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Reife Schweiz – Umfrage

4. Reife Interessenvertretung in der Schweizer Politik

In diesem Kapitel geht es um reife Politik im inhaltlichen Sinne, also um die Vertretung reifer Anliegen und Interessen in den politischen Entscheidungsprozessen. Dazu ergeben sich diese Fragestellungen: Gibt es überhaupt generationenspezifische politische Anliegen und Interessen – und wie gross ist ihr Anteil an allen politischen Fragen? Wie wichtig sind diese Anliegen den reiferen Generationen? Werden sie ausreichend vertreten? Wie gut betreiben die schweizerischen Parteien die Vertretung reifer Interessen?

4.1. Reife Interessen und ihre Bedeutung

Gibt es in der Politik überhaupt so etwas wie generationenspezifische Anliegen der älteren Generationen? Zunächst wurde danach ganz pauschal gefragt:

Haben Menschen im reiferen Alter überhaupt andere politische Interessen, Anliegen und Werte als jüngere?

Die Antwort ist eindeutig:

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Die beiden Extrempositionen, wonach es nur oder gar keine altersspezifischen Anliegen gäbe, werden kaum geteilt. Man ist sich vielmehr (übrigens in allen statistischen und politischen Lagern) darüber einig, es geäbe generationen-spezifische Anliegen, aber nur in Teilbereichen.

Diese Einschätzung wird von den Antworten auf eine weitere Frage gestützt:

Möglicherweise gibt es politische Fragen, bei denen reife Menschen andere Anliegen, Interessen und Werte haben als jüngere. Wie hoch schätzen Sie den Anteil solcher Fragen, in denen sich die Generationen deutlich unterscheiden, ein?

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Die meisten schätzen den Anteil auf „mittel“ ein, der Durchschnitt liegt zwischen „mittel“ und „ziemlich hoch“. Der Anteil an generationenspezifischen Fragen wird also als bedeutsam, nicht aber als dramatisch eingeschätzt. Zur Einordnung dieses Befunds ist auch die folgende Frage wichtig:

Gilt nach Ihrer Ansicht der Grundsatz „Was Älteren nützt, kann Jüngeren nichts schaden“ auch für die Politik?

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Die Meinungen zu dieser Frage sind geteilt, auch wenn eine Mehrheit dazu neigt, den Grundsatz zu bejahen. Interessant ist die Differenzierung nach Parteipräferenzen – unterschieden werden die eindeutigen Anhänger der Parteien, welche diese auf den ersten Rang der Sympathiewertung gesetzt haben. Dabei zeigt sich, dass das Mitte-Rechts-Lager eher zu einem harmonischen Bild des Verhältnisses zwischen Älteren und Jüngeren neigt, während Rot-Grün offenbar von einem stärker konfliktbeladenen Bild ausgeht.

Was sind nun die speziellen politischen Anliegen und Interessen von reifen Menschen genau? Wir haben dazu gefragt, welche Anliegen einem spontan in den Sinn kämen. Fast alle Befragten haben geantwortet, was bedeutet, dass eine lange Liste vielfältiger Anliegen entstanden ist, die hier im Einzelnen aufzuführen den Rahmen dieses Berichts sprengen würde. Immerhin kann festgestellt werden, dass sich diese Anliegen thematisch und schwerpunktmässig ähnlich gruppieren wie die Herausforderungen durch den demographischen Wandel (siehe Kapitel 5.1.).

Wesentlich sind bei dieser Frage nicht die Details, sondern die Gesamtheit der generationenspezifischen Anliegen. Wie bedeutsam diese für die Befragten sind, wurde so erfasst:

Wie wichtig sind Ihnen diese von Ihnen eben eingetragenen „reifen“ politischen Anliegen in Ihrer Gesamtheit? Bitte wählen Sie als Antwort eine Zahl zwischen

1 ( = „total unwichtig“) bis 10 ( = „hochgradig wichtig“).

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Mit einem Durchschnittswert von fast acht liegt die Bedeutung der „reifen“ Anliegen sehr hoch. Zwischen den Anhängern der verschiedenen Parteien gibt es dabei zwar interessante Unterschiede, die nichts mit den politischen Lagern zu tun haben, doch der Gesamtbefund bleibt: Reife politische Anliegen haben eine grosse Bedeutung für die Generationen 50plus.

Dieses Gesamtbild wollten wir nach einzelnen Politik-Feldern differenzieren, ist doch davon auszugehen, dass der Anteil der generationenspezifischen Fragen an der Gesamtheit aller Themen sowie die subjektive Bedeutung dieser reifen Anliegen nicht in allen politischen Feldern gleich hoch ist. Deshalb haben wir diese beiden Fragen gestellt:

Jetzt möchten wir diese Fragen noch etwas differenzierter betrachten: Bitte tragen Sie bei jedem der angeführten Politik-Felder ein, wie hoch Sie den Anteil jener Fragen einschätzen, in denen sich die Anliegen und Interessen reifer Menschen deutlich von jenen jüngerer unterscheiden.

