{"id":209,"date":"2010-08-05T11:32:33","date_gmt":"2010-08-05T11:32:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=209"},"modified":"2010-08-05T11:32:33","modified_gmt":"2010-08-05T11:32:33","slug":"reifes-land-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=209","title":{"rendered":"Reifes Land Schweiz?"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Sphaeren\/reifesland.jpg\" alt=\"reifesland\" width=\"364\" height=\"273\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"Titel3rot\">Wie die Vision eines reifen europ\u00e4ischen Landes wahr werden kann<\/span> <\/p>\n<p class=\"Stil28\"><em><em>Aus einem Buch, in dem sie gar nicht vorkommt (Jeremy Rifkin: Der Europ\u00e4ische Traum &#8211; Die Vision einer sanften Grossmacht), leitet der Zukunfts-Philosoph Andreas Giger den Schluss ab, die Schweiz sei hervorragend f\u00fcr die Zukunft ger\u00fcstet. Wenn sie sich selbst denn endlich als reifes europ\u00e4isches Land wahrnimmt. Der Text stammt \u00fcbrigens aus dem Jahr 2005.<\/em><\/em><\/p>\n<p><strong>Werte werden was wert<\/strong><\/p>\n<p><em>&#8222;It\u00b4s the economy, stupid !&#8220;<\/em> L\u00e4ngst haben wir dieses harrsche Motto verinnerlicht. Heulen und Z\u00e4hneklappen herrscht hier zu Lande, wenn wieder einmal ein paar unterbesch\u00e4ftigte Oekonomen die Schweiz in einer Hitparade der Wettbewerbsf\u00e4higkeit um einen Platz zur\u00fcck gestuft haben. Und grausliges Schaudern erfasst uns, wenn der Hotelier aus Brig mal wieder gen\u00fcsslich vorrechnet, dass uns die \u00d6sterreicher nicht nur im Skilaufen l\u00e4ngst um die Ohren fahren, sondern uns auch in Sachen Bruttosozialprodukt demn\u00e4chst \u00fcberholen werden.<\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend Bill Clinton 1992 mit diesem Motto noch Erfolg hatte, gewann George Bush zw\u00f6lf Jahre sp\u00e4ter nicht mehr wegen, sondern trotz seiner Wirtschaftspolitik, auf Grund von dem, was wir so sch\u00f6n immaterielle Werte nennen. Der Primat der \u00d6konomie gilt nicht mehr &#8211; jedenfalls beim Wahlverhalten. Dieses Ph\u00e4nomen ist uns in der Schweiz bestens bekannt. Viele SVP-W\u00e4hler w\u00fcrden materiell massiv leiden, wenn deren neoliberale Rezepte realisiert w\u00fcrden, und auf der anderen Seite sind ebenso viele SP-W\u00e4hler froh, dass nicht all&nbsp; deren Steuerideen Wirklichkeit werden, weil sie als Angeh\u00f6rige einer gut verdienenden Mittelschicht damit kr\u00e4ftig zur Kasse gebeten w\u00fcrden. In beiden F\u00e4llen sind die immateriellen Werte, welche die jeweilige Partei verk\u00f6rpert, wichtiger als deren Pl\u00e4ne f\u00fcr die Welt der materiellen Werte.<\/p>\n<p>So erstaunlich ist das nicht, sind doch Werte (die immateriellen selbstredend) nichts anderes, als das, was uns etwas wert ist, was uns wichtig ist, was wir wollen. Und damit die oberste Richtschnur, wenn es darum geht, eine Wahl zwischen verschiedenen M\u00f6glichkeiten zu treffen, in der Politik, aber auch beim Konsum und generell bei unserer Lebensgestaltung. Je gr\u00f6sser in unserer Multioptions-Gesellschaft die Qual der Wahl wird, desto wichtiger werden Werte als Massst\u00e4be f\u00fcr Orientierung und Entscheidung. Werte werden was wert.