gar nicht mehr \u00fcber Ungerechtigkeiten, Umweltzerst\u00f6rungen und andere \u00dcbel aufregen k\u00f6nnen, leisten ganz sicher keinen Beitrag zu einer Verbesserung der Welt.&nbsp;<\/p>\n<p class=\"Stil10\"><strong>Antrieb mit beschr\u00e4nkter Haftung<\/strong><\/p>\n<p class=\"Stil10\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/empor2.jpg\" alt=\"empor2\" width=\"364\" height=\"243\" \/><\/strong><\/p>\n<p class=\"Stil10\">Emp\u00f6rung ist also zun\u00e4chst ein guter Antreiber daf\u00fcr, etwas zum Besseren hin ver\u00e4ndern zu wollen. Doch wenn wir etwas verbessern wollen, m\u00fcssen wir nicht nur wissen, was wir ablehnen, sondern auch, was wir stattdessen wollen. Auf diese Frage gibt das Gef\u00fchl der Emp\u00f6rung keine Antwort. Emp\u00f6rung sagt nur etwas dar\u00fcber aus, was wir nicht wollen. Bleibt es bei der Emp\u00f6rung, entsteht ein Teufelskreis: Die einen agieren, die anderen reagieren mit Ablehung und Emp\u00f6rung, was diese wiederum keineswegs dazu motiviert, etwas an ihrer Aktion zu \u00e4ndern. So blockieren sich beide Seiten gegenseitig.<\/p>\n<p class=\"Stil10\">Das Dumme an der Emp\u00f6rung ist, dass sie uns immer zur sofortigen Aktion oder Reaktion antreibt und es ihr dabei ganz egal ist, ob diese Hetze wirklich in ihrem eigenen Interesse ist. Fatalerweise verhindert diese Hetze n\u00e4mlich, dass wir uns \u00fcberlegen, wo wir eigentlich hin wollen, und wie wir am besten dahin kommen. Das von unserer Emp\u00f6rung her r\u00fchrende Gef\u00fchl der Dringlichkeit von Aktionen und Reaktionen verhindert also, dass wir in Ruhe nachdenken. Reflexion braucht nun mal Raum und Musse.&nbsp;<\/p>\n<p class=\"Stil10\">In Zeiten massloser Beschleunigung sind das rare und kostbare G\u00fcter geworden. \u00dcberall geht es nur noch um m\u00f6glichst rasches Handeln. Niemand nimmt sich mehr die Zeit, in Ruhe dar\u00fcber nachzudenken, was man da eigentlich tue, ob man in der richtigen Richtung unterwegs sei und was einem im Leben wirklich wichtig und wertvoll sei. Diese mangelnde Reflexion \u00fcber die eigene Person, \u00fcber das eigene Tun, aber auch \u00fcber den Zustand der Welt ist ohne Zweifel eine der fundamentalsten Ursachen f\u00fcr den schlechten Zustand derselben.<\/p>\n<p class=\"Stil10\">Auch die beste Reflexion f\u00fchrt keineswegs automatisch und sofort zu Patentrezepten und Universall\u00f6sungen. Daf\u00fcr ist die Schar jener Probleme, \u00fcber die wir uns emp\u00f6ren, viel zu komplex und un\u00fcbersichtlich, wobei noch hinzu kommt, dass jede und jeder ohnehin das eigene Problem f\u00fcr das wichtigste h\u00e4lt. Deshalb gibt es im anschwellenden Emp\u00f6rungschor auch nur eine einzige gemeinsame Note, die der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk so formuliert:<\/p>\n<p><em>\u00bbEs l\u00e4sst sich nicht leugnen: Die einzige Tatsache von universaler ethischer Bedeutung in der aktuellen Welt ist die allgegenw\u00e4rtig wachsende Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann.\u00ab<\/em><\/p>\n<p><strong>Erste Einsicht<\/strong><\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/empor3.jpg\" alt=\"empor3\" width=\"364\" height=\"243\" \/><\/strong><\/p>\n<p>Das klingt zun\u00e4chst nach wenig, bedeutet aber bei n\u00e4herem Zusehen unendlich viel: Bei allen riesigen Differenzen bei der Benennung von Problemen und Krisen, bei deren Bedeutung und nat\u00fcrlich auch bei deren L\u00f6sung gibt es doch eine verbindende Gemeinsamkeit, n\u00e4mlich eben diese Einsicht: So kann es nicht weitergehen!<\/p>\n<p>Ob es dabei tats\u00e4chlich immer schon um eine tief durchdachte wirkliche geistige Einsicht geht, sei vorderhand dahingestellt. Oft handelt es sich dabei zun\u00e4chst um ein mehr oder weniger starkes Gef\u00fchl, ja vielleicht auch nur um eine dumpfe Ahnung. Doch da es sich dabei um unabdingbare Vorstufen einer wirklichen Einsicht handelt, sind gerade diese Regungen unseres Bauches sehr ernst zu nehmen.