{"id":125,"date":"2008-10-27T12:32:33","date_gmt":"2008-10-27T12:32:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=125"},"modified":"2008-10-27T12:32:33","modified_gmt":"2008-10-27T12:32:33","slug":"kosmisches-gelaechter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=125","title":{"rendered":"Kosmisches Gel\u00e4chter"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/finanzkrise1.jpg\" alt=\"finanzkrise1\" width=\"338\" height=\"254\" \/><\/p>\n<p><span class=\"Titel3rot\">Notizen zur Finanzkrise &#8211; oder warum Bewusstseins-Evolution not tut<\/span><\/p>\n<p>Mir tr\u00e4umte, ich sei auf einem Planeten irgendwo im All gelandet, auf dem Lebewesen wohnten, die uns an Intelligenz, oder besser Bewusstsein, weit voraus sind. So weit, dass das, was die Kl\u00fcgsten unter uns Menschen gerade noch begreifen k\u00f6nnen, dort Lehrinhalt der ersten Klasse ist.<\/p>\n<p>In meinem Traum hatte ich Gelegenheit, als Gast an einem Grundkurs \u00fcber \u201eBewusstseins-Evolution\u201c teilzunehmen und dabei auch Fragen zur aktuellen irdischen Finanzkrise zu stellen, \u00fcber die bereits die Kleinen erstaunlich gut informiert waren. Man zapfte n\u00e4mlich auf jenem Planeten alle Daten der Erde an, um in einer Art kosmischer Reality-Soap die Evolution von Bewusstsein in einem fr\u00fchen Stadium zum eigenen Am\u00fcsement mitverfolgen zu k\u00f6nnen&#8230;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wollte ich als erstes wissen, wer oder was denn nun wirklich schuld an der Finanzkrise sei. Die Antwort eines Dreik\u00e4sehochs kam postwendend und unmissverst\u00e4ndlich: \u00bbDas unterentwickelte kollektive Bewusstsein!\u00ab<\/p>\n<p>Ich muss wohl ziemlich unterentwickelt drein geschaut haben, denn jetzt griff die Lehrerin ein: \u00bbDu hast nat\u00fcrlich Recht, und wir alle wissen, wovon Du sprichst, aber unserem Gast sollten wir doch noch etwas genauer erkl\u00e4ren, was unterentwickeltes Bewusstsein meint. Wer mag anfangen?\u00ab<\/p>\n<p>Eines dieser kleinen klugen Gesch\u00f6pfe, vermutlich weiblichen Geschlechts, trat vor und hub an: \u00bbIhr hattet doch auf der Erde dieses weise Gedicht eines weisen Mannes namens Goethe \u00fcber den Zauberlehrling, der seinem Meister den Zauberspruch f\u00fcr den Wasser schleppenden Besen abluchste und ihn prompt ausprobieren musste. Dummerweise kannte er nur den Knopf f\u00fcr AN, nicht aber jenen f\u00fcr AUS, was ihn in echte Schwulit\u00e4ten brachte. Und genau das ist bei der Finanzkrise passiert. Da dachten ein paar Schlaumeier, sie h\u00e4tten die Zauberformel f\u00fcr unersch\u00f6pflich sprudelnde Finanzquellen gefunden, doch sie verga\u00dfen darob ganz, eine T\u00fcr f\u00fcr den Ausstieg offen zu halten, weshalb sie jetzt den Bach runter gesp\u00fclt worden sind.\u00ab<\/p>\n<p>Eine andere Stimme verschaffte sich Geh\u00f6r: \u00bbV\u00f6llig kurzfristig zu denken, nie vorausschauend die Konsequenzen des eigenen Tuns zu bedenken, ma\u00dflos zu sein in seinen Anspr\u00fcchen, keine Grenzen zu akzeptieren &#8211; all das nennen wir Pubert\u00e4t. Man muss sich den Zauberlehrling als pubertierenden J\u00fcngling vorstellen. Und so hat sich das irdische kollektive Bewusstsein vor und w\u00e4hrend der Finanzkrise gezeigt: pubertierend. Und damit unterentwickelt.