<\/p>\n<p><em>&#8222;Wer als Politiker Visionen hat, geh\u00f6rt in die Klappsm\u00fchle!&#8220;<\/em> Diese treuherzige Beschw\u00f6rung, doch bitte auf dem Boden der materiellen Tatsachen zu bleiben, wird verschiedenen Herren zugeschrieben. Eindeutig stammt sie jedoch aus dem letzten Jahrhundert. Im jetzigen stellt uns allein schon die Existenz aggressiver Visionen wie jene eines weltumfassenden islamistischen Gottesstaates vor die Herausforderung, uns selbst zu fragen, welche Visonen wir dem entgegen zu stellen haben, und welche Werte hinter diesen unseren eigenen Visionen stecken. So unbedarft die Diskussionen dar\u00fcber oft noch ablaufen, sie sind heilsam und notwendig. Im 21. Jahrundert wird das Gegenteil gelten: Wer sich nicht um immaterielle Werte und Visionen k\u00fcmmert, geh\u00f6rt auf den Abfallhaufen der Geschichte.<\/p>\n<p>Dass es uns schwer f\u00e4llt, uns unserer eigenen Werte bewusst zu werden, liegt in der Natur der Sache, geh\u00f6ren doch unsere Werte gleichsam zum Betriebssystem unseres Geistes, das wie im Computer weitgehend im verborgenen Hintergrund abl\u00e4uft. Wir orientieren uns zwar dauernd an unseren Werten, doch das geschieht weitgehend unbewusst.<\/p>\n<p>Zum Reich des Unbewussten geh\u00f6ren auch unsere Tr\u00e4ume, die indivdiuellen wie die kollektiven. Das bekannteste Beispiel f\u00fcr kollektive Tr\u00e4ume ist der Amerikanische Traum. Lange sah es so aus, als ob dieser Traum \u00fcberm\u00e4chtige Anziehungskraft h\u00e4tte und sich deshalb allm\u00e4hlich auf den ganzen Globus ausbreiten w\u00fcrde. Nun kommt ein Amerikaner daher, der von sich selbst sagt, er sei vom Amerikanischen Traum bis in die Knochen gepr\u00e4gt, und behauptet, es g\u00e4be einen anderen Traum, der in Zukunft attraktiver und erfolgreicher sein werde als der Amerikanische: den Europ\u00e4ischen Traum.<\/p>\n<p>Der Autor Jeremy Rifkin ist \u00d6konom, leitet das Institut &#8222;The Foundation on Economic Trends&#8220; in Washington, D.C., ist Hochschullehrer und ber\u00e4t in Europa nicht nur f\u00fchrende Parteien und Politiker, sondern auch die Europ\u00e4ische Kommission. Als Wanderer zwischen den Welten h\u00e4lt er den Europ\u00e4ern einen Spiegel vor, ob dessen Anblick sich diese zun\u00e4chst einmal verwundert die Augen reiben. Nicht nur haben sie von der Existenz eines Eurp\u00e4ischen Traums bisher nichts geh\u00f6rt &#8211; dieses unbekannte Wesen soll auch noch zukunftstr\u00e4chtiger sein als sein amerikanisches Gegenst\u00fcck ?<\/p>\n<p>Und um die Zumutung voll zu machen, wird noch die Behauptung drauf gesattelt, nicht der Zustand der realen Volkswirtschaft sei entscheidend f\u00fcr die Zukunftsf\u00e4higkeit &#8211; wobei die angebliche \u00dcberlegenheit der amerikanischen Wirtschaft von Rifkin kr\u00e4ftig demontiert wird &#8211; sondern das kulturelle Betriebssystem, also so schwer fassbare &#8222;Dinge&#8220; wie Werte, Visionen oder gar Tr\u00e4ume.<\/p>\n<p>Diese These ist in unserer durch und durch materiellen und \u00f6konomisierten Gesellschaft zun\u00e4chst schwer zu schlucken. Ein Gedankenspiel wert ist sie allemal: Was w\u00e4re, wenn Werte tats\u00e4chlich immer wertvoller werden ? Dann stellt sich n\u00e4mlich sofort die Frage, welche Werte wertvoller werden. Und schon sind wir mitten drin in Rifkins Vergleich zwischen dem Europ\u00e4ischen und dem Amerikanischen Traum.