Wenn Sie jetzt jeweils nur an die spezifischen Interessen der älteren Generationen denken: Wie wichtig sind Ihnen persönlich diese Anliegen in den einzelnen Politik-Feldern? (1 = total unwichtig, 10 = hochgradig wichtig)

Die Antworten auf die beiden Fragen sind in der folgenden Grafik zusammengefasst, wobei die Zehner-Skala der zweiten Frage aus Vergleichsgründen in eine Hunderter-Skala umgerechnet wurde. Der Balken „Anteil hoch“ fasst die Antworten „ziemlich hoch“ und „sehr hoch“ zusammen.

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Auffällig zunächst: In allen Politik-Feldern wird der Anteil an generationen-spezifischen Fragen deutlich höher eingeschätzt als bei der generellen Frage. Offenbar bringt eine vertiefte Beschäftigung zunächst übersehene reife Anliegen zum Vorschein…

Anders ist es bei der Frage nach der persönlichen Wichtigkeit dieser Anliegen. Hier erreichen nur zwei Felder, nämlich „Gesundheit“ und „Soziale Sicherheit“ die Werte der generellen Frage. Die reifen Anliegen in den anderen Politik-Feldern sind nicht ganz so wichtig – aber immer noch bedeutsam genug. Klar ist: Soziale Sicherheit und Gesundheit stehen im Zentrum reifer Anliegen.

4.2. Reife Interessenvertretung: Wunsch und Realität

Es gibt offenbar einen starken Wunsch nach einer Vertretung reifer Interessen in der schweizerischen Politik, wie diese Frage zeigt:

Zunächst ganz pauschal gefragt: Ist eine stärkere und bessere Vertretung der Interessen reifer Menschen in der schweizerischen Politik nötig?

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Wohlgemerkt: Die Forderung lautet eine stärkere und bessere Vertretung der Interessen reifer Menschen. Dieser Forderung schliessen sich exakt drei Viertel aller Teilnehmenden an der Befragung an. Und exakt ein Drittel hält sie sogar für unbedingt nötig und dringend.

Diese Einschätzung wird von allen politischen Lagern geteilt. Unterschiede gibt es dagegen zwischen den Altersgruppen (die über 65-Jährigen unterstützen die Forderung deutlich stärker als die unter 65-Jährigen) sowie zwischen den Lebensstandards (Angehörigen der einfacheren Schichten erscheint die Forderung dringlicher als solchen der mittleren und gehobenen).

Eines ist klar: Die Citoyens der Generationen 50plus wünschen sich klar eine stärkere und bessere Vertretung ihrer Interessen in der schweizerischen Politik.

Hat sich auf diesem Gebiet in der letzten Legislaturperiode etwas getan? Und wird sich in der nächsten etwas tun? Um die entsprechenden Einschätzungen der direkt Betroffenen zu erfahren, haben wir diese beiden Fragen gestellt:

Rückblick: Wenn Sie einmal die letzten vier Jahre (Legislaturperiode) überblicken: Wurden in dieser Zeit von der Schweizer Politik die speziellen Anliegen und Interessen der reifen Menschen stärker oder schwächer vertreten als zuvor?

Vorschau: Noch ein Blick voraus: Werden nach Ihrer Einschätzung die speziellen Anliegen, Interessen und Werte der reifen Menschen im Parlament stärker oder schwächer vertreten sein?

Hier die zusammengefassten Antworten auf beide Fragen:

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Sowohl im Rückblick wie in der Vorschau dominieren jene Stimmen, die keinerlei Veränderung feststellen bzw. vorhersagen. Im Rückblick dominiert ansonsten der pessimistische Blick: Nur 14 Prozent haben eine Verbesserung festgestellt, 25 Prozent dagegen eine Verschlechterung. In der Vorschau dagegen halten sich die beiden Lager genau die Waage.

Dieses Gesamtbild findet sich nicht in allen statistischen und politischen Untergruppen gleichmässig (siehe Grafik nächste Seite). So haben die über 65-Jährigen, denen die Vertretung der reifen politischen Interessen ohnehin überdurchschnittlich wichtig ist, sowohl beim Rückblick als auch in der Vorschau einen deutlich pessimistischeren Blick als die etwas Jüngeren.

Auch die Anhänger der Parteien (Auswertung nach erster Sympathie-Wahl) unterscheiden sich teils deutlich in ihren Einschätzungen. So sind in der Vorschau die SVP-Anhänger extrem optimistisch, während die SP-Anhänger die Zukunft in dieser Beziehung eher düster sehen.

Insgesamt jedoch gilt eindeutig: Die hohen Erwartungen an eine stärkere und bessere Vertretung der Interessen reifer Menschen in der schweizerischen Politik sind in der jüngeren Vergangenheit nicht eingelöst worden. Und sie werden auch in der nahen Zukunft höchstens marginal erfüllt werden. Hier liegt ein weites Feld weitgehend brach.