\u00ab<\/p>\n<p>Auf einen mahnenden Blick der Lehrerein hin wandte sich die Sprecherin direkt an mich: \u00bbDas mag f\u00fcr Dich jetzt hart klingen, aber wir sind uns hier offene Worte gewohnt. Und ich nehme an, dass Du sehr wohl unterscheiden kannst. Wir reden hier vom kollektiven Bewusstsein, nicht vom individuellen, und wissen dabei sehr wohl um die Unterschiede zwischen beidem. Hier aber geht es um eine Diagnose des Ganzen, und das kollektive Bewusstsein hat sich wirklich pubert\u00e4r verhalten.\u00ab<\/p>\n<p>Ich konnte nur nicken und weiter zuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Obwohl es jetzt einen Moment lang still war, ehe die Lehrerin einen Ansto\u00df gab: \u00bbWar da nicht noch die Sache mit den Werten?\u00ab Jetzt sprudelten die Beitr\u00e4ge nur so:<\/p>\n<p>\u00bbAch ja, in Eurem kollektiven Bewusstsein gibt es einen ziemlichen Knuddelmudel \u00fcber die Bedeutung von Werten.\u00a0 Ihr wisst zwar theoretisch, dass es zweierlei Werte gibt, materielle und immaterielle, und ihr verwendet sogar dasselbe Wort daf\u00fcr, im Allgemeinen wohl wissend, wovon gerade die Rede ist: Ein Wertpapier ist keine philosophische Abhandlung, und Werte-Wandel ist kein W\u00e4hrungs-Umtausch. So weit, so gut. Nur habt Ihr Euch bei der Frage, welche Art von Werten den nun die wichtigere sei, heillos verrannt.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbJa\u00ab, mischte sich eine andere Stimme ein, \u00bbIhr glaubt doch tats\u00e4chlich, im Zweifelsfall seien die materiellen Werte entscheidend, denn sie seien \u201ethe real thing\u201c. Ihr sprecht zwar in Euren Unternehmen verst\u00e4rkt wieder von \u201esoft factors\u201c, doch das klingt verd\u00e4chtig nach \u201eSofties\u201c, und wer will das schon sein? Statt mit wolkigen immateriellen Werten besch\u00e4ftigt sich ein echter Mann lieber mit harten Fakten, mit dem, worum es im Leben eben wirklich geht, also mit Geld. Und kaum weht ein raueres L\u00fcftchen, wird nicht mehr in Werte investiert, es z\u00e4hlt nur noch der m\u00f6glichst schnelle Return of Investment.\u00ab<\/p>\n<p>Ich wandte sch\u00fcchtern ein, im \u00fcbertriebenen Materialismus eine Hauptursache f\u00fcr die Finanzkrise zu sehen, sei eine Idee, auf die man auch schon auf Erden gekommen sei. Nur w\u00fcsste niemand ein Rezept dagegen. Ob sie denn eines h\u00e4tten?<\/p>\n<p>Einsicht, lautete die \u00fcbereinstimmende Antwort. Einsicht in die wahre Natur von Geld und Geist. Denn, nicht wahr, es m\u00fcsste doch sp\u00e4testens mit der Finanzkrise die Einsicht wachsen, dass Geld eben gerade nicht \u201ethe real thing\u201c sei, sondern ein reines Symbol und damit eindeutig zur geistigen Sph\u00e4re geh\u00f6rig. Was sich nicht nur darin \u00e4u\u00dfere, dass Geld gr\u00f6\u00dftenteils nur noch in Form von abstrakten Computerdaten existiert. Geldkreisl\u00e4ufe funktionierten zudem ja nur auf der Basis von Vertrauen, dass etwas so abstraktes und damit wertloses wie Geld dereinst wieder in reale Werte umgetauscht werden k\u00f6nne. Die Finanzkrise sei ja genau dann richtig in Fahrt gekommen, als sich die Banken gegenseitig nicht mehr vertrauten. Knapp sei nicht Geld gewesen, sondern Vertrauen, womit doch nun wirklich dem Letzten klar geworden sei, dass die Finanzwirtschaft \u2013 wie der ganze Rest von Wirtschaft und Gesellschaft \u2013 nur dank der Leitw\u00e4hrung Vertrauen funktionieren k\u00f6nne, wof\u00fcr Geld bestenfalls ein Symbol sei. Und da Vertrauen ein rein geistiger Wert sei, w\u00e4re der Wettbewerb zwischen Geld und Geist um die Rolle des bedeutsameren Werts doch nun wirklich ein f\u00fcr allemal entschieden.