<\/p>\n<p><strong>Der Europ\u00e4ische Traum ist zukunftstr\u00e4chtiger<\/strong><\/p>\n<p>Rifkin positioniert den europ\u00e4ischen Katalog von Grundwerten in der gesunden Mitte zwischen dem amerikanischen, in dem ein reiner Individualismus dominiert, und dem asiatischen, in dem nach wie vor das Kollektiv die Hauptrolle spielt. Matthias Horx nennt diesen integrativen Ansatz &#8222;Soft-Individualismus&#8220;: Selbstverwirklichung ja, aber nicht als Ego-Tripp. In Europa gelten Gemeinschaftsbeziehungen mehr als individuelle Autonomie, Freiheit wird nicht als Unabh\u00e4ngikeit von anderen verstanden wie in den USA, sondern entfaltet sich erst im Eingebettetsein.<\/p>\n<p>Weitere Unterschiede sieht Rifkin darin, dass in Europa kulturelle Vielfalt wichtiger sei als Vereinheitlichung, weshalb Europas Kultur im Gegensatz zur exklusiven Amerikas eine inklusive sei. Europa sei weniger materialistisch orientiert als die USA, Lebensqualit\u00e4t sei im Zweifelsfall wichtiger als die Anh\u00e4ufnung von Reichtum. Spielerische Entfaltung komme in Europa vor st\u00e4ndiger Plackerei.<\/p>\n<p>Statt auf unbegrenztes materielles Wachstum setze Europa mehr auf nachhaltige Entwicklung. Die universellen Menschenrechte und die Rechte der Natur w\u00fcrden in Europa h\u00f6her eingesch\u00e4tzt als Eigentumsrechte. Deswegen auch setze Europa mehr auf globale Zusammenarbeit als auf einseitige Machtaus\u00fcbung.<\/p>\n<p>Besonders positiv sieht Rifkin die Evolution der EU. Sie sei der beste Beweis, dass es eben doch m\u00f6glich sei, aus der Geschichte zu lernen. Als Gemeinschaftsexperiment jenseits der Idee der Nationalstaaten sei die EU ein hoffnungsvolles historisches Unterfangen, das nicht mehr prim\u00e4r auf vertikale Hierarchien setzt, sondern auf horizontale Vernetzung. F\u00fcr eben dieses &#8211; vernetztes Denken und Handeln &#8211; habe Europa dank seiner Geschichte und Kultur beste Voraussetzungen. Und damit gl\u00e4nzende Chancen f\u00fcr die Zukunft, in der Vernetzung immer wichtiger wird.<\/p>\n<p>Man kann Rifkin eine leichte euphorische Abgehbobenheit unterstellen, wenn er zum Schluss als Quintessenz formuliert: &#8222;F\u00fcr den Amerikanischen Traum lohnt es sich zu sterben. F\u00fcr den Europ\u00e4ischen zu leben.&#8220; Doch weil man ihm auch Recht geben muss, wenn er anregt, der Euop\u00e4ische Traum k\u00f6nnte sich vom Amerikanischen ein gutes St\u00fcck Eigenverantwortung und Zukunfts-Optimismus abschneiden, k\u00f6nnten wir auch einfach Danke sagen f\u00fcr diese Sicht der Dinge. Und uns als Zeichen dieses Dankes auch \u00fcberlegen, ob an dieser Diagnose nicht doch was dran sei.<\/p>\n<p>Weil Europa im Gegensatz zu den USA Gott sei Dank nicht mehr das Gef\u00fchl hat, Gottes eigenes und auserw\u00e4hltes Land zu sein,&nbsp; kann Europa nur Selbstbewusstsein entwickeln, wenn es Selbst-Bewusstsein entwickelt: ein Bewusstsein seines eigenen Erbes, seiner immateriellen St\u00e4rken und Werte. Europa hat Zukunft, wenn es seinen Traum lebt, als sanfte Supermacht, die nicht nach Dominanz strebt, sondern nach seinen eigenen Werten.