{"id":271,"date":"2011-05-09T12:14:00","date_gmt":"2011-05-09T12:14:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=271"},"modified":"2011-05-09T12:14:00","modified_gmt":"2011-05-09T12:14:00","slug":"zukunft-des-zusammenlebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=271","title":{"rendered":"Zukunft des Zusammenlebens"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/sn-familie.jpg\" alt=\"sn-familie\" width=\"364\" height=\"273\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"Titel3rot\">Eine Vorschau in den &#8222;Schaffhauser Nachrichten&#8220;<\/span> <\/p>\n<p class=\"Stil28\"><em>In einer Spezialbeilage der &#8222;Schaffhauser Nachrichten&#8220; vom 9. April 2011 zum Thema &#8222;Formen des Zusammenlebens&#8220; wurde diese fiktive Geburtstagsrede von Andreas Giger prominent publiziert.&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><strong>Viele Wege \u2013 ein Ziel<\/strong><\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><em>Eine fiktive Geburtstagsrede zur Entwicklung des Zusammenlebens<\/em><\/p>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p>Liebe Festgemeinde!<\/p>\n<p>Es freut mich ungemein, dass Ihr Euch alle an diesem sch\u00f6nen Fr\u00fchlingstag im Jahr 2021 zur Feier meines siebzigsten Geburtstags versammelt habt. Ihr werdet es einem alten Beobachter gesellschaftlicher Entwicklungsstr\u00f6me verzeihen, wenn er die Gelegenheit nutzt, einige grunds\u00e4tzliche Betrachtungen dar\u00fcber anzustellen, wie sich das menschliche Zusammenleben im letzten Jahrzehnt ver\u00e4ndert hat. Schliesslich besteht ja ein wesentlicher Teil dieser Festgemeinde aus dem, was man gemeinhin als Familie bezeichnet.<\/p>\n<p>Nun ist \u201eFamilie\u201c heutzutage bekanntlich ein vielschichtiger Begriff mit vielen Facetten und Bedeutungen, ohne klare Definitionen und Abgrenzungen. Das war nicht immer so. Noch zu Zeiten meiner Kindheit und Jugend bestand eine richtige Familie aus Vater und Mutter (selbstverst\u00e4ndlich verheiratet) sowie zwei bis drei Kindern (selbstverst\u00e4ndlich gemeinsamen). Dazu kamen noch Grosseltern, einige Tanten und Onkel sowie eine Schar von Cousins und Cousinen.<\/p>\n<p>Wer zur Familie geh\u00f6rte, liess sich leicht an einem klassischen Stammbaum ablesen. Bei der Heirat kam dann noch ein zweiter Familienstammbaum dazu, doch das war es dann auch schon, denn man blieb als Paar ein Leben lang zusammen. Scheidungen gab es zwar auch schon vereinzelt, doch geschiedene Leute standen im Ruch, das schwarze Schaf einer Familie zu sein.<\/p>\n<p>Bis weit ins letzte Jahrhundert hinein war die Situation also sehr \u00fcbersichtlich: Die meisten Menschen lebten in einer klar definierbaren Familie, der Rest allein, meistens unfreiwillig, nur in wenigen F\u00e4llen frei gew\u00e4hlt. Und wehe denen, die etwas anderes ausprobieren wollten: Bis in die Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts liefen im heute so liberalen Kanton Z\u00fcrich unverheiratet zusammenlebende Paare Gefahr, wegen des Konkubinatsverbots angeklagt zu werden&#8230;<\/p>\n<p>Ich weiss, liebe hier anwesende Kinder, dass eine solche Welt f\u00fcr Euch unvorstellbar ist, genau so wie eine Welt ohne Computer und Handys. Und doch gab es beides einmal, und diese Zeiten liegen so nahe an unserer Gegenwart, dass meine Altersgenossen und ich sie noch selber erlebt haben. Unsere Generation war es denn auch, die erstmals auf breiter Front aus diesem engen und starren Schema ausgebrochen ist. Sie glaubte zu wissen, dass die Beschr\u00e4nkung auf eine einzige Familienform dem Menschen nicht angemessen sei, und suchte deshalb nach Alternativen.<\/p>\n<p>Erprobt wurden Kommunen und freie Liebe, Wohngemeinschaften und Dreiecksbeziehungen. Geheiratet wurde immer noch, doch nur noch auf Zeit. Die Scheidungsquoten stiegen, doch auch die Geschiedenen gr\u00fcndeten neue Familien. So entstand das, was man \u201ePatchwork-Familie\u201c nennt: eine Familie, die nicht mehr aus einem einzigen, klar abgrenzbaren Stammbaum besteht, sondern aus unterschiedlichen Stoffst\u00fccken zusammengen\u00e4ht ist.