<\/p>\n<p>Die Kids hatten auf mich eingeredet wie auf einen kranken Gaul, und allm\u00e4hlich d\u00e4mmerte einigen von ihnen die Komik der Situation, in der sie als kleine Kinder einem \u00e4lteren Herrn m\u00fchsam etwas einzutrichtern versuchten, was sie l\u00e4ngst begriffen hatten. Und so erhub sich ein zun\u00e4chst noch verhaltenes Kichern.<\/p>\n<p>Die Lehrerin versuchte, die Diskussion wieder in geordnete Bahnen zu lenken: \u00bbK\u00f6nnte jemand unserem Gast noch etwas \u00fcber die Finanzkrise als Ausdruck eines suboptimalen Umgangs mit komplexen Systemen erz\u00e4hlen?\u00ab<\/p>\n<p>Auch jetzt waren die kleinen St\u00f6psel um substanzielle Beitr\u00e4ge nicht verlegen: \u00bbDa haben wir noch einmal den Zauberlehrling. Mit dem globalen Finanzsystem hat die Menschheit etwas von so hoher Komplexit\u00e4t geschaffen, dass sie damit nicht mehr umgehen kann. Niemand hat mehr wirklich den Durch- und \u00dcberblick, geschweige denn, dass jemand noch die Kontrolle h\u00e4tte. Das Monster hat sich verselbst\u00e4ndigt.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDas lernt die Menschheit gerade am Beispiel des Finanzsystems: Komplexe Systeme lassen sich kaum verstehen. Und schon gar nicht steuern. Was Ihr braucht, ist ein neuer Umgang mit Komplexit\u00e4t. Mit Eurem jetzigen vorherrschenden Betriebssystem und mit Euren jetzigen Denkwerkzeugen geht das nicht, auch wenn Ihr Euch verzweifelt bem\u00fcht, der neuen Komplexit\u00e4t mit traditionellen Instrumenten beizukommen, etwa mit \u201eKomplexit\u00e4ts-Management\u201c. Wenn ich nur schon das Wort h\u00f6re! Man kann Komplexit\u00e4t so wenig managen wie Beziehungen&#8230;\u00ab<\/p>\n<p>Auf meine Frage hin, worin denn die Alternative best\u00fcnde, meinte die Klasse achselzuckend, das lie\u00dfe sich mir so schnell schlicht nicht beibringen. Es h\u00e4tte aber etwas mit einer Mischung aus rationalem Denken in Wahrscheinlichkeiten und aus einem intensiveren Gebrauch der intuitiven F\u00e4higkeiten zu tun. Vor allem aber seien im Umgang mit Komplexit\u00e4t Tugenden gefragt, die bei den Finanzhaien nur Verachtung genossen h\u00e4tten: Bescheidenheit und Demut.<\/p>\n<p>Als ich nachfragte, ob die L\u00f6sung der Finanzkrise also nur in einem neuen Denken zu finden sein k\u00f6nne, antwortete diesmal die Lehrerin selbst: \u00bbSicher braucht es ein neues Denken. Nur: Man kann nicht einfach ein neues Denken an die Stelle des alten setzen, es gibt keine geeigneten Entsorgungspl\u00e4tze f\u00fcr altes Denken, und so gibt es auch keine Revolution des Denkens, \u201enur\u201c eine Evolution. Doch das allein gen\u00fcgt nicht, denn Denken ist nur ein Teil unseres Bewusstseins. Dazu geh\u00f6ren auch Wahrnehmungen, Empfindungen, Gef\u00fchle, Werte, Fragen nach Identit\u00e4t, Orientierung und Sinn. Bewusstsein umfasst in unserem Sinne alles, wor\u00fcber wir mit uns selbst und mit anderen reden k\u00f6nnen. Es geht um ein unteilbares Ganzes, und es geht um Evolution.