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen diese Diagnose der europ\u00e4ischen mentalen Verfassung noch einen Schritt weiter f\u00fchren: Anders als in den USA oder gar in Asien geraten in Europa die Grenzen des Steigerungssspiels ins Blickfeld. Schon aus demographischen Gr\u00fcnden ist absehbar, dass die Steigerungslogik des immer mehr (h\u00f6her, weiter, schneller) nicht unendlich ist. Materielle S\u00e4ttigungstendenzen f\u00fchren zu einer Aufwertung des Immateriellen. Qualit\u00e4t wird wichtiger als Quantit\u00e4t. Die Welt des Nutzens und K\u00f6nnens bleibt bedeutsam, doch die Welt des Seins und Sinns wird aufgewertet. Und Sinn ist eine Ressource, die sich nicht beliebig vermehren l\u00e4sst, man kann sich ihr &#8222;nur&#8220; mehr oder weniger ann\u00e4hern.<\/p>\n<p>Der Erfolg einer Gesellschaft wird im 21. Jahrhundert nicht mehr einfach an der H\u00f6he ihres Bruttosozialprodukts gemessen. Erfolgreich wird eine Gesellschaft viemehr dann sein, wenn sie den in ihr verbundenen Individuen erm\u00f6glicht, in Freiheit und Eigenverantwortung ihr eigenes Leben zu gestalten und darin Lebensqualit\u00e4t und Lebenssinn zu finden. Europa hat, man kann die Botschaft nicht oft genug wiederholen, f\u00fcr diese Zukunft beste Voraussetzungen.<\/p>\n<p><strong>Die Schweiz ist ein reifes europ\u00e4isches Land<\/strong><\/p>\n<p>Was hat das nun alles mit der Schweiz zu tun ? Von zwei statistischen Marginalien abgesehen erw\u00e4hnt Jeremy Rifkin die Schweiz nicht, er spricht ausschliesslich von Europa oder der EU. Der europ\u00e4ische Sonderfall Schweiz (oder Norwegen) kommt in der Aussenwahrnehmung nicht vor, oder er ist zu unbedeutend, um Erw\u00e4hnung zu finden.<\/p>\n<p>Das kr\u00e4nkt Schweizerische Eitelkeiten nat\u00fcrlich zun\u00e4chst, doch kann dieser heilsame Schock auch dazu f\u00fchren, dass wir uns fragen, ob diese Wahrnehmung nicht ganz einfach stimmt, ob wir nicht tats\u00e4chlich schlicht ein Teil der europ\u00e4ischen Kultur mit ihrem vorz\u00fcglich der Zukunft angepassten Betriebssystem sind &#8211; und damit Teil des Europ\u00e4ischen Traums.<\/p>\n<p>Dem Einwand, die Schweiz sei aber mindestens nicht Mitglied der Europ\u00e4ischen Union, w\u00fcrde Rifkin elegant mit seiner Sicht der EU begegnen. F\u00fcr ihn ist diese n\u00e4mlich alles andere als ein monolithischer Block, bei dem Mitgliedschaft oder Nichtmitgliedschaft eine krasse Grenze bilden w\u00fcrde. Vielmehr sieht er die EU als komplexes und damit oft genug chaotisch erscheinendes Netzwerk unterschiedlicher Akteure, in dem pausenlos auf allen m\u00f6glichen Ebenen miteinander gesprochen, gestritten, verhandelt und beschlossen wird. In diesem Netzwerk verschwimmen nach innen wie nach aussen starre Grenzen und Eindeutigkeiten, vielmehr entsteht ein letztlich nicht planbares System der komplexen Selbstorganisation, ein evolution\u00e4rer Prozess mit offenem Ausgang, auch wenn grunds\u00e4tzlicher Optimismus angezeigt ist.