{"id":189,"date":"2010-05-05T10:38:42","date_gmt":"2010-05-05T10:38:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=189"},"modified":"2010-05-05T10:38:42","modified_gmt":"2010-05-05T10:38:42","slug":"offene-weite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=189","title":{"rendered":"Offene Weite"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/magnet.jpg\" alt=\"magnet\" width=\"364\" height=\"273\" \/><\/p>\n<p> <span class=\"Titel3rot\">Die Zuk\u00fcnfte der Religionen aus der Sicht von spirit.ch<\/span> <\/p>\n<p class=\"Stil28\"><em>Im Kirchenblatt f\u00fcr die Evangelisch-reformierten Kirchgemeinden beider Appenzell (Schweiz), <a href=\"http:\/\/www.ref-arai.ch\/_magnet.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">MAGNET<\/a><\/em><em>, publizierte spirit.ch-Gr\u00fcnder Andreas Giger diesen Beitrag \u00fcber die Zuk\u00fcnfte der Religionen:<\/em><\/p>\n<p><strong>Offene Weite <\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Zuk\u00fcnfte der Religion<\/strong><\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p>\u00bbD\u00fcstere Zukunft f\u00fcr Reformierte\u00ab. So betitelte die NZZ am Sonntag vom 4. April 2010 ihren Bericht \u00fcber eine vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) in Auftrag gegebene religionssoziologische Studie. Deren zentrale Aussage lautet: Geht die Entwicklung so weiter, verliert die reformierte Kirche bis ins Jahr 2040 rund ein Drittel der heutigen Mitglieder. Der Anteil der Protestanten an der Schweizer Bev\u00f6lkerung w\u00fcrde dannzumal noch 20 Prozent ausmachen.<\/p>\n<p>Um das Jahr 1900 betrug dieser Anteil noch stolze 60 Prozent (heute sind es rund 30 Prozent). Dieser Schrumpfungsprozess wird also weitergehen, er ist laut Studie unausweichlich. Tr\u00fcbe Aussichten also f\u00fcr die Zukunft der Religion \u2013 jedenfalls aus reformierter Sicht.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnen Prognostiker allerdings auch irren. Vor vierzig Jahren, an der Schwelle zu meinem Erwachsensein, war ich wie viele Zeitgenossen \u00fcberzeugt davon, Religion w\u00fcrde \u00fcber kurz oder lang sanft entschlafen, weil aufgekl\u00e4rte Menschen kein Bed\u00fcrfnis danach empf\u00e4nden. Selten so geirrt&#8230;<\/p>\n<p>Von einer \u00bbWiederkehr der Religion\u00ab sprechen die Medien gar. Gepr\u00e4gt wird diese Wahrnehmung sicher zu wesentlichen Teilen von der Erstarkung des Islam auch in unseren Breitengraden. Und weitet man den Blick etwas, stellt man mit Erstaunen fest, dass ausgerechnet in S\u00fcdamerika ausgerechnet radikale Spielformen des Protestantismus derzeit enormen Zulauf haben. Womit schon klar ist: So etwas wie eine einheitliche Zukunft der Religion gibt es nicht. Wie diese Zukunft aussieht, ist eine Frage der Perspektive des Betrachters.<\/p>\n<p>Auf unser Land bezogen h\u00e4lt die erw\u00e4hnte religionssoziologische Studie \u00fcbrigens die These von der Wiederkehr der Religion f\u00fcr ein blosses Medien-Ger\u00fccht, es k\u00f6nne keine Rede davon sein, dass in der Schweiz heute Religiosit\u00e4t mehr gelebt werde als fr\u00fcher. Womit sich nochmals eine neue Perspektive er\u00f6ffnet: Ist Religiosit\u00e4t leben dasselbe wie religi\u00f6s sein?