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Reife Schweiz – Umfrage

3. Stichprobe und Repräsentativität

Insgesamt haben zwischen dem 1. März und dem 4. April 2011 weit über 500 Menschen den Fragebogen Wie reif ist die Schweizer Politik? vollständig ausgefüllt, nämlich genau 564. Das ist aus mehreren Gründen eine mehr als respektable Zahl:

– Die Befragung fand nur online statt, und ein Internet-Zugang ist bei den reiferen Generationen noch längst
  nicht überall vorhanden.

– Das Ausfüllen des Fragebogens beanspruchte schnell mal eine halbe Stunde, die Mitwirkenden mussten also
  eine beträchtliche Zeit-Menge investieren.

– Die Fragen der Umfrage waren differenziert und gingen in die Tiefe, zu ihrer Beantwortung brauchte es also
  einigen Denkaufwand.

– Für die Teilnahme an der Umfrage wurde nur in den Medien der beiden sie tragenden Stiftungen terz und
  spirit.ch geworben, sowie auf einigen befreundeten Plattformen, es gab keine Unterstützung durch ein
  Medium mit grosser Auflage.

Dass trotz dieser Hindernisse so viele Menschen vorwiegend der reiferen Jahrgänge an der Umfrage mitgewirkt haben, zeigt zweierlei:

  1. Das Thema Reife Politik hat bei vielen reiferen Menschen einen Nerv getroffen.
  2. Viele Menschen der reiferen Jahrgänge haben ein starkes Bedürfnis, ihren spezifischen Interessen, Anliegen und Werten das gebührende Gehör zu verschaffen.

Wer aber sind die Menschen, die sich an der Umfrage beteiligt haben? Eine erste Antwort ergibt sich aus den statistischen Angaben.

3.1. Statistische Struktur der Stichprobe

3.1.1. Geschlecht

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Wie bei den meisten Online-Umfragen gibt es auch hier ein krasses Übergewicht der Männer. Offenbar liegt es Männern immer noch näher, ihre Meinung auf diese Weise zu äussern. Dazu kommt, dass das politische Interesse bei Frauen immer noch kleiner ist als bei Männern, vor allem bei jenen für unsere Stichprobe relevanten Jahrgängen, die noch ohne Frauenstimmrecht aufgewachsen sind.

Dramatisch ist dieses Ungleichgewicht nicht, so lange wir daran denken, bei allen wichtigen Fragen zu überprüfen, ob es Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Dort, wo Frauen deutlich anders denken als Männer, muss dies bei der Betrachtung des Gesamtbilds berücksichtigt werden.

3.1.2. Alter

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Reife ist zwar theoretisch keine Frage des Alters – praktisch dagegen offenbar schon. Auf das Stichwort Reife Politik sind nur wenige unter 50-Jährige angesprungen. Die 65 bis 79-Jährigen dagegen bilden den Hauptharst der Teilnehmenden. Bemerkenswert ist, dass auch etliche Befragungsteilnehmer schon über 80 sind.

Weil die jüngsten und ältesten Altersgruppen zu klein sind, um statistisch sinnvolle Aussagen machen zu können, teilen wir die Befragten bei künftigen Auswertungen in die beiden Gruppen der unter und über 65-Jährigen.

3.1.3. Bildung

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Eines fällt sofort auf: Es gibt in der Stichprobe einen deutlichen Akademiker-Überschuss. Das erstaunt nicht weiter, gilt doch, dass eine höhere Bildung den Zugang zu einem anspruchsvollen Fragebogen wie dem unsrigen erleichtert. Immerhin gibt es in der Stichprobe genügend Nichtakademiker, um testen zu können, ob sich deren Meinung von jener der Akademiker unterscheidet. Gebildet werden für solche Tests drei Gruppen:

–      einfache Bildung: Volksschule, Berufslehre

–      mittlere Bildung: Matura, Fachhochschule

–      Universität

3.1.4. Materielle Lebensverhältnisse

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Wie nicht anders zu erwarten, rechnet sich die grosse Mehrheit der Befragungsteilnehmenden zur mittleren Gruppe, wenn es um die materiellen Lebensverhältnisse geht. Und wenig erstaunt auch, dass es doppelt so viele mit einem gehobenen Lebensstandard gibt wie solche mit einem einfachen: Wo es so viele Menschen mit einer gehobenen Bildung gibt, schlägt sich das auch bei den materiellen Lebensverhältnissen nieder.

3.1.5. Wohnumgebung

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Die Befragten verteilen sich schön gleichmässig auf Wohngemeinden aller Grössen. Um herauszufinden, ob die Grösse der Wohnortsgemeinde einen Einfluss auf die Einstellungen hat, bilden wir vier Kategorien:

–      bis 5’000 Einwohner

–      5’000 bis 10’000 Einwohner

–      10’000 bis 50’000 Einwohner

–      mehr als 50’000 Einwohner

3.2. Politisches Interesse

Nach dem politischen Interesse wurde so gefragt:

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Es gibt ja eher unpolitische und eher politische Menschen. Wo würden Sie sich selbst auf einer Skala von 1 ( = völlig unpolitisch) bis 10 ( = hochgradig politisch) einstufen?

Das durchschnittliche Interesse liegt mit fast sieben Punkten deutlich über dem rechnerischen Durchschnitt. Zwischen den Geschlechtern und den Bildungsgraden gibt es zwar die erwarteten Unterschiede, doch in einem so geringen Mass, dass wir getrost die Aussage wagen können: Wer sich an dieser Umfrage beteiligt hat, verfügt über ein gehobenes politisches Interesse.