<\/p>\n<p>Nur die stursten Politb\u00f6cke k\u00f6nnen leugnen, dass die Schweiz l\u00e4ngst Teil dieses Netzwerks ist, in einer etwas anderen Rolle zwar als die Mitglieder, aber mit diesem selbstorgansierenden Organismus namens EU dennoch untrennbar verbunden. Die wirtschaftliche Verflechtung ist eng. Auch der bilaterale Weg f\u00fchrt zunehmend (und ohne \u00fcberzeugende Alternativen) zu immer engeren Kontakten und zu einer Angleichung von Politik und Recht auf vielen Gebieten. Und auf der Ebene der Regionen wird die Vernetzung \u00fcber die EU-Grenzen hinweg immer dichter und intensiver.<\/p>\n<p>Vor allem aber ist die Schweiz deswegen Teil dieses faszinierenden Projekts des Europ\u00e4ischen Traums, weil ihre Werte europ\u00e4isch sind. Die europ\u00e4ische Wertelandschaft, die Jeremy Rifkin beschreibt, ist auch die schweizerische. Keine der ber\u00fchmten Schweizer Geissen schleckt weg, dass die Schweiz ein europ\u00e4isches Land ist. Das mag banal klingen, doch das Bewusstsein davon k\u00f6nnte der spaltenden Frage, ob sie der EU beitreten soll oder nicht, die Sch\u00e4rfe nehmen. Nicht mehr die Mitgliedschaft ist dann die entscheidende Frage &#8211; \u00fcber diese kann man in guten Treuen unterschiedliche Auffassungen haben. Viel wichtiger ist, dass wir im Kern, dort wo es wirklich darauf ankommt, bei den Werten also, l\u00e4ngst zu Europa geh\u00f6ren. Das ist ein Fakt, und \u00fcber Fakten l\u00e4sst sich nicht streiten.<\/p>\n<p>Weil die Schweiz nun mal vernarrt ist in die Idee, ein Sonderfall zu sein, macht sie sich durch ihr Abseitsstehen bei der EU selber zu einem solchen. Beides, der Wunsch nach dem Eigenen, Unverwechselbaren, und die EU-Abstinenz, ist keineswegs a priori falsch. Falsch ist nur die Vorstellung, die Nichtmitgliedschaft bei der EU sei der einzige Weg, eine besondere Rolle in Europa zu spielen.<\/p>\n<p>Dabei liegt ein anderes Selbstbild nahe, das viel besser geeignet w\u00e4re, dem schweizerischen Drang nach Eigensinn einen sinnvollen Kanal zu geben. Wir k\u00f6nnten uns n\u00e4mlich nicht einfach als europ\u00e4isches Land sehen, sondern als&nbsp;<em>reifes <\/em>europ\u00e4isches Land. Dank einer Mischung aus etwas Verstand und viel Gl\u00fcck hatte die Schweiz wesentlich l\u00e4nger Gelegenheit, den Europ\u00e4ischen Traum vom friedlichen Miteinander, von der Einheit in Vielfalt, von zivilisierten und demokratischen Formen des Zusammenlebens, zu entwicklen und zu leben. Wir hatten mehr Gelegenheit zum \u00dcben &#8211; und damit zum Reifen.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re mehr als vermessen zu behaupten, wir h\u00e4tten diese Chance optimal genutzt. Ganz abgesehen davon, dass Reife ein Idealzustand ist, dem wir uns &#8211; als Einzelne wie als Land &#8211; nur ann\u00e4hern k\u00f6nnen, ohne jede Aussicht, ihn jemals ganz zu erreichen. Und noch etwas kommt erschwerend hinzu: \u00c4lter werden wir von allein &#8211; reifer nicht. Reifen ist mit anderen Worten mit Anstrengung verbunden.<\/p>\n<p>Die wiederum braucht Motivation. Von Antoine de St. Exup\u00e9ry stammt dazu ein sch\u00f6nes Bild: Will man Schiffe bauen, n\u00fctzt es nichts, den Leuten zu befehlen, sie sollten B\u00e4ume f\u00e4llen und den Hammer schwingen. Viel wirksamer ist es, &#8222;ihnen die Sehnsucht nach dem offenen Meer zu lehren&#8220; &#8211; ihnen also eine Vision zu geben. Eine solche l\u00e4sst sich auch f\u00fcr ein reifes Land entwickeln:<\/p>\n<p><strong>Das reife Land &#8211; eine Vision in zehn Szenarios<\/strong><\/p>\n<p>Szenario 1:&nbsp;<strong>Gelassenheit<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Land navigiert man mit Gelassenheit im Strom der Zeit. Geschwindigkeit ist nicht alles. Gerade in hektischen Zeiten sind Ruhe und Musse wichtig. Neu gilt nicht als automatisch besser. Devise: Geduld bringt Rosen.