<\/p>\n<p>Was eine Patchwork-Familie ist, wird in diesem Kreis sehr sch\u00f6n sichtbar. Meine beiden Kinder sind hier, und ihre beiden M\u00fctter, mit denen ich jeweils eine Zeit lang verheiratet war. Meine dritte Frau, mit der ich jetzt schon \u00fcber drei Jahrzehnte gl\u00fccklich zusammen bin (ohne Trauschein), hatte schon zwei Kinder. Diese wiederum wuchsen wie Geschwister mit den zwei Kindern der besten Freundin meiner Liebsten auf, weshalb diese ebenfalls ganz selbstverst\u00e4ndlich zur Familie geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>F\u00fcr die beteiligten Kinder und deren Kinder war das die Familiensituation, die sie vorgefunden und deshalb als selbstverst\u00e4ndlich betrachtet haben. Was ein gutes Stichwort f\u00fcr die Beschreibung der heutigen Familiensituation ist: Wir betrachten es zu Recht als selbstverst\u00e4ndlich, dass es ein breites Spektrum unterschiedlicher Familienformen gibt.<\/p>\n<p>Zu diesem Spektrum geh\u00f6ren heute auch gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, aber auch das frei gew\u00e4hlte Alleinleben, auf Dauer oder f\u00fcr eine bestimmte Lebensphase. \u00dcberhaupt gestalten heute viele Menschen ihr Zusammenleben nach dem Abschluss einer bestimmten Lebensphase neu, weil sie wissen, dass es kaum eine Form des menschlichen Zusammenlebens gibt, die f\u00fcr ein ganzes langes Leben taugt.<\/p>\n<p>Gerade in den letzten Jahren haben sich aus dieser Erkenntnis heraus neue spannende Formen des Zusammenlebens im Alter entwickelt. Weil Menschen im reifen Alter die gr\u00f6ssten Individualisten sind, ist die Landschaft dieser reifen Wohngemeinschaften logischerweise bunt und vielf\u00e4ltig. Auch daf\u00fcr gab es schon fr\u00fcher Vorl\u00e4ufer, doch so richtig in Gang gekommen ist diese Entwicklung erst dadurch, dass die Babyboomer, die schon in ihrer Jugend in Sachen Zusammenleben experimentierfreudig waren, jetzt in die Jahre gekommen sind, in denen sie ihre letzten Lebensphasen bewusst gestalten wollen.<\/p>\n<p>Manche dieser neuen Wohn- und Lebensgemeinschaften \u00e4lterer Menschen sondern sich bewusst ab, andere suchen ebenso bewusst nach neuen M\u00f6glichkeiten des Austausches zwischen den Generationen. Was daraus wird, l\u00e4sst sich h\u00f6chstens erahnen. Fest steht jedoch, dass das Zusammenleben der Generationen \u2013 innerhalb und ausserhalb der Familie \u2013 zu den spannendsten Herausforderungen dieser Zeit geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Gegenwart und zur j\u00fcngeren Vergangenheit. Was mir bei deren Betrachtung auff\u00e4llt, ist das, was man die Renaissance der klassischen Familie nennen k\u00f6nnte. Viele der hier Anwesenden aus der Generation meiner Kinder leben in einer solchen und denken nicht daran, das zu \u00e4ndern. Und ein Blick in die Statistik best\u00e4tigt diese pers\u00f6nliche Beobachtung: Die Scheidungs- und Trennungsraten sind gesunken, die Zahl der Kinder ist gestiegen. Beides nicht dramatisch, doch in der Tendenz klar: Wenn meine Generation noch geglaubt hat, die Aufl\u00f6sung der klassischen Familienstrukturen sei unumkehrbar, so hat sich diese Annahme als Irrtum erwiesen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr gibt es \u00e4ussere Gr\u00fcnde wie ein verbessertes Angebot zur Kinderbetreuung, und innere wie ein deutlich verbessertes Wissen dar\u00fcber, wie man Konflikte l\u00f6st und gedeihlich zusammenlebt. Der wichtigste Grund f\u00fcr die Renaissance der Familie ist jedoch sicher der ungebrochene Wunsch danach: Selbst in den Zeiten der gr\u00f6ssten Orientierungslosigkeit in Sachen Zusammenleben gestand in entsprechenden Umfragen immer eine \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit, sie tr\u00e4ume von einer klassischen lebenslangen Liebes- und Familienbeziehung.<\/p>\n<p>Dass in der Generation meiner Kinder eine wachsende Schar von Menschen versucht hat und versucht, diesen Traum nicht nur zu tr\u00e4umen, sondern auch zu leben, ist ein gutes Zeichen. Ebenso wie die Tatsache, dass der Babyboom der letzten Jahre offenbar zu einem wesentlichen Teil auf den verst\u00e4rkten Kinderwunsch von M\u00e4nnern zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Beides verweist darauf, dass sich das Gerede von der zunehmenden Vereinzelung und Isolation der Menschen als Schreckgespenst erwiesen hat. Zum Gl\u00fcck f\u00fcr den Fortbestand der Menschheit gibt es diese Grundkonstante: Menschen sind keine Einzelwesen, sie wollen mit anderen zusammenleben.<\/p>\n<p>Eine solche Grundkonstante ist kein Gl\u00fccksfall f\u00fcr Trendforscher, denn sie bewirkt, dass es auf dem Feld des menschlichen Zusammenlebens keine spektakul\u00e4ren Ver\u00e4nderungen anzuk\u00fcndigen gibt. Dass die klassische Familie wieder etwas st\u00e4rker bl\u00fcht, bedeutet ja nicht, dass sie wieder zum Monopolmodell des menschlichen Zusammenlebens wird. Daf\u00fcr ist die Entwicklung dieses Zusammenlebens zu einem vielf\u00e4ltigen Biotop viel zu sehr vorangeschritten.