{"id":122,"date":"2010-01-22T11:53:44","date_gmt":"2010-01-22T11:53:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spirit.ch\/wordpress\/?p=122"},"modified":"2010-01-22T11:53:44","modified_gmt":"2010-01-22T11:53:44","slug":"nachhaltige-lebensqualitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/?p=122","title":{"rendered":"Nachhaltige Lebensqualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/ag.jpg\" alt=\"ag\" width=\"213\" height=\"364\" \/><\/p>\n<p class=\"Titel3rot\">Vortrag von Andreas Giger\u00a0bei den Angestellten Schweiz<\/p>\n<p class=\"Stil28\">In der Ausgabe 6 vom November 2009 von &#8222;<a href=\"http:\/\/www.angestellte.ch\/apunto-mitgliederzeitschrift\/index.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Apunto<\/a>&#8222;, dem Magazin der Angestellten Schweiz, erschien dieser Bericht \u00fcber das Referat von Andreas Giger an der Tagung dieser Vereinigung vom 23. Oktober 2009 in Wil\/SG.<\/p>\n<p class=\"Titel2\">Nachhaltige Lebensqualit\u00e4t &#8211; der Leitwert des 21. Jahrhunderts<\/p>\n<p><em>Der Megatrend \u00abIndividualisierung\u00bb hat alte Werte ins Wanken gebracht &#8211; neue Werte sind gefragt. Wohin geht die Reise?<\/em><\/p>\n<p>Arbeitnehmerorganisationen wie die Ange\u00adstellten Schweiz basieren auf Werten wie Solidarit\u00e4t, und es geh\u00f6rt zu ihren Zielen, Menschenw\u00fcrde oder Gerechtigkeit zu reali\u00adsieren. Sie k\u00e4mpfen aber auch f\u00fcr mehr Lebensqualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Der Begriff Nachhaltigkeit stammt inter\u00adessanterweise aus der Forstwirtschaft. Des\u00adsen erste gute Umsetzung des Nachhaltig\u00adkeitsgedankens war das Schweizerische Forstgesetz vom Ende des vorletzten Jahr\u00adhunderts. Die Begriffe Nachhaltigkeit und Lebensqualit\u00e4t m\u00f6chte ich hier in neue Zusammenh\u00e4nge stellen.<\/p>\n<p><strong>Die Krise ist eine Wertekrise<\/strong><\/p>\n<p>Der Ausgangspunkt meiner \u00dcberlegungen ist die Krise. Es wird immer deutlicher, dass es sich um eine eigentliche Wertekrise handelt. In der Krise sindja viele materielle Werte ver\u00adnichtet worden, aber wir haben auch gemerkt, dass die Basis der immateriellen Werte nicht mehr stimmt. Es ist doch wie in der alttesta\u00admentarischen Geschichte des Tanzes um das goldene Kalb. Der Versuch, eine neue Gott\u00adheit zu schaffen, endete b\u00f6se: Die H\u00e4lfte des Volkes wurde umgebracht. Das k\u00f6nnen wir mit den heutigen Bankern nicht tun, wir k\u00f6n\u00adnen nur auf die Kraft des Arguments ver\u00adtrauen.<\/p>\n<p>Es sind ja nicht nur die Banker, die um das goldene Kalb tanzen. Unsere ganze Gesellschaft basiert sehr stark auf der Jagd nach h\u00f6herem Lebensstandard, nach immer mehr \u00abhaben wollen\u00bb. Dahinter steckt die klare Wertvorstellung, dass es erstens f\u00fcr das, worum es im Leben geht, Geld braucht und zweitens, dass \u00abimmer noch mehr\u00bb besser ist. Dass dies so nicht stimmen kann, wissen wir schon lange. Der Volksmund sagt ja auch:<\/p>\n<p>Geld allein macht nicht gl\u00fccklich. (Dass es allein auch nicht ungl\u00fccklich macht, steht wieder auf einem anderen Blatt.) Nun wird diese alte Weisheit mehr und mehr auch von wissenschaftlichen Ergebnissen gest\u00fctzt. Ein einziger Hinweis mag gen\u00fcgen: In den west\u00adlichen L\u00e4ndern gibt es seit Jahrzehnten sowohl eine Messung des Bruttoinlandpro\u00addukts (BIP), also des materiellen Lebensstandards, als auch eine des subjektiven Gl\u00fccks\u00adempfindens der Menschen, die eigentlich eher die Zufriedenheit mit ihrer Lebensquali\u00adt\u00e4t misst. W\u00e4hrend das BIP in dieser Zeit mas\u00adsiv gr\u00f6sser geworden ist, blieb das durch\u00adschnittliche Gl\u00fcck stabil. Mehr Lebensstan\u00addard hat also keine bessere Lebensqualit\u00e4t gebracht.