<\/p>\n<p>Szenario 2:&nbsp;<strong>Weisheit<\/strong><\/p>\n<p>Der zentrale Leitwert in diesem Land heisst Weisheit. Geld wird nicht mehr als Selbstzweck gesehen. Sinn-Fragen sind wichtig. Es bl\u00fcht die Kunst, in Freiheit und Eigenverantwortung ein gegl\u00fccktes Leben zu f\u00fchren. Devise: Die wichtigsten Dinge im Leben sind gleichzeitig die einfachsten und die herausforderndsten.<\/p>\n<p>Szenario 3:&nbsp;<strong>Erfahrung<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Land wird das aus Erfahrung gewonnene Wissen hoch geachtet. Die Erfahrungen von Menschen im reiferen Alter werden \u00fcberall genutzt: in den Unternehmen, in Schulen und Bildungseinrichtungen, in Politik, Kultur und Zivilgesellschaft. Devise: Aus Erfahrung wird man klug.<\/p>\n<p>Szenario 4:&nbsp;<strong>Massqualit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Nicht &#8222;immer mehr&#8220; z\u00e4hlt in diesem Land, sondern &#8222;immer besser&#8220;. Weniger ist oft mehr. Qualit\u00e4t ist wesentlich eine Frage des richtigen Masses. Es bl\u00fcht eine Kultur der massvollen Einfachheit. Devise: Reduce to the Max.<\/p>\n<p>Szenario 5:&nbsp;<strong>Mediation<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Land bl\u00fchen die sozialen Tugenden wie Solidarit\u00e4t, Toleranz, Respekt und Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen. Leben und leben lassen. Hoch entwickelt sind auch die sozialen Kompetenzen. Konflikte l\u00f6st man nicht im faulen Kompromiss, sondern mit allseitig akzeptierten kreativen Ans\u00e4tzen nach dem Prinzip der Mediation. Devise: Man muss halt reden miteinander.<\/p>\n<p>Szenario 6:&nbsp;<strong>Gemischtes Doppel<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Land k\u00e4mpfen die Generationen nicht gegeneinander, sondern spielen gemischtes Doppel. Wenn sich jugendliche Innovationskraft und reife Abgekl\u00e4rtheit kreativ mischen, geht es allen am besten. Devise: Alle waren mal jung, und alle werden mal \u00e4lter.<\/p>\n<p>Szenario 7:&nbsp;<strong>Selbst-Bewusstsein<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Land w\u00e4chst Selbstbewusstsein aus Selbst-Bewusstsein. Man kennt sich und seine M\u00f6glichkeiten und Grenzen, weiss, was man will und was einem gut tut, will nicht mehr scheinen als sein. Gesundes Selbstvertrauen ohne \u00dcberheblichkeit ist die Frucht dieser Souver\u00e4nit\u00e4t. Devise: Erkenne Dich selbst.<\/p>\n<p>Szenario 8:&nbsp;<strong>Standfeste \u00d6ffnung<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Land bedeutet standfeste \u00d6ffnung, in sich selbst zu ruhen, um offen auf andere zugehen zu k\u00f6nnen. Heimat und Welt sind keine Gegens\u00e4tze, sondern bedingen sich gegenseitig. Devise: Nur fest verwurzelte B\u00e4ume wachsen in den Himmel.