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4.3. Parteien als Vertreter reifer Interessen

Die politischen Parteien beziehen einen wesentlichen Teil ihrer Legitimation aus dem Anspruch, die Interessen bestimmter Bevölkerungsgruppen zu vertreten. Wir haben deshalb gefragt, welche Partei die reifen Interessen vertritt:

Gibt es nach Ihrer Ansicht in der Schweiz eine Partei, welche die speziellen Anliegen, Interessen und Werte reiferer Menschen besonders gut vertritt? Wenn ja: welche? (Sie können auch mehrere Parteien anklicken.)

Hier die Antworten zunächst grob geordnet und nach Altersgruppen bzw. Parteianhängern differenziert:

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Auffällig ist zunächst: 15 Prozent enthalten sich jeden Urteils, weil sie die Frage nicht beurteilen können. 5 Prozent sagen, dass alle Parteien reife Anliegen gleich gut vertreten. 35 Prozent sagen, keine Partei vertrete reife Anliegen gut.

Dieser Anteil liegt bei den über 65-Jährigen sogar bei 40 Prozent. Diese Gruppe stellt den Parteien ein sehr schlechtes Zeugnis aus, hält sie doch keine Partei für willens oder fähig, ihre generationenspezifischen Interessen gut zu vertreten. Das ist eine erneute Bestätigung dafür, dass bei der Vertretung reifer Interessen ein grosser ungedeckter Bedarf existiert.

Das ist nicht in allen Partei-Lagern so. Die Gruppe der extrem Unzufriedenen ist bei den BDP-Anhängern fast dreimal so gross wie bei den SVP-Anhängern. Eine politische Systematik ist bei diesen unterschiedlichen Einschätzungen allerdings nicht auszumachen.

45 Prozent aller Befragten sehen eine oder mehrere Parteien, welche reife Interessen besonders gut vertreten. Im Schnitt nennt diese Gruppe fast zwei Parteien, die dieses Prädikat verdienen. Deshalb addieren sich die Werte in der vorderen Reihe der folgenden Grafik auch auf über 100 Prozent.

Die hintere Reihe zeigt den Anteil jener Partei-Anhänger, welche ihrer eigenen Partei das Gütesiegel „besonders gute Vertretung reifer Interessen“ verleihen.

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Unter den insgesamt genannten Parteien schwingt die SP deutlich obenauf, gefolgt von CVP und SVP. Die FDP liegt noch hinter den Grünen, während die kleinen und neuen Parteien BDP und GLP erwartungsgemäss etwas zurück liegen.

Interessant sind die Unterschiede im Selbst-Bewusstsein der Parteianhänger: Bei CVP, SP und SVP sind alle Anhänger ausnahmslos überzeugt, ihre Partei vertrete reife Interessen besonders gut. Bei den BDP-Anhängern dagegen glaubt das nur etwas mehr als jeder Zweite…

Wie bereits bei der Frage nach der Bedeutung reifer Interessenvertretung in der Politik haben wir auch hier nach den einzelnen Politik-Feldern differenziert:

Welche Partei vertritt nach Ihrer Einschätzung in den einzelnen Politik-Feldern die Anliegen und Interessen der reifen Menschen am besten? (Bitte nur eine Antwort pro Politik-Feld)

Auch hier können längst nicht alle Befragten eine Partei auswählen, die Quote der Nicht-Antwortenden liegt je nach Politik-Feld zwischen 31 und 39 Prozent. Zu Vergleichszwecken wurden die Mehrfach-Antworten der generellen Frage (siehe oben) ebenfalls auf 100 Prozent umgerechnet.

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Die Grafik zeigt klar, dass auch die reiferen Wählerinnen und Wähler bei den einzelnen Parteien weitgehend die klassischen Kernthemen und Kernkompetenzen sehen. Und diese Kern-Felder wiederum verknüpfen sie mit der Wahrnehmung (oder eher Hoffnung?), diese Partei sei fähig, auch die spezifisch reifen Interessen in diesem Feld besonders gut zu vertreten.

Besonders ausgeprägt gilt dies für die FDP im Feld von Finanzen und Wirtschaft, für die GP bei Infrastruktur, Verkehr und Umwelt, für die SVP bei Sicherheit und Justiz, sowie für die SP in den Feldern Gesundheit und Soziale Sicherheit. Da exakt diese beiden Politik-Felder jene mit der höchsten Bedeutung für die Vertretung reifer Interessen sind, erstaunt es wenig, dass die gute Bewertung der SP in diesen Feldern auch auf die Gesamtbewertung durchschlägt.

In den anderen Feldern gibt es zwei oder mehrere Parteien, die herausragen: Bei den Aussenbeziehungen FDP und SP, bei Bildung, Forschung und Kultur SP, FDP und teilweise CVP, sowie bei „Generationen“ SP und CVP.

Erinnert sei daran, dass bei dieser Frage nicht gefragt wurde, welche Partei reife Interessen „besonders gut“ vertrete, sondern nur, welche sie „am besten“ vertrete, und unter lauter Schlechten ist auch der Beste nicht gut… Zudem konnten jeweils nur rund 60 Prozent die Frage überhaupt beantworten. All das verstärkt den Gesamteindruck, wonach alle Parteien bei der Vertretung reifer Interessen beträchtliche Defizite aufweisen. Oder, positiver formuliert, enorme Entwicklungs-Potenziale.

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