\u00ab<\/p>\n<p>Sie sah, dass mir der Kopf schwirrte, und beendete deshalb zun\u00e4chst ihre Ausf\u00fchrungen. Die heitere Stimmung in der Klasse war mittlerweile angeschwollen, dieweil meine Begriffsstutzigkeit, von der sie ja wussten, dass ich sie mit der ganzen Menschheit teilte,\u00a0 auch einfach zu komisch war. Ich fragte trotzdem sch\u00fcchtern nach, wie denn wohl ein kollektives Bewusstsein wie das irdische diese enorme Herausforderung an die eigene Lern- und Evolutionsf\u00e4higkeit meistern k\u00f6nne. Das kleine M\u00e4dchen, das sich offenbar am intensivsten mit dem Stoff besch\u00e4ftigt hatte, antwortete mir:<\/p>\n<p>\u00bbAuch das kollektive Bewusstsein ist ein zu komplexes System, als dass es irgendwo einen Hebel g\u00e4be, mit dem man es aus den Angeln heben k\u00f6nnte. Und moralische Appelle dazu, was die Medien oder die Schule tun m\u00fcssten, m\u00f6gen richtig sein, bewirken werden sie wenig. Die Evolution des \u201ekollektiven Gehirns\u201c kann nur von unten kommen, von den einzelnen Zellen also. Aus Leberzellen entsteht kein Gehirn, doch wenn es gen\u00fcgend Gehirnzellen gibt, und wenn sich diese ausreichend vernetzen, wird eins draus.\u00ab<\/p>\n<p>Es ginge, so erl\u00e4uterte mir die Lehrerin noch einmal den Sachverhalt, also darum, dass es gen\u00fcgend eigensinnige Menschen g\u00e4be, welche die Evolution ihres eigenen Bewusstseins nicht nur zulie\u00dfen, sondern aktiv f\u00f6rderten, und dass diese Menschen ihr dabei gewonnenes Wissen, das sie selbstverst\u00e4ndlich immer nur als vorl\u00e4ufig betrachteten, in das allgemeine Geplauder dar\u00fcber, worum es im Leben wirklich ginge, einbr\u00e4chten. Selbstbewusst und bescheiden zugleich. Und immer mit einem feinen L\u00e4cheln auf den Lippen, das sich bei Bedarf auch mal zu einem ausgewachsenen Lachen steigern k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Ob es denn eine Sicherheit g\u00e4be, dass dieser Weg der irdischen Bewusstseins-Evolution auch wirklich funktionieren w\u00fcrde, fragte ich in das immer lauter aufkommende Gel\u00e4chter der Klasse hinein. Das war selbst f\u00fcr die Lehrerein zuviel: \u00bbSicherheit in der Evolution des Bewusstseins? Ein wahrhaft komischer Gedanke!\u00ab, prustete sie los und stimmte ein in das kosmische Gel\u00e4chter jener fernen Wesen, die das alles, was uns an Bewusstseins-Evolution noch bevorsteht, schon hinter sich haben.<\/p>\n<p>Es muss dieses kosmische Gel\u00e4chter gewesen sein, das mich schlie\u00dflich weckte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/LQ-Allgemein\/thumbnails\/thumb_finanzkrise1.jpg\" alt=\"thumb_finanzkrise1\" width=\"175\" height=\"131\" \/><\/p>\n<p>Notizen zur Finanzkrise &#8211; in einer ungew\u00f6hnlichen Form&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-125","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/125","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=125"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/125\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=125"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=125"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=125"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}