<\/p>\n<p>Woran liegt das? An bestimmten Aus\u00adstattungen von uns Menschen. Zum einen ist es unser Drang nach Vergleichen: Wenn der Nachbar ein sch\u00f6nes neues Auto kauft, brau\u00adchen wir auch eines. Lebensstandard ist immer relativ. Zum anderen ist es unser schwaches Ged\u00e4chtnis. Kaum haben wir einen h\u00f6heren Lebensstandard erreicht, haben wir den zuletzt erreichten schon wieder vergessen und uns an den neuen gew\u00f6hnt, so sehr, dass er uns selbstverst\u00e4ndlich erscheint und wir ihn immer weniger wertsch\u00e4tzen k\u00f6nnen. Weshalb eine weitere Steigerung her muss.<\/p>\n<p>Wenn jemand, um denselben Normalzu\u00adstand zu erm\u00f6glichen, immer h\u00f6here Dosie\u00adrungen seines Stoffs braucht, dann spricht man von Sucht. Ein weiteres Merkmal von Sucht ist es, dass sich alles nur noch um die Beschaffung von Stoff dreht. Unser Verh\u00e4lt\u00adnis zu Geld weist beide Merkmale von Sucht auf.<\/p>\n<p>Das alles begreifen immer mehr Men\u00adschen, wenn auch noch nicht alle. Sie fragen sich: \u00abGibt es eine Alternative zum Tanz um das goldene Kalb?\u00bb Nun weiss man ja: Von schlechten Gewohnheiten l\u00e4sst der Mensch nur, wenn es eine bessere Alternative gibt. Genau darum geht es bei der Suche nach dem Leitwert des 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Was ist \u00fcberhaupt ein Wert? Ich definiere das ganz einfach: Wert ist etwas, das uns etwas wert ist. Also das, was uns wichtig ist, an dem wir uns orientieren. Wert ist also eine Zielsetzung. Werte brauchen wir Menschen, weil wir st\u00e4ndig vor Entscheidungen stehen und dazu Massst\u00e4be brauchen, nach denen wir entscheiden.<\/p>\n<p>Bis lange ins 20. Jahrhundert hinein h\u00e4tte ein Referat wie dieses wenig Sinn gemacht. Denn da war v\u00f6llig klar, was die g\u00fcltigen Werte sind. Sie wurden entschieden und vor\u00adgegeben von grossen Institutionen wie Kir\u00adche und Staat, manchmal noch von Gewerk\u00adschaften. Damals war zum Beispiel eine Scheidung ganz klar verp\u00f6nt. Heute sind hin\u00adgegen alle nur erdenklichen Formen des Zusammenlebens akzeptiert. Das hat mit dem Megatrend \u00abIndividualisierung\u00bb zu tun. Wir k\u00f6nnen immer mehr selber entscheiden, wie wir leben wollen, es wird uns nichts mehr vor\u00adgeschrieben. Wir k\u00f6nnen aber auch immer mehr selber entscheiden, was uns etwas wert ist und was nicht! Das stellt uns allerdings im Supermarkt der Werte immer wieder vor die Qual der Wahl.<\/p>\n<p><strong>Vom Lebensstandard zur Lebensqualit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Die alten Gewissheiten haben sich aufgel\u00f6st und neue gibt es noch nicht. Das f\u00fchrt zu Un\u00fcbersichtlichkeit und Chaos. In einer sol\u00adchen Situation einen neuen Leitwert zu fin\u00adden, mag vermessen erscheinen. Allerdings:<\/p>\n<p>\u00abUnsere ganze Gesellschaft basiert sehr stark auf der Jagd nach h\u00f6herem Lebensstandard.