3.3. Parteipräferenzen

Um herauszufinden, ob die Parteienorientierung einen Einfluss auf die Meinungen zu reifer Politik hat, haben wir natürlich auch nach den Parteipräferenzen gefragt. Allerdings haben wir keine direkte Wahlabsicht erhoben, sondern nach den Sympathien für die acht grössten Schweizer Parteien gefragt:

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Hier stehen die acht wichtigsten Parteien der Schweiz. Bitte ordnen Sie diese nach dem Rang Ihrer persönlichen Sympathie. Zuoberst kommt die Partei, die Ihnen am sympathischsten ist, zuunterst jene, die Ihnen am wenigsten sympathisch ist.

Berücksichtigen wir zunächst nur die Nennungen für den ersten Rang, also für die sympathischste Partei, ergibt sich in der Stichprobe dieses Bild:

Das Bild entspricht nicht genau den Wähleranteilen, wie sie im Vorfeld der Wahlen durch Umfragen repräsentativ ermittelt werden. Vor allem erscheint die Anhängerschaft der SVP etwas unterrepräsentiert. Das kann an der veränderten Fragestellung liegen (man kann eine Partei wählen, auch ohne sie sympathisch zu finden), oder auch daran, dass SVP-Anhänger weniger Interesse am Thema Reife Politik haben (wofür es Anzeichen gibt – siehe Kapitel 6).

Wichtiger jedoch ist, dass in der Stichprobe Anhänger aller grösseren Parteien zu finden sind. Sie ist also parteipolitisch ausgewogen zusammengesetzt. Damit können wir für alle Parteien mit Ausnahme der EVP, deren Anhängerschaft zu klein ist, auch die Distanz der Befragungsteilnehmenden zu dieser Partei erfassen. Nahe ist man einer Partei, wenn man sie bei der Rangierung nach Sympathien auf die Plätze eins oder zwei gesetzt hat. In einer mittleren Distanz lebt man mit den Rängen drei bis 5. Und fern ist man einer Partei, wenn man sie auf die hintersten Ränge sechs bis acht gesetzt hat.

Daraus ergibt sich für die sieben grössten Parteien folgendes Bild:

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Man kann sich also offenbar nicht nur einer Partei nahe fühlen, sondern zugleich auch einer anderen, was beispielsweise zwischen den Anhängern von SP und Grünen oft der Fall ist. Die SVP dagegen ist ziemlich isoliert, Nähe zu ihr empfinden nur wenige Anhänger der anderen Parteien.

Auffällig ist, wie unterschiedlich stark die einzelnen Parteien polarisieren. Während bei CVP und GLP das Mittelfeld eine Mehrheit bildet, schrumpft dieses bei der SVP auf einen kleinen Rest: Man ist für sie oder gegen sie, eine mittlere Position gibt es kaum.

Bei den wichtigen Fragen werden wir klären, ob die Distanz zu den Parteien die Meinungen beeinflusst, und verwenden dabei beide Kriterien (eigentliche Anhänger = Rang 1 / Sympathisanten = Ränge 1 oder 2).

3.4. Wahlabsicht

95 % der Befragten wollen sicher an den nächsten CH-Wahlen teilnehmen.

3.5. Fortdauerndes Interesse

Rund 80 Prozent aller Befragten geben ihre E-Mail-Adresse an und bekunden damit nebst einem grossen Vertrauen auch ein starkes Interesse an den Ergebnissen.

3.6. Für wen spricht die Stichprobe?

Die Stichprobe ist natürlich kein repräsentatives Abbild der gesamtschweizerischen Bevölkerung, denn

  1. Wurde die Umfrage nur in der Deutschschweiz durchgeführt.
  2. Fehlen die unter 50-Jährigen weitgehend.
  3. Sind die Männer und die Akademiker übervertreten.

Wegen des dritten Punktes bildet die Stichprobe auch kein repräsentatives Abbild der Bevölkerung über fünfzig.

Wie können wir nun die Teilnehmenden charakterisieren? Es handelt sich dabei um

– Angehörige der reiferen Generationen

– Politisch interessierte Menschen

– Menschen, die bereit sind, Zeit und Gehirnschmalz in eine Debatte mit Themen von öffentlichem Interesse zu
  investieren

Kurzum: Die Teilnehmenden an der Befragung verstehen sich als Bürgerinnen und Bürger im Sinne von Citoyens, also von Menschen, die Anteil am öffentlichen Leben nehmen und sich dafür engagieren. Genau von diesen Citoyens lebt eine Demokratie. Sie bilden gleichsam den demokratischen Sauerteig, aus dem neue Ideen und Entwicklungen wachsen.

Für diese Gruppe reifer Citoyens spricht unsere Stichprobe. Und zwar mit lauter und klarer Stimme. Das zeigt sich darin, dass die Antworten innerlich sehr stabil sind: Die Antworten der zuletzt Teilnehmenden unterscheiden sich nicht von jenen der Erstteilnehmer.

Die hohe Teilnehmerzahl und die klaren Antworten zeigen: Diese Stimme der reifen Citoyens hat Gewicht. Und zwar so viel, dass sie von keinem politischen Akteur weiterhin überhört werden kann.

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