<\/p>\n<p>Szenario 9:&nbsp;<strong>Zufriedenheit<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Land ist die vorherrschende Stimmung Zufriedenheit. Man akzeptiert wirtschaftliche S\u00e4ttigungstendenzen auf hohem Niveau. Man will nicht immer mehr, konzentriert sich stattdessen auf das Wesentliche. Devise: Zufriedenheit kommt von innen.<\/p>\n<p>Szenario 10:&nbsp;<strong>Evolution<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Land ist Reife kein Endzustand, daf\u00fcr Reifung st\u00e4ndige Evolution. Die Individuen und das Land entwickeln sich weiter, nicht nur, um sich anzupassen, sondern auch aus eigenem kreativem Antrieb. Lernen steht \u00fcberall hoch im Kurs. Devise: Nur wer sich wandelt, kann sich treu bleiben.<\/p>\n<p>Eine Vision ist die Schnittstelle zwischen w\u00fcnschbarer und denkbarer Zukunft. W\u00fcnschbar sind die zehn Szenarios und die Vision eines reifen Landes als Ganzes ohne Zweifel f\u00fcr jedes europ\u00e4ische Land. Auch und gerade in der Schweiz liesse sich dar\u00fcber sicher nicht unbedingt einhellige, aber doch eine eindeutige \u00dcbereinstimmung erzielen.<\/p>\n<p>Die andere Frage ist, wie wahrscheinlich die Realisierung der Vision von der Schweiz als reifem europ\u00e4ischem Land ist. Der Blick in die j\u00fcngere Vergangenheit stimmt nicht eben hoffnungsfroh. Statt etwa die gereifte Kultur der Mediation zu pflegen und weiter zu entwickeln, sind auch hier zu Lande ideologische Grabenk\u00e4mpfe ausgebrochen. Sich, in welchem Lager auch immer, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu glauben, entspricht in der menschlichen Entwicklung eher der Pubert\u00e4t als dem Reifestadium. Dasselbe gilt f\u00fcr die \u00dcberzeugung, es g\u00e4be f\u00fcr eine komplexe Welt simple Rezepte.<\/p>\n<p>Doch Reifungsprozesse verlaufen nun mal nicht linear, es gibt in ihnen auch immer Lernschlaufen und R\u00fcckschritte. Auch wenn die Schweiz im letzten Jahrzehnt wenig gereift sein mag, so bedeutet das noch lange nicht, dass es im n\u00e4chsten Jahrzehnt und dar\u00fcber hinaus so bleiben muss. Die Schweiz ist kein reifes Land, aber sie kann ein reifendes Land bleiben, sein und werden.<\/p>\n<p>Und sie kann, bei aller Selbstgen\u00fcgsamkeit, die durchaus ein Zeichen von Reife sein kann, damit ansteckend wirken. Sie kann ihre eigenen Erfahrungen beim europ\u00e4ischen Reifungsprozess einbringen. Das ver\u00e4chtlich so genannte &#8222;alte&#8220; Europa, zu dem die Schweiz unzweifelhaft geh\u00f6rt, ist daran, aus Alter Reife zu machen. Zu diesem Europ\u00e4ischen Traum kann der Schweizerische Traum einen kleinen, aber feinen Beitrag leisten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Sphaeren\/reifesland-kl.jpg\" alt=\"reifesland-kl\" width=\"175\" height=\"131\" \/><\/p>\n<p>Wie die Vision eines reifen europ\u00e4ischen Landes wahr werden kann<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-209","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/209","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=209"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/209\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=209"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=209"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=209"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}