<\/p>\n<p>Apropos Trendforscher: Vor zehn Jahren hat Li Edelkoort, eine Pionierin dieser Branche, unter dem Stichwort \u201eGeschwister\u201c diese Vorhersage gewagt: \u00bbFamilienbande werden in unserer schnelllebigen Zeit immer wichtiger. Je globaler wir werden, desto wichtiger werden unsere Wurzeln.\u00ab<\/p>\n<p>Diese Vorhersage hat sich als richtig erwiesen \u2013 allerdings nur, wenn wir den Begriff der Familie nicht mehr so eng fassen wie vor f\u00fcnfzig Jahren. Als Geschwister empfinden sich, wie das Beispiel meiner Kinderschar zeigt, l\u00e4ngst nicht mehr nur Blutsverwandte. Und wenn wir das mit geschwisterlichen Gef\u00fchlen nicht mehr so eng sehen, dann weiten sich die Familienbande ungemein aus: Auch f\u00fcr viele meiner Freundinnen und Freunde empfinde ich so etwas wie geschwisterliche (oder manchmal auch v\u00e4terliche) Gef\u00fchle. Was bedeutet, dass sie zu meiner erweiterten Familie geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Zwischen Familie im engeren Sinne und Freundeskreis verwischen die fr\u00fcher starren Grenzen, genau so wie die klaren Abgrenzungen zwischen meiner und deiner Familie. Oder zwischen \u201erichtiger\u201c und \u201enicht richtiger\u201c Familie. Und das ist gut so. Wir haben dadurch ein enormes Mass an Freiheit gewonnen.<\/p>\n<p>Nun ist Freiheit bekanntlich alles andere als einfach, nicht umsonst gibt es die Rede von der Qual der Wahl. Freiheit bedeutet, ohne klare \u00e4ussere Richtlinien sein Leben selbst zu gestalten und dabei den Umgang mit Unklarheiten und Widerspr\u00fcchen zu lernen.<\/p>\n<p>Doch es lohnt sich. Immer mehr Menschen haben in der letzten Dekade erkannt, was f\u00fcr ein ungeheuer ertragreiches Lernfeld famili\u00e4re Beziehungen \u2013 im weitesten Sinne \u2013 sein k\u00f6nnen. Solche Beziehungen helfen ungemein bei der eigenen Reifung.<\/p>\n<p>Zu jedem Reifungsprozess und zur eigenverantwortlichen Lebensgestaltung geh\u00f6rt die Frage nach der richtigen Form des Zusammenlebens ganz zentral. Das ist eine echte Herausforderung: Das Angebot an unterschiedlichen M\u00f6glichkeiten ist un\u00fcbersichtlich. Was zur aktuellen Lebensphase passt, muss nicht dies nicht zwingend auch f\u00fcr die n\u00e4chste tun. Und so k\u00f6nnen wir uns schon mal irren.<\/p>\n<p>Wer aber entscheidet, was die richtige Form des Zusammenlebens ist? Nur wir selbst und unsere Beziehungspartner k\u00f6nnen das. Denn schliesslich sind es auch wir, die mit den Konsequenzen dieses Entscheids leben m\u00fcssen und d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Wie Ihr alle wisst, leben meine Liebste und ich seit Jahrzehnten eine Liebesbeziehung auf Distanz. Das hat sich f\u00fcr uns beide als die optimale Form des Zusammenlebens erwiesen, bisher jedenfalls. Dabei wussten wir immer, dass diese L\u00f6sung, nur weil sie zu uns passt, keinesfalls ein allgemeines optimales Modell bildet. Gl\u00fccklicherweise begegnen sich heute die Anh\u00e4nger unterschiedlicher Formen des Zusammenlebens mit Toleranz, ja&nbsp; mit gegenseitigem Respekt.<\/p>\n<p>Etwas Mut hat es allerdings schon gebraucht, diesen unseren Weg zu finden und zu leben. Etwas Mut braucht es noch immer, sich f\u00fcr die zu einem selbst am besten passende Form des Zusammenlebens zu entscheiden, unabh\u00e4ngig von Stimmen, die raunen, diese Form sei nun aber doch zu ausgeflippt oder zu spiessig. Diesen Mut w\u00fcnsche ich Euch allen.<\/p>\n<p>Und nun freue ich mich auf ein frohes Feiern im Kreise meiner so wunderbar erweiterten Familie. Prost!<\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/sn-familie_kl.jpg\" alt=\"sn-familie_kl\" width=\"175\" height=\"131\" \/><\/p>\n<p>Eine Vorschau in den &#8222;Schaffhauser Nachrichten&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-271","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/271","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=271"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/271\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=271"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=271"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=271"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}