<\/p>\n<p>Und um die Verwirrung vollst\u00e4ndig zu machen, geistern in den Debatten um die Zukunft der Religion auch munter verwandte, aber eben doch nicht identische Begriffe wie Spiritualit\u00e4t, Sinnsuche oder christliche Werte durch die Gegend. Wie soll man da noch den \u00dcberblick behalten?<\/p>\n<p><strong>Religion braucht Resonanz<\/strong><\/p>\n<p>Am besten aus einer gewissen Distanz. Und da die Zukunft in der Vergangenheit wurzelt, lohnt sich zun\u00e4chst ein Blick zur\u00fcck auf das, was die Historiker als S\u00e4kularisierung bezeichnen. Deren wichtigste Konsequenz ist ganz einfach: Niemand muss heut zu Tage mehr religi\u00f6s sein. Jedenfalls hier zu Lande. Andernorts wird der Austritt aus einer Religion noch immer mit dem Tod geahndet. So weit liegt das auch bei uns noch nicht zur\u00fcck, wenngleich das Todesurteil sp\u00e4ter eher aus sozialer \u00c4chtung bestand, wenn jemand es wagte, sich von der vorherrschenden Religion zu distanzieren.<\/p>\n<p>Nur wenige Verbohrte w\u00fcnschen sich solche Zust\u00e4nde zur\u00fcck, die meisten Menschen kennen und wollen nichts anderes als die Freiwilligkeit von Religion. Wenn man aber religi\u00f6se Botschaften den Menschen nicht mehr einfach durch sozialen Zwang einbl\u00e4uen kann, sind diese Botschaften darauf angewiesen, bei den einzelnen Menschen eine Resonanz zu finden.<\/p>\n<p>Ganz offensichtlich existiert in vielen Menschen ein Resonanzboden f\u00fcr solche Botschaften, sonst w\u00e4ren in den Zeiten der Freiwilligkeit alle religi\u00f6sen und spirituellen Traditionen tats\u00e4chlich eines pl\u00f6tzlichen Todes gestorben. Dass dem nicht so ist, ja dass manche dieser Traditionen sogar aufbl\u00fchen, macht deutlich, dass im Menschen, oder jedenfalls in vielen Menschen, tats\u00e4chlich so etwas wie ein Bed\u00fcrfnis nach Religiosit\u00e4t oder Spiritualit\u00e4t angelegt ist.<\/p>\n<p><strong>Auf der Suche nach Sinn<\/strong><\/p>\n<p>Das kann ich aufgrund meiner eigenen Forschungen \u00fcber Werte und Werte-Wandel nur best\u00e4tigen. Befragt werden dabei jeweils Menschen aus jener gesellschaftlichen Minderheit, die man als meinungsbildende Avantgarde bezeichnen k\u00f6nnte, denn wenn es um die Zukunft geht, ist das Meinungsspektrum dieser Gruppe besonders interessant (siehe www.spirit.ch).<\/p>\n<p>Im Zentrum dieser Forschung steht der Begriff der Lebensqualit\u00e4t. Was Lebensqualit\u00e4t bedeutet, kann nat\u00fcrlich jeder Mensch nur f\u00fcr sich selbst beantworten. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, zum Beispiel die, dass Lebensqualit\u00e4t viele Facetten hat. Wir haben diese Facetten zu sechzehn so genannten Lebensqualit\u00e4ts-Sph\u00e4ren zusammengefasst. Eine dieser Sph\u00e4ren heisst in unserem Modell \u201eSinn\u201c. Sie wird so umschrieben: Lebens-Sinn, Sinn-Quellen, Naturerleben, Spiritualit\u00e4t, Religion.<\/p>\n<p>Fragt man nun die meinungsbildende Avantgarde, wie wichtig diese Sph\u00e4re des Sinns f\u00fcr ihre eigene Lebensqualit\u00e4t sei, dann erreicht sie sehr hohe Werte. F\u00fcr \u00e4ltere Menschen ist sie noch etwas wichtiger als f\u00fcr j\u00fcngere, f\u00fcr Frauen etwas wichtiger als f\u00fcr M\u00e4nner, doch das \u00e4ndert nichts daran, dass die Sinn-Sph\u00e4re f\u00fcr die eigene Lebensqualit\u00e4t eine bedeutsame Rolle spielt.