<\/p>\n<p>Ein kleines Gedankenexperiment, das viele aus eigener Erfahrung kennen, macht dies deutlich: Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich auf einer Bergwanderung in unbekanntem Gel\u00e4nde. Sie sind gut vorangekommen und der festen \u00dcberzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein.<\/p>\n<p>Doch dann meldet sich ein dumpfes Grummeln in Ihrem Bauch, das zun\u00e4chst kaum wahrnehmbar ist, sich jedoch immer mehr&nbsp; zu&nbsp; einem&nbsp; Gef\u00fchl&nbsp; ausw\u00e4chst:&nbsp; Irgendetwas stimmt hier nicht. Jetzt schaltet sich auch Ihr Verstand ein und nimmt wahr, dass der eben noch so Vertrauen erweckende Weg sich im Nichts verliert, und dass das Gel\u00e4nde immer absch\u00fcssiger wird.<\/p>\n<p>Es hat eine Weile gedauert, bis aus dem dumpfen Gef\u00fchl eine glasklare Einsicht geworden ist: Sie haben sich verlaufen. Und deshalb kann es so nicht weitergehen. Mit dieser Einsicht haben Sie die erste H\u00fcrde f\u00fcr Ihre Rettung aus einer kritischen Situation genommen. Ohne diese Einsicht w\u00e4ren Sie n\u00e4mlich buchst\u00e4blich blindlings in Ihr Verderben gestolpert.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen Sie diese Einsicht auch jetzt noch verdr\u00e4ngen und einfach weiter marschieren, in der vagen Hoffnung, es k\u00e4me schon irgendwie gut. Sie k\u00f6nnen sich auch vornehmen, w\u00e4hrend des Weitermarschierens dar\u00fcber nachzudenken, wie Sie wieder auf den richtigen Weg kommen.<\/p>\n<p>Beide Strategien sind nicht sehr empfehlenswert. Stur weiterzumachen f\u00fchrt ziemlich direkt in den Abgrund, und wenn Sie beim Gehen denken, kommen Sie entweder ins Stolpern oder die Qualit\u00e4t Ihrer Gedanken leidet. Wenn also die Einsicht gewachsen ist, so k\u00f6nne es nicht weitergehen, gibt es nur eines: einen Marschalt einzulegen.&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Innehalten<\/strong><\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/empor4.jpg\" alt=\"empor4\" width=\"364\" height=\"243\" \/><\/strong><\/p>\n<p><strong> <\/strong><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p>Daf\u00fcr gibt es ein wundersch\u00f6nes deutsches Wort: innehalten. Also nicht nur einen Halt einzulegen, sondern dabei die Aufmerksamkeit nach innen zu leiten. Laut Duden verweist das \u201einne\u201c in innehalten n\u00e4mlich eindeutig auf die Innendimension, wie in \u201einnehaben\u201c oder \u201einnewohnen\u201c.<\/p>\n<p>Aus dem Innehalten kann das werden, was ein weiteres verwandtes Wort beschreibt: innewerden. Innewerden bedeutet gewahr werden. Also Verst\u00e4ndnis, Erkenntnis und Einsicht. Und damit genau das, was wir in einer Situation brauchen, in der wir zwar festgestellt haben, dass es so nicht weitergehen kann, aber noch nicht wissen, wie wir aus dem Schlamassel wieder heraus kommen.<\/p>\n<p>Mit dem Innehalten ist es nat\u00fcrlich nicht getan, innewerden erfordert aktives Denken.. also Reflexion. Doch dazu kommen wir tats\u00e4chlich nur, wenn wir innehalten. Nur so bekommen wir die Chance, \u00fcber die Diagnose, dass es so nicht weitergehen kann, hinaus zu kommen.<\/p>\n<p>Die Welt als Ganzes kann nicht innehalten. Wir als Individuen k\u00f6nnen das sehr wohl. Und wenn&nbsp; gen\u00fcgend&nbsp; Menschen&nbsp; gelegentlich&nbsp; aus dem Hamsterrad des allt\u00e4glichen Erwerbslebens aussteigen und innehalten, um zu reflektieren, wird sich das auch auf die Welt auswirken. Noch mehr als die Einsicht, so k\u00f6nne es nicht weitergehen&#8230;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/empor5.jpg\" alt=\"empor5\" width=\"364\" height=\"273\" \/><\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/empor1kl.jpg\" alt=\"empor1kl\" width=\"175\" height=\"117\" \/><\/p>\n<p>Warum wir jetzt Innehalten und Reflexion brauchen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-291","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/291","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=291"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/291\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=291"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=291"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=291"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}