\u00bb<\/p>\n<p>Trends hin zu einem neuen Leitwert sind zu erkennen. Zum Beispiel eine Gewichtsverla\u00adgerung von den materiellen zu den immate\u00adriellen Werten. Wir sehen aber auch eine Ver\u00adlagerung von Quantit\u00e4t zu Qualit\u00e4t. Wenn man das zusammenfasst, dann kann man fest\u00adstellen, dass es eine Entwicklung vom Lebensstandard zur Lebensqualit\u00e4t gibt. Eine gute Lebensqualit\u00e4t zu erreichen ist ein gutes Lebensziel.<\/p>\n<p>Wenn es um Geld geht, geht es immer ums Gleiche &#8211; das ist auf Dauer eindimensio\u00adnal und langweilig. Anders bei der Lebens\u00adqualit\u00e4t. Ich bin in meiner Forschungst\u00e4tig\u00adkeit auf nicht weniger als 16 Lebensqualit\u00e4ts\u00adsph\u00e4ren gestossen. Jede beeinflusst die Lebensqualit\u00e4t. Diese 16 Sph\u00e4ren sind:<\/p>\n<ul>\n<li>Materielles (das geh\u00f6rt durchaus auch dazu!)<\/li>\n<li>Gesundheit<\/li>\n<li>Tun (Arbeit, Kreativit\u00e4t)<\/li>\n<li>Beziehungen<\/li>\n<li>Raum (Lebens ort und andere Orte)<\/li>\n<li>Zeit<\/li>\n<li>Sinn (Lebenssinn)<\/li>\n<li>Stabilit\u00e4t (Traditionen, Herkunft &#8230; )<\/li>\n<li>Eigenes (Selbstverwirklichung, Lebensgestaltung)<\/li>\n<li>Lebensfreude<\/li>\n<li>Reifung (\u00c4lterwerden, Dazulernen, Weisheit)<\/li>\n<li>Echtheit (Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Selbstst\u00e4ndigkeit)<\/li>\n<li>Offenheit (Neugier, Optimismus, Konfliktkompetenz &#8230; )<\/li>\n<li>Respekt<\/li>\n<li>Nachhaltigkeit (Umwelt, soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die letzte und \u00fcbergeordnete Sph\u00e4re heisst Lebenskunst &#8211; sie bringt alle anderen Sph\u00e4\u00adren unter einen Hut und ins Gleichgewicht.<\/p>\n<p>Ich behaupte: Es gibt keine andere Lebensqualit\u00e4t als eine nachhaltige. Warum? Im Begriff Nachhaltigkeit ist zun\u00e4chst einmal eine Zeitperspektive enthalten. Fehlt diese, dann geht es nur um kurzfristige Gewinnma\u00adximierung &#8211; und die ist nicht nachhaltig. Das gilt f\u00fcr ein Unternehmen genau gleich wie f\u00fcr unser Lebensqualit\u00e4tskonto. Genau so verh\u00e4lt es sich mit einer weiteren Botschaft der Nach\u00adhaltigkeit: der Ganzheitlichkeit.<\/p>\n<p>Die Sph\u00e4re Nachhaltigkeit umfasst alle Werte, die sich f\u00fcr eine bessere Welt einset\u00adzen. Das muss nicht auf Kosten der Selbstver\u00adwirklichung gehen. Man hat sogar festge\u00adstellt, dass sich Menschen, die sich selbst ver\u00adwirklichen, auch mehr f\u00fcr andere Menschen tun und sich f\u00fcr die Welt einsetzen.<\/p>\n<p>Die nachhaltige Lebensqualit\u00e4t, das ist meine These, wird zum Leitwert des 21. Jahr\u00adhunderts werden. Immer mehr Menschen nehmen sich Zeit f\u00fcr ihre Lebensqualit\u00e4t. Lebensqualit\u00e4t liegt also im Trend. Und alles spricht daf\u00fcr, dass es sich dabei nicht um eine Modewelle handelt, sondern um eine nach\u00adhaltige Entwicklung.<\/p>\n<p><em>Referat Dr. Andreas Giger, Zukunftsphilosoph<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/stories\/diverse\/ag-kl.jpg\" alt=\"ag-kl\" width=\"77\" height=\"131\" \/><\/p>\n<p>Vortrag von Andreas Giger bei den Angestellten Schweiz<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-122","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/122","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=122"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/122\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=122"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=122"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.spirit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=122"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}