<\/p>\n<p>Allerdings verweist die Umschreibung dieser Sph\u00e4re darauf, dass Sinn heute keineswegs nur in der Religion gesucht und gefunden werden kann, und schon gar nicht in einer einzigen. Tats\u00e4chlich finden die Befragten Sinn (oder besser Sinne) haupts\u00e4chlich in sich selbst, in zwischenmenschlichen Beziehungen oder in der Natur. Religion und Spiritualit\u00e4t k\u00f6nnen zwar auch Sinn-Quellen sein, doch sie haben ihre dominante Rolle l\u00e4ngst verloren.<\/p>\n<p>Das Bed\u00fcrfnis nach Sinn ist unzweifelhaft da und wird eher noch wachsen, zumal viele Menschen in der Finanzkrise noch einmal deutlich gesp\u00fcrt haben, dass der Mensch tats\u00e4chlich nicht vom Brot allein lebt, und der Tanz um das goldene Kalb in die Irre f\u00fchrt. Auch da l\u00e4sst ein Blick auf die meinungsbildende Avantgarde hoffen: Unter allen sechzehn Lebensqualit\u00e4ts-Sph\u00e4ren ist ihr die Sph\u00e4re der Materie am wenigsten wichtig.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Offene Zukunft<\/strong><\/p>\n<p>Wie weit die Menschen in Zukunft auf die klassischen Religionen zur\u00fcckgreifen werden, um ihren Sinn-Durst zu stillen, kann letztlich niemand wissen. Fest steht allerdings, dass auf dem Markt der Sinn-Quellen ein \u00dcberangebot existiert, was es den klassischen Religionen schwer macht, gen\u00fcgend Aufmerksamkeit f\u00fcr ihre Botschaft zu finden. Zudem f\u00fchrt die Individualisierung dazu, dass sich jeder aus unterschiedlichen Sinn-Quellen sein eigenes S\u00fcppchen zusammenr\u00fchrt. Vertreter einer reinen, mehr oder weniger geschlossen Lehre haben es da naturgem\u00e4ss schwer.<\/p>\n<p>Somit k\u00f6nnte die eingangs erw\u00e4hnte Prognose einer weiter schrumpfenden reformierten Kirche durchaus Tatsache werden. Das w\u00e4re noch nicht das Ende der Religion, und noch nicht einmal jenes der reformierten Kirche. Denn auch eine verkleinerte Kirche kann ihren Einfluss auf die Gesellschaft behalten \u2013 wenn ihre Botschaft stimmt. Zum Beispiel jene von den christlichen Werten.<\/p>\n<p>Eben diese Werte sind keineswegs am Absterben. Wie die Forschungen von spirit.ch zeigen, geh\u00f6rt etwa der Einsatz f\u00fcr eine bessere Welt f\u00fcr die meinungsbildende Avantgarde unbedingt auch zur eigenen Lebensqualit\u00e4t. Mehr und mehr Menschen werden also nach christlichen Werten leben \u2013 obwohl ihnen die Herkunft dieser Werte immer weniger bewusst ist.<\/p>\n<p>Auch das ist nur eine von vielen m\u00f6glichen Zuk\u00fcnften. Die Zukunft ist eine offene Weite, und gemacht wird sie immer auch von uns Menschen.\u00a0<\/p>\n<p class=\"klein\">Andreas Giger, promovierter Sozialwissenschaftler mit Jahrgang 1951, lebt und arbeitet als unabh\u00e4ngiger Zukunfts-Philosoph in Wald AR. Er ist Mitbegr\u00fcnder von spirit.ch, der Plattform f\u00fcr Nachhaltige LebensQualit\u00e4t (www.spirit.ch).<\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/magnet-kl.jpg\" alt=\"magnet-kl\" width=\"175\" height=\"131\" \/><\/p>\n<p>Die Zuk\u00fcnfte der Religionen aus der Sicht von spirit.ch<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-189","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/189","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=189"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/189\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=189"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=189"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=189"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}